Bruder Franz Gabriel SJ
* 07. Oktober 1919   † 16. August 2009
Eintritt 1937 - Letzte Gelübde 1950

Franz Gabriel, immer ruhig, gefasst, freundlich lächelnd, war eine charismatische Gestalt. Seine schlichte Gegenwart hatte eine heilende Wirkung auf die Kommunität und auf die apostolische Sendung ihrer Mitglieder. Obschon selber nicht Priester hatte er doch einen großen Einfluss auf viele Priester in der Gesellschaft und auf junge Jesuiten auf dem Weg zum Priestertum. Die Frage, ob die Gesellschaft als ein Orden von Priestern auch nicht-geweihte Mitglieder haben sollte, war einfach gegenstandslos angesichts eines Mannes wie Franz Gabriel, der seine Berufung auf so überzeugende Weise zu leben verstand. Seine Persönlichkeit ließ die Frage einfach nicht mehr zu. Wir müssen ihm für so vieles danken, für seine einfache Präsenz, sein Lächeln, sein unauffälliges, tiefes Leben des Gebetes, seine Fähigkeit zuzuhören und auf Menschen einzugehen, vor allem seine wunderbare Gabe, Gäste aufzunehmen und sich zuhause fühlen zu lassen, sowie Menschen jeder Art, bedeutenden Gästen und einfachen Nachbarn und Angestellten, ein guter Freund zu sein.

Er wurde am 7. Oktober 1919 in Groß-Döbern, Kreis Oppeln, Oberschlesien geboren in einer katholischen Familie mit fünf Kindern. Er lernte die Jesuiten in Oppeln kennen, einer Industriestadt, der er sein Leben lang verbunden blieb. Er machte sein Noviziat in Mittelsteine unter Pater Otto Pies SJ. Im August 1940 wurde Franz Gabriel zum Wehrdienst aufgerufen und verbrachte ein Jahr bei einer Marine-Einheit in Norwegen. Im Oktober 1941 wurde er, wie viele andere Jesuiten, aus der Wehrmacht entlassen.

Franz Gabriel war gelernter Schneider, verstand sich aber auch auf viele andere Dinge. Er war ein ausgezeichneter Koch. Als ich 1961 in das Berliner Noviziat eintrat, war er Einkäufer und hatte die Oberaufsicht über die Küche für die große Kommunität. Bei seinen allwöchentlichen geschäftlichen Fahrten in die Stadt wusste er nicht nur günstig einzukaufen, sondern machte sich auch viele der Geschäftsleute und Angestellten zu Freunden, die ihm bald ihre Lebensgeschichten erzählten. Zugleich war er „Krankenbruder“, der mit den vielerlei Unpässlichkeiten und Krankheiten der Novizen, ob leiblich oder seelisch, umzugehen wusste. Sein Leben lang hatte er ein gutes Auge für Mitbrüder, die sich nicht wohl fühlten, und tat, was er konnte, um ihnen schnell den richtigen Arzt zu verschaffen, sowie Ruhe und Erholung. Die letzten Kriegsjahre verbrachte er in seiner Heimat in Oppeln, bei der dortigen Jesuitenkommunität, wo er unter anderem auch Gärtner war.

Das waren Jahre des Chaos und allgemeinen Zusammenbruchs. 1945 gelangte er nach Berlin und half beim Aufbau der kriegszerstörten Häuser und Kommunitäten. 1951 wurde er in den Westen geschickt, um eine neues Noviziat für die Ostdeutsche Provinz aufzubauen, zuerst in Homburg (bei Frankfurt) und dann auf dem Jakobsberg (bei Bingen).

1960 zog Bruder Gabriel wieder nach Berlin zurück, wo ein neues Noviziat auf dem Territorium der Ostdeutschen Provinz eröffnet wurde. Der Anfang schien recht viel versprechend: neun junge Leute traten im Jahre 1961 bei der Ostdeutschen Provinz ein. Doch bald machte sich die Krise dieser Jahre bemerkbar. Die Zahl der Eintritte sank, alte, bislang nie angezweifelte Sitten und Gebräuche wichen neuen Experimenten, viele junge und auch nicht mehr so junge Jesuiten verließen den Orden. Das war schmerzlich für Franz, der sie alle so gut gekannt hatte. Er liebte die Gesellschaft und litt, als sie gute Leute verlor.

Von Anfang an hatte Franz in die Mission gehen wollen. Zunächst hinderte ihn daran die Kriegs- und Nachkriegszeit. Dann wollten ihn die Oberen nicht gehen lassen wegen der wichtigen Rolle, die er im Noviziat und bei der Ausbildung junger Jesuiten spielte. Doch als das Noviziat der Ostdeutschen Provinz mit dem der Westdeutschen Provinz zusammen gelegt wurde, schlug für Br. Gabriel die Stunde der „Befreiung”. Er war die ideale Besetzung, um als Minister das Stadthaus der Sinoia-Mission im damaligen Salisbury/Rhodesien (heute Harare/Zimbabwe) zu übernehmen.

Mittlerweile 52 Jahre alt, ging er nach London, um Englisch zu lernen. Neunzehn Jahre lang (1971-1990) war er der gute Geist im Canisius-Haus, wo die Mitbrüder von den Missionsstationen in der Sinoia – Mission bei Stadtbesuchen abstiegen. Im Jahre 1978 wurden die beiden Missionen, Sinoia und Salisbury (heute Chinhoyi und Harare), zur Zimbabwe-Provinz vereinigt. Jesuiten sehr verschiedener Provenienz wurden zusammen geworfen. Br. Gabriel empfing sie alle mit großer Herzlichkeit und hatte für alle eine gute Mahlzeit bereit.

Die 70er Jahre waren Kriegszeit. Drei der regelmäßigen Besucher, P. Gregor Richert, Br. Bernhard Lisson und P. „Gerry“ Pieper, kamen im Krieg ums Leben. Die Zimbabwe-Provinz änderte sich allmählich. Immer mehr junge Leute aus dem Land traten in die Gesellschaft ein. 1990 wurde Br. Gabriel zum Arrupe-Haus versetzt, einer neuen Kommunität von jungen afrikanischen Jesuiten. Dies war die Keimzelle des späteren Arrupe-Kollegs.

1992 geschah es zum ersten Mal in seinem Leben, dass ein Oberer Br. Gabriel für abkömmlich hielt. Seine Heimatprovinz, jetzt die Norddeutsche Provinz, war sehr froh, ihn wieder zurückzubekommen. Er kehrte in ein sehr anderes, nämlich das wiedervereinigte Deutschland zurück. Das Exerzitienhaus in Biesdorf, im früheren Ost-Berlin, brauchte einen Minister und Ökonomen. Dass er nun für die Kirche im Osten, frei nach dem Ende der Mauer, arbeiten konnte, war für ihn wie die Erfüllung eines Traumes. Nach drei Jahren, 1995, ging es wieder weiter. Ein Kreis schloss sich: noch einmal ging er zu jungen Leuten ins Noviziat, jetzt in Nürnberg. Inzwischen war er 76, die recht reifen Novizen waren eine ganz andere Generation und der Stil auch sehr anders.

Doch Zimbabwe hatte Franz nie vergessen, noch er Zimbabwe: 1998 wurde er zurückgerufen, erst für ein Jahr an das ganz neue Arrupe-Kolleg (Philosophie für das Englisch sprechende Afrika), dann noch einmal im Mai 1999 zu der ihm vertrauten Arbeit im Canisius-Haus für weitere vier Jahre. 84 Jahre war er alt, als er 2003 nach Deutschland zurückkehrte, immer noch nicht im Ruhestand. Die Missionsprokur in Nürnberg vertraute ihm die Sorge um die Gäste aus aller Welt an, sein letzter aktiver Posten. Am 1. Dezember 2006 zog er sich schließlich ins Peter-Faber-Haus in Berlin zurück, wo er so lange für und mit Novizen gearbeitet hatte.

Man darf wohl annehmen, dass der mehrfache Wechsel von Afrika nach Deutschland, hin und her, ihm nicht leicht gefallen sein kann. Doch lächelte er nur, wenn man ihn auf sein Dasein als ‘Wanderer zwischen zwei Welten’ ansprach. Er war ein Mann des Gehorsams und der Verfügbarkeit für die Gesellschaft und die Kirche.
In seinen Gedanken und in seinem Beten blieb er Zimbabwe und den dortigen Mitbrüdern, den Lebenden und den Toten, eng verbunden. Im Juni 2009 erlitt er einen schweren Schlaganfall. Er starb am 16. August 2009, einem Sonntag.

Am 25. August wurde er in Berlin auf dem St. Hedwigs Friedhof begraben.

R.i.p.

P. Oskar Wermter SJ

Jesuiten-Nachrufe 2009, S. 6f