P. Johannes Kipp SJ
27. Dezember 1958 in Berlin

P. Kipp hat viele Jahre hindurch kurz und stichwortartig über die wichtigsten Ereignisse seines Lebens Tagebuch geführt, vor allem in Litauen. Wohl war alles in einer selbstgebildeten, für andere unzugänglichen Stenographie geschrieben, aber er hat, bevor er seine Tagebücher vernichtete, noch Auszüge daraus diktiert und niederschreiben lassen. Leider konnte er die Niederschrift nicht mehr durchsehen. Uns aber ist so die Möglichkeit gegeben, seine uns sonst kaum bekannte Wirksamkeit in Litauen wenigstens skizzenhaft darzustellen und im Zusammenhang damit auch einiges aus der Geschichte der Litauischen Provinz zu bringen.

Johann Gerhard Kipp war am 4. November 1884 als zweitältester von vierzehn Geschwistern in Raesfeld, Kreis Borken (Westfalen), geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Johann Kipp und Josefine, geborene Böckenhoff. Ein Bruder des Vaters war P. Gerhard Kipp S. J., der 1903 in Indien an der Pest starb.

Nachdem Johannes Kipp in Feldkirch und Vechta seine Gymnasialstudien beendet hatte, trat er am 23. April 1903 in Blyenbeek in die Gesellschaft Jesu ein. Als einen Monat später, am 22. Mai, das sogenannte Neue Haus in Blyenbeek abbrannte, wurde das Noviziat nach Exaten verlegt. Auf das Noviziat folgten die Rhetorik in Exaten und die Philosophie in Valkenburg. Und im Herbst 1908 ging es nach Indien, wo Fr. Kipp an der Schule der Europäer, am St. Mary's College in Bombay, vier Jahre Präfekt der 2. (mittleren) Division war. Hier erwarb er sich jene vorzügliche Kenntnis der englischen Sprache, die ihm in seinem Leben noch oft recht nützlich sein sollte. 1912 begann er in Valkenburg die Theologie und wurde beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 2. August 1914, vorzeitig zum Priester geweiht, aber erst im Februar 1915 einberufen. Bis Kriegsende war er dann als Lazarett- und Divisionspfarrer an der Ost- und Westfront tätig und erhielt kurz vor der Entlassung noch das E. K. I.

Nachdem er in Valkenburg noch ein Jahr Theologie studiert hatte, kam er im Sommer 1919 nach Essen. Dort hatte P. Dietrich eine Anzahl höherer Schüler um sich versammelt. P. Kipp übernahm diese Arbeit, die sich bald sehr ausweitete. Die Schar nannte sich "Alfredus-Kreis Essen im Verband Neudeutschland". Schon nach einem Jahr zählte der Alfredus-Kreis von Quarta bis Oberprima etwa 800 Mitglieder. Schülervorsitzender war Karl Schaefer, heute Ordinarius für neutestamentliche Exegese an der Universität Bonn. Innerhalb ND gründete P. Kipp für ausgewählte Schüler der oberen Klassen eine Marianische Kongregation, die er "Ver sacrum" nannte und aus der nicht wenige Priester- und Ordensberufe hervorgegangen sind. Im Januar 1921 wurde ihm Schloß Baldeney angeboten, das jetzt Mittelpunkt seiner Jugendarbeit wurde. Er selbst zog dorthin und übernahm auch die Leitung des Hauses.

Im Herbst 1922 kam P. Kipp ins Tertiat nach Exaten, wurde aber schon im Dezember als Socius des Novizenmeisters nach 's Heerenberg geholt, wo er das Tertiat fortsetzte. Zu Beginn des Tertiates hatte P. Provinzial Bley den Tertiariern in Exaten von einer Reise nach Litauen erzählt und dabei P. Kipp, der wie schon in der Theologie auch jetzt Bidell war, ausdrücklich angesprochen. Wie P. Kipp in seinem Tagebuch erzählt, blieb er nun monatelang in der Ungewißheit ob er nach Litauen geschickt, oder - was auch in Aussicht stand - Novizenmeister des geplanten Ostnoviziates werden würde. Die Entscheidung fiel am Josefstage 1923. An diesem Tage schrieb ihm P. Provinzial Bley, daß er sich entschlossen habe, ihn dem P. General für Litauen vorzuschlagen.

In der alten Gesellschaft hatte einst eine blühende litauische Provinz bestanden, deren Schulen und Kirchen nach der Aufhebung der Gesellschaft unter der russischen Herrschaft aber völlig verfielen. Das Kolleg von Kaunas blieb anfangs noch als Schule bestehen, wurde aber dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem russisch-orthodoxen Bischof übereignet. Die Kirche wurde orthodoxe Kathedrale, die Kollegsräume dienten als Bibliothek, Archiv, Wohnung der Geistlichen und schließlich als Residenz des orthodoxen Erzbischofs. Bevor die Russen während des Ersten Weltkrieges aus Kaunas flüchteten, steckten sie das Archiv an. Dabei verbrannte der Dachstuhl des Ostflügels und der angrenzende Turm der Kirche. Der beschädigte Flügel wurde nach dem Kriege notdürftig wiederhergestellt, um darin ein Waisenhaus einzurichten. Den andern Teil des Kollegs erhielten Ordenschwestern als Mutterhaus und Noviziat. Das war der Zustand des ehemaligen Kollegs, als P. Kipp am 20. Juli 1923 in Kaunas eintraf (vgl. Mitteilungen, 10. Bd., S. 39 ff).

P. Kipp knüpfte mit der ihm eigenen Lebendigkeit und Beweglichkeit sehr bald wertvolle Beziehungen an und machte sich an die Wiederherstellung von Kirche und Kolleg. Am 31. Juli 1923 bemerkt er: "Zur Feier des Tages lud ich mit dem Chauffeur die ersten geschenkten 4.000 Steine ab". Daneben studierte er eifrig die für ihn nicht leichte Sprache. Im Tagebuch notiert er, wann er das erste Mal litauisch vorbetete, Beichte hörte, eine kleine Ansprache hielt usw.

Daß P. Kipp auch auf mancherlei Schwierigkeiten und Widerstände stieß, wird niemand verwundern. Dennoch wurden am 11. Februar 1924 Kirche und Kolleg endgültig der Gesellschaft zurückgegeben und am 11. Mai unter großer Beteiligung des Volkes, auch der Gebildeten, die Kirche vom Bischof von Kaunas rekonziliert und eröffnet. Obwohl P. Kipp erst knapp ein Jahr im Lande war und die litauische Sprache noch nicht beherrschte, wurde er eingeladen, auf dem litauischen Katholikentag, dem drei Bischöfe, viele Geistliche und Gebildete beiwohnten, einen Vortrag über das Ordensleben zu halten. Diese Rede erregte großes Aufsehen und Verwunderung, auch bei seinen Gegnern, und fand uneingeschränkten Beifall. Der Nuntius beglückwünschte ihn später dazu und sagte ihm: "An diesem Tage haben Sie Litauen erobert".

Es fehlte auch weiterhin nicht an Schwierigkeiten, aber bereits am 1. September 1924 konnte ein humanistisches Gymnasium nach litauischem Lehrplan mit der 1. Klasse eröffnet werden. Dies war nur deshalb möglich, weil P. Kipp, der bisher mit P. Andruska und Br. Schwartz allein war, in P. Fenger und den Fratres Meslys und Paukstys Hilfe erhielt. Die Entwicklung geht trotz mancher Widerstände ruhig und stetig weiter. Selbst führende Staatsmänner und Politiker vertrauen den Jesuiten ihre Söhne zur Erziehung an (vgl. Aus der Provinz, 3. Folge, S. 155 f. 1.63 1. 248).

Es war unvermeidlich, daß P. Kipp bei seiner Stellung und seinen Beziehungen nicht auch öfter in politische, vor allem kirchenpolitische Angelegenheiten hineingezogen wurde. Diesen Dingen ganz auszuweichen war ihm unmöglich, da ja auch die Schule und ihre Existenz völlig von der politischen Lage und Entwicklung, vor allem auch von den politischen Machthabern abhing. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an den für die christlichen Parteien verhängnisvollen Ausgang der Wahlen im Mai 1926 und an den Umsturz im Dezember des gleichen Jahres. Einzelheiten darüber würden zu weit führen; es darf darum auf Berichte in unserm alten Nachrichtenblatt " Aus der Provinz" hingewiesen werden, (3. Folge, S. 190 ff, 221 ff).

Besondere freundschaftliche Beziehungen verbanden P. Kipp mit der Familie Smetona; Anton Smetona war im Dezember 1926 nach dem Umsturz Präsident der Republik Litauen geworden. P. Kipp und das Kolleg von Kaunas verdanken diesem Manne und seiner Gattin außerordentlich viel, und von Präsident Smetona sagt sein Vertrauter, daß er keines Menschen Rat so gern annehme wie den des P. Kipp. Wenn bei den Spannungen zwischen Litauen und dem Vatikan in den Jahren 1931/32 die diplomatischen Beziehungen nicht ganz abgebrochen wurden, dann ist dies sicher auch ein Verdienst des P. Kipp, der mäßigend auf die Regierung einzuwirken suchte und sich bemühte, in Rom zu vermitteln.

Schon bald nach der Ankunft P. Kipps in Litauen meldeten sich litauische Kandidaten, die aber vorläufig noch nach 's Heerenberg ins Noviziat geschickt werden mußten. Da man mit Recht erwartete, daß die Zahl guter Kandidaten sich vermehren würde, wenn im Lande ein eigenes Noviziat bestünde, bemühte sich P. Kipp von Anfang an um ein passendes Objekt. An Angeboten fehlte es nicht; diese waren aber meist recht ungeeignet, so daß Jahre vergingen, bis 1929 das Gut Pagryzuvis bei Tytavenai gewählt und dort unter P. Boegner das litauische Noviziat eröffnet wurde (vgl. Mitteilungen, 12. Bd., S. 333 ff).

Im Jahre 1930 wurde die 'Litauische Provinz' errichtet, die zwar die kirchenrechtlichen Erfordernisse erfüllte, aber ordensrechtlich noch im Verbande der Niederdeutschen, bzw. Ostdeutschen Provinz verblieb, bis Sie 1936 auch ordensrechtlich unabhängige Vizeprovinz wurde. Denn 1927 war im litauischen Konkordat vereinbart worden, daß die Orden eigene Provinzen bilden sollten. Da kirchliche wie staatliche Stellen auf die Ausführung dieser Bestimmung drängten, wurde diese Lösung gewählt und P. Kipp zum Superior Provincialis ernannt. Für P. Kipp lag eine siebenjährige Entwicklung vor. Fast allein hatte er begonnen. Und jetzt lebten bereits 40 Jesuiten im Lande, von denen freilich der vierte Teil noch Novizen, und von den andern auch nur die Hälfte Litauer waren.

In den folgenden Jahren gab es, nicht zuletzt wegen der Spannungen zwischen Kirche und Staat, wieder mancherlei Unruhe und Sorge, aber P. Kipp war nicht der Mann, der sich einschüchtern oder entmutigen ließ. Immer wieder gelang es seiner Wendigkeit und seinen Beziehungen, die Erregung zu beschwichtigen, unangenehme Situationen zu meistern und das Ansehen des Gymnasiums zu festigen. Unterdessen trieb aber die Entwicklung jenen Ereignissen zu, die zum Ausbruch des Krieges und damit auch zur Besetzung Litauens durch die Sowjets führen sollten. P. Kipp kann es bei seinen Beziehungen, auch zu fremden Diplomaten, nicht entgangen sein, wohin die Dinge trieben. Bald mußte er es erleben, daß das Werk, das er in siebzehnjähriger, zäher Arbeit aufgebaut hatte, in kürzester Zeit zusammenbrach.

Selbstverständlich soll hier kein abschließendes Urteil über P. Kipp und seine Arbeit in Litauen gebracht werden. Aber es darf wohl ohne Übertreibung gesagt werden, daß das Kolleg von Kaunas wie die Schaffung der Litauischen Provinz in der Hauptsache sein Werk war. "Er hat es verstanden, litauische und deutsche Mitbrüder zu einer Gemeinschaft zusammenzuführen und zusammenzuhalten... Sein Verdienst ist es, daß das Kolleg von Kaunas eine der angesehensten Schulen des Landes war" (Totenzettel). P. Kipp war Oberer, gab Religionsunterricht am Gymnasium, hielt sehr oft Exerzitien, war ein gesuchter Beichtvater usw. Dazu kamen noch andere Verpflichtungen, vor allem gesellschaftlicher Art, die er im Interesse der Schule und des Ordens nicht vernachlässigen durfte. Es ist darum begreiflich, daß er oft nicht zu Hause oder nicht zu erreichen war, daß sein Verhalten und Vorangehen nicht immer von allen Mistbrüdern gebilligt wurde, und daß wohl auch manches hätte anders angefaßt und durchgeführt werden können. Diese Einschränkung mindert aber in keiner Weise, was P. Kipp geschaffen hat. Er war einer der einflußreichsten Männer des Landes, aber er hat seine Stellung und seinen Einfluß nie für sich, sondern stets zum Segen der Kirche und des Ordens zu nützen sich bemüht. Rastlos und selbstlos hat er gearbeitet und heroisch auch in den schwierigsten Lagen durchgehalten. Trotz ernster und schmerzhafter Erkrankungen, in Kaunas wie später in Berlin, ließ er den Unterricht nur in seltensten Fällen ausfallen oder sagte andere Verpflichtungen ab. Umso mehr mußte es ihn treffen, als alles zusammenbrach und er Litauen verlassen mußte.

Im Jahre 1941 schloß sich P. Kipp, der schon mehrere Jahre das litauische Bürgerrecht besaß, auf Anraten des Apostolischen Nuntius den Umsiedlern nach Deutschland an. Er kam nach Berlin, wo er bis zu seinem Tode noch eifrig in der Seelsorge tätig sein sollte. Er war zunächst in St. Clemens, erlebte hier im Juni 1941 die Auflösung des Hauses durch die Gestapo, wurde bei dieser Gelegenheit für einen Monat in Haft gehalten und fand dann in Berlin-Zehlendorf und seit Mai 1942 an der Domkirche St. Hedwig eine schöne, weitreichende seelsorgliche Tätigkeit. An St. Hedwig erlebt er die Fliegerangriffe auf Berlin und den Zusammenbruch im Jahre 1945. Nach 1945 waren dann seine Hauptaufgaben Mithilfe in der amerikanischen Pfarrei und seit 1950 auch Religionsunterricht in den oberen Klassen der Liebfrauenschule.

    P. Kipp war Oberer und f ü h r t e. Dabei waren ihm seine sanguinisch-cholerische Veranlagung wie seine westfälische Zähigkeit wertvolle Hilfen. Auch in schwierigsten Lagen verzagte er nicht, sondern verfolgte ruhig und beharrlich sein Ziel.

    Er war Lehrer und u n t e r r i c h t e t e. Gelegentlich erzählte er, als ihm während der Gymnasialzeit der Gedanke an das Priestertum kam, war damit auch der Wunsch verbunden, Religionslehrer zu werden. Und er ist es geworden und geblieben bis an sein Lebensende.

    Er war Beichtvater und b e r i e t Menschen der verschiedensten Stände und Altersstufen, innerhalb und außerhalb des Beichtstuhles. Und er muß gut geraten haben, sonst wären wohl die Menschen, auch aus gebildeten und höhergestellten Kreisen, nicht immer wieder zu ihm gekommen.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 120, S. 492-497