P. Josef Dubis SJ
gefallen am 27. April 1945 in Berlin

Die äußeren Stationen seines Lebens sind leicht genannt: Am 13. 2. 1912 in Breslau geboren, zog er später mit den Eltern nach Berlin. Wenn auch von der Millionenstadt stark beeindruckt, blieb er doch bewußt der schlesischen Heimat treu. Wieder in Breslau, besuchte er das Internat Kurfürst Franz Ludwig, das "Spittel", und absolvierte 1930 das Matthias Gymnasium. Hier entschied sich auch seine Berufswahl. Er trat am 29. 4. 1930 mit 6 anderen "Spittelisten" in das Noviziat der Gesellschaft Jesu in Mittelsteine ein. Unter der milden klugen Leitung von P. C. Kempf wurde das Fundament gelegt, das aus dem "Welt- und Sportsmann", der gern brüderlich geneckt wurde, den jungen Ordensmann werden ließ.

Im Jahre 1932 begann er seine Philosophie in Valkenburg. Hier öffnete er sich nicht nur der Weisheit und Wissenschaft, sondern las viel und begeistert und machte die ersten schriftstellerischen Versuche in den Hauszeitschriften "Sprache" und "Studien", von denen einer sogar in die "Seele" als Jahresleitartikel wanderte. Hier wie im Noviziat war er der allzeit-heitere und geduldige Mittelpunkt neckender, mitbrüderlicher Unterhaltung. Mit großem Eifer widmete er sich vielen Sportarten, mit Vorliebe dem Tennissport.

1935 ging er als Präfekt nach Mariaschein. Hier erwies sich zum ersten Male seine Fähigkeit, Menschen zu führen. Mit Meisterschaft verstand er es, die große Schar seiner Jungen (zeitweise über 100) als beliebter und moderner Maggi (Magister) zu allem Guten und zu ernstem Studium zu führen. Die Jungen hatten ihn gern, die Division war in Ordnung. So wurde er Anfang 1937 nach dem Internat Tetschen auf den schwierigen Posten des einzigen Präfekten versetzt. Wenn er auch gern bei dieser Arbeit war, so sehnte er sich doch nach dem Priestertum, und freute sich, daß er im Herbst 1937 die Theologie in Frankfurt/Main beginnen durfte. Mit großem Eifer studierte er hier, gleichzeitig offen für alle Fragen der Zeit, lebendig an allem Anteil nehmend.

Mit dem Ausbruch des Krieges wurde die Sehnsucht nach dem Priestertum, dem er ganz nahe war, das aber möglicherweise durch den Krieg in weite Ferne gerückt wurde, immer brennender. Diese Sehnsucht erfüllte sich doch noch am 17. 4. 1940 am Palmsonntag, als er mit 6 Mitbrüdern von Bischof K. Graf von Preysing in St. Clemens Berlin zum Priester geweiht wurde. Bald danach mußte er statt des schwarzen, den grauen Rock anziehen. Im Herbst 1940 wurde er als Sanitäter nach Kassel eingezogen. Er kam erst nach Frankreich. Dann wurde die Einheit nach dem östlichen Kriegsschauplatz verlegt. Hier machte er den ganzen Vormarsch mit, bis ihn die Verfügung der Nazi-Regierung erreichte, daß Jesuiten als wehrunwürdig zu entlassen seien. Von seiner Militärzeit berichtete er ganz besonders gern von den Gelegenheiten die sich ihm boten, das hl. Meßopfer zu feiern. Er war beliebt bei Kameraden und Vorgesetzten und erlebte diese Zeit als ein praktisches "Noviziat seines Priestertums".

Mitte Januar (12. 1. 1942) rückte er in die ordentliche Seelsorge als Kaplan bei St. Christophorus Berlin-Neukölln ein. Er war gern auf diesem Platz und hat seinen ganzen Eifer, seine ganze Kraft und vielseitige Begabung dieser Aufgabe geweiht. Allerseits beliebt als Jugendführer, gehaltvoller Prediger (er arbeitete alle Predigten gewissenhaft schriftlich aus) und Beichtvater. Mitten aus reichlichen Plänen hat ihn der Herrgott am 27. 4. 1945 (fast genau 15 Jahre nach seinem Ordenseintritt, im beginnenden 6. Jahre seines Priestertums) durch die Kugel der Russen zu sich gerufen. Er hat den Tod nicht erwartet, aber wohl geahnt, wie seine Generalbeichte, von der er erzählte, und die Abschiedsbesuche bei seiner Schwester, Mitbrüdern und Freunden beweisen.

Nach langem Suchen wurde sein Leichnam, der bereits auf dem Reuterplatz, vor dem Kirchengrundstück, vergraben war, am 15. Mai 1945 aufgefunden. Die Beerdigung erfolgte am Freitag, dem 18. Mai 1945 auf dem St. Matthias-Friedhof. Wie beliebt er war, zeigte die Anteilnahme an seinem Tode und die Mühen, die vor allem seine Mädel auf sich nahmen, um ihn zu finden. Den Segen seiner Wirksamkeit kann man aus den Äußerungen der Gemeinde und der Jugend ahnen.

Dieses äußere Bild seines Lebens läßt auch schon einige Blicke auf das Bild seines inneren Lebens zu. Die äußeren Situationen sind zudem vielfach auch Stationen des inneren Lebens. Es ist aber schwer, sein inneres Leben auf einen Nenner zu bringen. Nicht etwa, weil sein Charakter so schwierig war - im Gegenteil, man kann ihn im Grunde schlicht und einfach nennen. Doch offenbart sein Leben eine solche Fülle von Anlagen und Fähigkeiten, daß es schwer ist, dies mit wenigen Worten zu tun. - Ich sagte schon, daß er seine schlesische Heimat immer liebte. Ich möchte deshalb sein inneres Bild mit dem zeichnen, was er einmal in einem Aufsatz über den Schlesier sagte. Darin zeichnet er zum großen Teil sich selbst.

"Was verbindet sich in uns mit dem Worte "Schlesier"? Denken wir da nicht oft an ein gutmütiges, kindliches Gemüt, dem keiner etwas zu Leide tun kann, in dem keine Bosheit wohnt? Und doch ist Gutmütigkeit die erste Stufe zu wahrer, natürlicher Herzensgüte, zu einer Güte, die verzeihen kann, und noch mehr als das, die zu vergessen und den Feind zu umarmen vermag."

P. Dubis hatte ein wahrhaft kindliches Gemüt, das in der Beherrschung zur Herzensgüte wurde. So war er offen für alles, niemals hart. Er sah sehr gut, daß dies "die Schwäche, aber auch die Stärke dieses Menschen" ist. Das befähigte ihn zur seelischen Führung der Menschen: Er hörte zu, er fühlte mit. Er fand so das Goldkorn im Grunde jeder Seele. Er befreite so viele aus ihrer Enge, aus dem Unverstandensein, aus den Sorgen auch zeitlicher Art. Denn auch darin half er großzügig. Man öffnete sich ihm, weil er ein "guter Mensch" war. Auf die Gefahr, daß ein solcher Mensch in zeitlichen Dingen und seelisch ausgenutzt werden konnte, daß er sich verlieren konnte in fremder Not, meinten ihn seine Vorgesetzten, sein Pfarrer und die Ordensoberen zuweilen aufmerksam machen zu müssen. Wenn dieses Gute auch nicht kraftlose Schwäche war, kann es geschehen, "daß die Natur emporschießt, daß ein Urwald wird, wild und gewaltig, groß und leidenschaftlich, ein Wucherwald, der alles Schöne überdacht". Er sah und erkannte diese Gefahren.

Neben dieser natürlichen Güte zeichnet den Schlesier aus sein Sehnen nach Tiefe, nach Weite, das ihn notwendig zu Gott führt. P. Dubis erwähnt Stehrs Nathanael Mechler. Er könnte auch Angelus Silesius, Jakob Böhme. Eichendorff und Zinzendorf nennen. "Der Schlesier kann ohne Gott nicht auskommen. Er gehört zu seiner seelischen, wie körperlichen Nahrung. Er kann ihn nicht ausschalten, eben weil er nicht kalt berechnen kann, weil in allem sein Gemüt, seine Seele mitschwingt, weil er lieben kann. Wer aber lieben muß, der kann nicht bei Vergänglichem stehen bleiben. Es vergeht ja wie ein Nebel. Freilich kann es zeitweise die Seele verdunkeln; aber ohne Sonne kann der Schlesier nicht leben. So steigt er auf die Berge, um die Sonne zu suchen". - Doch trotz aller Gottinnigkeit blieb P. Dubis in allem Mensch, konnte "sich innig einfühlen in den anderen", konnte "sich an seine Seele anschmiegen, so daß er sie in sich aufnimmt in eigne erlöste Weiten und Tiefen." So konnte er durch den anderen Menschen mütterlich, schöpferisch werden und wurde durch die Begegnung, die Freundschaft selbst reicher und reifer.

So hat P. Dubis sein Leben geführt, und wie er den Schlesier schildert: Gott schenkte ihm die natürliche Herzensgüte, als Grundhaltung. Er adelte sie mit der Sehnsucht nach Tiefe und Weite, die in Gott erfüllt wurde. Und seine gottgeadelte und gottverbundene Natur befähigte ihn umsomehr, andere zu verstehen, zu "erlösen". Und die Begegnung mit anderen bereicherte ihn selbst und befähigte ihn zu schöpferischer Tat, brachte ihn selbst zu jener Vollreife der Gnade, die Gott ihm bestimmt hatte.

Menschlich gedacht mag man seinen frühen Tod bedauern. Aber wir glauben ja an Gottes Vorsehung, die jeden Menschen mit ganz persönlicher Liebe liebend führt. Gerade wenn ich auf die gelegentlichen, freundschaftlichen Begegnungen der letzten Jahre in Berlin jetzt zurückschaue, glaube ich fest, Gottes Führung in seinem inneren Leben erkennen zu können, die ihn so reifen ließ bis zur "Vollreife seines Lebens". "Und was da geworden ist, ist nicht verloren, denn:

    Es wird gesät verweslich
    und wird auferstehen unverweslich
    Es wird gesät in Schwachheit
    und wird auferstehen in Kraft!"

R.i.p.

P. Fritz Palm SJ

Mitteilungen 113, S. 93 ff.