Bruder Bernhard Hesse SJ
* 01. Oktober 1907    20. Februar 2002
Eintritt 1932 - Letzte Gelübde 1947

Vor einigen Jahren hat Br. Bernhard Hesse folgende handschriftliche Notizen über sein Leben dem damaligen Rektor des Peter-Faber-Kollegs, P. Karl Heinz Fischer, übergeben:
"Im schönen Schlesierland, am Rande der Sudetenkette, zwischen Patschkau und Ottmachau, liegt mein Heimatdörfchen Altpatschkau. Die schmucke alte Dorfkirche liegt auf der höchsten Erhebung des Dorfes. Man sieht sie schon von großer Entfernung. Gleich am Anfang des Dorfes liegt unser Bauernhof mit 124 Morgen Land. Von fünf Jungen war ich der jüngste. Mein Vater war 16 Jahre Gemeindevorsteher in dem Dorf mit seinen 700 Einwohnern, die alle Katholiken waren. 300 Jahre hatten wir keinen eigenen Pfarrer und wurden von Patschkau aus seelsorglich betreut. 1919 bekamen wir wieder einen eigenen Pfarrer. (Unser Name wurde in den Kirchenbüchern schon um 1300 gefunden).

Nach sieben Jahren Volksschule half ich zu Hause auf dem Gut. Mit 18 Jahren besuchte ich zwei Semester der Landwirtschaftsschule in Neiße. 1929 machte ich einen Exerzitienkurs in Mittelsteine mit, dann im Sommer die Autoprüfung (Führerschein). Ich dachte nicht, dass ich die nochmals brauchen würde.

1931 wurde vom Zentrum die Kreuzschar gegründet. Vom Gesellenverein aus traten wir mit ein, um das Umgreifen von Rechten und Linken zu verhindern. Bei den Ausbildungsabenden kam ich neben einen jungen Kaufmannsgehilfen zu stehen. Er fiel mir durch sein bescheidenes Benehmen auf. Ich fragte ihn, ob er einen bestimmten Kursus auch mitmache. Er verneinte es und sagte mir, er habe etwas anderes vor. Ich drang in ihn, da sagte er mir, er gehe ins Kloster. (Er wurde später Redemptorist.) Mich durchfuhr es, und ich muss wohl ganz weiß geworden sein. Sagte ihm, dass ich auch schon manchmal so etwa daran gedacht hätte. Er sagte mir: Du bist dafür geeignet. Er gab mir das Büchlein 'Der Ruf Christi'. Ich las und überdachte alles und betete viel. Nach vielem hin und wider kam ich zu dem Entschluss, dem Herrgott im Kloster zu dienen. Wieso kam ich an diesem Abend gerade neben diesen jungen Mann zu stehen? Gottes Fügung! Ich kannte ihn ja früher nicht.

Dann ging alles sehr schnell. Ich wurde in Mittelsteine examiniert, bekam im Herbst 1931 von P. Kempf den Bescheid für die Aufnahme und trat am 7. Januar ins Noviziat (Postulat) in Mittelsteine ein. Dort kam ich zur Hilfe in den Garten und sonntags in die Landwirtschaft. Am 15. August 1934 legte ich in Mittelsteine die Ersten Gelübde ab. 1934 im November wurde ich für zwei Jahre nach Münster geschickt zur weiteren Ausbildung als Gärtner. Im Oktober 1936 musste ich in Mittelsteine den Garten voll übernehmen, was nicht gerade leicht war.

Im Mai 1940 wurde ich zum Militär eingezogen, zur Panzerjäger-Kompanie; wir drangen vor bis kurz vor Moskau. Dort wurde ich aus der Wehrmacht entlassen und musste zur Ersatzkompanie nach Diedenhofen bei Metz 4.000 km zurück. Dann kam ich in meine Heimat, dort wurde ich arbeitsdienstverpflichtet und unter Gestapoaufsicht gestellt. Kurz vor Ende 1944 wurde ich, nachdem ich mit Russen und Polen gearbeitet hatte, nochmals zum Volkssturm eingezogen. Man fuhr uns bis kurz vor Tschenstochau. Von dort jagten uns die Russen, 250 km alles zu Fuß, in Richtung Neiße, wo wir entlassen wurden. Jetzt wurden Sachen vergraben, vermauert und sonst irgendwie versteckt. Aber dies war ja alles umsonst.

Im Februar 1945 kam in der Nacht der Befehl zur Evakuierung des Dorfes. Früh um 5 Uhr kamen Wagen auf Wagen aus den Gehöften; voll beladen strebten wir in die nahen Berge der Sudetenkette. Vielen standen die Tränen in den Augen, galt es doch von all dem vielen, was zurückblieb, Abschied zu nehmen, vom lieben Dorf, wo wir Jahrhunderte gewesen sind. Es wurde immer angegeben, wie weit wir zu fahren hatten. Wir kamen dann bis Schönau bei Landeck in der Grafschaft Glatz. Hier kam der Befehl von den noch immer regierenden braunen Machthabern, dass Frauen und Kinder hier bleiben sollten. Wir Männer mussten zurück mit Traktoren und Pferden, um die Frühjahrsbestellung zu machen. Man glaubte immer noch an den Sieg.

Auch wurden wir hier noch schnell zum Volkssturm eingezogen, rund 20 Stunden, bevor die Russen ins Dorf einzogen. An den Häusern und Bäumen hatte man weiße Laken angebracht, so zogen die Befreier friedlich ein. Auch die Kriegsgefangenen waren noch da und haben, da sie meist gut behandelt worden sind, gut über die Bewohner ausgesagt. So waren wir von vielem, was in anderen Dörfern vorkam, verschont. Im Juli kamen polnische Familien auf jeden Hof, uns wurde alles weggenommen, und im September das ganze Dorf mit Knüppeln ausgetrieben. Jeder durfte nur 50 kg mitnehmen, was dann unterwegs von der polnischen Miliz nochmals geplündert wurde.

In den Monaten August und September 1945 kamen von Mittelsteine P. Hauptmann und P. Conrad, um mir zu sagen, das Mittelsteiner Haus sei wieder in unserer Hand. Sie brauchten jemand, um das 400 Morgen große Gut zu übernehmen. Es kam damals auch mein ältester Bruder vom Militär zurück. So war ich frei und holte mir vom polnischen Landrat die Bescheinigung, so dass ich mit meinen Sachen nach dem Noviziat fahren konnte. Mit zwei Koffern fuhr ich nach Kamenz, wo ich den Zug nach Glatz bekam. Ich fuhr natürlich in der großen Hitze im Kleid, sonst wäre ich schnell in die Gefangenschaft und nach Russland abtransportiert worden. In Mittelsteine stieg ein polnischer Pater mit aus. Er sagte, er wolle uns beschützen und helfen. Dort übernahm ich das Gut, das vollkommen ausgeplündert war.

Am 1. März 1946 wurde das Dorf und auch wir ausgetrieben. Wir kamen in das Glatzer Lager und mit Güterzügen nach dem Westen. Ab der Görlitzer Grenze wurden wir in die englische Zone geleitet, wurden registriert und gegen Läuse gespritzt. Bei den Engländern mussten alle noch die Gold- und Silbersachen abgeben. Wir kamen nach Rheine an der holländischen Grenze; vorher waren wir in Friedland im Lager. In Rheine nahm mich ein Pater für eine Nacht auf. Fuhren dann nach Büren in unser Haus. P. Bollonia und ich kamen nach Eringerfeld. Dort wurde ich als Gärtner eingesetzt, bis mich im Oktober 1946 von Berlin der P. Provinzial ab nach Hoheneichen rief. Wegen der russisch besetzten Zone, wo ich 4 Wochen in Quarantäne hätte zubringen müssen, fuhr ich erst nach Frankfurt. Dort half ich beim Aufbau des Kollegs, bis wir mit P. Jäger in einem amerikanischen Zug fahren konnten ohne die Kontrollen der Russen.

Nach 4 Wochen Aufenthalt in Berlin kam ich am 7. Januar 1947 nach Hoheneichen. Hier war ich als Gärtner und fürs Haus bestimmt. 1954 bekam ich Order nach dem Jakobsberg, um dort in der Landwirtschaft zu helfen. Auch wurde mir das Autofahren übertragen. So lernte ich auch die Umgebung sowie das Rheintal auf- und abwärts kennen durch die Fahrten der Patres zu den einzelnen Seelsorgestationen. Am 11. November 1960 kam ich wieder nach Berlin ins Canisiuskolleg; war für Garten und Haus zuständig. Nach 14 Jahren kam ich zum Peter-Faber-Kolleg für den Garten und zum Einkauf in der Metro. Mit 70 Jahren musste ich noch die Motorbootprüfung machen, weil man es verlangte. Als Gärtner mache ich hier die Arbeiten im Gewächshaus, Gemüse sowie Obst. Nach 45 Jahren Autofahren hörte ich mit 78 Jahren auf - denn meine Augen wurden schlechter."

Im Peter-Faber-Kolleg blieb Br. Hesse 28 Jahre lang, lange Zeit als Gärtner. Die Lage am Wasser gefiel ihm: Er erzählte gern und mit gewissem Stolz, dass er bis ins hohe Alter in der Havel Schwimmen ging. Als später seine Kräfte nachließen, musste er ins Altenheim wechseln. Was ihm blieb, waren sein Rosenkranz und sein Lächeln. Wie P. Ludwig Kathke auf dem Totenzettel schrieb, war Br. Hesse gerade in seinen letzten Jahren nie ohne seinen Rosenkranz anzutreffen. Er nahm ihn auch mit in den Operationssaal, als er am Bein operiert werden musste, wovon er sich dann nie wieder richtig erholt hat. Er war ein fröhlicher Beter: In seinem Taschenkalender bewahrte er einen Zettel auf mit dem Merksatz "Lachen macht selig".

Diese Zuversicht und Freude strahlte er bis an sein Lebensende aus. Sie blieben ihm lange bis in seine letzte Krankheit hinein. Bald nach seinem 94. Geburtstag hat er sich das Bein gebrochen, die Operation zwar gut überstanden, aber die Heilung ging nur langsam voran. Wieder zu Hause, vergaß er, dass er das Bein nicht zu stark belasten durfte. So löste sich eine Schraube, was ihm große Schmerzen bereitete, so dass er die letzten Wochen seines Lebens das Bett nicht mehr verlassen konnte. Es wurde ein langsames Sterben. Die letzten beiden Tage konnte er nicht mehr die Kommunion empfangen. Gegen Ende der Frühmesse, am 20. Februar 2002, ist er gestorben.

Am 28. Februar wurde er zusammen mit seinen Mitbrüdern P. Bayer und P. Zug auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin beerdigt.

R.i.p.

P. Ludwig Kathke SJ / P. Clemens Maaß SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 21ff