P. Paul Boegner SJ
6. Februar 1957 in Berlin

Der Verstorbene hat uns fünf Quarthefte, betitelt "Vocatio Regis aeternalis", hinterlassen, die seine Berufsgeschichte enthalten und dann Jahr für Jahr seine Aufzeichnungen aus den Exerzitien bringen. Diese Hefte bilden die Hauptquelle für den vorliegenden Nachruf.

Paul Boegner entstammte einem schlesischen Bauerngeschlecht, das in der Frankensteiner Gegend beheimatet war. Der Vater als nachgeborener Sohn erlernte und übte das Schuhmacherhandwerk aus. Von ihm berichtet P. Boegner, wie jener ihm einmal folgendes erzählt habe: Als junger Mann, kaum der Schule entwachsen, viele Jahre vor seiner Ehe, verspürte er die Anregung und faßte den Entschluß, einen Sohn studieren und Priester werden zu lassen. Die Eltern hatten sich an dem Wallfahrtsort Albendorf bei Mittelsteine kennengelernt. Die Mutter, die im Neißer Lande geboren war, war dort tätig, und der Vater machte jährlich eine Wallfahrt dorthin. Zunächst verloren sie sich wieder aus den Augen, aber eine besondere Verkettung von Umständen führte sie in Breslau wieder zusammen. Von der Mutter erzählte P. Boegner ein ähnliches Erlebnis. Als er ihr bereits den Entschluß mitgeteilt hatte, in die Gesellschaft Jesu einzutreten, erzählte sie ihm, auch sie habe einst Klostergedanken gehabt, dann aber eines nachts im Traum eine Stimme gehört: "Dich will ich nicht, aber deine Kinder!" Tatsächlich sind alle vier Schwestern des Paters Ordensschwestern geworden. Die älteste wirkt in Holland bei den Filles du Sacre Coeur, die zweite als Tutzinger Missionsbenediktinerin auf den Philippinen, und die beiden andern sind in Berlin tätig.

Im Juli 1892 heirateten die Eltern, und der Vater eröffnete in Breslau in der Schillerstraße 7 ein kleines Geschäft. Am 23. August 1893 wurde das erste Kind geboren und zehn Tage später auf die Namen Paul August Theodor getauft. Die materielle Lage der Eltern war nicht so, daß es ihnen leicht geworden wäre, ihren Jungen studieren zu lassen. Aber da Paul immer einer der Ersten in der Klasse war, erhielt er Stipendien und wenigstens teilweisen Erlaß des Schulgeldes. Er besuchte das katholische St.-Matthias-Gymnasium, eine ehemalige Jesuitenanstalt, und wohnte selbstverständlich weiter zu Hause bei den Eltern, Aber wie er selbst sagt, führte ihn im Jahre 1906 die Vorsehung ins Fürstbischöfliche Knabenkonvikt. Die Konviktsjahre waren für die Vorbereitung auf das Priestertum und den Ordensstand von großer Bedeutung. "Im Konvikt sah ich nur Gutes. Dort kam ich früh zur täglichen hl. Kommunion, die damals erst in den Anfängen war, und begann ein geistliches Leben. Ich blieb dort vor den Gefahren der Großstadt bewahrt. Gott hatte seine Hand auf mich gelegt. Noch ahnte ich meinen eigentlichen Beruf nicht, aber daß ich Priester werden würde, war ausgemachte Sache."

Entscheidend für den Beruf zur Gesellschaft wurde eine Volksmission, die die Unsrigen im Jahre 1908 oder 1909 in der ehemaligen Jesuitenkirche, in St. Matthias zu Breslau, predigten. Ausnahmsweise erhielt der Obertertianer Boegner die Erlaubnis, auch einmal eine Abendpredigt besuchen zu dürfen. P. Richtstätter predigte über die Kirche; anschließend war sakramentaler Segen. "Ich sah die Monstranz wie immer und doch auch ganz anders. Ich fühlte den Heiland nahe und hörte innerlich seinen Ruf: 'Veni sequere me!' Dort will ich dich haben, in der Gesellschaft Jesu. Das ist dein Beruf!' Diese Erkenntnis erfüllte mich mit unsäglicher Freude." Nahezu zwanzig Jahre später im Terziat schreibt er über dieses Erlebnis: "Das Kennzeichen, daß eine besondere Gnade vorlag, ist mir die Gewißheit und die Unmöglichkeit des Zweifelns. All die Jahre vor dem Eintritt und während der Jahre bis zum Terziat habe ich keinen Augenblick geschwankt."

Zunächst hieß es noch warten. Von den Jesuiten wußte Paul Boegner bis dahin nicht allzu viel: daß sie aus Deutschland ausgewiesen seien, und daß es nicht leicht sei, bei ihnen einzutreten. Sein Beichtvater, der später so unrühmlich bekannt gewordene Dr. Josef Wittig, damals Kaplan an Sankt Maria auf dem Sande, riet ihm ab, Jesuit zu werden, er solle lieber zu den Franziskanern oder den Redemptoristen gehen. "Aber ich war meiner Sache gewiß!" Vor dem Einjährigen schrieb er dann nach Exaeten und bat um die Aufnahme, aber P. Joh. Bapt. Müller antwortete nur kurz, er solle erst sein Abitur machen. Daraufhin ging Boegner zu einem der damals in Breslau tätigen Jesuiten, zu dem Spiritual im Theologen-Konvikt, P. Theophil Mertz. Dieser prüfte den Kandidaten erst einmal gründlich, bestärkte ihn dann aber auch in seinem Beruf. Auch die drei Jahre bis zum Abitur vergingen, und Paul Boegner erhielt jetzt seine Aufnahme in die Gesellschaft Jesu.

"Schwer war der Abschied von meinen Eltern. Weinend segneten sie mich, während ich ganz vergnügt war und keinen Trennungsschmerz empfand." Die Reise ins Noviziat war zugleich seine erste größere Reise. Er fuhr über Berlin, Frankfurt a. M., dann mit dem Schiff von Mainz bis Köln und kam am 10. April 1913 pünktlich in 's Heerenberg an.

"Ich fühlte mich die ersten Wochen und Monate ganz elend, wie zerschlagen, konnte gar nicht heimisch werden und litt besonders unter der Lebhaftigkeit der Rheinländer. Von allen Seiten kamen Schwierigkeiten, Heimweh, Gesundheit usw. Daß ich dennoch aushielt, ist fast ein Wunder. So jämmerlich mir auch zu Mute war, ich erwog doch nie den Gedanken, wieder zu gehen. Gott hatte seine Hand auf mich gelegt. Allmählich lebte ich mich ein. Gott gab mir die große Gnade, daß ich der Leitung des Novizenmeisters folgte, der mich allmählich zu innerer Freiheit und Ruhe führte." - Dies ist im großen und ganzen die Berufsgeschichte unseres Paters. Die nun folgenden Aufzeichnungen aus den Exerzitien sind sehr kurz, oft nur stichwortartig gehalten. Sie offenbaren ein einfaches, schlichtes Seelenleben und ein beharrliches, zielbewußtes Streben. Nur ganz selten werden sie etwas persönlicher.

Im November 1914 wurde Carissimus Boegner eingezogen und stand bis zum Kriegsende als Malteserkrankenpfleger in Frankreich. 1918 bis 1921 folgte die Philosophie in Valkenburg und anschließend eine zweijährige Präfektur in Feldkirch. Wie aus den Aufzeichnungen hervorgeht, scheinen die Feldkircher Jahre Frater Boegner nicht immer leicht geworden zu sein. Er konnte sich offenbar nicht entsprechend durchsetzen; auch die Stimme war für die große Jungenschar nicht stark und durchdringend genug. Das Heilmittel gegen seine Schwierigkeiten glaubt er, in der "reinen Meinung" gefunden zu haben; übrigens eine Übung, die nicht bloß jetzt, sondern auch später in seinem Innenleben eine große Rolle spielte.

Im Herbst 1923 kommt Frater Boegner wieder nach Valkenburg in die Theologie. Er war jetzt genau 30 Jahre alt und sollte noch einmal für vier Jahre auf die Schulbank. Dafür rückte das große Ziel des Priestertums, für das er eigentlich bisher nur gelebt und gearbeitet hatte, in unmittelbare Nähe. Auch hier legt er den "Hauptwert auf die reine Meinung. Alles auf Gott beziehen, nicht zurückweichen vor Verdemütigungen, Kritik ertragen, mich abfinden mit meinen Gaben, ohne Hast studieren, viel beten!" Auf Grund des Kriegsprivilegs wurde Frater Boegner schon nach dem zweiten Jahr Theologie zum Priester geweiht, und am Schluß der Theologie erhielt er die Destination als Socius des Novizenmeisters in 's Heerenberg. Er sagte dazu nur: "Die Destination als Socius kam sehr überraschend. Immer als Opfer empfunden!" Gleichzeitig machte er auch sein Terziat, das damals gerade von Exaeten nach dem Bonifatiushaus verlegt wurde.

Über die großen Exerzitien ist ein ganzes Heft Aufzeichnungen vorhanden. Für gewöhnlich faßt er die Gedanken der einzelnen Betrachtungen zusammen, wie es gegangen sei, worum er gebetet habe usw. Vielfach sind es die Gedanken des hl. Ignatius, vielleicht auch die des P. Instruktors, die er niederschreibt. Alles ist einfach, schlicht, ohne jedes Pathos und ohne besondere spritzige Erleuchtungen, aber erfüllt und durchdrungen von echter Frömmigkeit, tiefer Innerlichkeit und einem eifrigen, soliden Streben. Es ist ein völlig unkomplizierter, aufrichtig demütiger und innig mit Gott verbundener Mensch, der sich hier offenbart. - Nur ein paar Dinge seien kurz erwähnt. Bei der Betrachtung über die eigenen Sünden sagt er, daß in seinem Leben viel Sünde und Unordnung gewesen sei, aber er darf auch hinzufügen: "Schwere Sünden fand ich nicht." Darum glaubt er auch, bei der Lebensbeichte "gar nichts Rechtes gefunden zu haben", empfand aber nach der Beichte einen "ganz wunderbaren Trost". Es ist nicht zu verwundern, daß auch jetzt die "reine Meinung" öfter betont wird, und er freut sich aufrichtig, daß P. Instruktor Sierp bei einer Rekollektio diese seine bisherige Richtung ausdrücklich billigt. Und als "große Erleuchtung" bezeichnet P. Boegner es, als ihm am Feste der hl. Maria Margarete (17. 10. 27) während der Litanei "ohne vorhergehende Überlegung, verbunden mit großem Trost und Freude" klar wurde, das Motto seines Lebens müsse sein: Per ipsum, cum ipso, in ipso! "Das ist es, was der Heiland verlangt." Als er niederschrieb, er wollte sich seinen Obern anbieten für "munera obscuriora et duriora", für die nicht so leicht jemand zu finden sei, ahnte er wohl noch nicht, wie bald dieser Vorsatz praktisch werden sollte.

Drei Monate nach den Großen Exerzitien, am 27. Januar 1928, wurde P. Boegner zu P. Instruktor Sierp gerufen und gefragt, ob er gewillt sei, nach dem Terziat nach Litauen zu gehen und dort ein Noviziat einzurichten. Er erklärte sich bereit, obgleich er die vorhandenen Schwierigkeiten nicht verkannte. Einen Monat später, am 26. Februar, hatte er die entscheidende Unterredung mit R. P. Provinzial Bley, der ihn für Litauen destinierte. Später sagte P. Boegner, daß er diese Destination stets als ein Opfer empfunden und immer noch auf eine Änderung gehofft habe. Gegen Ende des Terziates aber kann er sagen, daß er sich auch innerlich mit seiner Bestimmung vertraut gemacht habe. Und eine besondere Freude war es für ihn, daß mit ihm P. August Klein gehen sollte, mit dem er "im Noviziat, im Kriege, in den Studien, in Feldkirch, im Terziat" immer zusammen war.

In Litauen mußte P. Boegner klein anfangen. Zuerst war er in Kaunas, wo er etwas unterrichtete, vor allem aber erst selbst die Sprache erlernen mußte. Etwas resigniert schreibt er Ende Oktober 1928: "Schwere Tage und Wochen! Reichlich Verdemütigungen! Aber ich harre aus mit deiner Gnade. Natürlicherweise kann mich nichts halten, weder die Destination (als Novizenmeister!) noch meine jetzige Arbeit. Nur Gottes Wille. Nach all den Jahren der Vorbereitung: Deutsch bei den Kleinsten und Ablösung im Studium. Ich will nicht bitter werden. Ecce adsum!" Und in den Exerzitien vor den letzten Gelübden klagt er ausdrücklich über "Mißtrost". Er empfindet es sehr, "ein verborgenes Lückenbüßerdasein zu führen, zur Bedeutungslosigkeit verurteilt zu sein!" Die litauische Destination war für P. Boegner ein nicht zu unterschätzendes Opfer. Später hat er einmal einem Mitbruder gestanden, er sei sich auf seiner Reise nach Litauen vorgekommen, als ob er zu seiner eigenen Beerdigung fahre. Er opferte nicht bloß die Heimat, den großen Kreis der Mitbrüder usw., er brachte auch manches recht persönliche Opfer. So waren z. B. seine literarischen und geistigen Interessen sicher größer, als vielleicht mancher annehmen möchte. Das zeigen z. B. die beiden Lebensbilder, die er für die "Helden des Christentums" schrieb: "Bernhard von Clairvaux" und "Bonaventura". - Und jetzt sollte er in einer fremden Sprache in einfachster Form urwüchsige Naturkinder zu Geistesmännern erziehen.

Im Herbst 1929 wurde das Noviziat in Pagryzuvis bei Tytavenai eröffnet. Mit drei Novizen, die von 's Heerenberg herüberkamen, und einigen Neuen wurde begonnen. P. Boegner war gleichzeitig auch Oberer des Noviziatshauses, zuerst als Superior, seit dem 23. November 1935 als Rektor. Es waren vor allem anfangs "schwere Monate und Jahre, reich an Kreuz, aber auch reich an Segen". Wir können es nur denken, was es da alles an Kreuz und Leid gab; P. Boegner selbst deutet es nur an. So schreibt er, nachdem er bereits zehn Jahre im Amte war: "Es gab (im vergangenen Jahre) manche tribulatio: Verkennung, Verleumdung, Mißverständnisse, Mißerfolge." Im Nachlaß fand sich ein kleines Heft, in das P. Boegner die Namen seiner Novizen eingetragen hat. Über die Hälfte der Scholastikernovizen gingen wieder oder wurden als untauglich entlassen, bei den Brüdern sogar der weitaus größte Teil. Trotz dieser Schwierigkeiten hat P. Boegner ausgehalten und später gern und viel von Litauen erzählt und mit Freude und Dank an diese Jahre zurückgedacht.

Als dann in den Jahren 1940 und 1941 die Deutschen aus den baltischen Staaten nach Deutschland zurückgeführt wurden, mußte auch P. Boegner Litauen verlassen und kam im Frühjahr 1941 nach Berlin, wo er in der außerordentlichen Seelsorge aushalf, Exerzitien gab usw. Am 15. Januar 1942 wurde er Minister und Prokurator in Breslau und am 31. Mai des gleichen Jahres daselbst Superior. Die Residenz Breslau zählte damals über 40 Mitglieder, von denen freilich nur die Hälfte im Hause selbst wohnte, die andern waren in der Stadt oder in der Provinz als Kapläne usw. tätig. Unter denen, die im Hause wohnten, waren stets einige Scholastiker, die nach Zerstörung oder Auflösung unserer Studienhäuser dort ihre Theologie studierten. Da immer mehr Mitbrüder in das bis dahin vom Bombenkrieg verschonte Schlesien versetzt wurden, wuchs auch die Zahl derer, die der Breslauer Superior zu betreuen hatte. Ende 1944 gehörten zum Breslauer Hause 40 Patres, 12 Scholastiker und 5 Brüder, zusammen also 57 Jesuiten, aber nur der kleinere Teil wohnte in der Gabitzstraße 16.

Die Zerstreuung wurde noch größer, als Ende Januar 1945 beim Heranrücken der Russen die Stadt evakuiert wurde und auch die Unsrigen bis auf die Patres Albert, Richtstätter, van Volxem und die Brüder Kahl und Kiwus Breslau verlassen mußten. P. Superior Boegner begab sich nach Albendorf (Grafschaft Glatz). Er hatte noch kurz vorher für den Fall, daß die Verbindung mit P. Provinzial abreißen sollte, die Rechte und die Jurisdiktion eines Vizeprovinzials erhalten. Sobald es die Verhältnisse irgendwie erlaubten, machte er sich auf, um seine über das ganze südliche Schlesien verstreuten Untergebenen zu besuchen, und dies fast immer zu Fuß. Es waren Fußmärsche zuweilen bis zu 40 km an einem Tage, nicht selten bergauf, bergab. Dabei hat er sich sicher zu viel zugemutet, und wie er später selbst gestand, auch seine schwere Herzkrankheit geholt. Im September kehrte er dann wieder endgültig in das völlig zerstörte Breslau zurück, wo man schon begonnen hatte, Kirche und Residenz wieder einigermaßen herzustellen. Anfang 1946 machte er sich noch einmal auf, um die noch in Schlesien, vor allem in der Grafschaft Glatz, lebenden Mitbrüder zu besuchen. Es wurden ihrer aber immer mehr aus Schlesien und Breslau ausgesiedelt. P. Boegner selbst hielt in Breslau aus, solange es ging. Er arbeitete in der Stadt, helfend und tröstend, wo er nur konnte, aber auch seine Zeit ging dem Ende entgegen. Am 2. Dezember 1946 verließen die letzten deutschen Jesuiten Breslau; es waren dies die PP. Boegner, Richtstätter, Conrad und Pietsch und die Brüder Kahl und Kiwus. Für P. Boegner war es zugleich der Abschied von seiner Heimatstadt Breslau, die er nie mehr wiedersehen sollte. Er wurde mit den Seinen nach Schwichteler in Oldenburg gebracht, wo die Unsrigen bei den Dominikanern Unterkunft fanden.

Anfang 1947 nach Berlin berufen, wurde P. Boegner Vizesuperior in Biesdorf, und am Herz-Jesu-Feste, dem 4. Juni 1948, trat er sein Amt als Provinzial der Ostdeutschen Provinz an. Die ihm gestellte Aufgabe war besonders damals nicht leicht. Die Provinz hatte den größten Teil ihres Gebietes verloren und auch die noch verbliebenen Häuser in Berlin und Dresden hatten schwere Kriegsschäden erlitten. Wohl war in den vorausgegangenen drei Jahren schon viel wieder aufgebaut worden, es gab aber noch mehr zu tun. Hier kann nur kurz an ein paar Dinge aus dem Provinzialat P. Boegners erinnert werden. Das Wirken eines Obern, und vielleicht in besonderer Weise das P. Boegners, vollzieht sich ja hauptsächlich in der Stille; und gerade P. Boegner trat so selten an die Öffentlichkeit. Es gehört ohne Zweifel zu seinen besonderen Verdiensten, daß er viele junge Patres in die neuerstandenen Stationen in Mitteldeutschland schickte und so diese Niederlassungen mehr und mehr ausbaute und festigte. Neu errichtet wurden von ihm die Residenzen in Leipzig und Weimar, das Exerzitienhaus in Berlin-Steglitz und vor allem das Noviziat auf dem Jakobsberg. Freilich verbindet sich damit zugleich auch die Erinnerung an den schwersten Schlag seines Provinzialates, an das Unglück von Herrsching (19. 6.1951).

Man hat manchmal geäußert, es hätten P. Boegner als Obern die große Perspektive, das gelegentliche energische Durchgreifen u. ä. Eigenschaften gefehlt. Ein jeder, auch der Obere, hat seine menschlichen Grenzen. Es dürfen aber bei P. Boegner, der 25 Jahre hindurch fast ununterbrochen Oberer war, nicht übersehen werden, seine außergewöhnliche Selbstlosigkeit, seine selbstverständliche Bescheidenheit und seine große brüderliche Liebe. In den Stellungen, die er als Oberer einnahm, gab es damals nirgends viel Ehre zu ernten. Es war meistens stille Aufbauarbeit, entweder ein Neubeginnen wie in Litauen oder ein Wiederaufbauen zerstörter Arbeiten und Stellungen wie in der Heimatprovinz. Zäh und unverdrossen hat da P. Boegner gearbeitet, oft über das Maß seiner Kräfte. Kaum hatte er das Provinzialat übernommen, sah er es als eine seiner ersten und wichtigsten Aufgaben an, die über ganz Deutschland verstreuten Mitglieder seiner Provinz zu besuchen. Er tat es unter großen persönlichen Opfern und bei den damals noch recht primitiven Reiseverhältnissen. Alle, die er in ihrer Einsamkeit aufsuchte, danken es ihm heute noch, daß er sie nicht vergaß. Es fehlte der Provinz weithin der Zusammenhalt in größeren Häusern und Kommunitäten; dafür haben die väterliche Güte und starke Liebe des Provinzials die Provinz in jenen kritischen Jahren zusammengehalten.

P. Boegner war keine nach außen glänzende und bestechende Persönlichkeit, er war auch kein mitreißender, begeisternder Redner und Prediger. Seine Stärke war seine Liebe und seine schlichte Selbstverständlichkeit, gerade auch als Oberer. Unauffällig und selbstverständlich tat er alles und war er für die Seinen da. Ebenso unauffällig, ja fast selbstverständlich war er auch in seine Stellung und Aufgabe als Oberer hineingewachsen. Es mag sein, daß andere in manchen Situationen energischer aufgetreten wären und stärker durchgegriffen hätten, aber schwerlich wird es ihm jemand in seiner väterlichen Güte und schlichten Selbstverständlichkeit gleichtun.

Schon die letzten Jahre seines Provinzialats mußte P. Boegner wegen seiner immer offenkundiger werdenden Herzkrankheit mehrfach aussetzen oder gar das Krankenhaus aufsuchen. Besonders im Winter 1953/54 war sein Zustand recht bedenklich. Darum wurde er bereits am 25. März 1954 von seinem Amte abgelöst. Er verbrachte dann die letzten Jahre seines Lebens als Spiritual des Canisiuskollegs und wirkte daneben noch als außerordentlicher Beichtvater in einigen Berliner Schwesternkommunitäten. Im November 1956 hatte er sich stark erkältet. Zuerst glaubte er die Erkältung zu Hause überwinden zu können, mußte aber bald einsehen, daß dies unmöglich sei. So ging er Ende November "für 14 Tage" ins Krankenhaus. Es wurden aber fast zwei Monate daraus. Mitte Januar kam er ins Canisiuskolleg zurück, nahm noch einmal seine Arbeit als Spiritual auf, aber schon bald wurde klar, daß er ohne herzstärkende Mittel, besonders nachts, keine Ruhe fand. So mußte er wieder ins Krankenhaus gebracht werden. Am 25. Januar erlitt er dann einen schweren Herzasthmaanfall, so daß er versehen wurde. Er erholte sich auffallend rasch, aber schon wenige Tage später wiederholte sich auch der Anfall. Es ging auch danach noch einmal relativ gut, aber es war auch klar, daß P. Boegner nicht mehr hochkommen würde. Am 6. Februar, kurz nach 17 Uhr, ist er dann plötzlich, ohne längeren Todeskampf, eingeschlafen.

P. Boegner war ein einfacher und schlichter Mann, ein tieffrommer und selbstloser Priester und Ordensmann und ein väterlich sorgender Oberer, dessen Andenken bei allen, die ihn kannten, lange lebendig bleiben wird.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 118, S. 136-142