Bernhard Bley SJ

P. Bernhard Bley SJ
22. April 1962 in Berlin-Kladow

In P. Bley verkörperte sich ein gutes Stück Geschichte der deutschen Provinzen. Sein Leben schildern, bedeutet darum auch, einen Abschnitt Provinzgeschichte schreiben. Doch dies würde zu weit führen. Es kann darum hier weder ein erschöpfendes Lebensbild gezeichnet noch können die geschichtlichen Zusammenhänge aufgedeckt werden. P. Bley hat gegen Ende seines Lebens auf Drängen von Obern und Mitbrüdern begonnen, einige Erinnerungen aus seinem Leben niederzuschreiben. Leider ist er dabei nicht weit gekommen. Nur zwei Kapitel, über die Anfänge in Litauen und über die Gründung des Berliner Canisius-Kollegs, sind abgeschlossen. Aus den übrigen, oft recht zufälligen und sehr schwer lesbaren Aufzeichnungen ist im folgenden herausgesucht worden, was für die Persönlichkeit P. Bleys und die Geschichte der deutschen Provinzen wichtig erscheint und nicht schon anderswo behandelt wurde. Dabei wird P. Bley selbst möglichst zu Worte kommen, wenn auch zuweilen in freier oder gekürzter Form.

Kindheit und Jugend

Bernhard Karl Anton Ulrich Bley wurde am 17. Juli 1879 zu Cloppenburg im Oldenburgischen Münsterland geboren. Die Familie war seit Jahrhunderten dort ansässig; ihr Name findet sich in den ältesten Bürgerlisten und in den Taufbüchern der jetzigen Kreisstadt Cloppenburg. Der Name Bley hat nichts mit dem Metall zu tun, sondern Bleie, oldenburgisch Bleije, sind karpfenartige Fische. Diese Namensdeutung wird bestätigt durch das Grabmal eines Domherrn aus der Familie, der in seinem Wappen Fische führte.

Bernhard war das älteste von vier Kindern. Sein Bruder Alfred folgt ihm in die Gesellschaft Jesu und lebt heute in Brasilien. Ein anderer Bruder, Karl, war Arzt in Bremen, und seine Schwester Agnes wurde die Mutter der drei Patres Maurmann.

Der Vater, Bernhard Bley, war Kaufmann und besaß eine Färberei. Er verunglückte, als Bernhard erst im 9. Lebensjahre stand. Die Erziehung der Kinder fiel jetzt ganz der Mutter zu; Cäcilie, geb. Wewer, war die Tochter des münsterländischen Amtstierarztes, "eines unternehmenden und umsichtigen Mannes", wie P. Bley von seinem Großvater sagt. In der Todesstunde des Vaters versprach der kleine Bernhard seiner Mutter, ihr nie Sorge, sondern stets Freude zu machen. In ihrer Sterbestunde ließ sie mir danken, daß ich Wort gehalten. So wurde ich schon sehr früh selbstverantwortlich und selbständig.

Bernhard besuchte zuerst je vier Jahre die Volksschule und die humanistische Klasse der Bürgerschule seiner Vaterstadt und anschließend das humanistische Gymnasium Antonianum in Vechta, das damals von Prälat Dr. Josef Wennemer, einem Großoheim von P. Karl Wennemer, geleitet wurde. Auf Prälat Wennemer "folgte als Direktor Prof. Dr. Werra aus Münster, ein ausgezeichneter Schulmann und Pädagoge. Er und Fr. Ludwig Kösters, mein Lehrer der Humaniora in Exaten, haben auf mich für den Schulunterricht den besten Eindruck gemacht und den stärksten Einfluß ausgeübt". Da es damals in Vechta noch kein Konvikt gab, "mußte ich in einer Familie wohnen und selbständig meinen Weg finden. Gottes Gnadenführung hatte mich darauf vorbereitet. Nach damaligem Brauch war ich erst spät (mit dreizehn Jahren) zur ersten hl. Kommunion gegangen, aber anderthalb Jahre gründlich darauf vorbereitet worden".

In diesen Jahren wurde ihm auch schon das Priestertum "überzeugendes Berufsziel". "Meine große Bitte an den Heiland bei meiner Erstkommunion war: Laß mich Dein Priester werden! Und ich glaubte damals und glaube heute, von Ihm die Antwort zu hören: Du wirst mein Priester werden! Seit dieser Stunde hat sich mein Beruf immer mehr gefestigt. Dazu trug auch bei, daß zwei Vettern meiner Mutter Priester waren, vorgebildet im Germanicum in Rom. Von dort hatte ihr einer für ihre Söhne ein kleines Reliquiar mit Reliquien der drei Jugendheiligen Aloisius, Stanislaus und des damals gerade heiliggesprochenen Johannes Berchmans mitgebracht". Die Mutter nähte das Reliquiar in ein kleines Täschchen und gab es Bernhard mit nach Vechta. "So haben diese Heiligen mich durch meine Jugend begleitet und meinen Blick früh auf Rom und die Gesellschaft Jesu gelenkt ... Meine Gedanken gingen in der Stille oft nach Rom zum Germanicum und zur Gesellschaft Jesu".

Mit großem Interesse las und verfolgte der Vechtaer Gymnasiast alles, was die Gesellschaft Jesu anging, vor allem den Kampf um die Aufhebung des Jesuitengesetzes im Deutschen Reichstag. Besonderen Eindruck machte auf ihn eine Erklärung, die der damalige Provinzial, P. Heinrich Haan, am Stanislausfest 1896 von Blyenbeck aus zum Jesuitengesetz von 1872 abgegeben hatte. "Ich habe sie ergriffen mehr als einmal gelesen und erwogen, nicht ahnend, daß ich das nächste Stanislausfest im gleichen Blyenbeck mit Provinzial Haan mitfeiern würde".

Der entscheidende Anstoß zum Eintritt in die Gesellschaft kam in der Fastenzeit 1897 von Johannes Drüding, der im Noviziat in Blyenbeck war. Er lud die Vechtaer Kongreganisten zu Exerzitien in der Osterwoche nach Blyenbeck ein. "Der Gedanke überraschte uns alle, fand aber Anklang. Als Sekretär der Kongregation sollte ich die Sache führen, und bald konnte ich zwölf Primaner anmelden. Für mich erhoffte ich schon jetzt Klärung meines Berufes zur Gesellschaft ... Und schneller als ich dachte, sollte alles geklärt sein. Denn als R. P. Thill (der Novizenmeister) mich angehört und einige Fragen gestellt hatte, fragte er: 'Wollen Sie nicht gleich hier bleiben? Sie können nächste Woche das Noviziat beginnen'". Doch ganz so schnell ging es nicht. Bernhard Bley fuhr noch einmal nach Hause, sprach mit seiner Mutter und reiste die folgende Woche zum zweiten Mal nach Blyenbeck, wo er am 28. April 1897 pünktlich mit den andern das Noviziat begann.

 

Im Scholastikat

Das nicht gerade große Wasserschloß Blyenbeck konnte die neu eintretenden Novizen kaum fassen. "Wir waren die 72 Jünger des Herrn, wie es oft hieß. In den Schlafsälen standen 70 Betten bis in den Hahnenbalken hinein". Um Platz zu bekommen, schickte der Novizenmeister bald nach Ostern die ersten auf Pilgerreise, von der die letzten im August heimkehrten, wenn ein Jahrgang ins Juniorat nach Exaten gezogen war. Von den Kandidaten, die mit Bernhard Bley am gleichen Tage eintraten, seien genannt Anton Haag, Wilhelm Bröl, Hermann Lange, Joh. Bapt. Rabeneck, Joh. Bapt. Lindworsky, Thomas Van Volxem. Unter den Herbstlingen dieses Jahres waren Georg Beyer, Hermann Dieckmann und Max Pribilla. Bereits im zweiten Jahr waren Albert Rembold, Hermann Muckermann, Johannes Lauer, Johannes Drüding, Balthasar Wilhelm, Franz Hürth und Johannes Roß. Unter den Brüdernovizen waren die Brüder Barkei, Donner, Hannappel und Rosenberg. "Die großen Unterschiede in der Herkunft, im Alter und in der Vorbildung ließen immer neue Beobachtungen machen und zwangen zu gegenseitiger Rücksichtnahme und Gewöhnung. Darauf zurückblickend sagte mir R. P. Thill in seinem letzten Lebensjahr, zu keiner Zeit habe die Provinz so viele und so gute und auch begabte Novizen gehabt wie im Canisiusjahr 1897 {1}".

"P. Thill verglich diese fetten Jahre mit den mageren, die bald folgen sollten. Aber auch er konnte sich den Grund des Absinkens nicht erklären. Vielleicht hatten die Regierungsmaßnahmen gegen die Volksmissionen unserer Patres einige Kandidaten abgeschreckt und Geistliche sehr davon abraten lassen. Aber das allein konnte sich nicht so übel ausgewirkt haben ... Jedenfalls war die Sorge nicht mehr nötig, ob noch mehr Novizen aufgenommen werden könnten oder ein numerus clausus einzuführen sei". Schon nach 15 Monaten Noviziat zogen am 13. August 1898 die meisten Osterlinge ins Juniorat nach Exaten. "Dort fehlte ein kräftiger Stamm, die vielen Neulinge aus Blyenbeck und Tisis in die etwas freiere Ordnung einzuführen, und so entstand nach einigen Monaten eine Krise, die P. Rektor Joh. Bapt. Müller viel Ärger und unserem Spiritual P. Eberschweiler großen Kummer bereitet hat ... Wir Junioren merkten alle die großen Charakterunterschiede unserer beiden geistlichen Führer. Und daß beide aneinander getragen haben, ist mir klar aus den schriftlichen Aufzeichnungen P. Eberschweilers in seinem geistlichen Tagebuch dieser Zeit und aus mündlichen Äußerungen P. Müllers nach dem Tode von P. Eberschweiler".

"In der Rhetorik begann das Dreigestirn Gietmann-Racke-Helten zu verblassen ... Schon wurden neue Formen für das Juniorat gesucht ... Die große Verschiedenheit in der Vorbildung der Junioren war schon damals eine nicht geringe Schwierigkeit. Überragende Begabungen mit guter Vorbildung fühlten sich enttäuscht und geringere so überfordert, daß sie den Mut verloren".

Zum Studium der Philosophie wurde Fr. Bley in die Niederländische Provinz nach Oudenbosch geschickt. Denn so sagte man ihm, es sei wünschenswert, wenn einige Scholastiker das Holländische erlernten, um später auf den holländischen Vorbereitungsklassen in Sittard unterrichten zu können. P. Provinzial Haan gab ihm und dem gleichfalls für Oudenbosch bestimmten Fr. Wilhelm Richter die Mahnung mit: "Sie werden in der Erholung wohl auch mitrauchen müssen. Aber wenn Sie zurückkommen, darf kein Arzt feststellen, daß Sie weiter rauchen müssen".

Nach der Philosophie kam Fr. Bley wie vorgesehen an das Aloisiuskolleg in Sittard. Er übernahm aber nicht eine niederländische Vorbereitungsklasse, da diese wieder aufgehoben wurden, sondern unterrichtete hauptsächlich Latein und Griechisch in IV bis OIII. "Ich hätte gern eine tiefere, wissenschaftliche Einführung in die Sprachen gehabt. Für die Didaktik genügten Handbücher und persönliche Anlage und Erfahrung ... Es waren Jahre beharrlicher Arbeit und Erziehung für die Jugend - und für mich".

Nach vierjährigem Interstiz begann Fr. Bley die Theologie in Maastricht, also wiederum in der Niederländischen Provinz. Wegen der deutschen Kollegien im holländischen Limburg achteten die Obern darauf, in der Provinz stets einige Patres zu haben, die das Niederländische in Wort und Schrift beherrschten. Die Priesterweihe jedoch empfing Fr. Bley zusammen mit seinen deutschen Mitbrüdern am 28. August 1910 in Valkenburg. Auf die Theologie folgten 1911/12 das Tertiat in Exaten unter seinem ehemaligen Novizenmeister P. Ernst Thill, der gerade Instruktor geworden und davor Provinzial gewesen war.

 

Rektor des Aloisiuskollegs

Nach dem Tertiat wurde P. Bley Socius des Novizenmeisters in 's Heerenberg, war etwas in der Seelsorge tätig und gab eine Zeitlang das "Männerapostolat" heraus. Aber schon am 25. August 1915 wurde er als Rektor des Aloisiuskollegs in Sittard verkündet; er löste hier P. Rembert Richard ab, der als Rektor nach Feldkirch berufen war. Es war keine leichte Zeit, ein Jahr nach Ausbruch des Krieges, als P. Bley sein erstes Obernamt antrat. Die wirtschaftlichen Verhältnisse im valutastarken Ausland wurden für das Kolleg immer unhaltbarer. "Unsere deutsche Währung sank gegenüber dem niederländischen Gulden mehr und mehr, schon gegen Kriegsende und vollständig nach der militärischen Niederlage. Wir hatten Einnahmen fast nur in deutschem Geld und Ausgaben fast nur in niederländischer Währung. Wir mußten Anleihen aufnehmen und lebten von der Substanz. Ostern 1920 sollte das Aloisiuskolleg geschlossen und wenn möglich auf deutschem Boden neu erstehen. Um unsere Schulden bezahlen zu können, mußten die Gebäude verkauft werden. Doch dies war nicht leicht. Es waren sorgenvolle Monate. Kirchliche und weltliche Stellen lehnten einen Kauf ab. Da konnte die Sozialfürsorge für die limburgischen Bergarbeiter eingeschaltet werden. Das Kolleg sollte in ein Bergarbeiterheim umgebaut werden. Es wurde eine Stiftung gegründet, die durch öffentliche Zuschüsse subventioniert werden konnte".

Ausführlich schildert P. Bley das Zustandekommen des Verkaufsvertrages. "Wir gingen in sehr ungünstiger Position in die Verhandlungen. Denn es war allgemein bekannt, daß wir verkaufen müßten, um unsere Schulden bezahlen zu können. Es war beiderseits ein zähes Ringen. Wir konnten nicht weiter nachgeben, wenn eine Katastrophe vermieden werden sollte, und die Herren von der andern Seite suchten herauszuholen, was möglich war. Da wurde auf meinen Vorschlag hin eine kleine Pause eingelegt. In dieser Zwischenspanne unterhielten sich zwei der Herren, ein wenig abseits stehend, auf Niederländisch über ihre Chancen. Mir wurde dabei klar, daß die Gegenseite in das Geschäft einsteigen wollte, natürlich aber unter möglichst günstigen Bedingungen. In ganz anderer Position ging ich in die zweite Verhandlungsphase. Bisher war in deutscher Sprache verhandelt worden. Und als ich jetzt auf Niederländisch vorbrachte bzw. zurückwies, was ich in der Pause vernommen hatte, gab es lange Gesichter und eine nicht geringe Bestürzung auf der andern Seite. Ich aber sagte mir: Jetzt weiß ich, warum mich der Herrgott für die Studien in die Niederländische Provinz geschickt hat. Schneller als ich erwartete, kam es zum Abschluß, und ein sehr ungünstiger Vertrag, der lange drohend über uns gehangen hatte, war vermieden worden. Am andern Tage betete ich im Brevier: Laqueus contritus est, et nos liberati sumus! Ein wahres Glücksgefühl erfüllte mich. Gott sei Dank!

Noch war aber nicht die letzte Entscheidung gefallen, wohin das Aloisiuskolleg verlegt werden sollte. Verschiedene Internate, die in der Inflation nicht weiter wirtschaften konnten, wurden unter günstigen Bedingungen angeboten, wie das Knickenbergsche Institut in Telgte u. a. m. Gewählt wurde auf Wunsch von P. Provinzial Kösters wegen seiner günstigen Lage am Rhein und in der Nähe von Bonn das kleine Hubertinum des Pfarrers Dr. Winter in Godesberg. Diese Entscheidung überraschte Lehrer und Eltern und enttäuschte zunächst. Es war klar, der neue Anfang würde in den ersten Jahren hart werden. Auch hier bewahrheitete sich: Um auf die Dauer Großes zu erreichen, ist es gut, auf kleine Vorteile für den Anfang zu verzichten. Eine religiöse Gemeinschaft kann das. Darin bewährt sich ihr religiöser Geist und darauf ruht Gottes Segen".

Im September 1920 wurde P. Bley als Rektor des Aloisiuskollegs abgelöst und nochmals zum Socius mag. nov. ernannt, jetzt allerdings mit der Absicht, daß er dem siebzigjährigen P. Johannes Baptist Müller als Novizenmeister folge. "Am 11. Februar übergab mir P. J. B. Müller die Leitung des Noviziates mit den etwa 70 Scholastiker- und Brüdernovizen. Diese jungen Leute, ehemalige Kriegsteilnehmer und frischgebackene Abiturienten, brachten einen frischen Zug ins Noviziat. Bald wurde das Spitalexperiment im Willibrordus-Krankenhaus in Emmerich und die Katechese im dortigen Waisenhaus eingeführt. Im Noviziat waren die ersten Gründer und Mitglieder von Neudeutschland- und Quickborngruppen. Dies ergab einen spontanen und lebhaften Gedankenaustausch, und das Einleben und Eingewöhnen war nicht zu schwierig. Ende Juni berichtete ich sehr positiv über meine ersten Eindrücke nach Rom und wartete dann mit einiger Wißbegier auf die dortige Stellungnahme".

 

Der Provinzial

"Am 4. Juli fand sich unter der Post auch ein Brief aus Rom. Es kamen gerade Novizen mit ihren kurzen Fragen, die ich beantwortete, während ich den Brief in der Hand hielt. Ich öffnete ihn. Merkwürdig, es war nur eine weiße Karte. Mir verging alles Sehen und Hören für die Anliegen der Carissimi. Ich konnte nur einem sagen: Kommen Sie damit nachmittags wieder und sagen Sie auch den andern draußen, daß ich keine Zeit mehr habe. Auf der Karte stand in der üblichen Rundschrift meine Ernennung zum Praepositus Provinciae Germaniae Inferioris. Diese Ernennung machte mich zunächst sprachlos. Sie erfolgte, ohne daß je ein Oberer mit mir über diese Möglichkeit gesprochen hätte. Ich hatte nur an drei Provinzkonsulten teilgenommen, auf denen über Angelegenheiten des Aloisiuskollegs gesprochen wurde. Weiter war ich über den Stand der Provinz nicht eingeweiht. In das Noviziat hatte ich mich eingearbeitet; jetzt sollte ich es wieder verlassen.

Ungezählte Fragen stürmten bald auf mich ein. Der Auftrag schien mir unausführbar. Ich sprach noch schrieb ich auch nur ein Wort darüber, sondern arbeitete als Novizenmeister ruhig weiter. Als erster meldete sich nach 17 Tagen P. Provinzial Kösters, ob ich einen römischen Brief erhalten habe. Bald darauf kam er zu einer Besprechung zu mir herüber. Für die nächsten Wochen klärte sich einiges, aber für die weitere Zukunft wurden die Fragezeichen immer größer und zahlreicher. Ich suchte noch P. Kempf, damals Rektor in Valkenburg, für mich vorzuschlagen, weil er von manchen in der Provinz als Provinzial erwartet werde. Er war auch, wie ich später erfuhr, tatsächlich als Provinzial in Aussicht genommen, aber wegen seines Herzleidens sah man von ihm ab. So mußte ich mich fügen und mein 'In Gottes Namen!' sprechen.

Für meinen Amtsantritt war das Ignatiusfest oder das Fest Maria Himmelfahrt gedacht. Es gelang mir aber, den Termin noch bis 8. September hinauszuschieben. Dem ersten Provinzkonsult in Valkenburg lagen sofort weitreichende Fragen vor, wie die Entsendung von Missionaren nach Japan und die Übernahme einer Kuratie in Berlin-Charlottenburg. Anschließend fuhr ich nach Exaten, wo mein Novizenmeister und Instruktor, P. Thill, wie auch P. Eberschweiler mich sehr ermutigten. Es war die letzte, für mich denkwürdige Begegnung mit ihm. P. Eberschweiler war sichtlich bemüht, mir Mut zu machen. Nur eine Besorgnis hatte er: 'Wenn nur die Gesundheit standhält und den vielen Anstrengungen gewachsen ist'. Dies sei aber nicht meine größte Sorge, erwiderte ich ihm. Er aber fuhr ganz bestimmt fort: 'Sonst wird alles gehen. Nur wegen der Gesundheit habe ich Sorgen'. Als ich ihn daraufhin um sein fürbittendes Gebet für meine Gesundheit bat, schaute er mich mit einem Blick der Liebe an, den ich bis heute nicht vergessen habe, und sagte: 'Ja, das tue ich, das tue ich!' Er hat später in allen Strapazen und Anstrengungen, die ich durchstehen mußte, Wort gehalten und mir Kraft und Gesundheit vermittelt.

Das nächste waren dann Besprechungen mit den Bischöfen zur Regelung der Jurisdiktion. Die erste Fühlungsnahme war überall sehr erfreulich. In Breslau erwartete mich Kardinal Bertram mit sichtlichem Interesse. Er berichtete mir zunächst über jeden einzelnen Pater Societatis, der in seiner weiten Diözese arbeitete. Zum Schluß trug er zwei Bitten vor: 'So oft Sie nach Schlesien kommen, muß Ihr erster Gang zu mir sein. Und sagen Sie nichts von dem, was wir hier besprochen haben, meinen Domherren'. Aber eine Zusage irgendwelcher Art hatte mir der Kardinal nicht gegeben. So blieb für Schlesien alles ungewiß. Bei einem weiteren Besuch sprach er deutlicher, nämlich daß wir in der Innenstadt Breslaus keine Niederlassung errichten dürften und daß er durch keine Zusage seines Vorgängers Kopp gebunden sei, uns eine Kirche zu überlassen. Und als ich später nach vergeblichem Suchen ihn fragte, ob er gar keine positiven Vorschläge machen könne, bot er einen neu zu gründenden Pfarrbezirk an (Breslau-Zimpel). Er schickte mir den Baumeister, mit dem ich das Kirchengrundstück besichtigen konnte. Dieses lag noch 15 Minuten über die Endstation der Straßenbahn hinaus, und unter einer Stunde war es unmöglich, zum Hauptbahnhof zu kommen. Nach diesen Feststellungen bat ich den Baumeister, Seiner Eminenz zu sagen, daß das Grundstück für uns nicht in Frage komme. Zum Erwerb der Gabitzstraße 16 gab Kardinal Bertram dann gern seine Zustimmung, aber erst nachdem er persönlich auf seinen Spaziergängen den Abstand von den beiden nächsten Pfarrkirchen festgestellt hatte. Schneller kamen die Gründungen in Oberschlesien zustande; da drängte der Kardinal selbst auf Oppeln und Beuthen. Der Oppelner Erzpriester verhandelte bereits mit den Dominikanern. Kardinal Bertram nahm daraufhin die Sache selbst in die Hand und lud mich ein, während der Priesterexerzitien im Theologenkonvikt, an denen er teilnahm, am zweiten Tage nach der zweiten Betrachtung dorthin zu kommen; er werde vorher den Oppelner Erzpriester Kubis umstimmen. Anschließend könnten wir dann auf dem Zimmer von P. Dunin-Borkowski näheres besprechen und vereinbaren.

Ganz anders lagen die Verhältnisse im Westen der Provinz. Hier war vieles schon begonnen oder wenigstens eingeleitet, das weitergeführt oder abgeschlossen werden konnte. Einzelheiten über die Gründungen jener Jahre sind früher schon in den 'Mitteilungen' gebracht worden, so daß hier nicht darauf eingegangen zu werden braucht, zumal auch P. Bley sich nicht dazu äußert. Im Dezember war P. Bley dann mit P. Provinzial Bea in Rom, wo noch Fragen der Provinzteilung geklärt werden mußten. Weiter ist P. Bley in seinen Aufzeichnungen, aus denen das Wichtigste herausgesucht wurde, nicht gekommen. Es liegen aber noch Niederschriften vor über die Gründung des Berliner Canisius-Kollegs und über die Anfänge in Litauen; beide sind bereits in eigenen Aufsätzen (Mitteilungen Nr. 126) gebracht worden.

In das Kölner Provinzialat P. Bleys fallen eine Reihe Gründungen und wichtige Vorkommnisse, die nicht alle von ihm geplant oder begonnen waren, die er aber doch mit letzter Verantwortung abschloß. So kamen unter ihm zu den schon bestehenden Häusern, die weiter ausgebaut wurden, die Kollegien in Berlin, Frankfurt, Kaunas und Mittelsteine und die Residenz Oppeln. Als P. Bley die Leitung der Niederdeutschen Provinz übernahm, zählte sie ungefähr 680 Mitglieder, von denen nur die Hälfte Priester (343) und ungefähr je ein Viertel Scholastiker (176) und Brüder (161) waren. Als er aus dem Amt schied, hatte sich der Mitgliederstand der Provinz etwa um 180, also um 20%, erhöht.

 

Die Ostdeutsche Provinz

Bis 1921 hatten die ostdeutschen Diözesen zur Galizischen Provinz (Provinzialat in Krakau) gehört. Ähnlich wie die deutschen Patres aus Holland, kamen auch deutschsprachige Patres der Galizischen Provinz, meist Schlesier und Berliner, in das östliche Deutschland. In Breslau war auch von der Galizischen Provinz eine kleine Statio gegründet worden. Zusammen mit diesen Patres arbeiteten aber auch schon seit Jahren Patres der Deutschen Provinz in Berlin und bald auch in Schlesien.

Als P. Bley sein Amt antrat, gab es im deutschen Osten nur die beiden Niederlassungen in Berlin und Breslau. Wohl arbeiteten einzelne Patres auch an andern Orten Schlesiens und in Ostpreußen. Wer P. Bley gekannt hat oder wenigstens die Aufsätze über Litauen und das Berliner Kolleg gelesen hat, wundert sich nicht, daß der neue Provinzial mit Eifer Gründung und Ausbau ostdeutscher Häuser betrieb. Hier sei eine kleine Begebenheit eingefügt, die P. Bley selbst schriftlich fixiert hat: "Es war an einem schönen Oktobernachmittag 1923 während der 27. Generalkongregation, als P. Assistent van Oppenraaij mich zu einem Spaziergang in die Villa Borghese einlud. Wir besprachen dabei ostdeutsche Arbeiten und Möglichkeiten. Als vordringlich bezeichnete ich die Errichtung eines ostdeutschen Noviziates. 'Und wie denken Sie über Litauen? Sie haben die Bischöfe dort besucht'. - 'Diese wünschen uns, versprechen alle Hilfe und erwarten bald Verselbständigung'. - 'Hm, hm, und was gibt es sonst noch?' - 'Dazu kommt die uns übertragene Sorge für die Universität Tokyo und die Mission von Hiroshima'. P. Assistent, blieb stehen und fragte: 'Ist das nun genug?' Ich antwortete: 'Vorläufig ja'. P. Assistent strahlte und sagte lachend: 'Das nennt man Jugend!' - Ja, das war vor mehr als 30 Jahren".

Am 8. Dezember 1927 war es dann soweit, daß die ostdeutschen Häuser und Litauen als Pars Orientalis der Niederdeutschen Provinz zusammengefaßt werden konnten. P. Bley, der am 1. November von P. Lauer als Provinzial abgelöst worden war, übernahm als Vizeprovinzial die Leitung des neuen Bezirkes. Die Entwicklung schritt so gut voran, daß schon drei Jahre später, am 2. Februar 1931, die Ostdeutsche Provinz errichtet werden konnte, deren erster Provinzial auch ihr Schöpfer und Baumeister wurde.

Im Jahre 1956 konnte das 25jährige Bestehen der Provinz begangen werden. Bei dem allgemeinen Conveniat in Berlin hielt P. Mianecki, der spätere Amtsnachfolger P. Bleys und ehemalige "Bley-Stift" {2} die Festansprache. Dieser sollen einige charakteristische Züge entnommen werden, die uns den Obern, aber auch den Menschen Bernhard Bley zeigen. P. Mianecki knüpfte in seiner Rede an einige Begegnungen an, die er als Kandidat und Scholastiker mit seinem Provinzial hatte.

Es war im Frühjahr 1927. Der Danziger Abiturient Paul Mianecki, der um Aufnahme in die Gesellschaft Jesu gebeten hatte, wurde zu einem bestimmten Zug auf den Bahnhof Marienburg bestellt. Dort sollte er auf zwei geistliche Herren achten, die seinen Beruf prüfen wollten. "Aus dem ganzen Gespräch im Wartesaal des Marienburger Bahnhofs habe ich eins behalten. 'Ich komme gerade von Königsberg', sagte P. Bley. 'Da sitzt der gute P. Dietz, ganz allein und vereinsamt, auf sich selbst angewiesen. Die Obern sind weit weg. Unsere Gesellschaft braucht Leute, auf die man sich unbedingt verlassen kann'."

Mehrere Jahre später ist Visite in Valkenburg. Beim Goûter fragt Seremissimus: "Sagen Sie mal, Kindermann, wer ist jener repräsentative, würdige Herr, der dort am ersten Platz des Tisches sitzt." "Das ist ein Erbhofbauer, Hoheit, der hier seine Rüben besichtigt". Als viele Jahre später P. Bley einmal an dieses Goûter erinnert wurde, bemerkte er mit mildem Lächeln: "Jawohl, das war so!"

"Eine dritte Begegnung mit P. Bley war eigentlich erschütternd und doch zugleich frohmachend", sagte P. Mianecki. "Er war Spiritual in Valkenburg geworden mit der Aussicht, es bis ans Lebensende zu bleiben. Ich traf ihn in Frankfurt bei der Kongregation der Niederdeutschen Provinz. Er nahm mich auf sein Zimmer, streifte die Uhr von seinem Arm und schenkte sie mir. 'Nehmen Sie, ich brauche sie in Valkenburg nicht mehr. Und jetzt erzählen Sie mir aus unserer Provinz alles, was Sie wissen. Ich habe ja so lange nichts mehr gehört'. Er war an jeder Kleinigkeit interessiert, und als ich aus seinem Zimmer ging, war mir klar, was es heißt, mit der Gesellschaft, mit der Provinz verbunden sein, wie mit der Mutter. Interessierter hätte kein Sohn nach dem Befinden seiner Mutter fragen können."

Die Ereignisse des Krieges und Zusammenbruchs im Jahre 1945, die sein Werk in Litauen und Ostdeutschland zum größten Teil zerstörten, haben P. Bley schwer getroffen. Dies vermag wohl nur in etwa zu ermessen, wer weiß, wie eng P. Bley mit der Gesellschaft und seiner Provinz verbunden war. Ganz hat er diesen Schicksalsschlag nie verwunden.

P. Bley blieb ostdeutscher Provinzial bis zum März 1936, wurde aber seit dem 29. September 1935 von P. Karl Wehner vertreten, weil er selbst die Niederländische Provinz visitieren sollte. Nach Abschluß der Visitation war er im Sommer 1936 vier Monate Instruktor eines Kurztertiates in Litauen und kam am 6. Oktober 1936 als Spiritual, Homiletikprofessor und Mitherausgeber des 'Chrysologus' nach Valkenburg. Dort blieb er, bis er am 6. Januar 1939 vom Hl. Stuhl zum Apostolischen Visitator und Delegaten der Trierer Barmherzigen Brüder ernannt wurde. Dies war wiederum eine Aufgabe, die den Fähigkeiten und Erfahrungen des knapp Sechzigjährigen voll und ganz entsprach. Darüber soll im folgenden Abschnitt P. Rodewyk berichten.

 

P. Delegat

Als P. Bley noch Theologenspiritual in Valkenburg war, erhielt er zu seiner großen Überraschung die Ernennung zum päpstlichen Delegaten. In dieser Eigenschaft sollte er die Leitung der Genossenschaft der Barmherzigen Brüder in Trier übernehmen. Das hing zusammen mit den Koblenzer Sittlichkeitsprozessen, die Goebbels inszeniert hatte, und in die die Trierer Brüder erheblich mit hinein verwickelt wurden, leider nicht ganz ohne Schuld. Der Generalobere, der für alles verantwortlich gemacht wurde, kam ins Zuchthaus, und P. Bley sollte ihn ersetzen. Das war umso notwendiger, als viele Brüder an ihrem Berufe irre wurden und etwa hundert innerhalb eines Jahres austraten. Das Zutrauen zu den eigenen Obern war erschüttert. Deshalb sollte ein Mann aus einem anderen Orden, der über eine große Erfahrung als Oberer verfügte, auf Wunsch der Religionskongregation vorerst die Gesamtleitung übernehmen.

So kam P. Bley denn 1939 nach Trier. Als man ihn fragte, wie er angeredet werden wollte, sagte er kurz: "Nennen Sie mich P. Delegat". Dieser Name blieb ihm von da an. Im Übrigen kehrte er aber den päpstlichen Delegaten so wenig als möglich heraus. Nebenbei sei erwähnt, daß auch die Waldbreitbacher und die Montabaurer Brüder damals einen päpstlichen Delegaten erhielten.

In Trier erwarteten die Brüder nun den großen Knall, die einen in abwehrbereiter Angriffslust, die anderen in der Hoffnung, daß jetzt auf einmal alles besser werde. Sie waren sehr erstaunt, daß zunächst scheinbar nichts geschah. P. Delegat visitierte die Häuser in Deutschland, Luxemburg, Lothringen und in der Schweiz. Später wurden die Reisen ins Ausland unmöglich, da die Gestapo ihm den Reisepaß abnahm. Er verschaffte sich zunächst einen Überblick über die Personen und Verhältnisse, stellte wohl hie und da einige größere Mißbräuche ab, änderte aber aufs Ganze gesehen wenig. Nur setzte er den an sich recht vorbildlichen Novizenmeister ab, denn er hatte von vornherein erklärt, er wünsche einen Jesuiten neben sich als Novizenmeister. P. Provinzial Wulf, dessen Sozius ich war, gab mich gern für diesen Posten frei. So kam ich zu P. Bley, um sieben Jahre mit ihm zusammenzuarbeiten. Wir verstanden uns vom ersten Augenblick an vorzüglich.

Die Frage war nun, wie weit wir am Leben der Brüder teilnehmen sollten d. h. entweder ganz wie sie leben, mit ihnen zusammen essen usw. oder eine gewisse Distanz wahren. P. Delegat entschied sich für Letzteres, damit die Brüder sich nicht beobachtet, sondern frei unter sich fühlen sollten. So hatten wir auch die Möglichkeit, uns beim Essen zweimal täglich zu treffen und gemeinsam zu beraten.

P. Delegat ging in seinem neuen Amt mit großer Klugheit voran. Ich glaube, man kann sagen, daß er das "donum regiminis" in hohem Maße besaß. Er wollte auch den Brüdern nicht die Entscheidung abnehmen, sondern ihnen, soweit als möglich, die Sorge für ihre Genossenschaft weiter belassen. Mit dem Generalrat hielt er regelmäßig Konsult und paßte sich bei aller Klarheit seiner persönlichen Grundideen möglichst ihrer Denkart an. Es folgten auch jetzt noch zunächst weitere Austritte, aber diese Bewegung kam bald zum Stehen, weil langsam das Vertrauen in die Ordensleitung zurückkehrte.

Ein Musterbeispiel für das kluge Vorangehen von P. Delegat ist die Auflösung der Brüderstation. Auf diese Krankenstation, auf der sie gut versorgt wurden, hatten sich manche Brüder, die noch gut arbeitsfähig waren, eigentlich recht früh zurückgezogen. Weil sie nichts Rechtes zu tun hatten, redeten sie viel, stänkerten und brachten Unruhe in das Ganze. P. Bley verstand es vorzüglich, sie langsam, den einen nach dem anderen, wieder voll in die Arbeit einzusetzen. Eines Tages war die Brüderstation leer und konnte anderweitig belegt werden.

P. Delegat schreckte auch nicht vor Strafen zurück. Er verhängte sie maßvoll, aber so, daß sie wirklich heilsam waren. Auch dafür ein Beispiel. Der Obere eines kleinen Hauses, dem alles zur Verfügung stand, war im Laufe der Zeit ans Trinken gekommen und hatte schweres Ärgernis gegeben. Alle Mahnungen hatten nichts genützt. P. Bley setzte ihn nicht nur ab, sondern wollte auch, daß das schlechte Beispiel vor allem mit Rücksicht auf die jüngeren Brüder sichtbar wiedergutgemacht werde. Deshalb nahm er dem Bruder für zwei Jahre das Skapulier wieder weg, das er seit den ersten Gelübden trug. Diese Strafe verstanden alle.

Schwierig wurde die Aufgabe des P. Delegat nach Ausbruch des Krieges. Das große Krankenhaus in Trier wurde natürlich sogleich vom Militär beschlagnahmt. Zunächst konnte freilich die Arbeit darin weitergehen wie bisher. Als aber ein Bruder nach dem anderen eingezogen wurde, begannen die Schwierigkeiten. Während der Westoffensive 1940 wurde das Haus Kriegslazarett und später Standortlazarett. Jetzt machte sich stark der Nazieinfluß geltend. Der Chefarzt gehörte dem "Sicherheitsdienst" an, dessen Aufgabe die Verfolgung politischer Gegner war. Es konnte kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Nazi das Haus auffliegen lassen wollten. Gestapospitzel gingen aus und ein. Es kam zu merkwürdigen Verhaftungen von Brüdern, denen offenbar irgendeine Falle gestellt worden war. Schließlich verriet sich ein Spitzel und hat dann, als man ihn gewonnen hatte, viel dazu beigetragen, daß das Haus gerettet wurde.

Damals entwickelte sich zwischen dem Trierer Erzbischof Franz Rudolph Bornewasser und P. Bley eine tiefe persönliche Freundschaft. Der Oberhirte schätzte ihn wegen seines lauteren Charakters und legte größten Wert auf sein wohl abgewogenes Urteil.

Die Kriegsverhältnisse führten beide eines Tages besonders nahe zusammen. Als Trier evakuiert wurde, zog sich P. Delegat in ein anderes Haus der Genossenschaft, in die große Irrenanstalt nach Saffig zurück. Hier bereitete er auch dem Erzbischof eine Unterkunft, bis dieser dort bei einem Bombenangriff verletzt wurde und dann nach Maria Laach ging.

Durch den Krieg in seiner amtlichen Tätigkeit sehr behindert, konnte P. Delegat nur noch die deutschen Häuser besuchen, sorgte aber dafür, daß ihn in der Schweiz P. Hilarion Felder O. Cap. vertrat.

Mit väterlicher Liebe kümmerte sich P. Bley um die im Felde stehenden Brüder. Ihnen schickte er regelmäßig Rundbriefe und stand mit ihnen auch in einem sehr lebhaften Briefwechsel. Kamen sie in Urlaub, so nahm er sich immer Zeit für sie.

Nach dem Krieg konnte P. Delegat verhältnismäßig schnell nach Trier zurückkehren. Im Hause fand er die Amerikaner als Herren, die das Lazarett später den Franzosen übergaben. Nun begann der Neuaufbau, nicht nur der materielle - die Kriegsschäden waren in dieser Hinsicht nicht einmal sehr groß gewesen -, sondern mehr der geistige, vor allem als die Brüder aus dem Felde zurückkehrten. In kluger Umsicht wußte er jeden auf den rechten Platz zu stellen und dafür zu sorgen, daß weder die einzelnen noch die Genossenschaft sich mit Aufgaben übernahmen, denen sie nicht gewachsen waren, was ihnen früher zur Verhängnis geworden war.

Nachdem auch diese erste Neugruppierung geleistet war, konnte P. Bley seine Aufgabe als beendet betrachten. Als er erfuhr, daß Rom die Delegaten an anderen Brüderkongregationen wieder abberief, wußte er, daß auch seine Amtszeit dem Ende zuging und arbeitete einen genauen Rechenschaftsbericht aus. Nachdem er seine Abberufung erhalten hatte, blieb ihm Zeit genug, alles in Ruhe abzuwickeln. Bei seinem Scheiden trauerten ihm viele dankbare Herzen nach. Die Brüder sahen in ihm einen Mann, den ihnen die Vorsehung im kritischsten Augenblick ihrer fast hundertjährigen Geschichte gesandt hatte.

 

Die letzten Lebensjahre

Nach fast neunjähriger Wirksamkeit für die Genossenschaft der Barmherzigen Brüder verließ P. Bley am 28. Oktober 1947 Trier und reiste nach Berlin. Dort übernahm er am 1. November das Obernamt in der Charlottenburger Herbartstraße, wo wir damals eine kleine Residenz hatten. P. Bley entfaltete von hier aus eine rege Tätigkeit als Exerzitienmeister. Dabei scheute er nicht die in jener Zeit oft so beschwerlichen Reisen in die Ostzone. Von Oberinnen religiöser Genossenschaften wurde er bald als Berater und Helfer in mancherlei Anliegen herangezogen und sehr geschätzt. Manches Gesuch an die Religionskongregation in Rom hat er in jenen Jahren stilisiert.

Bei dem allgemeinen Obern-Revirement im Jahre 1954 kam P. Bley noch einmal auf ein größeres Arbeitsfeld, als er zum Rektor des Noviziatshauses auf dem Jakobsberg ernannt wurde. Dort blieb er bis zur Auflösung des Hauses und zog am 9. November 1960 ein drittes Mal nach Berlin, diesmal ins Ignatiushaus. Hier wartete auf ihn eine Aufgabe, die sich wahrscheinlich noch recht ausgeweitet hätte, wenn er nicht nach einem Jahr schwer erkrankt wäre, das Amt des Beichtvaters, vor allem für Priester.

Aufzeichnungen über sein inneres Leben hat uns P. Bley nicht hinterlassen. Was er vielleicht einmal darüber niedergelegt hatte, dürfte er beim Abschied vom Jakobsberg vernichtet haben; es scheint, daß er damals in seinen Sachen, Schriften usw. sehr gründlich aufgeräumt hat. Nur zwei lose Blätter fanden sich in seinem Brevier, kurze Notizen, die er sich in den Exerzitien der Jahre 1956 und 1957 gemacht hatte. Im Anschluß an das Suscipe kommen zum Ausdruck vor allem Dank für die liebevolle Vatergüte Gottes in der Jugend und in einem langen Ordens- und Priesterleben und vertrauensvolle Hingabe für die Zukunft. Diese Notizen schließen mit einem Satz, der sich in seinem Leben vollauf verwirklicht hatte: "Strahle frohe Gottesliebe aus nach allen Seiten und ermutige zum Gott dienen!"

P. Bley war schon lange nicht mehr der gesunde Mann, als der er wohl noch erscheinen mochte. Schon während seines Rektorates auf dem Jakobsberg war er einmal so schwer erkrankt, daß mit seinem Sterben gerechnet werden mußte. Er überwand jedoch die Krankheit und zeigte danach noch einmal eine erstaunliche Frische. Im Jahre 1961 fingen dann seine Kräfte an, sichtlich nachzulassen. Zweimal war er für einige Zeit im Krankenhaus zur Behandlung. Wie der ärztliche Bericht sagt, litt er vor allem an Herzerweiterung und -schwäche. Beide Male raffte sich P. Bley mit seiner Energie noch einmal auf und kehrte ins Ignatiushaus zurück, wo er an allem Geschehen lebhaften Anteil nahm. Im Dezember waren seine Kräfte wieder am Ende und die Wasseransammlung in den Beinen mit den gewöhnlichen Hausmitteln nicht mehr zu beheben. So ging P. Bley kurz vor Weihnachten erneut ins Krankenhaus. Doch dieses Mal dauerte der Aufenthalt länger und zeigte auch nicht die gewünschten Erfolge. Am 4. März wurde er aus dem Krankenhause entlassen und kam ins Peter-Faber-Kolleg, wo er mehr Ruhe und Pflege hatte. Noch einmal lebte er für kurze Zeit auf, dann aber ließen seine Kräfte zusehends nach, bis er in den Abendstunden des Ostersonntags, wenige Tage vor seinem 65. Ordensjubiläum, hinüberging zu seinem Herrn und Meister. Am 26. April wurde er auf dem Sankt-Hedwigs-Friedhof in Reinickendorf neben P. Kipp beerdigt.

Als P. Bley 1957 sein 60jähriges Ordensjubiläum begehen konnte, hatte gerade ein paar Tage vorher im Ignatiushaus die Provinzkongregation stattgefunden. Nach Abschluß derselben, bevor man auseinanderging, sprach P. Provinzial Wehner dem Jubilar die Glückwünsche seiner Mitbrüder aus. Dabei schloß er mit den Worten: England hat seinen Winston Churchill, die Bundesrepublik ihren Konrad Adenauer, und die Ostprovinz ihren P. Bernhard Bley.

R. i. p.

Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 127, S. 468-482

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{1} Bei einer Mitgliederzahl von 1330 hatte die Deutsche Provinz zu Beginn des Jahres 1898 in ihren Noviziaten mehr als 150 Novizen.

{2} Bley-Stifte hießen jene Scholastiker, die während ihres Interstizes in Berlin P. Provinzial Bley als Schreibhilfe dienten. Ihre Reihe eröffnete 1927 der damalige Frater Nikolaus Junk.

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