P. Franz Baron SJ
* 29. November 1914 in Zelasno
19. Januar 1998 in Berlin

Franz Baron war eine unverwechselbare Persönlichkeit und einer der für die Gesellschaft Jesu in der DDR maßgeblichen Mitbrüder. Als Novizenmeister, Konsultor und Hausoberer trug er Verantwortung für die Regio Germaniae Mediae. Durch Priesterrekollektionen, Schwesternvorträge und Beichttätigkeit war er weithin bekannt. Alles in allem war er auch ein typischer Vertreter jener Art von Jesuitenleben, in dem sehr vieles anders kommt, als man beim Eintritt erwartete oder als Scholastiker plante.

P. Baron hat im Laufe der Jahre manches Dokument gesammelt, mehrfach Notizen zu seiner Biographie gemacht und auch Überlegungen zu Fragen von Häusern und Arbeiten angestellt. Es wäre interessant und lohnend, seine Aufzeichnungen - etwa sein Tagebuch der Kriegsgefangenschaft, das vom 18.09.1944 bis zum 10.02.1946 reicht, oder seinen Bericht "Residentia Magdeburgensis" - einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Die folgenden Ausführungen stützen sich zum Teil auf diese Blätter.

1. Der äußere Weg
Franz wurde am 29. November 1914 als sechstes der zehn Kinder des Ehepaares Franz und Katharina Baron, geb. Kurpiers, in Zelasno, Kreis Oppeln, das später in Eisenau umbenannt wurde und jetzt Zelazna heißt, geboren und am 6. Dezember auf den Namen des hl. Franz Xaver getauft. Der Vater war Maurer und fuhr täglich mit dem Fahrrad ins 10 km entfernte Oppeln zur Arbeit. Die Mutter und die Kinder bearbeiteten die kleine, 5 ha umfassende Landwirtschaft. In der Familie wurde Franz ein tiefer und tragfähiger Glaube vorgelebt und vermittelt. Von den sechs Jungen wurden drei Ordenspriester. Vor allem mit dem jüngeren Bruder Paul, der wie der älteste Bruder Johannes bei den Steylern eintrat und als Oberstudiendirektor 25 Jahre das Gymnasium St. Xaver in Bad Driburg leitete, hielt er über all die Jahre einen engen Briefkontakt und eine solide Gebetsgemeinschaft. "Ein solch brüderliches Verhältnis, wie es uns verbindet, kannst Du sonstwo suchen. Und selbstverständlich ist es auf keinen Fall", schrieb ihm Paul zum 80. Geburtstag am 29.11.94.

Der Weg zum Abitur war sehr beschwerlich, da die Lebensverhältnisse beengt waren, die kleine Landwirtschaft wenig abwarf und der älteste Bruder bereits das Gymnasium besuchte. Nach dem Abschluß der Volksschule in Zelasno konnte Franz aber mit Unterstützung von P. Leopold Willimsky zuerst einmal nach Mittelsteine wechseln, wo man eine Art Aufbaukurs für begabte und für den geistlichen Beruf interessierte Jungen eingerichtet hatte. Dort paukte er mit vier anderen den Stoff der ersten drei Oberschulklassen in einem Jahr. Im September 1930 wurde er so ins Jesuitengymnasium auf dem Freinberg bei Linz aufgenommen. Die Matura machte er im Mai 1935 in Kalksburg/Wien, da der Freinberg damals noch nicht Öffentlichkeitsrecht hatte.

Das Noviziat begann er mit 6 anderen Kandidaten am 9. September 1935 im Josefshaus in Mittelsteine. Die Zeit "wurde oft gestört durch die politischen Ereignisse, Aufrufe zu Musterungen etc.. Mischung der Novizen: 7 Herbstlinge, 4 Sommerlinge, 14 Österlinge. Noch hatten die ND-er die Majorität, aber es waren darunter auch MC-er, 1 HJ-ler (P. Leppich), 2 SA-Männer. - Doch das hatte auch den Vorteil, daß nicht nur ND-Angelegenheiten im Vordergrund standen wie in dem Kurs vor uns". Als Frater Baron zu Beginn des 2. Noviziatsjahres den Aufruf zur Musterung erhielt, begann er eine Novene zu P. Michael Pro, dem später seliggesprochenen Jesuitenmartyrer in Mexiko, - und wurde erhört und zurückgestellt. So konnte er in der Folge nicht nur das Noviziat, sondern auch die Philosophie ohne Unterbrechung machen. Von 1937 bis 1940 studierte er Philosophie in Pullach.

Über diese Jahre bekannte er: "Das Philosophiestudium war für mich eine ständige Bußzeit." Nach dem Abschlußexamen zog er zunächst nach Oppeln. Da zwischenzeitlich aber die Einberufung des Pförtners, Br. Johannes Bieniek, den er ersetzen sollte, rückgängig gemacht worden war, stand er ohne Arbeit da. P. Superior Konstantin Kempf hatte jedoch bald eine Aufgabe. Für ihn und für sein Werk "Die Heiligkeit der Gesellschaft Jesu" mußte Frater Baron viele Heiligenleben durchlesen und sich näher mit der Geschichte des Ordens befassen. Da dies auf die Dauer aber keine "richtige" Beschäftigung war und noch weniger eine Arbeit, holte P. Provinzial Karl Wehner den jungen Frater im Oktober 1940 nach Berlin und machte ihn zum Sekretär im Provinzialat. So erlebte er aus nächster Nähe die Sorgen des Provinzials, die Nöte der Mitbrüder, die Hausdurchsuchungen durch die Gestapo u.ä..

Im April 1941 wurde er nachgemustert, für tauglich befunden und im Mai 1941 zur Luftwache III nach Spandau eingezogen. Dort machte er die Grundausbildung und die Ausbildung zum Sanitätssoldat. Während seiner Sekretärszeit waren schon die ersten Mitbrüder, vor allem aus der Luftwaffe, als "NZV" entlassen worden. In Spandau waren mehrere Kompanien auf demselben Kasernengelände stationiert. In seiner Kompanie war Fr. Baron der einzige Theologe und galt auch als solcher, nicht als Jesuit. Eines Tages wurde in allen anderen Kompanien, aber nicht in seiner, gefragt, ob jemand zu den Jesuiten gehöre. So fuhr er denn zu P. Provinzial Wehner und fragte um die Erlaubnis, sich freiwillig melden zu dürfen. Der sagte ihm: "Bleiben Sie! Sie wissen als Sekretär, worum es geht!" Worum ging es? P. Baron beantwortete dies im Oktober 1986 so: "Den Provinziälen war zugetragen worden, daß man die Jesuiten aus dem Militär entfernen wolle, um sie dann - ähnlich den Juden - in Lager zu sammeln und zu vernichten. Daher sollen Provinziäle den Befehl gegeben haben, daß sich keiner freiwillig als Jesuit zur Entlassung melden dürfe. Ein 'Kader' sollte gerettet werden für die Nachkriegszeit". Im September 1941 erfolgte die Versetzung nach Zeist in Holland zu einer Nachrichtenkompanie der Nachtjagd. Hier wurde er bis zum Unteroffizier befördert.

Im April 1944 kam die Versetzung zum Ersatztruppenteil nach Zossen, dann zur 2. Fallschirmjägerdivision nach Nancy in Frankreich. "Zur Springerschule aber ist keiner mehr gekommen. Denn da begann die Invasion. So wurde unsere Abteilung mit dem 2. Regiment in die Bretagne geschickt und im Erdkampf eingesetzt. Fliegerangriff unterwegs, Partisanenüberfälle usw.. Feindberührung erst bei der Gefangennahme. Den letzten Hauptverbandsplatz in einem U-Boot-Bunker aufgebaut." Am 18. September 1944 - er war eben zum Feldwebel befördert worden - geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wurde an die Briten übergeben und durchlief verschiedene Lager in England. Besonders stolz und dankbar war er, daß er in den Monaten der Gefangenschaft immer wieder an der Eucharistiefeier teilnehmen und selbst Wortgottesdienste halten konnte. So notierte er z. B.: "Da im Lager kein Priester war, hielt ich am 3. Adventssonntag 1944 den ersten Laiengottesdienst, an dem sich etwa 500 bis 550 Kameraden beteiligten. Von da an wurde öfters ein solcher Gottesdienst gehalten [...]. Seit der Weihnachtsfeier hielten wir jeden Sonntag Gottesdienst, an Wochentagen Gesprächskreise und Abendgebet .... Ich wurde ... als Helfer des Lagerpfarrers eingeteilt, bekam einen Ausweis, mit dem ich innerhalb des großen Lagers ohne Begleitung zu den einzelnen Camps gehen konnte [...]." Im Januar 1946 kam er als Begleiter eines Schwerkrankentransportes nach Deutschland zurück. Er ließ sich nach Pullach entlassen und setzte die Studien fort. Aufgrund einer päpstlichen Dispens für Spätheimkehrer wurden er und die PP. Engelbert Dubiel, Bruno Freund, Heinrich Glahn und Alois Stenzel am 6. November 1947 durch Weihbischof Neuhäusler in Pullach zu Priestern geweiht.

Nach dem Abschluß der Theologie im Sommer 1949 wurde er auf Anforderung von P. Georg Sunder nach Magdeburg gesandt, wo ein Knabenkonvikt entstehen sollte. Am 1. Oktober 1949 begann er mit 10 Schülern; aufgehoben wurde dieses Konvikt am 8. September 1958. Über die für ihn offenkundig sehr glücklichen 9 Jahre, in denen er als Präses das Sebastianeum aufbaute und leitete, erzählte er später gern. Bei seiner offiziellen Ernennung zum Präses hatte ihm Weihbischof Weskamm aufgetragen, "das Haus zu einer Pflanzstätte des Segens für unsere hl. Kirche (zu) machen." Dies gelang ihm in hohem Maße. Mancher damalige Zögling blieb ihm bis zu seinem Tod dankbar verbunden.

1958 wurde P. Baron nach Erfurt geschickt, wo er vom 10.09.58 bis 31.10.66, also für acht Jahre, die Leitung des für den mitteldeutschen Teil der Ostdeutschen Jesuitenprovinz eingerichteten Noviziats übernahm. Er begann am 15. September 1958 mit 4 Scholastikernovizen und 1 Bruderpostulanten. Die Großen Exerzitien fanden jeweils in Hoheneichen statt. Nachdem er im Magisteramt von P. Zug abgelöst worden war, folgten 12 Jahre in Rostock und Mecklenburg. Die ausgedehnte Tätigkeit umfaßte Priesterrekollektionen in 4 Dekanaten, monatliche Schwesternvorträge, Fastenpredigten, Wochenenden für Gemeinderäte, MC-Arbeit, Aushilfen, Pfarrvertretungen und immer wieder Begleitung von Exerzitanten.

Gleichzeitig war er für die Mehrzahl der Schwesternniederlassungen im mecklenburgisch-vorpommerschen Raum ordentlicher oder außerordentlicher Beichtvater. In dieser Zeit, so betonte er dankbar, konnte er viele Menschen im Glauben festigen und in der Treue zur Kirche bestärken.

Die folgenden Jahre von 1978 bis 1986 in der Krankenhausseelsorge im St. Hedwig-Krankenhaus fielen ihm nicht leicht, da er auch mit mancher organisatorischen Frage und mit Strukturproblemen befaßt war. Die anschließende Zeit in Erfurt, wo er als Operarius und regelmäßiger Beichtvater im Ursulinenkloster tätig war, kennzeichnete er so: "Der Höhenflug war vorbei, die Flughöhe immer niedriger, aber es ging noch, wenn auch oft durch Krankheit behindert ... Notlandung, nicht von mir aus, sondern durch die Schwestern."

So wurde er zum 1.08.1992 ins Altenheim des Ordens nach Berlin-Kladow versetzt, wo es sein Bestreben war, sich durch Aushilfen, Übernahme von Kommunitätsmessen und Mithilfe bei Hausarbeiten noch irgendwie nützlich zu machen. Seit Mitte 1997 wurde sein Lungenleiden immer deutlicher und bedrückender. Der Tod seines Bruders Paul am 9.10.97, mit dem er sich so gut verstanden hatte, setzte ihm sehr zu. Nach dem 50. Priesterjubiläum, das er mit seinem Weihegefährten P. Freund im Kreise der Mitbrüder am 6.11.97 feierte, hatte man den Eindruck, daß P. Baron nicht mehr konnte: die Kräfte und der Lebenswille ließen nach. Den nahen Tod vorausahnend, schrieb er den Jubiläumsdank- und Weihnachtsbrief als seinen Abschiedsbrief: "Ich bin unterwegs zum Herrn, so hoffe und glaube ich. Der Heiland ist im Advent auf uns zu. Wir wissen nur eines nicht, die Stunde der Begegnung. Möge diese Begegnung mit IHM gelingen!" Der Herr rief ihn am 19. Januar in seine ewige Gemeinschaft. Unter großer Anteilnahme vieler, die er einst begleitet hatte, beerdigten wir ihn am 27. Januar auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Reinickendorf, wo so viele Mitbruder ruhen, die uns vorangegangen sind "mit dem Zeugnis des Glaubens".

2. Die inneren Gestaltungskräfte
Unterstreicht man einige der Kräfte, die P. Baron besonders geprägt haben, so wären es zuallererst die Frömmigkeit und die selbstverständliche Glaubenstreue in der großen Familie. Dann muß genannt werden die Gymnasialzeit auf dem Freinberg, wo er erstmals in die Ordensspiritualität eingeführt und mit ihr vertraut wurde. Entscheidend wurden aber dann die Noviziatsausbildung unter P. Otto Pies und die Großen Exerzitien, die Franz Baron zum Gefährten Jesu machten, der dem rufenden König nachfolgen und es nicht anders haben wollte als dieser. Freilich konnte oder wollte P. Baron bisweilen nicht verleugnen, daß in ihm auch die Zeit bei der Wehrmacht Spuren hinterlassen hatte: der Feldwebel schlug durch. Das Denken in Struktur und Ordnung erleichterte ihm manches in den Jahren der DDR-Zeit, seinen Novizen und manchem Mitbruder machte seine Art bisweilen nicht wenig zu schaffen.

Der unermüdliche Einsatz für die Aufgaben des Ordens und die Seelsorgearbeiten in der DDR füllte ihn derart aus und bestimmte ihn so, daß ihm später die Umstellung sehr schwer fiel, als die Ostdeutsche Provinz und die Niederdeutsche Provinz zur Norddeutschen zusammengelegt worden waren und der Provinzial in Köln, "weit vom Schuß", residierte. Wenn ich richtig sehe, hat er sich mit dieser Zusammenlegung nie ganz befreunden können. Da spielte gewiß neben Stilfragen, Akzenten bei der Auswahl der Arbeiten und der damit Betrauten auch das Gefühl mit, in manchem falsch behandelt und in der über vierzigjährigen DDR-Tätigkeit nicht gerecht genug beurteilt zu werden. Ähnliches Leiden und Mitleiden hatten ihm zuvor schon manche Neuerungen verursacht, die mit dem Vaticanum II in der Theologie allgemein und in der Liturgie im besonderen aufgekommen waren. Er litt unter der Freiheit, die sich Mitbrüder und Priester bei der Verkündigung und in liturgischen Fragen nahmen. Er konnte sich mit mancher theologischen Neuerung und lauthals propagierten Meinung nicht einverstanden erklären. Das äußerte er dann auch deutlich. Schwierigkeiten verursachten ihm auch die beiden letzten Arbeitsorte, das St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin und das Waisenhaus in Erfurt. "Über diese Zeit im St. Hedwig-Krankenhaus wäre manches zu sagen, doch darüber will ich jetzt schweigen, denn sonst könnte ich vielleicht bitter werden." Erfurt, wo er nicht in der Kommunität wohnte, machte ihm sowohl wegen der unklaren Destination als auch wegen der gesundheitlichen Belastungen, die u.a. der an seiner Wohnung vorbeiflutende Autoverkehr mit sich brachte, durch "Atembeschwerden, Luftmangel, Schnupfen etc." zu schaffen.

Die Versetzung ins Peter-Faber-Kolleg, in das er am 11.08.1992 umzog, war dadurch etwas abgemildert, daß er immer wieder einige Wochen bei den Schwestern in Bad Salzdetfurth aushelfen konnte. Diese letzten Jahre gestalteten sich für ihn zunehmend schwieriger. Ihn belastete die Ost-West-Problematik, unter der er sichtlich litt. Wenn er von "wir, die dummen Ossis" sprach, dann schwang das bittere Gefühl mit, daß die mühsame Arbeit der vielen DDR-Jahre verkannt werde und die "Wessis" zu leichtfertig über die Erfahrungen dieser Zeit hinweggingen. Sehr zu schaffen machten ihm schließlich die körperlichen Leiden und die Grenzen, die diese mit sich brachten: die Lungenkrankheit verschärfte sich, die Hustenanfälle nahmen an Zahl und Heftigkeit zu, er war nahezu blind, so daß er die letzten Monate die Eucharistie nicht mehr als Hauptzelebrant feiern konnte. Schließlich wurde ein Lungentumor diagnostiziert.

Möge nun der Herr an P. Baron die Bitte des Schlußgebets beim Requiem erfüllen: "Führe ihn vom Tod zum Leben, aus dem Dunkel in das Licht, aus der Bedrängnis in deinen Frieden."! Vergelte Er ihm alles, was er für seine Kirche und in seiner Gesellschaft gewirkt und gelitten, verkündet und erhofft hat.

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1998 - März, S.50-54