Paul Franz Saft SJ

P. Paul Franz Saft SJ
* 29.06.1908    10.12.1985
Ordenseintritt 1927 - Priesterweihe 1938 - Letzte Gelübde 1947

Am 10. Dezember 1985 ließ uns die adventliche Liturgie sprechen: "Seht, der Herr wird kommen und alle Heiligen mit ihm. Ein großes Licht wird aufstrahlen an jenem Tag."
Als wir in der eucharistischen Morgenfeier diesen Eingangsvers beteten, konnten wir noch nicht wissen, daß er sich in den Abendstunden desselben Tages für unseren Mitbruder Paul Saft bewahrheiten und für ihn Wirklichkeit werden sollte. Für ihn war es ein gnädiges Kommen des Herrn; denn seit seinem Schlaganfall im Herbst 1979 und der seitdem zunehmenden Körperbehinderung durfte er friedlich von der Nacht zu jenem Tag überwechseln, dem das Aufstrahlen des großen Lichtes verheißen ist: Gott selbst.

Im Rückblick läßt sich das Leben von P. Saft, das 77einhalb Jahre zählte, leicht überschauen:

  • die ersten 31 Lebensjahre galten dem Heranwachsen und der Ausbildung in Elternhaus, Schule und Orden,
  • dann folgten 40 Jahre erfüllten priesterlichen Wirkens in der Seelsorge,
  • die letzten 6 Lebensjahre waren geduldiges Ertragen körperlicher Leiden.

Am 29. Juni 1908 in Dresden als Sohn einer katholischen Lehrerfamilie geboren (Vater, Großvater, Onkel und Tante waren Lehrer; er selbst später auch bereits für das Lehrerseminar in Bautzen angemeldet), wuchs Paul in guter gläubiger Festigkeit eines sächsischen Diasporakatholizismus im Elternhaus heran und besuchte die katholischen Schulen seiner Heimatstadt (so auch das kath. Progymnasium, das 1709 von den Jesuiten in Dresden gegründet worden war) und hörte in den letzten vier Klassen den Religionsunterricht in der kath. Religions-Oberschule, an der er später als Priester selbst unterrichtet hat (1941-1944). Entscheidend wurde für ihn die frühe Begegnung mit P. Zorell, unter dessen Führung seine Berufung zum geistlichen Ordensstand der Jesuiten heranreifte. Die Persönlichkeit von P. Johannes Zorell (gestorben am 13. Juni 1937) muß offenbar den jungen Schüler derart gepackt haben, daß dieser ihm Zeit seines Lebens in dankbarer Liebe und Verehrung verbunden blieb - bis hin zu dem Wunsch, in dessen Grab seine letzte Ruhe zu finden - was sich allerdings unter den gegebenen Verhältnissen nicht erfüllen ließ.

Sachsen gehörte damals noch zur Oberdeutschen Jesuitenprovinz. So begann Paul nach seinem Abitur in Feldkirch/Vorarlberg am 25. April 1927 sein Noviziat unter der Leitung von P. Danneffel. Offenbar hatte er zu diesem Magister ein gutes Verhältnis gefunden, denn er bewahrte ihm das Andenken eines heiligmäßigen und väterlichen Mitbruders. Auf das Noviziat folgten die üblichen drei Jahre der Philosophie in Valkenburg / Holland (1929-1932). Auf dem Weg dorthin machte der junge Frater in St. Georgen/Frankfurt Station. Es war hier seine erste Begegnung mit der Niederdeutschen Provinz, die zunächst nicht sehr günstig ausfiel. Statt eines erhofften freundlichen Empfanges fauchte ihn der damalige Minister, P. Bartolomé, mit den Worten an: "Was wollen Sie denn hier?" Doch dann besserten sich Stimmung und Ton, als er auf Vermittlung eines Bruders, der ihm als Sekretär zur Seite stand, hören mußte, daß der Gast ja schriftlich angemeldet sei.

In Valkenburg hörte Frater Saft Logik und Ontologie bei P. Classen, Kritik bei P. Josef de Vries, der selbst im ersten Jahr seiner akademischen Lehrtätigkeit stand, Psychologie bei P. Fröbes, Kosmologie bei den Patres Wulf und Hermann Schmitz, Ethik bei P. Gemmel und Theodizee bei P. August Brunner, der damals ebenfalls mit seiner Lehrtätigkeit begann. Gerade diesem letzteren verdankte P. Saft nach eigenen Aussagen die größere Sicherheit in der Glaubensbegründung, die dann später in der Fundamentaltheologie von den Patres Karl Prümm und Bernhard Brinkmann vertieft wurde. Die theologischen Studien absolvierte Frater Saft zunächst ebenfalls in Valkenburg (1935-1936) und dann von 1936 bis 1939 in St. Georgen/Frankfurt, wo nach seinen eigenen Worten ein 'Eisernes Zeitalter' begann, da das Haus nicht auf einen solchen Zustrom von Scholastikern zugeschnitten war und die Theologen zunächst in 'Massengräbern' (die damals so benannten Gemeinschaftsräume) einquartiert werden mußten, bis sie dann später die winzigen Dachkammern als Einzelzimmer beziehen durften im 'Pferdestall' (Bezeichnung des Querbaues vom Neubau zum Lindenhaus). Aus diesen Jahren blieben P. Saft in guter Erinnerung die damaligen Professoren: PP Gierens, Gummersbach, Koffler, von Nell-Breuning (für Moral zuständig), Schoemann als beginnender Professor, der dann später am Berliner Canisiuskolleg wirkte, Kösters ('der alte Löwe') und Schütt, der zuletzt auch sein Rektor war.

Zwischen diesen beiden Studiengängen der Philosophie und Theologie lag das Interstiz, das Frater Saft zunächst im nordböhmischen Seminar Mariaschein (Bistum Leitmeritz) von 1932 bis 1934 machte, um anschließend ein weiteres Jahr als Präfekt am Berliner Gymnasium am Lietzensee unter dem Rektorat von P. Theo Hoffmann und der Präfektur von P. J. M. Otto zu bestehen. Leben und Tätigkeit in Mariaschein hatten auf ihn so nachhaltig gewirkt, daß er aus der Theologie seinen ersten und im Leben einzigen Brief an P. General Ledochowski schrieb mit der Bitte um Überschreibung in die Böhmische Provinz. Der römische Bescheid fiel jedoch abschlägig aus.

Nach seiner Priesterweihe am 28. August 1938 aus der Hand des Bischofs Graf Praysing in St. Clemens/Berlin und nach Abschluß seiner Ausbildung kam P. Saft in seine von ihm so geliebte Dresdener Heimat, um hier in der Gemeindeseelsorge tätig zu werden. Zunächst richtete er auf Wunsch von Propst Beier der Kath. Hofkirche in Dresden, der ihm als väterlicher Freund sehr verbunden war, eine Pfarrvikarie in Pillnitz/Hosterwitz mit dem Sitz Hoheneichen ein. 1940 konnte im Hoheneichener Garten eine Fronleichnamsprozession gehalten werden, die erste seit der Einführung der Reformation von 1540 im Land. Es sollte auch vorerst die letzte bleiben, da bereits 1941 Hoheneichen beschlagnahmt wurde und die Jesuiten das Haus verlassen mußten (seit der Beschlagnahme von Mittelsteine 1940 war P. Otto Pies mit seinen Novizen in Hoheneichen untergekommen). Als P. Rektor Pies verhaftet und die Fratres zum Militärdienst eingezogen waren, blieb P. Saft als Pfarrvikar allein in Hosterwitz zurück und mietete sich ein Zimmer neben der Kapelle, die sein Nachfolger, P. Nauke, dann 'Maria vom Wege' benannte. Diese fast fünfeinhalb Jahre seiner Tätigkeit in Dresden-Hosterwitz, die für P. Saft die 'Zeit der ersten Liebe', wie auch eine 'Gründerzeit' waren, wurden im Oktober 1944 beendet, als er ins Terziat nach Pullach/München zu P. Steger geschickt wurde. Allerdings reichte dort die Zeit nur für die großen Exerzitien, da der den Jesuiten verbliebene Gebäudeteil des Berchmanskollegs von der Reichsbahndirektion München beschlagnahmt und die Jesuiten ausgewiesen wurden. So kehrte P. Saft bald nach Dresden zurück mitten in den Bombenangriff auf seine geliebte Heimatstadt. Fünf Monate wirkte er in den Wirren des Kriegsendes als Kaplan in Freital, wo das Pfarrhaus von dem Flüchtlingsstrom fast überflutet wurde. In der Kaplanswohnung hatte der Breslauer 'Schäfelpfarrer' Dr. Schmidt Wohnung bezogen, wie auch der Leitmeritzer Regens Dr. Wenzel im Schlafzimmer des Pfarrers Unterkunft gefunden hatte.

Gleich nach Kriegsende hatte P. Nauke Hoheneichen von der Besatzungsmacht zurückerbeten und auch zurückerhalten und im Hause Kinder einquartiert, die auf die Erstkommunion vorzubereiten waren. Deshalb wurde P. Saft Anfang Juli 1945 das Amt des Hausministers übertragen, um das Haus wiederherzustellen, da es durch NS-Besetzung, Bombenschäden und Flüchtlingsstrom schwer mitgenommen war. Gemeinsam mit P. Superior Borucki, P. Nauke, Bruder Peter, P. Hein und P. Weinsziehr sorgte er für die Wiedereinrichtung von Hoheneichen als Exerzitienhaus.

Nachdem P. Saft Anfang 1946 für sechs Monate sein Tertiat unter der Leitung von P. Sierp in der Kölner Stolzestraße 1a vervollständigt hatte, kam er in der Nachfolge von P. von Stillfried als Kuratus nach Berlin-Biesdorf. Dort konnte er die von seinem Vorgänger für das Pfarramt erworbene Baracke nun fertigstellen. Nach 12jähriger Pfarrseelsorge fielen ihm Abschied und Umstellung auf die Studentenseelsorge im Raum Erfurt-Weimar nicht leicht, doch hielt er hier sieben Jahre lang durch. In diesen Jahren vollendete er auch sein Buch zum 'Aufbau der katholischen Kirche in Sachsen im 18. Jahrhundert', dessen Studien und Archivarbeiten in die Zeit des Interstizes und der Theologie zurückgehen. Dieses Buch belegt wieder einmal mehr, wie sehr ihm seine sächsische Heimat am Herzen lag.

Ende April 1965 durfte P. Saft in seine Heimatstadt und somit in seine geliebte Pfarrseelsorge zurückkehren. Als Nachfolger von P. Bernhardt übernahm er die Dresdener Pfarrei St. Petrus, die er zehn Jahre leitete. Zwischenzeitlich versah er auch das Amt des Superiors der Ortskommunität. Mit den dann folgenden vier Jahren der Gemeindeseelsorge in den Erzgebirgsorten Neuhausen und Sayda (Bistum Meissen) war P. Saft von seinen insgesamt vierzig Jahren priesterlichen Wirkens 32 Jahre in der Pfarrseelsorge tätig. Diese Art der Seelsorge entsprach offenbar seinem Wesen und seiner Veranlagung. Er gestand selbst, daß gerade diese Arbeit im Weinberg des Herrn ihm leicht fiel und ihn mit sehr viel Freude erfüllte. Seine tiefe Ehrfurcht vor Gott und sein religiöser Ernst ließen seine pastorale Festigkeit zuweilen zur Strenge werden, doch sein seelsorglicher Eifer und seine menschliche Offenheit gewannen ihm die Herzen der ihm anvertrauten Gläubigen.

Ein Schlaganfall im Herbst 1979 setzte diesem segensreichen Wirken ein jähes Ende. Im Februar 1980 zog P. Saft in das Berliner Peter-Faber-Kolleg ein. Wenn er auch in aller Tapferkeit die Folgen seiner Erkrankung (zunehmende körperliche Behinderungen, insbesondere der Sprache) ertrug, so fiel ihm die Geduld nicht immer leicht. Er, der einst sehr selbständig und unermüdliche Seelsorger, war nunmehr auf Hilfe und Pflege angewiesen. Die ihm hierdurch entgegengebrachte Liebe hat er dankbar verspürt. Solange es ging, fuhr ihn täglich Bruder Rogoß im Rollstuhl zur Gemeinschaftsmesse in die Hauskapelle. Es war bewegend, mitzuerleben, wie er - obwohl sprechbehindert - beim zweiten Hochgebet den noch beweglichen linken Arm erhob und auswendig die ihm geläufigen Gebete für die Verstorbenen und um Gottes Erbarmen für uns alle mit fester Stimme sprach. Tagsüber saß er gesammelt an seinem Schreibtisch, das aufgeschlagene Brevier mit einer brennenden Kerze vor sich, in Erwartung der zur lieben Gewohnheit gewordenen täglichen Nachmittagsstunde, da gegen 17.00 Uhr die Mitbrüder Hillig und Kurts sich abwechselnd einfanden, um mit ihm gemeinsam die Vesper zu beten. Dann gab es anschließend oft ein Gläschen Wein zur Belebung der Gemüter. Schreibtisch und Wände waren geradezu übersät mit Fotos seiner 'Seelsorgskinder' und unzähligen Totenbildchen verstorbener Mitbrüder. So stand er täglich betend und betrachtend mit allen in Verbindung, die ihm lieb und teuer und ihm bereits vorausgegangen waren. Er lebte diese Welt für sich bis zu dem Tag, da er selbst friedlich hinüberschlummernd, von seinen Leiden sanft erlöst, heimging oder da sich vielmehr an ihm die Verheißung der adventlichen Tagesliturgie erfüllte:

      'Seht, der Herr wird kommen und alle Heiligen mit ihm.'

P. Saft wurde auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

Aus 'Aus der Norddeutschen Provinz SJ, 1/1986 - Februar, S. 5-7