P. Erhard Kaisig SJ
4. Februar 1991 in Berlin

Wer P. Kaisig gelegentlich traf und sich mit ihm unterhielt, hatte den Eindruck, einen ruhigen, überlegten, begabten und theologisch gebildeten Priester vor sich zu haben. So erlebten ihn die vielen Gläubigen in Mecklenburg in seinen Volksmissionen und religiösen Wochen, die er von 1949 bis 1969 hielt. Es war eine solide Kost, die die vielen Vertriebenen und Flüchtlinge jener Jahre brauchten. Als dann die Missionsarbeit nachließ, wurde er ins St.-Hedwig-Krankenhaus in Berlin (Ost) versetzt, um in der Krankenseelsorge zu helfen. Es war eine Arbeit, die nicht ganz nach seinem Geschmack war, die er aber gewissenhaft tat.

Als für das Haus Magdeburg ein Mitbruder gesucht wurde, damit nicht Fremde ins Haus eingegewiesen wurden, fiel die Wahl auf ihn. Es war keine glückliche Wahl. Er atmete auf, als er nach Biesdorf ins Altersheim ziehen konnte. 1988 erlitt er dort einen Schlaganfall, der ihn für Monate ans Bett fesselte. Wieder genesen, widmete er sich ganz der Seelsorge an den Heimbewohnern. Als die Ordensschwestern die Leitung des Heimes abgaben, sollte er ins Peter-Faber-Kolleg nach Berlin-Kladow umziehen. Einige Wochen vor dem Umzug besuchte ich ihn.

Wir kamen auch auf den Umzug zu sprechen. In seiner ruhigen Art sagte er: "Warum denn das noch?" Sonst war er in seinen Reaktionen auf die Versetzung kurz und knapp: "Bin bereit! Wann?" Er hatte bei den "Altchen" eine Arbeit gefunden, die ihm Sicherheit und Angenommen-Sein schenkte.

Ich ahnte, daß hier ein Schlüssel zum Verständnis dieses Lebens lag. Dann fand ich einen Zettel, der Licht in dieses Leben brachte. Ich las: "Die schlimmste Krankheit ist das 'Nichtangenommen-Sein'! Jede andere Krankheit kann man heilen, diese nicht!"

Wie ein Trauma scheint ihn diese Erfahrung begleitet zu haben. "Ich bin nicht angenommen!" Wahrscheinlich gilt das schon für das Verhältnis zum Elternhaus. Der Vater war Hochofen-Ingenieur. Er wohnte in Sosnowitz, unweit Kattowitz, im damaligen Russisch-Polen. Seine Geschäftsreisen führten ihn weit ins Russische Reich bis nach Baku. Unser kleiner Erhard wurde am 28. April 1912 in Sosnowitz geboren. Während des 1. Weltkrieges zog seine Mutter mit ihm nach Dubansko, Kreis Rybnik. Als der Vater aus dem Krieg kam, war Erhard gerade sechs Jahre alt. Mit Verwunderung stellte der Vater fest, daß der Junge weder deutsch noch polnisch richtig sprach. Der Vater sorgte, daß das Unterlassene schnell und gründlich nachgeholt wurde. In seinen Aufzeichnungen macht Erhard dazu folgende Bemerkung: "Nun begannen die Leiden des jungen Werther. Mit Gewalt wurde mir das erforderliche Wissen in meinen Kopf eingeschlagen!" Er muß dies wie eine seelische Vergewaltigung empfunden haben, denn er schreibt: "Die vielen Tränen, die dabei flossen, sind kaum zu zählen."

Ein zweites Leid kam dazu. Königshütte wurde polnisch. Das nächste deutsche Gymnasium war im 8 km entfernten Beuthen. Täglich fuhr er diese Strecke. Weder Vater noch die Schule merkten, daß er jeden Tag eine Stunde zu spät zum Unterricht kam. Diese erste Stunde war Latein. Am Ende der Sexta merkte der Vater, daß Erhard kein Wort Latein konnte. Er berichtet: "Nun wurde mir Latein eingebleut. Die Leiden des jungen Werther nahmen kein Ende." Ab Quinta kam er ins bischöfliche Knabenkonvikt und blieb dort bis zum Abitur 1932. Er bemerkt: "In allen Jahren hatte ich im Weihnachtszeugnis den Satz: Versetzung in die nächste Klasse sehr zweifelhaft!"

Neben dieser schulischen Entwicklung gab es eine klare Entfaltung seiner Berufung zur Gesellschaft Jesu. Sie begann während eines Gesprächs der Jungen untereinander. Einer fragte ihn: "Was willst Du werden?" Spontan antwortete er: "Ich werde Jesuit!" "Seit dieser Zeit", so schreibt er, "habe ich niemals an meinem Beruf gezweifelt." Und dennoch sollte es noch harte Auseinandersetzungen geben, die den Beruf hätten zerstören können.

Er bewarb sich um Aufnahme ins Noviziat; seinen Eltern wagte er davon nichts zu sagen. Nach dem Abitur erkrankte er. Der Aufnahmetermin verstrich. Er deutete dies als - 'digitus Dei' - Gott will nicht, daß ich eintrete. In Breslau studierte er Theologie. "Drei Semester lebte ich als flotter Verbindungsstudent. Im vierten Semester wurde mir klar: dieser Weg ist falsch! Du bist zur SJ berufen." 1934 bat er R. P. Bley um Aufnahme. Typisch für P. Kaisig ist der Verlauf dieses Gesprächs mit dem Provinzial. Er schildert: "In Breslau mußte ich mich bei P. Provinzial melden. Mein Leibbursche (Verbindung) stand am Eingang und wartete auf meine Rückkehr. Wir hatten ausgemacht, wenn ich die Aufnahme nicht erhalte, betrinken wir uns 'vor Freude'. Beim Gespräch stellte mir P. Bley eine Frage. Ich weiß nicht mehr, was für eine Frage es war. Ich antwortete: Diese Frage beantworte ich nicht! Sagen Sie mir: Kann ich kommen oder nicht? Sie sind aufgenommen, sagte er mir."

Dieser klare Bescheid gab seinem Leben Halt und beglückte ihn. Der Provinzial der Jesuiten nimmt mich an! Aber eine Frage quälte ihn noch: Wieso konnte P. Bley so sicher sagen: ich nehme sie? Nach vielen Jahren stellte er wirklich diese Frage. P. Bley sagte: "Ihre beiden Bewerbungen um Aufnahme glichen sich in den Begründungen wie ein Ei dem anderen."

So begann er am 12. April 1934 das Noviziat in Mittelsteine. Er erlebte es als eine ruhige, harmonische ihm angepaßte Zeit. Am 19. April 1936 folgten die Ersten Gelübde.

Über die Philosophie in Pullach machte er eine wichtige Bemerkung: "Die Studien haben mich gläubiger gemacht!" Im Juni 1939 kam er ins Interstiz nach Breslau als Präfekt ins Internat Kurfürst Franz Ludwig. Nach seiner Meinung "War es eine entsetzliche Zeit. Ich wurde Polizist für die Mittelabteilung. Eine geistig unfruchtbare Zeit. Nur aufpassen!" Er jubelte auf, als die Einberufung zur Wehrmacht eintraf. "Es war für mich eine Erlösung!" Er war nur 18 Monate Soldat und wurde im kalten Winter 1941 am 3. November entlassen. Die Zukunft war politisch ungewiß. "Kommen wir gleich ins KZ? Besser für Christus sterben als für Hitler!"

In Wien konnte er die Theologie beginnen: Das erste Jahr wohnte er im Profeßhaus. Das Studium machte Freude, denn wir hatten gut und genug zu essen. Als er aber ins Burgenländische Seminar zu den anderen Mitbrüdern kam, begann ein Hungerdasein. Ich kenne keinen Mitbruder, der so auf das "tägliche Brot" angewiesen war wie ihn. Das Gedächtnis ließ nach. Er hatte keine Kraft mehr zum Studium.

Am 19. Juni 1943 wurde er in Wien zum Priester geweiht. Nach Abschluß der Studien sollte er nach Schlesien kommen. Die Russen hatten indes Teile Schlesiens erobert. Er bat um die Erlaubnis, in Tirol auszuhelfen. Eben am Achensee, Zirl und Wattens waren die Orte der Aushilfe. Am 12. Dezember 1946 meldete er sich als Kriegsgefangenenseelsorger nach Frankreich. In Südfrankreich wurde er bei einem Minenräumkommando Lagerpfarrer. Er schreibt: "Eine harte Zeit, die ich aber nicht missen möchte!" Am 18. März 1948 verläßt er Frankreich. Vom 15.9.48 bis 15.7.49 macht er in Münster unter P. Karl Wehner sein Tertiat.

Nun beginnt sein Einsatz für die Gesellschaft. 20 Jahre ist er Volksmissionar in Mecklenburg (1949 - 1969). Er tat sich schwer bei der Ausarbeitung der Predigten. P. Drost stellte ihm seine Predigten zur Verfügung. Das war für P. Kaisig eine große Hilfe. Er rechnete aber nicht mit der Kritiklust des Klerus. Bald hatte er seinen Spitznamen weg: "Der Erbdroste". Das ärgerte ihn sehr, zwang ihn aber, sich doch auf eigene Beine zu stellen. In dieser Zeit sagte er einmal zu mir: "Für mich habe ich keine Erwartungen mehr!" Er war damals ca. 45 Jahre alt. Die vielen Hungerjahre hatten ihn geschwächt. 1981 erlitt er einen Herzinfarkt, der ihn für Monate ans Bett fesselte.

Im Altersheim in Biesdorf erlebte er voll, was er erstrebte: angenommen zu sein! So wurde der Abschied von Biesdorf für ihn zum Abschied vom Leben. Zwei Monate nach dem Umzug verstarb er im Franziskus-Krankenhaus in Berlin.

Gott möge ihm seinen Herzenswunsch erfüllen: Angenommen und geborgen zu sein im Herzen Jesu.

R.i.p.

P. Antonius Scholz SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1991 - März, S. 49ff