P. Joh. Bapt. Drüding SJ
8. Oktober 1945 in Waldtal bei Breslau

Geboren ist P. Johannes Drüding in Damme (Südoldenburg) am 22. November 1873 als ältestes von sechs Kindern. Der Vater war Beamter und wurde einige Jahre später nach Vechta versetzt, wo Hans seine Kindheit und Jugendzeit verlebte und auch das dortige Gymnasium besuchte. Das Lernen fiel ihm nicht schwer, aber er hatte noch manche andere Interessen, und wo es galt, etwas anzustellen, war er dabei.

Obschon zu Mutwillen und Streichen sehr aufgelegt, steckte in ihm doch ein tief religiöser Kern. Nicht alle erkannten dies. Darum war mancher sehr verwundert, als er sich nach dem Abitur im Sommer 1893 für die Theologie entschloß und nach Münster ins Borromäum zog. Der Plan, ans Germanikum zu kommen, hatte sich zerschlagen. Ein der Familie befreundeter Priester äußerte sich damals über diese Berufswahl: "Ich glaube, der wird bald umschwenken!" Aber er schwenkte nicht um, sondern ging in der gleichen Richtung noch weiter. Nach fünf Semestern Theologie trat er am 22. April 1896 zu Blyenbeek ins Noviziat der Gesellschaft Jesu ein, wo damals R. P. Thill die etwa 70 Mann zählende Novizenschar bertreute.

Es folgten dann 1898/1900 ein philosophisches Biennium in Valkenburg, ein Jahr Interstiz bei den Holländern in Nymegen und drei weitere Jahre in Sittard. Im Herbst 1904 begann er die Theologie und wurde 1906 in Valkenburg zum Priester geweiht. 1907/08 war er in der Prophetenschule bei P. Andelfinger in Exaeten, von wo aus er viel in Deutschland, vor allem im Exerzitienhaus in Viersen, arbeitete. 1908/09 folgte das Terziat in Wynandsrade unter P. Heinzle ("Potztausend!"), dem er am Schluß sagte, er habe mit Gottes Gnade seinen Hauptfehler, die Schüchternheit, einigermaßen überwunden. Danach ging es wieder in die Seelsorge, 1910/12 war er Rhetorikprofessor in Valkenburg, und allmählich wurde Köln mehr und mehr die Stätte seines Wirkens.

Schon als Scholastiker, noch mehr als junger Pater bewies er, daß er sich in fremden, anders gearteten Verhältnissen schnell zurechtfinden und in neue Arbeitsgebiete leicht einarbeiten konnte. Diese Wendigkeit wie auch eine stete Liebe zu der ihm jeweils anvertrauten Aufgabe sollten ihm auch später noch oft zustatten kommen. So war er ganz der rechte Mann für die damals einsetzende Exerzitienarbeit für Arbeiter und Rekruten. In Köln kam dann die Arbeit in den Männer- und Jungmännerkongregationen und im Gesellenverein hinzu, alles Arbeiten, auf die er später stets mit großer Freude und Dankbarkeit zurückgeschaut hat.

Gegen Ende des ersten Weltkrieges gelang ihm die von P. Provinzial Kösters aufgetragene Gründung einer Niederlassung in der Albertusstraße in Köln, deren erster Oberer er wurde. Das Haus war indes noch nicht eingerichtet und die Residenz noch nicht ausgebaut, als R. P. Provinzial Kösters ihn zu seinem Socius berief. Ihm und seinem Nachfolger, R. P. Bley, hat er sodann sechs Jahre "in steter Hilfsbereitschaft" gedient.

Es war", so schreibt R. P. Bley, "zur Zeit unseres Umzuges von Holländisch-Limburg nach Deutschland. Es galt, hier festen Fuß zu fassen, die für uns passenden Arbeiten auszuwählen und neue Niederlassungen zu gründen. Anregungen und Hinweise aus eigenen Reihen und von Auswärtigen, Einladungen und Schwierigkeiten erforderten naturgemäß manche persönliche Rücksprache und örtliche Besichtigung. P. Drüding war stets mit ganzer Seele bei der Sache und nahm gern die Strapazen weiter Reisen auf sich... Besondere Freude machten ihm die sommerlichen Visitationsfahrten nach Schweden und Dänemark sowie die ersten Erkundungen in Ostdeutschland und Litauen. Doch bisweilen drohten die Strapazen zu arg zu werden. Als wir 1923 vom hohen Norden her während des passiven Widerstandes durch das besetzte Ruhrgebiet nach Köln zurückkehrten, wurden wir nicht mehr zugelassen und bei Hohensyburg ohne jeden Grund aus dem D-Zug gewiesen. Wir besuchten zunächst das Bonifatiushaus und Ignatiuskolleg, kamen nach Aachen und mußten von Eschweiler unsere schweren Koffer in der Julihitze eines Sonntagvormittags nach Düren schleppen. Schon sahen wir die Stadt in der Ferne, als P. Socius stöhnte und taumelte, sein Gesicht sich verfärbte und blau wurde. Wir setzten uns in den Straßengraben; er konnte nur noch stockend hervorbringen: Ich kann nicht mehr!..."

Am 24. Mai 1924 wurde P. Drüding von P. Ansgar Holtschneider als Socius abgelöst und kam bald danach als Männerseelsorger nach Frankfurt (Main). Über diese seine Tätigkeit schreibt das "Frankfurter Katholische Pfarrblatt" vom 3. Februar 1946: "Er leitete die Frankfurter Männerkongregation am Dom in den Jahren 1924-1930 und führte sie in dieser Zeit auf eine beachtliche Höhe. Während sich die Zahl ihrer Mitglieder aus allen Ständen und Berufen von Jahr zu Jahr weit über das gewohnte Maß hinaus erhöhte, erstarkte gleichzeitig in ihrem Innern der echte Soldatengeist, der Geist des Apostolates und des Bekennermutes. - Die erhebende alljährliche Marienfeier der katholischen Männer Frankfurts im Park der Hochschule St. Georgen verdankt P. Drüding ihren Ursprung.

Voll unermüdlicher Arbeitskraft war unser Präses bestrebt, seinen Männern stets neue Anregungen zu geben und sie vor neue Aufgaben zu stellen. Sein letztes Werk, gleichsam sein Vermächtnis an seine Frankfurter Sodalen, war die Errichtung der Canisiusstiftung zur Unterstützung armer Theologie-Studierender an der Phil.-theol. Hochschule St. Georgen, ein Vermächtnis, das auch durch die Fährnisse der letzten Jahre glücklich hindurch gerettet wurde.

Leutselig gegen jeden, ein gütiger Helfer in aller Not, ein Mann voll tiefen Gottvertrauens und sieghaften Frohsinns, ein begnadeter Seelsorger, hat P. Drüding sich ein unzerstörbares Denkmal in den Herzen seiner Frankfurter Männer gesetzt."

Nach sechsjähriger Tätigkeit verließ er Frankfurt, um die letzte Station seines Lebens zu beziehen: Breslau. Am 10. Oktober 1930 wurde er als Superior des Breslauer Hauses verkündet und blieb dort auch nach der Ablösung vom Obernamt. Im ganzen waren es fast auf den Tag genau 15 Jahre. Rastlos arbeitete er auch hier, predigte, hielt Vorträge, gab jährlich eine große Anzahl Exerzitienkurse und hörte sehr viel Beichten. Dazu kam die Verwaltungsarbeit, die mit der Sorge für die drei Breslauer Häuser verbunden war. Als Oberer einer großen Seelsorgsresidenz konnte er seine reiche Erfahrung in der Verwaltung und in den verschiedensten Zweigen der Seelsorge gut verwerten. Und er wurde nicht bloß von den Unsrigen in Anspruch genommen, sondern sein Rat und seine Hilfe auch von Auswärtigen, besonders von Oberinnen großer Schwesternhäuser und Kongregationen gesucht. Und wie man immer wieder hören konnte, hat er gut geraten. Lange Jahre hindurch war er auch 2. Vorsitzender und eifriger Mitarbeiter der Missionskonferenz der missionierenden Orden.

Ein Beweis besonderen Vertrauens in seine Fähigkeiten als Oberer war es, als Kardinal Bertram ihn zur Zeit der Göbbels'schen Prozesse gegen die Orden zum kanonischen Visitator der schlesischen Provinz der Barmherzigen Brüder vom hl. Johannes von Gott ernannte. Nach Abschluß der Visitation übernahm er dann die geistliche Betreuung der schlesischen Brüderprovinz. Treu und gewissenhaft bereiste er monatlich die einzelnen Klöster, einige sogar noch öfter, hielt Vorträge, gab Gelegenheit zur hl. Beichte und half auch sonst, wo sein Hilfe erbeten wurde. Diese Fahrten wurden für ihn bei seinem körperlichen Zustand immer anstrengender, aber seine arbeitsfreudige, apostolische Natur hielt durch und ließ sich von übernommenen Pflichten nicht abhalten.

P. Drüding war eigentlich schon seit den Tagen seines Scholastikates krank. Bereits in der Philosophie machte sich ein Unterleibsleiden bemerkbar, das ihn nicht mehr verließ. Aber die Beschwerden blieben erträglich und sind von ihm auch mit Humor ertragen worden. In späteren Jahren stellte sich ein Herzleiden ein, das ihm dann in den Breslauer Jahren mehr und mehr zu schaffen machte. Trotzdem hat er sich nach jedem Schwächeanfall immer wieder aufgerafft und unermüdlich durchgehalten.

Recht bedrohlich wurde sein Zustand im Frühjahr 1944. Eine gründliche Untersuchung im Krankenhause ergab, daß er Todeskandidat sei und mit einem plötzlichen Tode rechnen müsse, er werde höchstens noch ein bis zwei Jahre leben. Trotz seines Zustandes konnte er noch ziemlich regelmäßig die hl. Messe lesen, während der er sich aber mehrere Male setzte. Als dann im Herbst 1944 wegen steigender Fliegergefahr die Unsicherheit und Aufregung in der Stadt immer größer wurde, brachte man ihn nach Waldtal bei Kanth, 16 km vor Breslau, in ein Altersheim der Elisabethinerinnen. Hier erlebte er im Frühjahr 1945 den Einzug der Russen, wurde mit den Schwestern aus dem Hause ausgewiesen in die Pfarrei und mußte Tätlichkeiten und Beraubungen über sich ergehen lassen. Doch überstand er noch einmal glücklich alle Aufregung und Unruhe einer bewegten Zeit. Er war schon längst ein völlig arbeitsunfähiger Mann. Von dem "alten Löwen" war nur mehr der große Kopf mit den wenigen, aber langen Haaren und die alte geistige Lebendigkeit übrig geblieben, Als man am Abend des 8. Oktober zwischen 11 und 12 Uhr nochmals nachsah, wie es ihm gehe, ob er etwas wünsche, fand man ihn tot, halb im Bette, halb außerhalb des Bettes zusammengebrochen. In der letzten äußersten Not hat er wohl aufstehen und Hilfe suchen wollen, und dabei sank er tot zurück.

Zum Schluß sei noch in zusammenfassender Form das Urteil zweier Mitbrüder wiedergegeben, die die Breslauer Jahre entweder ganz oder größtenteils mit ihm zusammen waren. "Körperlich eine robuste, massive Gestalt huldigte er dem Grundsatz, die Berge von unten und die Bergwerke von oben zu sehen. Ausgedehnte Fußtouren liebte er nicht. Als Mensch war er ein umgänglicher, kenntnisreicher, für alles (mit Ausnahme der Lyrik) aufgeschlossener Mann, eine durchaus praktisch veranlagte Natur. Daheim konnte er bei passender Gelegenheit auch mal ein Studentenlied anstimmen. Er suchte Freude zu schaffen, wo er konnte. Auch als Oberer ergriff er jede Gelegenheit, um frohe Stimmung zu schaffen oder zu fördern. Darum lud er öfter die Kommunität (mit den Brüdern) zu einem abendlichen Grog oder einer Bowle ein und war froh, wenn alle da waren und mittaten. Dann konnte er zeitweise ganz übermütig und lustig werden.

Als Oberer war er gerecht, ließ sich nicht durch Gefühle, Sympathien, oder Antipathien leiten. Er war eine ehrliche, aufrichtige Natur, ein Feind aller Verschwiegenheiten und Unvernünftigkeiten, aller Unklugheiten und Eigenbrödeleien. Wenn ihm solches entgegentrat, konnte er kurz, vielleicht auch grob werden und verletzen. Aber er trug nicht nach und suchte durch Dienste und Hilfe wieder, gut zu machen, was geschehen war. Er lobte, wo er loben konnte, förderte die Arbeiten seiner Mitbrüder, und auch wenn er mahnen oder warnen mußte, tat er es mit Ruhe und Liebe. Großzügig entsprach er berechtigten Wünschen seiner Untergebenen und hat vor allem viel getan für den Ausbau der Breslauer Hausbibliothek.

Als Priester und Ordensmann nahm er es ehrlich und genau. In seiner männlichen Art fühlte und gab er sich ebenso als dankbares Kind wie als verantwortliches Glied der Gesellschaft. Eifrig war er auf ihren guten Ruf bedacht. Bis in seine letzten Lebenstage beschäftigte er sich mit der Abfassung einer "Geschichte der Gesellschaft Jesu in Charakterbildern". Er studierte fleißig dafür, hat aber nur einige dieser Charakterbilder fertiggestellt. Obwohl in den letzten Lebensjahren schwer leidend, wollte und duldete er keine Ausnahmen und machte das Gemeinschaftsleben, soweit es ging, mit. Mag auch manches von dem, was P. Drüding mitaufgebaut hat, in Trümmer gesunken sein und einstweilen verloren erscheinen, sein persönlicher Einsatz für Gott und die Seelen, für die Kirche und die Gesellschaft wirkt weiter und behält seinen inneren, alle Wechselfälle überdauernden Wert."

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 113, S. 109-112