P. Hermann Baurmann SJ
10. April 1939 in Berlin

Wenn Pater Baurmann erst jetzt, mehr als 10 Jahre nach seinem Tode, mit einem Nachruf bedacht wird, so tragen die Schuld daran die Kriegsereignisse. Schon einmal waren Briefe, Aufzeichnungen und anderes Material gesammelt worden und sollten zu einem Nachruf verarbeitet werden, aber leider ging alles in der Sündflut des vergangenen Jahrzehnts zu Grunde. - Der vorliegende Nachruf stützt sich vor allem auf die Erinnerungen zweier Mitbrüder, die beide längere Zeit mit P. Baurmann zusammen waren.

Geboren ist Hermann Baurmann am 19. Januar 1883 in Aachen. Am 23. April 1903 trat er, nachdem er zuvor noch eine Romreise gemacht hatte, in Blyenbeek ins Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Im Orden durchlief er den gewöhnlichen Studiengang und wurde in den Wirren des Kriegsausbruches am 2. August 1914 zum Priester geweiht. In den Studien gehörte er, wie einer seiner Studienkollegen sich ausdrückt, nicht zu den Leuchten der Wissenschaft, aber was er einmal gepackt hatte, war sicherer Besitz. Darin konnten ihm auch die großen Geister nichts vormachen.

Bald nach seiner Priesterweihe kam P. Baurmann ins Feld und wurde 1915 Superior der Unsrigen beim Kriegslazarett in Charleville sur Meuse. Außer den etwa 20 Fratres S. J. unterstanden seiner geistlichen Sorge die verschiedenen Gruppen von Ordensschwestern beim Kriegslazarett 8. Da diese Aufgabe allein seiner Aktivität nicht genügte, half er in der Krankenpflege selbst tüchtig mit. Sein Eifer, seine Selbstlosigkeit und vor allem sein sprudelndes Wesen erwarben ihm überall viele Sympathien. Er mutete sich selbst die gröbsten Arbeiten und unangenehmsten Nachtwachen zu, er schleppte, angetan mit einer blauen Schürze, die schwersten Schränke und Bettstellen. Um seine Untergebenen war er sehr besorgt und nahm sie militärischen wie geistlichen Vorgesetzten gegenüber tatkräftigst in Schutz. Wenn es mit dem Garnisonspfarrer zuweilen einige Spannungen gab, lag es wohl auch daran, daß berechnende, zurückhaltende Diplomatie Pater Baurmann in keiner Weise lag. Er platzte viel zu früh mit den Gedanken seines Herzens ohne Falsch und Arg heraus. "Bumski" soll man ihn ob dieser Tatsache schon auf dem Gymnasium genannt haben.

Wie eine glückliche Lösung kam seine Versetzung zur Fronttruppe. Er wurde Divisionspfarrer. Diese beweglichere Tätigkeit lag ihm mehr als der Kleinkrieg in der Etappe mit ihren nicht genau abgegrenzten Kompetenzbezirken. Nun konnte er nach Herzenslust reisen und reiten und fahren, telefonieren und Termine ansetzen, ohne fürchten zu müssen, dabei einem andern zu nahe zu treten. Gern erzählte er von seiner neuen Tätigkeit, wenn ihn der Weg wieder einmal zu seinem alten Kriegslazarett zurückführte.

Der Krieg hat P. Baurmann weit herum bis tief in den Südosten geführt. Nach Kriegsende mußte P. Baurmann nochmals nach Valkenburg zur Vollendung seiner Theologie. Anschließend folgte das Terziat, und dann kam er 1921 mit P. Richard nach Berlin, wo beide den Grundstein legen sollten für die Canisiuspfarrei und das später entstehende Gymnasium am Lietzensee. P. Richard war Kuratus und Oberer, P. Baurmann Kaplan und Minister, der dritte im Bunde war Br. Valder.

Sein späterer Mitkaplan in Berlin schreibt über diese Berliner Zeit: "Berlin war das Pflaster, auf dem er sich wohlfühlte. Er hing immer am Telefon, war nie zu Hause und wurde überall gesehen. Äußerlich Anziehendes hatte er wenig, er predigte uninteressant, er sang zum Fortlaufen schön, und doch hatten ihn alle Leute in der Gemeinde sehr gern. Denn es war unmöglich, die Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft dieses Mannes nicht zu verspüren. In der Kommunität, besonders in der Rekreation, war er das belebende Element. Zehn Jahre hat er als Minister und Kaplan in der Neuen Kantstraße ausgehalten. Er hatte dem hochwürdigen Pater Bley feierlich versprochen, vor diesem Jubiläum nie um eine Versetzung einzukommen, aber gleich am ersten Tage nach dem vollendeten zehnten Jahre bat er darum.

Er kam zuerst als Minister und Prokurator nach Hoheneichen, tauschte aber bald diesen Posten mit P. Arndts und ging als Minister, Prokurator und Ökonom nach Mittelsteine. Für den Kaplan aus Berlin bedeutete dies eine gewaltige Umstellung, aber er hat sich auch mit allem Eifer der neuen Aufgabe hingegeben und zeigte großes Verständnis für die neuen Verhältnisse. Hier gab es viel zu rechnen, was er leidenschaftlich gern tat. Der große landwirtschaftliche Betrieb mußte sauber in ein Karteiensystem hineinverarbeitet werden. Und es ist nicht zuletzt seinem kaufmännischen Geschick zu danken, daß die Mittelsteiner Landwirtschaft sich zu einem anerkannten Musterbetrieb entwickelte. Die Brüder, die in dem großen, verzweigten Betriebe oft viel zu tun hatten, schätzten ihn sehr hoch. Zu Nachbarn, Kaufleuten und Behörden schuf er ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis. Auch die andern Leute im Dorfe hatten den stets freundlichen Pater sehr gern. Seine besondere Liebe schenkte er den Kindern. Manchmal standen sie in ganzen Rudeln vor seinem Fenster und riefen im Sprechchor: "P. Minister!", bis er ihnen vom Fenster aus etwas zuwarf oder hinausging und die Kinderschar auf seinem gewohnten Rundgang über die Felder mitnahm.

Wie überall ist er auch in Mittelsteine viel herumgelaufen, um dieses und jenes sich kümmernd. Mit seinem raschen Temperament stieß er zuweilen ein bißchen plötzlicher an die Ecken des Hauses, als der Mörtel vertragen konnte. Bumski! Aber er verstand es, solche Spannungen durch Großzügigkeit und wahre Caritas immer wieder auszugleichen. Die Kartei war nach und nach erweitert und vervollkommnet worden. Klar und übersichtlich lag nunmehr der vielschichtige Betrieb zur Nachkontrolle da. Sein Ruf als Verwaltungsmann stieg. Dies führte zu einer neuen Versetzung zurück nach Berlin.

Als P. Weinsziehr im Jahre 1936 eine Kur in der Schweiz machen mußte und daran anschließend als Minister an das Germanikum nach Rom berufen wurde, fiel wie von selbst die Wahl auf seine Nachfolge im Amt des Provinzprokurators auf P. Baurmann. Zunächst behielt er noch das Amt eines Ökonomen von Mittelsteine bei. Es fiel ihm nicht schwer, zuweilen mehrmals in der Woche zwischen Mittelsteine und Berlin hin und her zu pendeln. Reisen war ihm ja alles, Freude und Vergnügen, Erholung und Dienst zugleich.

Schließlich siedelte er aber doch ganz nach Berlin über und übernahm im Februar 1937 auch das Amt eines Socius Provincialis. In der nun folgenden Zeit hat er, wie sein P. Provinzial Wehner urteilt, wohl sein Bestes und Reifstes in seinem Leben unserer Provinz geschenkt. Mit seiner raschen Auffassungsgabe fand er sich sehr schnell in den neuen Aufgabenkreis hinein. Allen fiel es auf, wie prompt und zuverlässig die täglich anfallenden Geschäfte erledigt wurden. Das mochte mancher bei einem ersten Blick auf den Schreibtisch nicht vermuten. Von einer scharf durchgegliederten Aktenmasse war da nichts wahrzunehmen. Im Gegenteil, die Dinge lagen in recht lockerer Freiheit wild durcheinander, aber es hatte scheint's seine eigenen bürotechnischen Gesetze für die Bewältigung dieser Stapel. Die Häuser brauchten jedenfalls nicht über die Verschleppung von Anfragen und Geschäftsvorgängen zu klagen. Rasch und sachlich bekamen sie die briefliche Antwort, oder oft auch ihn selbst als lebendige Auskunft. Sein Entschluß zu einer solchen Reise war immer sehr rasch gefaßt. Alle sahen ihn gern, wenn er mit seinem Köfferchen und einem herzlich hervorgesprudeltem "Grüß Gott!" in die Residenzen kam. Bald ging es los: Besprechungen persönlicher oder geschäftlicher Art, Gänge zu den Behörden usw. Nichts war ihm zuviel. Und was er einmal als Verhandlungsobjekt unter die Finger bekam, das wurde liebenswürdig und zäh bis zu einem klar fixierten Ende geführt.

Im Rechnen kam ihm nicht so leicht einer gleich. Seine Bilanzen waren hieb- und stichfest. Umso mehr ärgerte es ihn, wenn einmal so ein Abschluß in seinen Endpositionen eine heimtückische Kluft von ein paar Pfennigen aufwies. Hier ging es um seine Ehre als Mathematiker! Stöhnend, mit einem verbissenen Humor wurde gesucht, und wie unmittelbar und echt war dann das vom Glück durchstrahlte Heureka! Nun erst kamen Aszese und die ihr verwandten Dinge wieder zu ihrem vollen Recht. Das treu geführte Partikularexamenheftchen durfte nach seinem verständnisvollen Lupfen seine Maschen wieder zu der alten Enge zusammenziehen.

Ja, er war ein frommer, gewissenhafter Ordensmann, einer vom soliden alten Stil. Wenn von liturgischer Bewegung und schwierigen religiösen Problemen der Neuzeit die Rede war, hielt er sich meist zurück. Er baute auf einfachen, aber bewährten Fundamenten auf. Wo es an letzte Punkte seiner Überzeugung heranging, da gab es bei ihm keinen Spaß und keine Kompromisse. Paupertas, castitas, obedientia waren ihm nicht Dinge einer frommen Gefühlsaufwallung am Gelübdemorgen; er ließ sie mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit in sein Alltagsleben hineingreifen und seine Entscheidungen bestimmen. Diese Schlichtheit in der Unterordnung unter das Objektive, seine gläubige Ehrfurcht vor Gott und seiner Ordnung, das war es, was sich immer mehr als Grundzug seines edlen, selbstlosen Wesens herausschälte.

Nur bei einer Forderung konnte er noch wunderschön hochgehen: wenn man ihn mit etwas ernster Miene bat, ein Hochamt zu übernehmen. In solcher Situation fühlte er sich hilflos an die Grenzen seines Könnens gedrängt. In seiner Berliner Kaplanszeit soll er einmal von Canisius nach St. Clemens zu P. Rauterkus gegangen sein, um sich in die allerprimitivsten Forderungen des Gregorianischen Chorals einführen zu lassen. Eine Stunde lang hätten beide geübt: Dominus vobiscum ... per omnia saecula saeculorum ... Weiter seien sie nicht gekommen. Da habe P. Baurmann schließlich gefragt: "Sagen Sie mal, guter P. Rauterkus, wie machen Sie das eigentlich, wenn Sie beim Singen höher oder tiefer gehen?" Wenn es bloß um die Berechnung der Wellenlängen gegangen wäre, hätte es ihm sicher keine Schwierigkeiten gemacht, aber die Übertragung in die Welt des lebendigen Tones blieb ihm nun einmal versagt. Daß er sich trotzdem lange Kaplansjahre hindurch immer für alle Funktionen zur Verfügung hielt, das läßt wohl auf eine große Zähigkeit und solide Tugend schließen.

Auf eine letzte Höhe kam seine Tugend in seinen Soziusjahren, in denen ihn wieder sein Gallenleiden befiel, das ihm schon seit seiner Kaplanszeit zu schaffen machte. Das Unwohlsein schaute ihm an solchen Tagen aus den Augen heraus. Oft konnte man ihn vom Nebenzimmer her in seiner lebhaften Aachener Art stöhnen hören. Zuweilen lag er zu Bett, aber sobald es nur irgendwie ging, fand man ihn wieder auf seinem Posten. So war es auch bei seiner letzten Reise. Sie ging nach Dresden, wo wegen des neuen Hauses sein persönliches Erscheinen erwünscht war. Als er zurückkam, ging es einfach nicht mehr. Seine eigene Heilmethode half nicht mehr. Er wurde ins Hedwigkrankenhaus gebracht. Prof. Petermann riet zu rascher Operation: Darmverschluß. Von P. Kother ließ er sich die Sterbesakramente spenden. Dann sprachen wir noch kurz über einige wichtigere laufende Geschäfte in der Provinz. Wir wußten beide weshalb. Er hat dann auch die Operation in ihren Folgen nicht überstanden. Als er nachher auf dem Krankenzimmer wieder zu sich kam, schaute er mich mit seinen großen blauen Augen an. Er wollte noch etwas sagen, aber das Wort gelang nicht mehr. Gegen morgen ist er unter meinem Beten hinübergegangen. Draußen sang, wie in einer Eichendorffschen Novelle, eine Amsel ihr Lied in den erwachenden Ostermorgen hinein. Der Auferstandene hatte seinen treuen Diener zu sich gerufen."

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 113, S. 28-31