P. Johannes Bartsch SJ
14. August 1980 in Göttingen

Nekrolog beim Requiem des Elisabeth-Krankenhauses in Leipzig.
P. Johannes Bartsch starb im Alter von 60 Jahren, 5 Monaten und 7 Tagen. Geboren wurde er am 8. März 1920 in Wartha, einem Wallfahrtsort an der Glatzer Neiße. Seine Eltern gaben ihm den Namen des Tagesheiligen, Johannes von Gott. In Wartha und Umgebung war der Name der Familie gut bekannt. Der Vater stellte nach einem von der Familie geheim gehaltenen Rezept einen bekömmlichen Kräuterlikör her, den "Jerusalemer Balsam", der von den Wallfahrern sehr geschätzt wurde.

Die Eltern schickten den geweckten Jungen, dessen interessierte Augen schon damals dem Lehrer in der Volksschule auffielen, in das nahe Glatz auf das Gymnasium. Jahraus jahrein fuhr er täglich die etwa 10 km lange Strecke, die durch einen langen Tunnel berühmt war. Gern erzählte der Verstorbene - seine Schulkameraden nannten ihn nur "Jonas" - von den vielen Streichen, die er unternehmungslustig, schlau und pfiffig an den Reisenden und dem Schaffner verübte. Daß er ein Jahr länger als vorgesehen die Fahrt zur Schule machen mußte, trübte seine Laune in keiner Weise. P. Bartsch hatte eine vielseitige Begabung; aber er tat immer nur gerade so viel, um den Anschluß an die nächste Station nicht zu verpassen.

Im Jahre 1939 trat er in Mittelsteine in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Bald aber erhielt der Novize den Gestellungsbefehl nach Teterow in Mecklenburg. Der dortige Pfarrer, den er später oft wiedersehen sollte, sorgte in väterlicher Welse für das leibliche und geistliche Wohl des jungen Soldaten aus der Compania de Jesus. Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht begann P. Bartsch seine Studien in Pullach; zunächst drei Jahre Philosophie in scholastischer Nüchternheit, die dem jugendlichen Gipfelstürmer aber gar nicht schmeckte. In den folgenden vier Jahren waren seine theologischen Lehrer unter anderen: Karl Rahner, Nell-Breuning, Grillmeier.

Am 25. Juli 1948 weihte Kardinal Faulhaber den 28jährigen Theologen zum Priester. Die Weihepredigt des Kardinals hütete der Verstorbene wie ein Vermächtnis. Das eigene Testament war schwer zu finden, die Weihepredigt hatte inmitten der sagenhaften Unordnung einen Ehrenplatz in der Schublade seines Schreibtisches.

Als Kaplan von St. Canisius begann er 1949 in Berlin seine priesterliche Tätigkeit. Noch im rechten Augenblick schickten ihn dann seine Obern nach Dresden. Der Pfarrei St. Petrus in Dresden-Strehlen gehörte seine stille Liebe. Wenn er von seinen geistlichen Erfahrungen aus diesen Jahren erzählte - und er hatte die Gabe des Erzählens -, dann glühten seine schwarzen Äuglein unter den buschigen Augenbrauen.

Schweren Herzens übernahm er 1956 in Leipzig eine neue Arbeit bei der RURAG Reise und Rede AG -, die ihn als sogenannten Monatsprediger jährlich in etwa 165 Gemeinden führte. Seine Predigten hatten einen spezifisch spirituellen Charakter; dabei vernachlässigte er aber die zeitgemäße Aktualität in keiner Weise. In seiner Brieftasche führt er immer eine erlesene Sammlung zeitnaher Sprüche mit sich.

Ein Herzinfarkt zwang in 1967, dieses bewegte Wanderleben aufzugeben. Gott aber meinte es gut mit Jonas. Er fand eine neue, geradezu maßgeschneiderte Wirkungsstätte im Elisabeth-Krankenhaus in Leipzig. Viele von ihnen haben ihn erlebt, und ich brauche nicht zu untertreiben: Jedes Bild an den Wänden des Krankenhauses erinnert an seine originale Aktivität. Man muß einmal die Atmosphäre eines Serenadenkonzertes im Innenhof des Krankenhauses erlebt haben: Der Verstorbene wie ein souveräner Tonmeister am Mischpult, die Patienten beglückt und getröstet in den Fenstern. Und wie strahlten seine Augen, wenn er den jungen Muttis ihr Lebensglück zum Bewußtsein brachte. Es verging doch kein Abend, an denen er nicht mindestens 5 Tonbänder mit Dias auf den einzelnen Stationen "laufen" ließ.

Seine Arbeitsmethode war original und einfach: über die Dinge dieser Weit suchte er den Weg zum Herzen des anderen. Der Verstorbene war ein intellektueller Typ. Seine bevorzugten Gesprächspartner waren Atheisten, denen er geradezu mit sichtbarem Enthusiasmus die Sackgasse ihres Lebensweges aufzuzeigen suchte. Die vielen, denen er den Weg zu Christus und zur Kirche im persönlichen Gespräch und Unterricht ebnete, bewahrten ihm ihre Hochschätzung und Anhänglichkeit. Wer ihn näher kannte, mußte aber feststellen, wie seine Lebenskraft mit jedem Jahr abnahm. Persönlich blieb er aber ein unerschütterlicher Optimist. Bereits für die Ferien 1981 waren Reiseziel, Reiseroute und Übernachtungen festgelegt. Daß er dabei nicht ängstlich war, wissen nur die Eingeweihten. Der Verstorbene konnte herzlich lachen. Den einzigen Kummer bereiteten ihm sein gesegneter Appetit - und die Waage. Und noch ein Merkmal zeichnete ihn aus: Er blieb begeisterungsfähig bis zu seinem Lebensende. - Von seiner Herzensnot redete er selten. Wenn er nach den vielen schlaflosen Nächten die Bitte zu Gott aussprach, doch bald sterben zu dürfen, dann spürte man, es war keine leichthin ausgesprochene Phrase, dahinter stand der Glaube an den auferstandenen Herrn. Ungezählten hat er in der schwersten Stunde des Lebens beigestanden, er konnte dies nur aus einer persönlichen, täglich vollzogenen Einübung tun. Er lebte mit dem Tod, der für ihn das Tor zum Leben war.

Um seine geschwächte Lebenskraft zu schonen, kamen seine Obern und kirchlichen Vorgesetzten überein, ihn mit Ablauf des Jahres 1979 von seinen Pflichten als Krankenhausseelsorger zu entbinden. Als neue Wirkungsstätte wählte sich P. Bartsch die Gemeinde St. Josef in Rostock. Es schien, als ob ein charismatischer Frühling seine Lebenskräfte verjüngten. Unternehmungslustig startete er Ende Juni - ausgerüstet mit Objektiven jeden Kalibers - in das Land seiner Träume, um Gottes schöne und weite Welt heimzubringen. Seine glückliche Rückkehr bereitete uns allen einen nicht geringen Trost. Als er dann noch einmal zur Taufe seiner Nichte "hinüberfuhr", war er bereits gezeichnet. Am 24. Juli wurde er in die Göttinger Universitätsklinik aufgenommen. Sein Herzschrittmacher sollte ausgewechselt werden. Die Gefahr einer Thrombose zwang dann die Ärzte zur sofortigen Operation. Es schien zunächst, als ob er sich wieder erholte. Plötzlich auftretende Kreislaufbeschwerden führten zu seinem Ende. Am Vorabend des Festes der Aufnahme Mariens in den Himmel gab er gegen 21.30 Uhr mit einem befreienden Seufzer den Lebensodem seinem Schöpfer zurück.

P. Bartsch war kein Heiliger, den man mit aszetischem Maß messen könnte; er gehörte zu den liebenswürdigen Egoisten, die sympathisch bleiben und die man nicht so schnell vergißt.

R.i.p.

P. Gerhard Kroll SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1980 - November, S. 104f