P. Bernward Brenninkmeyer SJ
* 19. Oktober 1919 in Berlin
eingetreten am 20. April 1938 in Mittelsteine
zum Priester geweiht am 25. Juli 1948 in Pullach
5. September 1990 in Berlin

Einführung in das Requiem für P. Brenninkmeyer am 12. September 1990
Wir sind in dieser Stunde zusammengekommen, um Abschied von P. Bernward Brenninkmeyer zu nehmen. Morgen, am Donnerstag, werden wir ihn endgültig der Erde zurückgeben und an das Wort denken "Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück. Der Herr aber wird dich auferwecken zum ewigen Leben". Heute feiern wir die Eucharistie: Wir sagen Dank, daß es Bernward gegeben hat; wir loben Gott, daß er ihn so reichlich ausgestattet hatte und ihm Mut machte, so zu werden, wie er dann für uns wurde. Bernward Brenninkmeyer war eine Gabe Gottes an die Kirche und an. den Orden. Und wir bitten, daß er seine beseligende Wohnstatt findet, nachdem er mehr als zwölf Jahre viel Traurigkeit und manche seelische Dunkelheit durchlitten hat.

Willkommen zu diesem Gottesdienst möchte ich heißen unsern Berliner Bischof, den Provinzial unserer Norddeutschen Provinz, die Mutter und Geschwister der Familie, jene, die ihm in den letzten Jahren das Leben erleichtert und verschönt haben und mit ihm viele Not durchgestanden haben, die Berliner Kolpingsfamilie, die Hausgenossen von St. Clemens, des Ignatiushauses und des Peter-Faber-Kollegs.

P. Bernward hatte und hat für uns Jesuiten in mancherlei Hinsicht Bedeutung. Er war ein engagierter Seelsorger, intelligent, aber er arbeitete nicht wissenschaftlich; er war Menschen nahe und behielt zugleich eine klare Distanz; er suchte Gottes Willen und machte sich zugleich selbst Gedanken, wie diese Welt im Geiste Gottes gestaltet werden müßte. Er vertraute auf Gott, nahm zugleich aber seine eigene Verantwortung wahr; er war der Kirche zugetan und treu, aber er sah alle Schwächen in der Kirche und war auf der deutschen Synode ein kritischer Mit-Denker.

Man kann in P. Bernward Ignatius in verschiedener Weise wiedererkennen und dessen Intentionen, dem Herrn in der Kirche zu dienen. Bernward diente dem Herrn in der Kirche, er hatte dabei einen aufrechten Gang. Und er lebte nach dem Axiom des Ignatius, ganz in allem auf Gott zu vertrauen und zugleich alles zu tun, als ob der Erfolg vom eigenen Einsatz abhänge.

P. Bernward war viele Jahre unser Oberer, eher ein Freund, ein Beichtvater, ein Begleiter, kein Chef. Er machte es uns leicht, die Gewissensrechenschaft abzulegen, weil er Gewissensentscheidungen achtete. Er setzte sich für uns ein, damit die Begabungen Freiräume bekämen und förderte viele von uns in ihrem Bemühen, sich selbst wahrzunehmen und frei zu werden für andere. P. Bernward machte keine Angst. Diejenigen, die uns im Orden verließen - und es waren viele in seiner Zeit, was ihm außerordentlich zu schaffen machte -, jene also verließen den Orden mit Würde und Dank.

P. Bernward Brenninkmeyer hat Bedeutung für den Orden, weil er daran mitwirkte, der pastoralen Ausrichtung eine neue Perspektive zu erschließen. Die Generalkongregation 1974/75 umschrieb den Auftrag des Ordens für die heutige Zeit so: "Als Dienst des Glaubens und Förderung der Gerechtigkeit". Beide gehören zusammen, eines ist ohne das andere nicht zu haben. Ich denke, P. Bernward konnte viel aus eigener Erfahrung in dieses Thema einbringen, kannte er doch die Welt derer, die anderen Brot beschaffen, die Einfluß haben, etwas besitzen; und er war oft mit denen zusammen, die nichts hatten. Er war ein guter Mittler zwischen beiden Wirklichkeiten.

Wir haben ihn gehen lassen, ohne ihn zurückhalten zu wollen; denn er hatte so viel gelitten. Wir hätten ihn noch gern unter uns gehabt, weil er ein überzeugender Christ war.

P. Werner Herbeck SJ

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Predigt beim Requiem für P. Bernward Brenninkmeyer am 12. September 1990 Lesung: Phil 2, 5-11 - Evangelium: Joh 12, 23-26
Es war vor gut sieben Jahren, als P. Brenninkmeyer, wie so oft in letzter Zeit, von der Krankheit stark geschwächt das Krankenhaus aufsuchen mußte. Er bat einen Mitbruder zu sich und äußerte einen Wunsch: "Wenn Sie einmal mein Begräbnis gestalten müssen, dann wählen Sie bitte diese beiden Texte: den Christushymnus aus dem Philipperbrief und die Perikope vom Weizenkorn, das sterben muß. Denn diese beiden Texte bedeuten mir sehr viel."

Die Bildrede vom Weizenkorn - wohl alle, die ihn aus der Zeit seines großen Wirkens kannten und ihm nun in den letzten Jahren begegneten, haben mit Schmerzen beobachtet, wie zumindest der erste Teil des Wortes an ihm Gestalt wurde: mehr und mehr fiel er in sich zusammen, wurde zum Weizenkorn, das vor sich hinstarb. Wenn er nun endlich den letzten Atemzug tun durfte, so bedeutet das schon eine Erlösung. - Es gehört zu den abgrundtiefen Geheimnissen Gottes, warum gerade glaubwürdige und große Menschen oft so lange darauf warten müssen, bis sie endlich von ihm heimgerufen werden; z. B. auch Pater Arrupe, dem sich P. Brenninkmeyer eng verbunden fühlte.

Der Christushymnus des Philipperbriefes: "Seid so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht!" - Ein Beispiel dieser Gesinnung steht mir noch lebendig vor Augen. Ich war Zeuge einer der vielen Verabschiedungen, die P. Brenninkmeyer über sich ergehen lassen mußte: in dem von ihm mit so vielen Schwierigkeiten erbauten Kolpinghaus in der Methfesselstraße fand sie statt. Aus Köln war eigens der damalige Kolping-Generalpräses Msgr. Fischer angereist, um ihn mit einer besonderen Verdienstmedaille zu ehren. Die ganze Feierlichkeit war gar nicht nach seinem Geschmack, wie er es ja auch sonst nicht liebte, besonders beachtet zu werden. Andererseits wußte er: diese Auszeichnung ablehnen, das ging auch nicht; das hätte einen Affront bedeutet. In seiner Antwortrede sagte er dann sinngemäß: zwar freue er sich über diese Ehrung und nehme sie auch dankbar an; doch als Jesuit fühle er sich der Denkweise des hl. Ignatius verbunden. Von ihm habe er es gelernt, um jene Ehrenzeichen zu beten, mit denen unser Herr Jesus Christus geschmückt wurde: Schmach und Spott und Hohn.

Und diese Zeichen gab es in seinem Leben in reichem Maße; nicht in der plumpen Form offener Aggressivität, sondern in der subtilen Weise, daß man ihn verkannte, seine Absichten mißdeutete. Besonders während seiner Amtszeit als Provinzial während der 70iger Jahre mußte er innerhalb und außerhalb des Ordens oft genug den Vorwurf hören, er greife nicht kräftig genug durch; kein Wunder, wenn dann manches drunter und drüber gehe. Mit Engelsgeduld war er bemüht, zu informieren, Sachverhalte in ihren komplexen Zusammenhängen aufzuzeigen, um Verständnis für das Denken anderer zu werben und dafür, daß eine Welt von morgen nicht mit Ansichten von gestern gestaltet werden könne. Oft genug stieß er dabei an jene Grenzen, die am härtesten sein können: Mauern, die aus Überheblichkeit und Besserwisserei zementiert sind. Natürlich hat er darunter gelitten; doch in seiner menschlich vornehmen Art blieb er sich treu; entsprechend dem Vorbild des verkannten Christus, an dem er sich immer wieder ausrichtete.

Von P. Brenninkmeyer sprechen heißt, von den Menschen sprechen, für die er sich abgerackert hat. Das sind die zigtausende Hörer am Rundfunk in West und Ost, denen er beinahe 20 Jahre hindurch Worte der Ermutigung, der christlichen Orientierung und Lebenshilfe zugesprochen hat. Wie intensiv er an diesen Texten zu arbeiten pflegte, konnte ich manchmal erleben, wenn ich ihn um einen Beitrag für die Zeitschrift "Kolping in Berlin" bat. Einmal gab er mir ein Manuskript, bei dem er noch in der Reinschrift mehrere Korrekturen angebracht hatte und sagte: "Eigentlich müßte jetzt erst die Feinarbeit beginnen." Menschen, für die er sich abgerackert hat, das sind die vielen, die gerade aufgrund seiner Ansprachen ihn dann persönlich aufsuchten und seine geistliche und materielle Hilfe suchten. Wieviel Kraft hat er da investiert: im Sprechzimmer, bei der Beratung. Er war der geduldige Zuhörer, immer, ganz aufmerksam und gespannt, der mit großer Vorsicht aber doch klar seinen Rat gab.

Zu dieser Menschengruppe, für die er gearbeitet hat, gehört schließlich das Kolpingwerk. Nicht umsonst die vielen Banner. Leute, die in den Jahren 1952/1971 mit ihm als Diözesanpräses eng zusammengearbeitet haben, sind noch heute begeistert von seinem Arbeits- und Führungsstil. Es war seine Art, so berichten sie, zunächst lange und aufmerksam zuzuhören. War dann die Diskussion an einen Punkt gekommen, an dem neue Ideen nicht mehr zu erwarten waren, nahm er das Wort, faßte in kurzen und präzisen Formulierungen zusammen und brachte so die ganze Auseinandersetzung auf den Punkt. - Natürlich gehört in diesen Abschnitt auch das schwierige Kapitel Kolpinghaus. War das große Bauvorhaben am Kreuzberg seine Idee oder wurde er mehr von anderen Verantwortlichen im Verband dazu gedrängt? Ich habe das nie ganz durchschaut. Tatsache ist, daß vor allem der durch Rechtsstreitereien so lange verzögerte Baubeginn zu den großen Finanzierungsproblemen des Projektes geführt hat. Ich meine, die große Krankheit, die das letzte Jahrzehnt seines Lebens überschattete, hat hier ihren Anfang genommen.

Es überrascht nicht, daß ein Priester mit diesen reichen Erfahrungen, mit der Vielfalt an Fähigkeiten und Begabungen in seiner Wirksamkeit nicht auf das Gebiet Westberlins begrenzt bleiben konnte. Anfang der 70er Jahre wurde er von den Berliner Katholiken als Delegierter für die Gemeinsame Synode der bundesrepublikanischen Bistümer in Würzburg gewählt und arbeitete engagiert in der Arbeitsgruppe 7 mit: Dienste, Charismen, Ämter.

Die schwierigste Aufgabe wurde ihm 1971 übertragen, als P. Arrupe ihn zum Provinzial der damals noch bestehenden Ostdeutschen Jesuitenprovinz ernannte. Ich erinnere mich an ein Gespräch aus dieser Zeit. Er fragte mich, ob ich bereit sei, im Kreis der Berater des Provinzials mit ihm zusammenzuarbeiten. Meine Antwort, von der ich annahm, sie werde ihn schockieren, nahm er sehr gelassen. Ich sagte ihm, in einer weiterhin selbständig bestehenden Ostprovinz sähe ich wenig Sinn. Vielmehr hat mich dann überrascht, was er von sich aus hinzufügte: "Pater, mir geht es ähnlich. Und deswegen sehe ich meine Aufgabe darin, nach einer Lösung zu suchen, damit es für die Mitbrüder in unserer Provinz eine Zukunft gibt." Mit welcher Zähigkeit er dann sieben Jahre lang an der Lösung dieser Aufgabe gearbeitet hat, gegen den Widerstand vieler eine verantwortbare Zusammenlegung der West- und Ostprovinz zur Norddeutschen Jesuitenprovinz vorzubereiten. Viele Mitbrüder, die heute abend hier in St. Canisius zur Eucharistie versammelt sind, werden sich dankbar seiner aufopfernden Arbeit während dieser Jahre erinnern.

"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht."
Sein jahrelanges Sterben haben wir miterlebt. Nur selten ist es uns geschenkt, auch die Frucht zu erkennen, die solches Sterben zur Folge hat. In einer RIAS-Morgenfeier am Ostersonntag 1972 hat er diese Frucht aus dem Glauben beschrieben. Hören wir zum Schluß nach einmal seine Worte:

    "In der Auferstehung durchbricht unser ganzes Menschsein gleichsam die Schallmauer des Todes. Es explodiert sozusagen aus der Phase seines Lebens voll vielfältig erfahrbarer Zwiespältigkeit, Zerrissenheit, ständiger Bedrohung ... hinein in seine vollkommene, endgültige, bleibende Gestalt; hinein in eine unendliche Freiheit ...

Gewiß meine Hörer, ich weiß, alles, was ich gesagt habe, erklärt eigentlich gar nichts; aber es macht vielleicht doch ein wenig leichter - zu glauben. Jedenfalls glaube ich daran und versuche - davon zu leben."
Wünschen wir für ihn und für uns, daß er nun wirklich daraus leben kann. Amen.

R.i.p.

P. Hans-Georg Lachmund SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1990 - Oktober, S. 133-36