Bruder Anton Freytag SJ
11. April 1990 in Berlin

Mit Fug und Recht hätte er sich als Original bezeichnen können, wäre er dazu nicht zu bescheiden gewesen. Traf man ihn in den letzten Jahren in Kladow, dann schleppte er sich mühsam auf zwei Stöcken voran oder saß rheumagekrümmt im Stuhl. Sein Verstand war wach, seine Predigtmonologe dauerten wie eh und je. Er war gezeichnet von langwierigen körperlichen Gebrechen und Schwächen, interessierte sich aber für alles. Das Jahrzehnt davor gehörte er zur damals gewiß nicht kargen Farbpalette der Kommunität am Berliner Canisius-Kolleg. Alle kannten den kleinen vornübergebeugten Herrn mit der überlangen Gummischürze, den zu großen Stiefeln und dem verwitterten Hut. Ein Bein zog er etwas nach. Die Harke oder der Laubrechen gehörten zu seinen Standeszeichen. Mit weitausholenden Gesten sprach er zu den Schülern, rechte Kies, goß und jätete, kontrollierte abends die Straße vor dem Grundstück nach allem, was dort nichts zu suchen hatte. Eigenfüßig stampfte er nahezu täglich den Müll in die Tonnen, wobei manchen die Sorge beschlich, ob er denn wieder aus dem Container herauskommen würde.

Sein Weg durch den Orden umfaßte viele Stationen und mancher Oberer bekam von ihm die Leviten gelesen. Er konnte eifern und gestikulieren wie Savonarola, er wußte aber auch vor sich hin zu meditieren, die Augen geschlossen und den Kopf schräg geneigt, wie die sagenumwobene altersgraue, weise Eule. Br. Anton Freytag hatte es nicht immer leicht mit dem Orden, den er liebte, und wir hatten so manche Schwierigkeit mit Br. Freytag, den wir schätzten. Zum 80. Geburtstag "bereimte" ihn P. H. Rosczyk so:

    "Hat viel erlebt, kennt gut die Bibel.
    Am liebsten trägt er Gummistiebel.
    Fegt dürres Laub und gräbt die Erde,
    daß grünen Kraut's sie trächtig werde.
    Ein Borsalino, sagenhaft,
    deckt's Haupt. Hat ihn sich 'angeschafft
    am Flohmarkt von Jerusalem,
    verschachert von Methusalem ..."

Anton Freytag war geborener Ostpreuße und verhehlte dies auch nie. In Bertung/Bezirk Allenstein kam er am 5. Dezember 1901 als viertes von sieben Geschwistern zur Welt und wurde am 8. Dezember in der Johanneskirche zu Bertung getauft. Hing es mit diesem Tauffest zusammen, daß Br. Freytag sein Leben lang ein großer Marienverehrer war? Nach dem Besuch der achtklassigen Volksschule erlernte er den Beruf eines Schriftsetzers und Buchdruckers; die Lehre durchlief er beim 'Allensteiner Volksblatt°. Im Orden stand später gewöhnlich hinter seinem Namen "ad omnia" - für alle anfallenden Arbeiten. In der Tat war er für vieles brauchbar. Das meiste bog er sich selber bei.

Am 13. April 1924 trat Anton Freytag in s'-Heerenberg in die Gesellschaft Jesu ein. Er erlebte beide Noviziate, das s-Heerenberger und das Exaetener, in dem er am 21. April 1926 die Ersten Gelübde ablegte. 1926/27 arbeitete er in der Ordensdruckerei in Valkenburg und auch am Provinzialat in Köln. 1927 wurde er nach Berlin an die St. Clemens-Kuratie in Kreuzberg versetzt, wo er das Amt des Sakristans wahrnahm. 1930 bis 32 war er erstmals am Canisius-Kolleg, damals noch Gymnasium am Lietzensee; dort oblagen ihm die Aufgaben des Mundizpräfekten. 1932 schickten ihn die Oberen nach Heiligelinde, der berühmten Wallfahrtskirche im Ermland, und 1934 wechselte er an die Ordenspfarrei in Oppeln. Von 1938 bis 1946 zählte er wieder zum Canisius-Kolleg, war allerdings von 1942 bis 1945 eingezogen und tat als Sanitätsobergefreiter Dienst. Aus nächster Nähe mußte er so die Schrecken des Krieges und später die Leiden des Zusammenbruchs und der Vertreibung erleben.

Der Krieg hinterließ die Ostprovinz als Trümmerfeld, die meisten Häuser gingen verloren oder mußten aufgegeben werden. Als man nach 1945/46 an den Wiederaufbau der alten und an die neue Gründung von Häusern in Mitteldeutschland ging, gehörte Br. Freytag 1946 bis 1961 zur Ordenspfarrei in Erfurt/Hochheim und von 1961 bis 1973 zum Exerzitienhaus in Dresden/Hoheneichen. Immer wieder wurde er zu Kurzaushilfen auch in andere Häuser gesandt. Von sich aus trat er 1973 - also 72jährig - an P. Provinzial Brenninkmeyer heran und bat um eine Versetzung. Er sei noch rüstig und lernfähig genug, jetzt könne er sich noch auf ein Haus im Westen umstellen. So kam er im Spätsommer 1973 erneut ans Canisius-Kolleg - nunmehr am Tiergarten - in Berlin. In zehn langen, mühevollen Jahren errang er sich hier einen unverwechselbaren Platz. Der Garten und die Außenanlagen des Kollegs zeugten von seiner unermüdlichen Arbeit, die Schüler liebten und achteten ihn, auch wenn sie ihm nicht gehorchten.

Im Sommer 1983, vor seinen Jahresexerzitien, meinte er, ob nunmehr nicht eine Versetzung auf das Altenteil zu überlegen wäre. Dies nahm er als Anliegen in die Exerzitien mit. Nach den Tagen fiel dann im Gespräch die Entscheidung. Am 22. August 1983 versetzte ihn P. Provinzial Pfahl in das Peter-Faber-Kolleg nach Kladow. Es folgten Jahre des Leidens, in denen die Gicht und das Rheuma zunahmen, offene Beine ihn plagten, und er sich kaum noch selbst anziehen konnte. Sein Interesse für die Provinz aber blieb gleich groß, er freute sich über jeden Besuch, seine Kommentare zu Orden und Kirche waren scharf und deutlich wie früher. Es war und blieb sein Anliegen, auch diesen Lebensabend für die Gesellschaft und die Kirche aufzuopfern. Nahezu auf den Tag 66 Jahre hat er mit dem Orden geplant und aufgebaut und so viele Umbrüche und Enttäuschungen erlebt. Er nahm dies an als den Weg, zu dem er in Exaeten sein erstes Ja, zu dem er am 15. August 1934 in Mittelsteine sein endgültiges Ja gesagt hatte. Möge ihm der Herr nun alles vergelten und ihn zu der Vollendung führen, die nur Er zu schenken vermag.

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1990 - Dezember, S. 179f