Bruder Augustinus Kiwus SJ
6. Juli 1948 in Berlin

Augustinus Kiwus entstammte einer kinderreichen Bauernfamilie Oberschlesiens und war am 28. August 1900 in Friedrichstal, Kreis Oppeln, geboren. In der landwirtschaftlichen Arbeit zu Hause erlitt er einen Unfall, der ihn die Finger der linken Hand kostete und diese für immer krüppelhaft machte. Br. Kiwus selbst sah diesen Unfall als besondere Gnade an; ohne ihn hätte er, wie er gelegentlich äußerte, wohl nie den Weg ins Ordensleben gefunden. Durch die Patres von Oppeln lernte er die Gesellschaft Jesu kennen und kam bereits vor Eröffnung des Noviziates am 3. Mai 1926 als Postulant nach Mittelsteine. Dort blieb er auch nach Beendigung seines Noviziates bis zur Aufhebung des Hauses im Jahre 1941. Anfangs arbeitete er im Garten, später nach Übernahme der Landwirtschaft war er vorwiegend in der Ökonomie beschäftigt. Seiner besonderen Obsorge waren die Stallungen für die Schweine anvertraut. Um diese Arbeit hat ihn sicher niemand beneidet, und wiederum fand sich wohl keiner, der diese schwere Arbeit mit solcher Treue und Gewissenhaftigkeit verrichtet hätte wie gerade Br. Kiwus.

Die Beschlagnahme des Mittelsteiner Hauses und Gutes führte ihn am 17. April 1941 nach der Gabitzstraße in Breslau. Hier war er buchstäblich für alles da und packte auch überall an, wo man ihn brauchte. Hauptamtlich war ihm die Mundiz übertragen, aber daneben machte er zahllose Besorgungen, betreute die Kaninchen, verrichtete kleinere Handwerksarbeiten und versah vom Abend bis zum andern Morgen die Pforte - tagsüber war dafür eine Ordensschwester da. Gelegentlich eines kurzen Besuches in Zobten besserte er das Dach aus, wobei er infolge der locker gewordenen Haken abstürzte. Wie durch ein Wunder fing er sich noch an der Dachrinne. Besonders die sog. Festungszeit in den letzten Monaten des Krieges und die spätere Besatzungszeit nahmen all seine Kräfte in Anspruch. Da galt es, Monate hindurch Tag für Tag ungefähr einen Kilometer weit frisches Wasser in einer Tonne herbeizuschaffen, das Haus und die Kirche notdürftig instandzusetzen, die nötigen Lebensmittel heranzuholen - die Kartoffeln holte er 35 km weit auf einem Handwagen herbei - und so vieles, vieles andere, was nur der zu ermessen vermag, der die Jahre 1945/46 im Osten miterlebt hat. Auf einer solchen Versorgungsfahrt wurde er einmal festgenommen, mit Eisenstangen geschlagen, in den Leib getreten und mit dem Tode bedroht; wochenlang hat er daran zu leiden gehabt. Aber es schüchterte ihn nicht ein, sondern bald zog er wieder los. Zweifellos kam ihm in dieser Zeit die Kenntnis der polnischen Sprache sehr zu statten so daß er immer und überall sich verständigen und durchsetzen konnte. Furchtlos trat er auf gegen Unrecht seitens der Miliz und drohte mit den Strafen Gottes - nicht ohne Erfolg.

Am 2. Dezember 1946 wurde er mit R. P. Boegner, den PP. Conrad und Pietsch und Br. Kahl aus Breslau ausgewiesen und zunächst nach Westdeutschland umgesiedelt. Doch bald berief ihn R. P. Provinzial zu sich an die Provinzkurie nach Berlin-Dahlem. Hier sollte er die immer zahlreicher werdenden Botengänge und Besorgungen übernehmen und vor allem in der karitativen Betreuung der Mitbrüder in der Zone mithelfen. Überraschend schnell fand er sich in Berlin zurecht. Anfangs verfuhr er sich zwar manchmal auf der S- oder U-Bahn. So kam er nach einer solchen Irrfahrt einmal etwas kleinmütig nach Hause und erklärte: "Ich hätte nicht gedacht, daß "dies Berlin" so groß sei!" Aber bald war er mit den Berliner Verkehrsfinessen in einer Weise vertraut, wie es nur ein Eingeborener oder lange Ansässiger sein kann. Sehr oft fuhr er auch mit dem Rade durch die Stadt und schleppte auf seinem Anhänger nicht selten ganze Zentnerlasten heran oder brachte sie wieder zur Post oder Bahn.

Die Berliner Tätigkeit war eine Arbeit ganz nach seinen Wünschen. Hier konnte er selbstlos für andere tätig sein und durch seine Beschaffungen und Besorgungen mithelfen für das Reich Gottes. Hier zeigten und bewährten sich in gleicher Weise seine Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft wie seine Treue und sein Eifer. Was ihm aufgetragen oder von ihm erbeten wurde, tat er oft mit übermenschlicher Zähigkeit. Schüchtern war er bestimmt nicht, ja er konnte zuweilen recht hartnäckig sein und ließ sich nicht so leicht abweisen. Aber so bestimmt er auch sein Anliegen vertrat, er wurde nicht gereizt oder erregt. Ohne Zweifel hat er zuweilen zu wenig Rücksicht genommen auf sich, auf seine Gesundheit und seine berechtigten Bedürfnisse. Warnungen und Einwände wollte er nicht gelten lassen. Auf den verschiedenen Ämtern war er recht bald bekannt. Noch oft wurde nach ihm gefragt; man war überrascht über seinen plötzlichen Tod und bedauerte es sehr, daß er nicht mehr unter den Lebenden weile.

Trotz der vielen und vielseitigen Beschäftigungen, die Br. Kiwus in seinem Ordensleben hatte, ging er nie in der äußeren Arbeit auf, sondern war ohne jede Übertreibung ein tief innerlicher Mann. Nicht bloß im Noviziat, auch später hat er stets mit großer Treue seine geistlichen Übungen verrichtet. Gelegentlich gestand er einmal, daß er auf seinen vielen Fahrten durch Berlin fast immer bete oder betrachte. Und als ich ihn fragte, was er denn bete, sagte er: Manchmal den Rosenkranz, aber meistens Stoßgebete, daß die Sünder sich doch bekehren, der Herrgott die Feinde der Kirche demütigen möge, daß der Wille Gottes in allem geschehe usw. Das war nichts Gemachtes, sondern Br. Kiwus ernst und ehrlich gemeint. Ein anderes Mal als er gerade seine Betrachtung vorbereitet hatte, ließ ich mir das Buch zeigen; fast entschuldigend sagte er: "Ich betrachte aber meistens ganz anders. Ich denke an Gott und die Nöte des Reiches Gottes. Da kann ich immer beten!" Mit diesen Worten hat er uns einen kleinen Blick tun lassen in sein inneres Leben. Dieses war einfach und schlicht, aber auch solid und fest begründet. Lieblingsgedanken seines inneren Lebens waren der dritte Grad der Demut, die Bekehrung der Sünder, die Ausbreitung des Reiches Gottes, wie überhaupt der Gottesgedanke, die Liebe und Sehnsucht nach Gott und das Vertrauen auf seine Vorsehung und Führung. Als er einmal bei mir Exerzitien gemacht hatte, kam er nachher einige Male auf diese Exerzitien zu sprechen. Ich war ehrlich erstaunt, wie einfach und klar er die großen Wahrheiten der Exerzitien und des inneren Lebens auffaßte und bei sich verwirklichte. Ihm ferner Stehende haben seine Frömmigkeit wie seine ganze Art vielleicht nicht immer ganz verstanden, aber wer ihn näher kannte, wird dem Urteil eines Mitbruders beistimmen, der nach seinem Tode erklärte: "Mit ihm haben wir einen Mitbruder verloren, der eine weit über dem Durchschnitt stehende Tugend besaß und ein Innenleben führte von dem wir alle keine Ahnung haben."

Sein Innenleben kreiste keineswegs um sich selbst, auch hier zeigte sich seine Selbstlosigkeit, auch hier dachte er mehr an andere als an sich selbst. Die seelische Not der Menschen, vor allem in Berlin, ging ihm fühlbar nahe. Es sei ihm, erklärte er mir einmal, geradezu unerträglich, wenn er daran denke, daß die Menschen, die mit ihm in der Bahn fahren, verdammt werden sollten. Auch konnte er es nicht begreifen, daß die Menschen die Glaubenswahrheiten nicht annähmen. Wenn man ihnen predige oder es ihnen sage, müßten sie sich doch bekehren und glauben. Bei dieser apostolischen Einstellung ist es selbstverständlich, daß er das größte Interesse hatte an den Arbeiten der Patres, gern von ihren Erfolgen und Erfahrungen hörte und viel für die apostolischen Anliegen der Gesellschaft und der Kirche betete. Bei Auswärtigen erfreute er sich ehrlicher Hochschätzung. Er verstand es, zum Guten zu mahnen und durch fromme Gespräche anzuregen, ohne dabei lästig zu fallen. Er besaß geradezu Autorität und Ansehen, wie sich dies noch in den Tagen der Krankheit und nach seinem Tode zeigte.

Menschlich gesprochen hätte Br. Kiwus noch viel arbeiten, beten und opfern können für das Reich Gottes. Aber der Herr rief ihn und versetzte ihn in sein ewiges Reich. Br. Kiwus war nie der Gesündeste, aber auch kaum einmal ernstlich krank gewesen. Zeitweise hatte er wohl Magen- und Leibbeschwerden gehabt, aber immer wieder alles überwunden. Auch jetzt fühlte er sich seit einiger Zeit nicht recht wohl und war auffallend unruhig und nervös. Als er eines Tages von einer Ausfahrt heimkehrte, konnte er starke Beschwerden im Unterleib nicht verbergen. Diese steigerten sich bald derart, daß er es vor Schmerzen kaum noch aushielt. Er ward abends noch ins Krankenhaus gebracht. Erst am folgenden Tage stellte der Arzt Darmverschluß fest. Br. Kiwus wurde sofort operiert. Dabei zeigte sich, daß der innere Brand schon sehr weit vorangeschritten war und ein Wiederaufkommen darum sehr fraglich sei. Nach zwei Tagen ist er denn auch ruhig und zufrieden eingeschlafen, nachdem er zuvor noch große Schmerzen durchzustehen hatte. Die Beerdigung des Bruders zeigte nochmals, wie sehr ihn Unsrige und Auswärtige schätzten. Bei der Grabrede stellte R. P. Provinzial sein Leben unter das Motto: "Sei getreu bis in den Tod!" Das war die charakteristische Tugend des Br. Kiwus: Treu dem Berufe, der Arbeit, den Regeln, dem Apostolat. So wird ihm auch der getreue Gott die Krone des Lebens gegeben haben.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 113, S. 142-145