Artur Riedel SJ

P. Artur Riedel SJ
* 13.09.1912    09.10.1975
Ordenseintritt 1934 - Priesterweihe 1942 - Letzte Gelübde 1946

Artur Riedel wurde am 13. September 1912 in Rybnik (Oberschlesien) geboren. Seine Mutter war eine tiefreligiöse Frau; sein evangelischer Vater wurde später auf dem Sterbebett katholisch. Artur hatte drei Brüder und eine Schwester. Sein älterer Bruder Karl-Heinz trat 1930 in die Gesellschaft Jesu ein. Artur kam im Alter von 12 Jahren auf das Gymnasium in Ratibor (O/S). Bis zur Unterprima war er immer einer der besten Schüler seiner Klasse. Doch dann kam es ganz anders. Zum Abitur wurde er nicht zugelassen. Er mußte das letzte Jahr wiederholen, erst dann bestand er die Prüfung. Das war für ihn, der immer Erfolg hatte, ein harter Schlag. Aus seinen Notizen geht hervor, daß er erst im Jahre 1962 bei den Exerzitien damit innerlich fertig wurde.

Die Gymnasialzeit stand immer unter dem Zeichen der Not. Der Vater war angestellt in Polnisch-Oberschlesien. Artur lebte in einer Familie in Ratibor. Die Not der Nachkriegsjahre zwang den Vater 1931, das Pensionsgeld für Artur einzustellen. Artur sollte die Schule verlassen. Doch die gute Pensionsmutter Schleiffer behielt ihn, ohne dafür einen Pfennig Geld zu erhalten. Dieses Beispiel der Selbstlosigkeit hat ihn geprägt. Im späteren Leben war er darauf aus, immer anderen zu helfen.

Als Primaner machte er eine Deutschlandreise mit dem Fahrrad. In 34 Tagen durcheilte er von Ratibor aus Mittelsteine, (wo sein älterer Bruder Karl-Heinz im Noviziat war), Görlitz, Dresden, Leipzig, Fulda, Mainz, Köln, Aachen, Valkenburg, Duisburg, Osnabrück, Paderborn, Burg, Berlin, Frankfurt an der Oder, Mittelsteine und landete schließlich wieder in Ratibor! Das war eine gewaltige Leistung! Er selbst sagte dazu: "Es war die Willensschule für später, .... mit unbekannten Zielen fertig zu werden ohne zu knurren."

Der Eintritt ins Noviziat erfolgte am 19. April 1934 in Mittelsteine: Die Motive zum Eintritt hat er schriftlich nicht hinterlegt. Man kann sie aber leicht erschließen. Während seiner Schulzeit gehörte er zum Bund Neudeutschland, so kam er frühzeitig mit Jesuiten zusammen. Als Schüler machte er in Mittelsteine Exerzitien. Sein Bruder Karl-Heinz war bereits in die Gesellschaft Jesu eingetreten. So verbanden ihn viele Fäden mit dem Orden.

Im zweiten Noviziatsjahr machte ich mit ihm die Pilgerfahrt durch Schlesien. Es war nicht immer reine Freude. Man trug das lange Kleid, den langen Rosenkranz am Zingulum und den Rucksack auf dem Rücken, das war die Ausrüstung. So zogen wir 26 Tage auf den Landstraßen einher. Mittags oder abends klopften wir an die Tür eines Pfarrhauses oder einer Klosterniederlassung und erbaten um der Liebe Christi willen ein Mittagessen oder ein Nachtquartier. Einmal kamen wir zu einem Pfarrer um die Mittagszeit und sagten unser Sprüchlein auf. In seiner Kanzlei standen zwei Stühle unter einer Pendeluhr. Er sagte: "Setzen Sie sich!" Jedoch ließ er sich in seiner Arbeit nicht stören und beachtete uns gar nicht. Nach langem Marsch in der Hitze waren wir ermüdet; uns fielen immer wieder die Augen zu. Gegen 12.00 Uhr sagte ich dem Pfarrer, wir möchten in die Kirche gehen und Examen machen. "Gehen Sie!", war die Antwort. Die Kirche war nicht gerade sehr sauber. Spinnweben hingen an den Figuren, auch sonst war sie nicht gerade das Muster einer schönen Kirche. Beim Mittagessen wird der Pfarrer gesprächig und war voll Wohlwollen uns gegenüber. Carissimus Artur Riedel wollte noch gut Wind machen und sagte: "Sie haben eine schöne Kirche." Der Pfarrer schaute ihn an und erwiderte: "Ein Schweinestall ist die Kirche." Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen.

Mit einer Eigenschaft ging mir mein Mitbruder Artur auf die Nerven. Wenn wir eine Ortschaft irgendwo im Gelände sahen, hatte er auch sofort einen Namen dafür. Er kam mir vor wie Adam im Paradiese, der den Tieren Namen gab.

1936 begannen wir die Philosophie in Pullach. Aus dieser Zeit ist nichts zu berichten. Artur Riedel verlebte diese Zeit ganz unauffällig. Er ragte weder in der Philosophie hervor noch fiel er irgendwie in der Gemeinschaft auf. Ein viertel Jahr früher als die anderen beendete er die Philosophie, um in Rom seine theologischen Studien zu beginnen. Er sollte in die Mission nach Afrika gehen, später nach Estland. Die widrigen Zeitverhältnisse durchkreuzten seine und der Oberen Pläne. So kam er nach Rom in das Russicum.

Am 5. April 1942 (Ostern) empfing Artur Riedel in Rom die Priesterweihe. Anschließend machte er das Tertiat in Florenz. Wegen der Kriegsereignisse mußte er das Tertiat frühzeitig beenden. Kurze Zeit arbeitete er in Südtirol, gab Exerzitien und hielt Volksmissionen. Im Oktober 1943 mußte er nach Deutschland zurückkehren. Zunächst arbeitete er in Beuthen (O/S) als Kaplan der Kirche zum Hl. Kreuz. Dort blieb er bis zum Ende des Krieges.

1946 begann für ihn die große Arbeit in Mecklenburg. Die Dörfer und Städte dieser Diasporagegend waren überfüllt von katholischen Flüchtlingen. In ganz Mecklenburg gab es nur wenige katholische Kirchen. Jetzt hieß es, die durch die Flucht heimatlos gewordenen Katholiken seelsorglich zu betreuen, ihnen Halt und Kraft zu geben. P. Riedel kam zunächst nach Grevesmühlen. In dieser Notzeit gab es kaum etwas zu essen, den meisten fehlte es an Schuhen und Kleidung. Doch P. Riedel packte mutig zu. Angefangen hat er mit drei Gottesdienststationen. Als er ein Jahr später Grevesmühlen verließ, waren es 13 Gottesdienststationen und 19 Unterrichtsstationen. In dieser Zeit bildete er 5 Helferinnen aus.
Der Nachfolger sagte mir, P. Riedel habe in der ganzen Umgebung von Grevesmühlen die ersten tiefen Furchen im Gottesacker gezogen.

Die Oberen hatten P. Riedel am 13. November 1947 nach Schwaan (etwa 30 km von Rostock entfernt) versetzt. In Rostock war inzwischen eine Residenz der Unsrigen errichtet worden. Die Mitbrüder, die auf Einzelposten arbeiteten, wollte man in der Nähe der Stadt einsetzen, um mit allen einen besseren Kontakt zu halten. Der erste Gottesdienst in Schwaan fand in einem Gasthaus statt. Schon 1948 gelang es P. Riedel, ein verlassenes Spritzenhaus zu pachten und es zu einer Kapelle umzubauen. Am 19. Juni wurde sie zu Ehren des hl. Josef eingeweiht. Danach wurde das Pfarrhaus gebaut und ein Kindergarten eingerichtet. Wieviel Mühe dies kostete, werden die Leser kaum ermessen. Jeder Stein und alles sonstige Baumaterial mußte gesucht werden. Es fehlte in dieser Zeit an allem. P. Riedel hat selbst mit Hand angelegt. Keiner Arbeit ging er aus dem Wege. Dabei ging seine Seelsorgstätigkeit weiter. Die Arbeiten auf den vielen Außenstationen mit Gottesdienst, Unterricht, Gruppenstunden füllten seine Zeit restlos aus. Die alles hatte er mit einem armseligen Fahrrad zu bewältigen, später konnte er ein Motorrad anschaffen. Oft durchgeschwitzt, begann er pünktlich die einzelnen Veranstaltungen. Etwas wegen des Wetters oder aus sonstigen Gründen ausfallen lassen gab es für ihn nicht. Der Erfolg war groß. 1949 veranstaltete er ein Jugendtreffen in einer Nachbargemeinde. 120 Jugendliche brachte er mit! Schließlich wurde alles zu klein. Am 17. Juni 1953 begann er mit dem Kirchbau in Schwaan. Mit eiserner Energie setzte er den Bau in kurzer Zeit durch, obwohl nur wenig Geld vorhanden war. 1954 stand die Kirche. Damit war seine Aufgabe in Schwaan beendet. Noch im gleichen Jahr wurde er nach Rostock versetzt, um in der außerordentlichen Seelsorge zu arbeiten.

Von 1955-1969 gab P. Riedel Exerzitien, hielt Volksmissionen und dehnte die MC-Arbeit aus. Als Seelsorger in Schwaan hatte er die erste MC-Gruppe gegründet. Immer war er rastlos tätig. Zu Hause sah man ihn kaum. Als Exerzitienmeister und Volksmissionar war er beliebt. Die Menschen hörten ihm gern zu. Was die MC-Arbeit anbelangt, so muß man wohl gewisse Bedenken äußern. Die ganze Arbeit war zu sehr auf seine Person hin zugeschnitten. Ich hatte immer den Eindruck, daß er andere nicht gern in seine Arbeit hineinschauen ließ. Als er die MC-Arbeit aufgeben mußte, ist wohl vieles zusammengefallen.

1969 kam er als Spiritual zu den Nazarethschwestern nach Goppeln bei Dresden. Er hatte sich freiwillig dafür gemeldet. Hier ging es nicht gut. Es gab Schwestern, die bereit waren, für ihn durchs Feuer zu gehen, andere, die ihn total ablehnten. Er war nicht der Mann des Ausgleichs und konnte vielleicht auch Andersdenkende nicht überzeugen, ja bisweilen nicht einmal dulden. Schon im Jahre 1971 wurde er versetzt und zum Kuratus der Pfarrei Berlin-Biesdorf-Süd ernannt. Auf diesem Posten blieb er bis zu seinem Tode. Als Pfarrer war er wieder der Mann voller Energie. In kurzer Zeit gelang es ihm, den langen verfallenen Zaun um das Pfarrgrundstück neu zu errichten. Ebenso ließ er in kurzer Zeit die Kapelle des benachbarten Exerzitienhauses renovieren, die auch der Seelsorge seiner Gemeinde diente.

Die Motive für sein rastloses Schaffen waren die Liebe zur Kirche und zu Unserer Lieben Frau. Mit Aufmerksamkeit verfolgte er die Geschehnisse in Rom und war immer bereit, die Wünsche Roms zu erfüllen.

In Biesdorf wirkte er 4 Jahre. Im letzten Jahr sah man schon, daß sein Gesundheitszustand nicht besonders gut war. Es zeigte sich Müdigkeit, das Sprechen strengte ihn an. Alle Ermahnungen, zum Arzt zu gehen, schlug er in den Wind. "Ich muß mich nur ausruhen, dann wird es schon gehen." So redete er. Schließlich mußte er doch ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Diagnose: Blutkrebs. Er trug die Krankheit sehr gelassen und wollte auch hier den Willen Gottes erfüllen. Doch mit dem Tode rechnete er nicht. Er machte immer wieder Pläne für die Zukunft, obwohl er immer schwächer wurde. Seine Energie hat ihn auch hier noch nicht verlassen. Die Krankenschwester, die Nachtwache halten sollte, schickte er energisch weg. "Es ist noch nicht so weit!" Noch kurz vor dem Tode - die Schwester zündete die Sterbekerze an - kommandierte er: "Ausmachen! Es ist noch nicht so weit!" Doch es war so weit. Am 9. Oktober 1975 starb er im Josefskrankenhaus in Potsdam. Die hl. Sakramente empfing er mit großer Frömmigkeit.

Beigesetzt wurde er unter großer Anteilnahme am 17. Oktober 1975 auf dem St. Hedwigsfriedhof in Berlin-Hohenschönhausen.

R.i.p.

P. Erhard Kaisig SJ

Aus Rundbrief/Ostdeutsche Provinz SJ, Nr. 1/76, S. 7-10