P. Wolfgang Kurts SJ
* 4. Juli 1912 in Berlin     8. April 1992 in Berlin

Im März 1981 hat P. Wolfgang Kurts intensiven Rückblick auf sein Leben gehalten und das Ergebnis schriftlich niedergelegt. Nicht nur dem Verfasser eines Nachrufs hat er damit die Arbeit erleichtert; auch all jenen Mitbrüdern hat er geholfen, die an seiner Vita interessiert, Spreu vom Weizen scheiden wollen.

Über seine Kindheit hält er fest: in einer Lehrerfamilie im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg wurde er geboren und ist dort mit seinem drei Jahre älteren Bruder Alfred zusammen aufgewachsen. In der Pfarrkirche Heilige Familie geht er am 11. März 1923 zur Erstkommunion und empfängt am Tag darauf das Sakrament der Firmung. Acht Jahre später macht er das Abitur; in seinen Aufzeichnungen legt er Wert auf den Zusatz: an einem humanistischen Gymnasium. Wie sein älterer Bruder beginnt er zunächst das Studium der Philosophie und Theologie an der Breslauer Universität. Dazu heißt es in seinen Notizen:

"Priester wollte ich von früher Kindheit an werden; das ist gewiß eine Gnadenführung Gottes gewesen, die mir - ebenso wie meinem Bruder, der Weltpriester wurde, - durch das Vorbild meiner guten Eltern zuteil wurde, die nie gedrängt haben ... Im Gegenteil: meine Eltern haben oft gesagt, daß wir uns das gut überlegen sollten. Da die Frage, ob Welt- oder Ordenspriester 1931 zur Zeit meines Schulabschlusses noch nicht klar war, studierte ich vier Semester Theologie in Breslau, eine Zeit, die ich nicht missen möchte in meinem Leben. Im Wintersemester 1932/33 erhielt ich dann in den Jahresexerzitien, die P. Theo Hoffmann SJ gab, Klarheit, in die Gesellschaft Jesu einzutreten."

Drei Wochen nach der Priesterweihe seines Bruders Alfred geht er ins Noviziat in Mittelsteine, 1935 bis 1941 Studien der Philosophie und Theologie in Pullach, Sankt Georgen und Wien; sein Ausbildungsweg in der Gesellschaft Jesu verläuft trotz bewegter Zeit recht normal. Nur bei der Erwähnung seiner Priesterweihe, die in der Berliner St. Clemenskirche am 27. August 1939 stattfindet, vermerkt er in Klammern den Zusatz: also kurz vor Kriegsausbruch! Die Soldatenuniform braucht er nur 10 Tage zu tragen: vom 10. bis zum 20. Januar 1940. Nach Abschluß seiner Studien wird er zunächst zur Seelsorge in die schlesische Diaspora geschickt, kommt dann aber als Kaplan nach St. Michael in Breslau. 1945 verschlägt ihn das Durcheinander der letzten Kriegsmonate in ein Kinderheim im südlichen Schlesien. Hier wirkt er bis zur Ausweisung im November 1946 als Hausgeistlicher und Lehrer.

Der Provinzial schickt ihn 1947 zunächst als Krankenhausseelsorger ins Gertraudenkrankenhaus in Berlin-Wilmersdorf. 1949/50 macht er sein Tertiat in Münster bei P. Karl Wehner als Instruktor, 1951 erhält er die Destination, von Erfurt aus als 'Wanderapostel' durch die thüringische Diaspora zu ziehen: Pfarraushilfen, geistliche Begleitung von Schwestern durch Exerzitien und Vortragstätigkeit; als Minister der Kommunität ist er besorgt um jene Mitbrüder, die in den Diasporagemeinden auf Einzelposten verstreut leben. Noch heute vorhandene Briefe geben davon Zeugnis.

1952 wird sein Aufenhalt in Thüringen für zwei Jahre unterbrochen. Wegen eines Bandscheibenvorfalls, der zu einer danerheften Schädigung der Wirbelsäule führt, muß er für ein halbes Jahr ins Krankenhans. In seinen Aufzeichnungen vermerkt er: "Von da an stark gehemmt bei Seelsorgsarbeiten." Wieviel Schmerz und sich aufbäumendes Ringen in dieser kurzen Anmerkung enthalten sind, kann nur ahnen wer ihm in späteren Jahren etwas nähergekommen ist. Dem Krankenhausaufentheft als Patient schließt sich ein zweijähriger Dienst als Seelsorger im Berliner St. Hedwigs-Krankenhaus an. Dann geht er noch einmal für drei Jahre zurück nach Thüringen, diesmal als Hausoberer der Erfurter Kommunität.

1958 kehrt er für immer in seine Geburtsstadt Berlin zurück. Im neu errichteten Ignatiushaus in Charlottenburg wird er Minister und Hausökonom. Unzähligen Ordensschwestern in Berlin wird er von jetzt an geistlicher Begleiter. Der frühe Tod seines Bruders im November 1969 bewegt ihn sehr. Von 1971 an lebt er bei den Ursulinen in Zehlendorf als Hausgeistlicher bis zu ihrem Weggang aus Berlin im Jahre 1979. Dann erfolgt seine eigene Übersiedlung ins Peter-Faber-Kolleg in Kladow. Soweit er das noch gesundheitlich kann, steht er den Mitbrüdern als Spiritual zur Verfügung.

Die letzten Jahre in Kladow sind von der Krankheit geprägt. "Ich litt oft unter sehr starken Schmerzen. Die Behandlung durch Bäder, Massage und Kuren, die ich durch meine Oberen erbat und erhielt, schlug nicht zur Besserung an. Ich habe bei meinen Oberen in dieser Zeit sehr großes Verständnis erfahren, worüber ich sehr froh war. So blieb ich, wie ich meine, innerlich froh und zufrieden - trotz zunehmender Beschwerden und Schmerzen ... Geholfen hat mir immer die Stelle in den Konstitutionen, 'daß man die Krankheit als eine Gnade aus der Hand unseres Schöpfers und Herrn annimmt; denn sie ist es nicht weniger als die Gesundheit.' (pars III, cap. 1)."

Am Josefstag im Jahre 1992 stürzt er und bricht sich den Oberschenkelhals. Schon zuvor war er öfter schmerzhaft gestürzt. Eine Operation im St. Josefskrankenhaus bringt nur vorübergehend Hilfe. Wegen des hohen Blutzuckers kommt in den ersten Tagen des April ein Schlaganfall hinzu, so daß er in den Abendstunden des 8. April auf der Intensivstation des Krankenhauses in Tempelhof sein Leben in die Hand des Schöpfers zurückgibt. Der letzte Satz seiner Aufzeichnungen lautet: "Gott allein genügt. Ich habe diesen Satz von Zeit zu Zeit wochen-, ja monatelang betrachtet und im Gebet vor Gott gestellt. Und ich wurde froh: Gott allein genügt."

R.i.p.

P. Hans-Georg Lachmund SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1992 - Juli, S.114f