P. Theo Hoffmann SJ
17. Dezember 1953 in Berlin

Theo Hoffmann wurde am 19. Februar 1890 in Saarbrücken, Sankt Johann geboren. Der Vater stammte aus Trier und war Berufssoldat und Kgl. Hypothekenbewahrer beim Amtsgericht. Die Mutter, Maria Anna Emmerichs, war eine Bauerntochter aus Uess in der Eifel. Theo war der einzige Junge und das dritte Kind unter sechs Geschwistern. Das Gymnasium besuchte er in Saarbrücken und von OII ab in Düsseldorf. Im Reifezeugnis vom 12. 2. 1909 werden hervorgehoben sein lebhaftes Interesse für religiöse Wahrheiten, seine ungewöhnliche Belesenheit und sein Interesse an der deutschen Literatur, sowie sein Sinn für die richtige Beurteilung historischer Ereignisse. Theo studierte zunächst zwei Semester in Freiburg, wo er die verschiedensten Fächer belegte, und ging dann nach Bonn, wo er das eigentliche philosophisch-theologische Studium begann. - In Freiburg war er dem C. V. (Ripuaria) beigetreten, dem er sein Leben lang äußerlich und innerlich treu blieb. Noch im Herbst 1952 hielt er für die jüngeren Mitglieder seiner Verbindung in Freiburg einige "besinnliche Tage".

Am 8. Oktober 1910 trat Theo Hoffmann zu 's Heerenberg in die Gesellschaft Jesu ein. Was in seiner Berufswahl bestimmend mitgewirkt hat, ist mir nicht bekannt. Sicher dachte er eine Zeitlang daran, Benediktiner zu werden; 1909 in den Semesterferien hatte er Exerzitien in Maria-Laach gemacht. Auf das Noviziat folgte 1912/15 die Philosophie in Valkenburg. Anfang Mai 1915 wurde er im Maltesertrupp der Kr.Laz.Abt. 51 eingestellt und stand mit seinem Trupp in Galizien, auf dem Balkan, vor Verdun und schließlich seit Dezember 1916 in Rethel, wo der Trupp "in einer ziemlich geregelten, in Zeiten großer Kämpfe sehr schweren Arbeit verblieb" (25 Jahre Valkenburg, S. 125 ff.). Frater Hoffmann war von Anfang an steilvertretender Zugführer des Trupps, später Zugführer und Sekretär des Delegierten des Malteserordens, des Herrn Baron Chlapowski. 1918-22 studierte Frater Hoffmann in Valkenburg die Theologie und empfing am 24. August 1921 von Bischof Heinrich Döring S. J. die hl. Priesterweihe.

Nach der Theologie vertrat P. Hoffmann zunächst P. Ludwig Esch, der sein Terziat machte, im ND-Bundesamt in Köln, arbeitete dann von Sommer 1923 bis Ende 1924 in Düsseldorf in der Lehrerseelsorge und war 1925 bis 1928 Schriftleiter des 'Leuchtturm' und ND-Pater in Köln. Zwischendurch hatte er 1926/27 in Exaeten sein Terziat gemacht. Über die Tätigkeit in ND schreibt P. Esch, daß die Mitarbeit von P. Hoffmann für ihn und den Bund sehr wertvoll gewesen sei, daß P. Hoffmann von Anfang an, als noch starke Opposition gegen ND herrschte, mit klarem Blick die Bedeutung des Bundes erfaßt habe, daß er in Treue zur Sache gestanden sei, auch wenn einmal Schläge kamen.

P. Hoffmann hat sich sein Leben lang mit ND verbunden gefühlt und waren es später weniger die Jungen, so waren es die zu Männern gewordenen Jungen, die zu ihm kamen. In "Hirschberg", den Mitteilungen des Bundes Neudeutschland, v. 10. 2. 54 schreibt Dr. Gail: "Unser Theo Hoffmann hatte eine bewundernswerte Fähigkeit, mit einem gleichsam achtlos hingeworfenen Wort, mit einer ganz zufälligen Bemerkung uns Jungen auf eine ergiebige Spur zu setzen. Dann konnte er warten, so gelassen, so unbeteiligt fast, bis bei uns aus der Andeutung ein Plan, eine Unternehmung gereift war. Seine Freude über den Erfolg war frei und ohne alle Selbstgefälligkeit. Das war dann eine frohe Anerkennung, die für sich selbst nichts mehr begehrte. In einer Zeit, da im Bunde das Führen großgeschrieben und oft bis hin zu einer eifervollen Betriebsamkeit kultiviert wurde, gehörte Theo Hoffmann zu den wenigen geistlichen Freunden, die die Klugheit des Führens unvergleichlich überzeugend mit der gelassenen Weisheit des Wachsenlassens zu verbinden wußten. So gut verband er beide Fähigkeiten in einer stets unaufdringlichen Vornehmheit, daß das jugendliche Selbstbewußtsein nie in eine Krise geriet. Wo sonst vorübergehende Entfremdung eintritt, weil der junge Mensch plötzlich eifersüchtig über seiner Selbständigkeit wacht, stand Theo Hoffmann dann jahrelang als ein teilnehmender, rücksichtsvoller Zuschauer am Wege, so voll achtungsvoller Verbundenheit, daß der Verzicht auf diesen Zuschauer ein unerträglicher Verlust gewesen wäre". Die Jugendbewegung und die Arbeit unter der Jugend hat P. Hoffmann mehr, als er vielleicht selbst glaubte, bis in sein Alter hinein geformt und lebendig erhalten. Trotz seiner früh weißen Haare blieb er unter den jungen Menschen, die ihre alten und doch immer wieder neuen Fragen an ihn herantrugen, geistig jung und lebendig.

Am 10. Oktober 1928 wurde P. Theo Hoffmann als erster Rektor des Berliner Canisiuskollegs verkündet. Sieben Jahre früher hatte P. Rembert Richard hier begonnen und erst drei Jahre zuvor war das Gymnasium mit zwei Sexten eröffnet worden. Berlin mit seinem Leben und Tempo war so recht die Umgebung, in der P. Hoffmann sich wohl fühlte, ein Arbeitsfeld, das ihn anzog und auf dem er sich verzehrte. Ein Vierteljahrhundert - unterbrochen nur durch den fünfjährigen Aufenthalt in München - hat er hier gearbeitet und gewirkt.

Eine Aufgabe, die dem neuen Rektor gestellt war, bestand in der Beschaffung geeigneter Räumlichkeiten für die nur behelfsmäßig untergebrachte Schule. Hochfliegend und weitgehend waren seine Pläne. Er wollte außerhalb der Stadt an der Havel bei Pichelsberg den Neubau errichten. Aber schon im Frühjahr 1931 muß er in "Unsere Schule" berichten: "Der Gedanke, am Rande der Stadt am Wasser und im Grün des Waldes einen Schulbau zu errichten, wird ja zunächst nur ein Gedanke bleiben. Die schwere wirtschaftliche Not zwingt, davon Abstand zu nehmen". "Aber", so schließt er seinen Bericht, "daß alles zum Bau drängt ist klar". Nun, damals wurden weder Kirche noch Kolleg gebaut. Das Kolleg erstand, wie bekannt, erst 1947 auf einem andern Grundstück in der Tiergartenstraße und der Bau der Kirche auf dem alten Grundstück wurde erst im Frühjahr 1954 in Angriff genommen.

Neben seinem Amt als Rektor hatte P. Hoffmann noch mancherlei andere Arbeiten übernommen. So leitete er mehrere Jahre die von Dr. Sonnenschein begründete "Katholische Volkshochschule", gab öfter Exerzitien, vor allem für Theologen und war mit vielerlei Dingen befaßt, die an ihn herangetragen wurden. Er liebte es, mit einflußreichen Menschen zusammenzukommen und mit ihnen in Verbindung zu stehen; gerade daran fehlte es ihm im damaligen Berlin nicht. Kein Wunder, daß P. Rektor öfter nicht zu erreichen war, daß manches auf der Treppe abgemacht und entschieden oder auch mal vergessen wurde. Sein zahlreicher Briefwechsel aus späteren Jahren mit früheren Schülern beweist auch hier, wie sehr er mit der Schule und den 'Ehemaligen' verwachsen war, auch nachdem er längst das Rektorat abgegeben hatte.

Im Frühjahr 1936 wurde P. Hoffmann als Rektor abgelöst und am 17. Mai als Superior und Schriftleiter der "Stimmen der Zeit" in München verkündet. Was er für die neue, nicht leichte Aufgabe mitbrachte, waren die Beweglichkeit seines Geistes, seine Aufgeschlossenheit für die Fragen der Zeit, seine große Gewandtheit im persönlichen Verkehr sowie seine vielfachen Beziehungen. Weniger wird ihm liegen die viele Kleinarbeit der Redaktionstätigkeit. Es kamen hinzu die schwierigen Zeitverhältnisse, die unter dem Naziregime die Leitung einer Zeitschrift wie die 'Stimmen' von vorneherein sehr erschwerten. Doch P. Hoffmann ging mit frischem Mut an die Arbeit. "Seiner Natur nach drängte er auf 'Auflockerung' der 'Stimmen'; sie sollten leichter verständlich, aktueller, spritziger werden, während seine Mitarbeiter mehr auf Gründlichkeit drangen. In den Stimmenkonsulten jener Jahre spielte natürlich oft die Frage eine große Rolle, was man unter den Nazis noch sagen könne, wobei die Waage oft zwischen Vorsicht und Tapferkeit schwankte, aber im großen und ganzen haben die 'Stimmen' doch Haltung bewahrt" (P. Pribilla). Im Kampf um die Erhaltung der 'Stimmen', bei den wiederholten Konflikten mit der Schrifttumskammer und der Gestapo bewies P. Hoffmann viel Mut und Geschick; dies zeigte sich nicht zuletzt an jenem 18. April 1941, als das Haus beschlagnahmt wurde und die Patres es innerhalb zweier Stunden verlassen mußten. Bei solchen Vorgängen kam P. Hoffmann sicher auch seine glückliche Veranlagung sehr zustatten; er nahm unangenehme Dinge nie tragisch.

Im Sommer kehrte P. Hoffmann nach Berlin zurück und, wie er selbst sagte, begann er hier seine Arbeit, als ob er nur für ein paar Wochen verreist gewesen wäre. Die Kriegsereignisse und die Schikanen der Gestapo haben ihn in diesen Jahren zwar oft behindert, aber nie entmutigt. Er war wieder in seinem Element und weit über Berlin hinaus in mannigfachster Weise seelsorglich tätig. Zunächst war er nochmals für zwei Jahre Oberer in der Neuen Kantstraße und wurde dann freigestellt für die Vorbereitung und Herausgabe einer philosophisch-theologischen Enzyklopädie. 1944/51 war er außerdem noch 2. Hausgeistlicher im St. Hedwigskrankenhaus und seit 1951 Superior von St. Clemens.

Im Jahre 1943 plante der Alsatia-Verlag in Kolmar die in Paris erschienene, fünfbändige Encyclopédie populaire auch für das deutsche Sprachgebiet herauszugeben. Es sollte aber nicht bloß eine Übersetzung werden, sondern das Werk weitgehend umgearbeitet und ergänzt werden, um den Verhältnissen und Bedürfnissen im deutschen Sprachgebiet zu entsprechen. Man wollte das Werk während des Krieges in Angriff nehmen und es möglichst fertigstellen, um bald nach Kriegsende damit aufwarten zu können. Dabei ging man von dem Gedanken aus, daß es nach dem Kriege sehr an theologischer Literatur, die in der Nazizeit nicht erscheinen durfte, fehlen werde. Es war klar, daß eine solche Arbeit nur von einer Reihe von Fachleuten unter der Leitung eines erfahrenen Kenners der Materie geleistet werden könne. Die Leitung der Herausgabe dieses Werkes wurde vom Verlag P. Hoffmann angeboten und von diesem auch angenommen. Mit viel Optimismus und Schwung ging P. Hoffmann ans Werk und suchte gute und tüchtige Mitarbeiter zu gewinnen. Bereits nach einem halben Jahr kann er dem Verlag eine Liste von Fachleuten einreichen, die gewillt waren, an der Enzyklopädie mitzuarbeiten. P. Hoffmann war in jenen Monaten trotz der Fliegerangriffe viel unterwegs und bemühte sich mit allen Kräften, das Werk voranzutreiben. Unterdessen schritten aber auch die Kriegsereignisse rapide voran. Die Reisen wurden erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. An ein ruhiges geistiges Schaffen war nicht mehr zu denken. Trotzdem verlor P. Hoffmann nicht seinen Optimismus, und noch in den ersten Monaten des Jahres 1945 plante und arbeitete er an dem Werk. Und als nach dem Zusammenbruch die Lage sich zu beruhigen begann und der Postverkehr allmählich wieder in Gang kam, wurde auch der Plan der Enzyklopädie wieder aufgegriffen. Das war aber nicht so einfach, da man praktisch von vorne anfangen mußte. Der Verlag stand ohne Maschinen und Papier da, die Mitarbeiter mußten von neuem für das Werk interessiert werden usw. Je länger sich die Sache hinzog umso unsicherer wurde sie. Als dann zwei bis drei Jahre nach dem Krieg der Alsatia-Verlag den Plan noch einmal aufgreifen wollte, meldete P. Hoffmann allerlei Bedenken an. Das Werk unterblieb, nicht zuletzt aus dem Grunde, daß die ursprüngliche Idee, sofort nach dem Kriege damit auf den Plan treten zu können, sich nicht hatte verwirklichen lassen.

Eine andere Arbeit großen Stils, die P. Hoffmann übertragen wurde, war die Vorbereitung der Arbeitstagung des 75. Deutschen Katholikentages in Berlin und die Leitung der Kommission für Redner und Arbeitsgemeinschaften. Seine Kenntnis des Berliner Katholizismus, seine vielfache Verwachsenheit mit den Problemen des ganzen deutschen Katholizismus sowie seine weitreichenden Beziehungen zu den geistigen Führern im katholischen Lager machten P. Hoffmann für diese Aufgabe besonders geeignet. Und wenn man in den Arbeitsgemeinschaften von der bisherigen Form abwich und nicht wie sonst nur eine geschlossene Gruppe der wenigen Geladenen tagte, sondern einer großen Anzahl von Hörern die Gelegenheit gegeben wurde, "dabei zu sein", dann war es eine Idee, die bezeichnend ist für P. Hoffmann, den Mann des lebendigen Gespräches, und die sich auf dem Berliner Katholikentag auch bewährt hat. Eine ungeheure Arbeit galt es zu bewältigen, aber P. Hoffmann fühlte sich dabei wohl. Über Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellten, und Bedenken, die laut wurden, ging er fast lächelnd hinweg. Mehrfach mußten die Pläne umgeworfen und neugestaltet werden, weil es unsicher war, wieweit der Katholikentag in Ost-Berlin tagen könne. Aber schließlich fand der Katholikentag statt und ward vor allem für die zahlreichen Besucher aus der Ostzone ein gewaltiges Erlebnis. Wenn nachher mehrfach gesagt und betont wurde, daß P. Hoffmann Wesentliches zum Gelingen der großen Tagung beigetragen habe, dann ist dies keine Übertreibung.

Daß P. Hoffmann in jenen Jahren, wo ihn die Vorbereitung der Enzyklopädie und des Katholikentages nicht völlig in Anspruch nahmen, vielfach seelsorglich tätig war, in Berlin und im ganzen Osten, daß er zu Hause viele Besucher hatte aus den verschiedensten Ständen und Berufen mit den mannigfachsten Anliegen, braucht wohl nicht eigens betont zu werden. Sichtlich erfreut war er, als er im Jahre 1951 eingeladen wurde, im Germanikum die Exerzitien zu geben. Und vielleicht waren gerade Exerzitien für Priester und Priestertumskandidaten, die er auch in diesen Jahren mehrfach gab, die Arbeit, die ihm am liebsten war und die ihn am meisten anregte.

Schon seit vielen Jahren war P. Hoffmann zuckerkrank, aber mit einer streng geregelten Lebensweise, einer stramm eingehaltenen Diät und mit Insulinspritzen konnte er sich, von wenigen kurzen Unterbrechungen abgesehen, arbeitsfähig erhalten. Im Frühjahr 1949 machte ihm die Krankheit schon einmal stärker zu schaffen. Doch er erholte sich wieder. Ernster wurde es drei Jahre später. Schon während der Vorbereitungen zum Katholikentag spürte er, daß außer dem Zucker etwas anderes da sein müsse, was nicht in Ordnung sei. "Aber jetzt muß ich durchhalten!" Als die Nachbereitungen zum Katholikentage abgeschlossen waren, ging er zur Erholung in die Schweiz, kehrte aber nicht so erholt zurück, wie er und wir es erwartet hatten. Am 9. Dezember 1952 begab er sich dann, wie er glaubte, zu einer kurzen Untersuchung ins St. Hedwigskrankenhaus in Ost-Berlin, wo er fast sieben Jahre als Hausgeistlicher gewirkt hatte und sich schon immer wegen seiner Diabetes hatte behandeln lassen. Die angestellten Untersuchungen ergaben keine eindeutige Diagnose. Darum entschlossen sich die Ärzte zur Operation, die am 16. Januar ausgeführt wurde. Es wurde Darmkrebs (mit starken Metastasen) festgestellt und außerdem ein anus praeternaturalis angelegt, der später wieder zurückgenommen werden sollte, was aber nie geschah.

P. Hoffmann erholte sich auffallend rasch von der schweren Operation und konnte bereits Anfang April nach St. Clemens zurückkehren. Nochmals ging er an die Arbeit, gab ein paar Kurse Exerzitien, u. a. für die Tertiarier in Münster, machte eine Erholungsreise nach Tirol, von der er aber sehr wenig erholt zurückkehrte. Schließlich ging er am 17. August erneut ins Krankenhaus, wiederum nur zu einer kleinen Untersuchung, wie er meinte. Es ging aber jetzt gesundheitlich rapide bergab; wohl gab es mancherlei Schwankungen, aber es bestand kein Zweifel mehr, daß sein Zustand aussichtslos war. Mehr und mehr verfiel P. Hoffmann; er war ganz offenbar vom Tode gezeichnet. Das Gewicht war Anfang November schon unter 50 kg! gesunken und er war doch einmal ein starker, kräftiger Mann gewesen.

Seinen Optimismus verlor er auch jetzt nicht. Jeder Besucher merkte, wie er zusehends elender wurde, und doch sprach er so, als ob er in den nächsten Tagen aufstehen und bald nach Hause zurückkehren werde. Er war voller Pläne, und nur gelegentlich klangen aus seinen Worten auch andere Töne. Täuschte er sich über seinen Zustand, oder wußte er es und wollte nur andere damit nicht belästigen? In seinen letzten Briefen findet sich mehrfach die Wendung: "Hoffentlich geht meine Leidenszeit hier bald zu Ende". Dachte er dabei an den Tod? Das wird niemals gesagt. In einem vertraulichen Briefe, den er Ende November schrieb, als es ihm bereits sehr schlecht ging, heißt es: "Meine Leidenszeit hier geht hoffentlich bald zu Ende; Weihnachten hoffe ich bestimmt, bei meinen Mitbrüdern in der Stresemannstraße zu sein". P. Hoffmann hat m. E. bestimmt um den Ernst seiner Krankheit gewußt; da aber sein Herz bis in die letzte Zeit hinein regelmäßig und gut arbeitete, fühlte er sich verhältnismäßig wohl und glaubte darum wohl auch, daß er noch einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, werde aufstehen und arbeiten können. Noch Anfang Dezember schrieb er an Herrn Dr. Herder-Dorneich, ob sich nicht gelegentlich eine Besprechung über verschiedene Dinge einrichten ließe.

P. Hoffmann hat seine Krankheit wie nur wenige Menschen nicht "kultiviert", sondern bis in sein Sterben hinein in der Kraft seines Geistes über seinem körperlichen Elend gestanden. Dies zeigte sich nicht zuletzt darin, daß er, längst dem Tode geweiht, noch lebhaftes Interesse für alles zeigte, was im mitbrüderlichen Kreise oder in der großen Welt vor sich ging. Trotz größter körperlicher Gebrechlichkeit unterhielt er sich lebendig und frisch mit seinen Besuchern, wenigstens für einige Zeit, und einige Stunden vor seinem Tode hatte er mit Dr. Pinsk eine Unterhaltung über liturgisch-dogmatische Fragen, speziell über P. Stenzel's Arbeit "Cultus publicus"; gelegentlich sollte diese Unterhaltung fortgesetzt werden.

Über die letzte Stunde im Leben P. Hoffmanns berichtet uns die Schwester Oberin des St. Hedwigskrankenhauses. Als diese sah, daß es binnen kurzem zu Ende gehen würde, sagte sie zu ihm: "Herr P. Hoffmann, Ihr irdischer Advent scheint bald zu Ende!" "Er schaute uns mit sprechenden Augen an und fragte: "Wirklich?", worauf ich ihm sagte: "Ja, bald kommt die Vollendung!" Er schloß die Augen und atmete ruhig weiter wie bisher. In kleinen Zwischenräumen betete ich: "Empfange, Herr, meine Freiheit ..." ebenso "Seele Christi ..." "In deine Hände empfehle ich meinen Geist!" Da hauchte er: "Immer getan!" Wir beteten noch das "Ave Maria" und das "Salve regina". Dabei versuchte er noch etwas zu sagen, das ich nicht mehr verstehen konnte. Die Atmung wurde plötzlich flach. Es war gegen 17.10 Uhr. Der Chefarzt kam zur Visite und stellte fest, daß das Atemzentrum von einer beginnenden Lähmung befallen sei. Unterdessen erschien der Pfarrer, gab die Generalabsolution und betete die Sterbegebete. Der Kranke lag völlig ruhig, die Atmung ließ immer mehr nach. Friedlich und ruhig kamen noch drei tiefe Atemzüge, und unser P. Hoffmann stand vor Gott! Es war 5.30 Uhr nachm. Wie er einmal in einer Predigt ausführte und in seinen Vorträgen öfter wiederholte: in einer selbstlosen, in einer Totalhingabe müsse das Leben des Menschen zur reifen Frucht werden, bis der Gärtner komme und seine Hand nach ihr ausstrecke. Bei einem Nur-leise-anrühren falle sie sanft in die Hand des Gärtners, daß sie es selbst fast gar nicht merke, um in Ewigkeit in ihr geborgen zu sein. So war es bei P. Hoffmann". - Von den Unsrigen war leider niemand bei seinem Sterben zugegen! Da es unmöglich ist, von Ost-Berlin nach West-Berlin zu telefonieren, mußte ein Bote nach St. Clemens gesandt werden. Sofort machten sich einige Mitbrüder auf, kamen aber leider zu spät.

P. Hoffmann brachte ohne Zweifel von Natur aus eine glückliche Veranlagung mit. Er war, wie es in einem Nachruf heißt, Rheinländer von Geburt und Temperament. Allen, die ihn kennen lernten, fielen seine Aufgeschlossenheit und die Beweglichkeit seines Geistes auf. Schnell dachte er sich in eine Situation hinein, schnell war er für etwas begeistert und ebenso schnell ging er ans Werk. P. Georg von Sachsen erzählte gern und oft folgende kleine Geschichte: Als das Canisiuskolleg das Wassergrundstück in Berlin-Kladow erworben hatte, fuhren P. Provinzial Bley, P. Rektor Hoffmann und P. Georg, es besichtigen. P. Hoffmann benützte die Gelegenheit und nahm ein Bad. Kaum war man angekommen, war er auch schon im Wasser. Da soll R. P. Bley ausgerufen und zu P. Georg gesagt haben: "Sehen Sie, das ist der Theo! Auf und davon!"

Daß diese geistige Beweglichkeit und Zeitnähe die große Gefahr des Tempos in sich schloß, wußte auch P. Hoffmann, und er war der letzte, der es geleugnet hätte, ihr zuweilen erlegen zu sein. In vereinzelten Aufzeichnungen, die aus seinen Exerzitien erhalten sind, steht sehr im Vordergrund der Gedanke, er dürfe sich nicht in Einzelheiten verlieren, er müsse straffer, zielklarer arbeiten, sich mehr in Zucht nehmen usw. Daß ihm diese äußere und innere Zucht in nicht geringem Maße gelungen ist, werden alle bestätigen, die ihn vor allem in den letzten Lebensjahren kannten.

Mit der Beweglichkeit verband sich die Klarheit seines Geistes und die Fähigkeit, seine Gedanken in feiner, moderner Sprache den Menschen nahe zu bringen. Er war wohl weniger schöpferisch als kritisch und trotz aller Lebendigkeit oft recht abstrakt. Aber der stete Umgang mit lebendigen Menschen ließ ihn die konkreten Fragen und Schwierigkeiten nicht übersehen. Er ist auch weniger den Fragen bis zum letzten nachgegangen, sondern er war, wie man von ihm gesagt hat, der "große Anreger".

Was nicht minder an ihm auffiel, war sein ungebrochener Optimismus, der auch in schwierigsten Situationen nicht versagte; damit bewies er aber auch, daß er kein seichter, oberflächlicher Optimist war, sondern in tiefster Seele erfüllt von echter Hoffnung und starkem Gottvertrauen. Mehr als einmal stand er vor den Trümmern seiner Arbeit: das Gymnasium am Lietzensee wurde geschlossen, die Stimmen der Zeit verboten; bei einem Bombenangriff verlor er fast alle persönlichen Aufzeichnungen und alle Vorarbeiten, die er für das erwähnte theologische Sammelwerk bereits geschaffen hatte. Und was ein Ordensoberer an Belastungen und Enttäuschungen zu tragen hat, blieb ihm auch nicht erspart. Und doch, "erstaunlich hielt er sich in der Gewalt und arbeitete gleichsam spielend all das auf, womit die meisten Menschen nicht fertig werden: Mißerfolge, Enttäuschungen, Unlust an der Arbeit, Niedergeschlagenheit usw." (P. Mianecki).

Nicht vergessen werden darf hier seine treue Anhänglichkeit an die Gesellschaft Jesu, die, wie er einmal sagte, ihn geformt und gebildet habe, und seine brüderliche Liebe. Alle, die ihm ein wenig näher getreten waren, wußten, daß er z. B. den Namenstag nicht vergesse. Gerade durch diese kleinen Aufmerksamkeiten hat er manchem Mitbruder wahre Freude gebracht. In ähnlicher Weise blieb er auch vielen Auswärtigen durch Jahre und Jahrzehnte hindurch verbunden. P. Hoffmann hatte viele Freunde, und wie eine Berliner Zeitung zu seinem Tode schrieb, hat er als feinsinniger Mensch überall in Berlin, wo er auftrat, sich Sympathie erworben. Gerade von Auswärtigen wurden so sehr sein menschliches Verständnis und sein feines Einfühlungsvermögen wie seine echte Herzensgüte anerkannt und geschätzt. "Wer P. Theo kannte, mußte ihn verehren", schreibt der Berliner Dompropst, Prälat Weber, zu seinem Tode. Und ein Mitbruder charakterisiert ihn kurz: "Er war immer ein lebendiger, optimistischer, froher Charakter, geistvoll, anpassungsfähig, für alles Moderne aufgeschlossen und doch in der innersten Substanz zuverlässig".

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 115, S. 367-373