P. Walter Hruza SJ
8. Juni 1987 in Berlin-Kladow

Am 8. Juni 1987 verstarb - kurz vor Vollendung seines 95. Lebensjahres - P. Walter Hruza. Ein langes und überaus fruchtbares Ordens- und Priesterleben fand damit sein irdisches Ende und zugleich seine Vollendung. Es dürfte schwerfallen, der Fülle dieses Lebens auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Denn P. Hruza war ein Mensch, der mit Vorliebe im Verborgenen blieb und wirkte. Große, wortreiche Auftritte waren ihm zuwider, dafür umso mehr zielbewußter, tatkräftiger Einsatz für die ihm anvertrauten Menschen und Aufgaben. Auf ihn trifft das Wort des Propheten Jeremias zu: "...so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern. Ich quälte mich, es auszuhalten..." (20,9). Ja, ihn erfüllte und verzehrte die Leidenschaft für Gott und die Menschen; eine Leidenschaft, die - wie es das Wort verrät - ihm wahrhaft nicht geringe Leiden schaffte. Mit welchem Eifer verkündete er das Wort Gottes: Keine Mühe war ihm da zu viel und kein Weg zu lang. Er konnte mit dem Apostel Paulus sagen: "Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde:" (1 Kor 9,16).

P. Hruza stammte aus Berlin, geboren in Moabit am 25. Juni 1892. Sein Vater Joseph war Zuschneider und allem Anschein nach auch ein wortkarger Mensch; er starb 1915 im Alter von 59 Jahren. Den Mittelpunkt der Familie bildete die Mutter Leontine geb. Ondrusch, die 1934 im Alter von 77 Jahren starb. P. Hruza hatte noch vier Geschwister. Ein jüngerer Bruder - Eugen - wurde gleichfalls Priester; seit 1931 wirkte er als Pfarrer in Perleberg, wo er 1955 im Alter von 60 Jahren starb.

Die Berufsentscheidung scheint bei P. Hruza recht früh gefallen zu sein. Als sein Vater ihn bei der Erstkommunion fragte, was er werden wollte, habe er kurz und bündig geantwortet: Priester. Diesen Wunsch nahm sein Vater kommentarlos zur Kenntnis. Bis zur Erreichung dieses Ziels blieb allerdings noch ein weiter Weg zurückzulegen. P. Hruza besuchte die Oberrealschule in der Schillerstraße in Charlottenburg, als einziger Katholik in seiner Klasse. Da er Klassenprimus war, bereitete ihre das Abitur keine Mühe. Vor allem interessierten ihn Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer. Eines fehlte ihm jedoch und zwar die Kenntnis der lateinischen Sprache. Die zum Studium der Theologie erforderlichen Latein- und Griechisch-Kenntnisse erwarb er sich in Breslau. Dort stellte er sich als Externer dem humanistischen Abitur, das er mit einiger Mühe schaffte.

In Charlottenburg lernte P. Hruza einen ehemaligen Kaplan kennen, der sein Amt aufgegeben hatte. Mit diesem führte er in dessen Wohnung tiefschürfende Gespräche, in denen ihm u.a. dringend von einem Theologiestudium in Breslau abgeraten wurde. Zugleich wurde er auf die Gesellschaft Jesu aufmerksam gemacht. P. Hruza hatte keinerlei Kenntnis über den Orden, der ja zu der Zeit in Deutschland verboten war. Auch der ehemalige Kaplan kannte keinen Jesuiten in Berlin, aber er empfahl ihm zwei Bücher: 'Die Gesellschaft Jesu' von Moritz Meschler S.J. und 'Zur Psychologie des Jesuitenordens' von Peter Lippert S.J. Bezeichnend die Reaktion von P. Hruza: Sofort fuhr er zur Herder-Buchhandlung, erstand die beiden Bücher und begann auf der Heimfahrt gleich mit der Lektüre. Wenig später erfuhr er von der Existenz einiger Jesuiten in Berlin und lernte die Patres Rauterkus, Brors, Dantscher und Noppel kennen. Sie schickten ihn zum Aufnahmeexamen nach 's-Heerenberg. Nach Berlin zurückgekehrt, eröffnete er während eines Spazierganges seinem Vater die getroffene Berufsentscheidung.

Aber die Mutter - würde sie zustimmen? Kurzerhand kaufte der Vater zwei Fahrkarten nach Wörishofen, wo die Mutter gerade zur Kur weilte. Auch sie stimmte zu. Nun hielt ihn nichts mehr. Wenig später - am 29. Oktober 1914 - fuhr er ins Noviziat nach 's-Heerenberg. Seit Anfang August herrschte Krieg. Bei dessen Beginn hatte P. Hruza sich in der allgemeinen Begeisterung mit vielen anderen jungen Männern als Freiwilliger gemeldet. Nun wurde er nach Magdeburg einberufen; später ging's nach Döberitz. Diese ersten Wochen beim Militär erlebte er nach seinen Worten als einen 'Sturz in die Hölle', die (niveaulose, erotisch aufgeheizte) Atmosphäre war ihm unerträglich. Das dürfte wohl mit ein Grund gewesen sein, sich an die Front zu melden.

Er kam an die Ostfront. Bei einem Stoßtruppunternehmen zur Erkundung der russischen Linien wurde er an Arm und Bein verwundet und kam ins Lazarett nach Magdeburg. Nach dem Besuch einer Prinzessin dort wandte sich P. Hruza in einem Brief an diese mit der Bitte, als Sanitäter eingesetzt zu werden. Seinem Wunsch wurde stattgegeben. Fast vier Jahre wirkte er allein bei einem Truppenteil an der Ostfront, im Gegensatz zu den meisten seiner Mitbrüder, die zu mehreren in Lazaretten eingesetzt waren. Als 1918 bei der Truppe Fleckfieber grassierte, meldete sich P. Hruza wiederum freiwillig mit vier anderen zur Erprobung des neu entwickelten Heilserums. Nachdem aber bekannt wurde, daß dabei Blut von Infizierten eingespritzt werden sollte, blieb er als einziger übrig. Wie vorauszusehen, befiel ihn das Fieber und ihm wurde das neue Mittel verabreicht. In wenigen Tagen hatte er das Fieber überwunden. Nach acht Tagen Erholung kehrte er an die Front zurück. Ende 1918 erkrankte er an Gelbsucht. Im Lazarett überraschte ihn am 11. November 1918 der Waffenstillstand.

Ende Dezember aus dem Lazarett entlassen, besuchte er kurz seine Mutter in Berlin und fand sich am 1. Januar 1919 nach vierjähriger Abwesenheit wieder im Noviziat ein. 1921-1923 studierte er in Valkenburg Philosophie, unmittelbar danach folgte die Theologie in Innsbruck. Dort empfing P. Hruza am 26. Juli 1925 die Priesterweihe. Daran schloß sich 1927/28 das Terziat in 's-Heerenberg unter der Leitung von P. Walter Sierp an. Nun konnte die apostolische Arbeit beginnen. Der damalige Provinzial, P. Bernhard Bley, sandte ihn nach Berlin, wo er im Juli 1928 seine erste Stelle als Kaplan an der St. Clemenskirche antrat. Hier engagierte er sich mit Nachdruck für das Kolping-Werk.

Im Jahre 1927 wurde vom Vorstand des Berliner Katholischen Beamtinnenvereins ein 'Apostolat für Priesterberufe' ins Leben gerufen, das wenig später in 'Frauenhilfswerk für Priesterberufe' umbenannt wurde, um schließlich den bis heute gültigen Namen 'Päpstliches Werk für Priesterberufe' zu erhalten. In der Chronik dieser Institution heißt es: "Vom ersten Tag seines Hierseins war P. Hruza für das Werk besonders interessiert". Als er im Juli 1929 ins Exerzitienhaus Berlin-Biesdorf versetzt wurde, hielt er dort 1930 auch einen Kurs für die Mitglieder des Katholischen Beamtinnenvereins. In der Folgezeit übernahm er alle Kurse zur Schulung der Mitglieder des 'Päpstlichen Werkes für Priesterberufe'. Aufgrund dieser Exerzitien ergab es sich, daß er nach und nach die geistliche und organisatorische Sorge für das Werk übernahm, das dann schließlich die Hauptaufgabe seines Lebens wurde.

Dreieinhalb Jahre wirkte P. Hruza im Biesdorfer Exerzitienhaus. Daran schloß sich eine neunmonatige Tätigkeit im Exerzitienhaus in Zobten am Berge in Schlesien an. Dann kam die in seinen Augen große Zeit im Exerzitienhaus Hoheneichen in Dresden-Hosterwitz, wo er überwiegend Exerzitien gab und u.a. mehrere Jahre lang die Fastenpredigten in der Dresdener Hofkirche, in der Herz-Jesu-Kirche und im Dom zu Bautzen zu halten hatte.

Diese segensreiche Tätigkeit wurde nach fünf Jahren durch das Eingreifen der Gestapo 1938 jäh unterbrochen. Es existieren noch seine Notizen über die Verhöre bei der Gestapo am Montag, den 19. Dezember 1938 in Dresden und am Donnerstag, den 22. Dezember 1938 in Berlin. Völlig ahnungslos war er dorthin gegangen. Hier bekam er zu seinem großen Erstaunen ein Schreiben der Gestapo Berlin vom 8. Dezember 1938 ausgehändigt mit dem Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet zum Schutz für Staat und Volk. P. Hruza protestierte gegen dieses Verbot und fuhr deshalb nach Berlin in die Prinz-Albert-Straße 8 (Gestapo-Hauptquartier). Dort wurden ihm die Gründe des Redeverbots dargelegt. Wieder erhob er Protest dagegen und noch am 1. März 1939 ersucht er um Aufhebung. In einem Schreiben der Gestapo Dresden erhielt er am 28. April 1939 den endgültigen Bescheid, daß sein Gesuch abgelehnt worden sei.

Nach seiner eigenen Aussage war das der Tiefpunkt seines Lebens. Zwei Jahre lang verbrachte er in Dresdener Krankenhäusern als Hilfskrankenpfleger und durfte seinen über alles geliebten Beruf als Künder des Wortes Gottes nicht ausüben. Durch Vermittlung von Frau Hanna Sebulke lud der Bischof von Ermland, Maximilian Kaller, P. Hruza nach Allenstein/Ostpreußen ein. Dort kümmerte sich die Gestapo nicht mehr um ihn. Bis zum Einfall der Roten Armee im Frühjahr 1945 wirkte P. Hruza dort. Ihm oblag die Ausbildung der Katechetinnen und die Jugendseelsorge. Wiederum war es Frau Sebulke, die P. Hruza im letzten Augenblick vor dem Einmarsch der Sowjets in Allenstein zur Flucht über die Nehrung verhalf.

Während der ersten Hälfte des Jahres betätigte er sich als Seelsorger der zahlreichen Flüchtlinge in Ost- und Westpreußen. Das war mit großen Strapazen verbunden und bedeutete zuweilen unmittelbare Todesgefahr. So sollte er einmal als Spion erschossen werden. Im Mai 1945 zog P. Hruza mit den deutschen Flüchtlingen weiter nach Westen.

Bis Ende 1946 wirkte er in Hinterpommern. Als Rucksackpriester zog er bei Wind und Wetter von Ort zu Ort und sammelte die Gläubigen zum Gottesdienst. In einer sorgfältig geführten Kladde 'Kirchliche Amtshandlungen' registrierte er alle Gottesdienste mit genauer Angabe des Ortes und der Uhrzeit; in diesen Monaten wurden die deutschen Ortsnamen in polnische umbenannt. Die neuen politischen Verhältnisse ließen P. Hruza schließlich in die deutsch gebliebenen Gebiete gelangen, d.h. in die sog. 'Ostzone'. Im April 1946 wurde er wiederum nach Hoheneichen/Dresden versetzt. Von hier aus betreute er zunächst die Heimkehrer- und Umsiedlerlager in Hoyerswerda, dann aber gab er sich voll in die Exerzitienarbeit und wurde Leiter des Exerzitienwerkes im Bistum Meißen. Von Hoheneichen aus hielt er auch Dorfmissionen, u.a. im Erzgebirge. Weit über 500 Exerzitienkurse durfte P. Hruza halten. Er kannte keine Schonung für sich. Anfang 1949 schrieb ihm ein Pfarrer: "Ich war von Ihrem selbstlosen Idealismus selber tief beeindruckt. Sie haben dadurch auch mir persönlich neuen Mut zur Arbeit gegeben. Ich danke Ihnen dafür aus vollem Herzen und werde mich in harten Stunden der Überfülle der Arbeit dankbar daran erinnern."

Im August 1951 kam P. Hruza wiederum ins Exerzitienhaus nach Berlin-Biesdorf. Gemeinsam mit Frau Hanna Sebulke und einigen anderen Frauen widmete er sich von nun an hauptsächlich dem 'Päpstlichen Werk für Priesterberufe'. Mit großer Mühe hat er aus kleinsten Anfängen dieses große Werk wieder aufgebaut. Bis zu seinem Lebensende hat er Tausenden von Frauen immer wieder geistliche Anregungen vermittelt und sammelte zugleich erhebliche Summen Geldes für die Zwecke dieses Werkes. Obwohl er offiziell in Biesdorf wohnhaft war, wohnte er tatsächlich im Annaheim im Westteil der Stadt. Nach dem Bau der Mauer blieb er dort, weil er der Meinung war, daß über kurz oder lang ganz Berlin der DDR einverleibt werden würde.

Bald danach zog er in das neuerbaute Pfarrhaus von St. Canisius in Charlottenburg. Seine Hauptmitarbeiterin, Frau Hanna Sebulke, starb im April 1965. Schon vorher hatten andere ihre Stelle eingenommen; es waren Frau Opelinski, die täglich zu ihm kam und Frau Zimon. Seit Anfang der siebziger Jahre kam Frau Elisabeth Meyer jedes Jahr für einige Monate aus Hamburg, um im Sekretariat zu helfen. Sie hatte 1938 an einem Exerzitienkurs P. Hruzas teilgenommen. 1975 zog sie endgültig nach Berlin und blieb seine Betreuerin bis zu seinem Tode; ein manchmal harter Dienst bei der zuweilen herrischen Art P. Hruzas. 1965 bestellte Bischof Alfred Bengsch P. Hruza zum Vizepostulator für das eingeleitete Seligsprechungsverfahren des Dompropstes Bernhard Lichtenberg, der wegen seines öffentlichen Eintretens für die verfolgten Juden eingekerkert wurde und in der Haft starb.

In den letzten Jahren litt P. Hruza sehr unter der großen Zahl der Abtreibungen in der Bundesrepublik. In seinen Ansprachen und Veröffentlichungen kam er - gelegen oder ungelegen - wiederholt darauf zu sprechen. Andererseits kennzeichnete ihn zeit seines Lebens ein ungebrochener Optimismus. Vor allem aber blieb sein nicht immer leichtes Leben von tiefer Dankbarkeit durchdrungen. Diese kommt besonders ergreifend in seinem 1963 abgefaßten Testament zum Ausdruck. Es heißt dort:

"Allen, die mir das letzte Geleit gegeben haben und später meiner im Gebete gedenken, sage ich aus der Ewigkeit einen Gruß und herzlichen Dank. Vielen in meinem Leben habe ich zu danken: den Eltern, die ihr Letztes für die fünf Kinder gaben; den Geschwistern, die mir alle in die Ewigkeit vorangegangen sind; meinen Lehrern, besonders dem jüdischen Mathematik-Professor und schließlich der Gesellschaft Jesu, die mich 1914 in ihre Reihen aufgenommen hat.

Ich habe so viel Wunderbares erlebt, das ich in ein Heft schrieb (es ist mir auf der Flucht 1945/47 verlorengegangen) mit der Überschrift: 'Mirabilia Dei in aeternum cantabo'.

Durch drei große Abschnitte führte mich die liebevolle Vorsehung: es war
    1. die Schulzeit; dann kam
    2. der 1. Weltkrieg, den ich ganz als Soldat mitmachte und in dem ich verwundet wurde
    3. das Ordensleben als Jesuit.
Ich wurde oft gefragt, welche Tätigkeit als Priester wohl die schönste war? Da denke ich mit Freuden zurück an die Exerzitien in Hoheneichen, wozu ich per Kleinstauto, damals eine Attraktion, die Besten und Eifrigsten aus ganz Sachsen zusammenholte.

Da war die Ausbildung der Katechetinnen in Allenstein und die Jugendseelsorge dort, die durch den Einbruch der Sowjets unter den furchtbaren Erlebnissen der Flucht zerstört wurde. Nie werde ich die Nächte unter dem Bombenhagel auf dem Eis der Nehrung vergessen. Und schließlich der mühsame Wiederaufbau des Werkes für Priesterberufe mit der Fürsorgerin Schw. Hanna Sebulke."

Wie in seinem Testament hat er auch sonst immer wieder gedankt, z.B. dem scheidenden Provinzial P. Gerhartz. Am Erntedankfest 1986 dankte er dem Superior des Ignatiushauses. Als Ältester habe er das Recht und sogar die Pflicht, dem Superior am Erntedankfest zu danken für alle Mühe um die Kommunität. "Danke! Danke!"

In den letzten Jahren seines Lebens machten ihm zunehmend Altersbeschwerden zu schaffen. Im März 1978 erlitt er einen Herzinfarkt. Die Seh- und Hörfähigkeit nahmen zusehends ab, die Beine versagten ihren Dienst. Dadurch wurde seine Übersiedlung aus dem Pfarrhaus ins Ignatiushaus unumgänglich. Als er vollends ein Pflegefall wurde, mußte er im April 1987 in das Altenheim nach Kladow verlegt werden. Dort verstarb P. Walter Hruza im Juni und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt. Dort ruht er unter mehr als 80 Mitbrüdern. "Das Ende ist ewige Jugend in Christus", schrieb er am 28. Juni 1977.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1988 - März, S. 28-31