P. Josef Lünenborg SJ
16. Juni 1961 in Berlin

"Wer eine Heimat hat, ist der Landstraße entzogen, er gehört nicht zu jenen Wanderern, die allabendlich die Obdachlosenasyle füllen. Wer eine Heimat sein eigen nennt, fühlt sich geborgen; er steht in der Welt wie ein Baum in der Landschaft, der seine Wurzeln tief, - tief in den Mutterboden hinein - gesenkt hat, aus dem er seine Lebenskräfte emporzieht. In der Heimat atmet der Mensch leichter und freier. Heimat ist uns der Boden, auf dem wir geboren sind, sie ist uns das Blut unserer Ahnen, das Haus unserer Väter, die Liebe unserer Eltern. Heimat ist in uns und wir sind in ihr."

Mit diesen Worten leitete P. Josef Lünenborg im Jahre 1937 eine Rundfunkansprache ein über das Thema: Wahrheit - Heimat des Geistes. Sie sind bezeichnend für ihn in einem doppelten Sinn. Einmal durch den fast panegyrischen Schwung, mit dem der sonst so Beherrschte und übermäßigem Wortklang Abholde das Lob der Heimat feiert, und zum anderen in der tiefen Symbolhaftigkeit, die er dem Wort und Begriff Heimat zuerkennt: Wahrheit - Heimat des Geistes. Es ist sicher nicht zuviel gesagt, wenn man die unsentimentale, aber ganz tiefe und echte Liebe zu seiner engeren Heimat als einen der bezeichnendsten Wesenszüge des Verstorbenen ansieht. Gerade weil sie so echt und bis in die letzten Tage hinein so lebendig war, konnte die Verwurzelung in der irdischen Heimat für ihn so mühelos Sinnbild der ewigen sein, wie er im Verlauf der Rundfunkansprache auch das Augustinuswort zitiert: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir!"

Wer einmal Gelegenheit hat, von Borken/Westf. in Richtung Ahaus die Strecke der Westf. Landesbahn zu benutzen - seit dem letzten Kriege verkehrt auf ihr sogar der "Grenzlandexpress" von Düsseldorf nach Bentheim und zurück -, der wird wenige Kilometer von Borken gegen den weiten Nordwesthimmel die Pfarrkirche von Weseke aufragen sehen. Ein förmlicher Dom, der, 1895 erbaut, der Gläubigkeit und dem Opfersinn der damals nur 2000 Seelen zählenden Gemeinde ein hohes Zeugnis ausstellt. Im Umkreis dieser Kirche, in der Josef am Tage seiner Geburt, dem 15. Februar 1898, getauft wurde, vollzog sich die Entwicklung seiner ersten sechzehn Lebensjahre. Noch in den letzten Krankheitstagen nannte er einen Punkt in der Nähe von Borken, von dem man die Weseker Kirche sehen konnte. Das war seine Heimat.

Im März 1912, wenige Tage bevor Josef Lünenborg das achte und letzte Volksschuljahr hinter sich gebracht hatte, starb Pfarrer Beermann, eine markante Persönlichkeit, der vierzig lange Jahre in Weseke amtiert und die riesige Kirche erbaut hatte. Von seinem Sterbebett aus hatte er einen Vertrauten zum Schreinermeister Heinrich Lünenborg und seiner Frau Anna geschickt, mit der dringenden Bitte, ihren ältesten Sohn Josef doch studieren zu lassen. Der aber wollte nicht, da in der Nähe keine höheren Schulen waren. So kam er als Lehrling zum Vater in die Schreinerwerkstatt, zeigte sich dort wohl auch recht geschickt, aber wirklich glücklich fühlte er sich nicht; es zog ihn sehr nach den Büchern, die immer seine Freude waren.

Anfang 1913 offenbarte er den Eltern, er würde doch noch gern studieren, und zwar habe er vor, Jesuitenpater zu werden. Er hatte mancherlei über Vertreibung der Jesuiten aus Deutschland gelesen, die Mutter wußte von den Kulturkampfzeiten lebendig zu erzählen, so waren die Patres ihm sympathisch geworden. Dennoch sah er damals schon tiefer; denn als eine seiner Schwestern ihn über diesen plötzlichen Berufswechsel zur Rede stellte, gab er ihr leise zur Antwort: "Es hat mich einer gerufen".

Privatunterricht brachte ihn in einem Jahre soweit, daß er Ostern 1914 in die Untertertia des Paulinums in Münster aufgenommen werden konnte. Bereits im November 1916 wurde er vorzeitig "mit sehr gutem Erfolg in die Obersekunda versetzt"; es war ja Krieg, und die Einberufung drohte dem mittlerweile Achtzehneinhalbjährigen. Einen Monat später stand er schon im Stellungskampf in den Argonnen, dann in der Champagne, im April 1918 nahm er an der "großen Schlacht" in Frankreich teil, den Sommer über wechselten offene Schlachten und Stellungskämpfe, bis dann die Abwehrkämpfe bei Cambrai von Ende September bis Ende Oktober 1918, die er noch ganz miterlebte, seinem Frontleben dadurch ein Ende brachten, daß er zu einem Kursus für Offiziersanwärter abkommandiert wurde. Alles das ist aus seinem noch vorliegenden Militärpaß ersichtlich. Aber so sehr Josef Lünenborg auch seinen Mann stand, so gut er von seinen Vorgesetzten beurteilt wurde, er selbst trug schwer an dem, ihm aufgezwungenen Dienst. "O schrecklich Los, das mir die Jugend stahl!", schrieb er einmal aus den Kämpfen nach Hause. Das Eiserne Kreuz 2. Kl., das ihm verliehen worden war, konnte über diesen Schmerz nicht hinwegtrösten.

Wenige Tage nach seiner Abkommandierung ging der Krieg zu Ende, und bereits am 29. November kehrte er in das heimatliche Weseke zurück. 24 Stunden zuvor war sein Vater, erst dreiundfünfzig-jährig, gestorben, und so stand Josef wieder vor einer schwierigen Entscheidung. Durfte er sein Studium fortsetzen? Mußte er nicht der Mutter und den Geschwistern in der Landwirtschaft zur Seite stehen, zumal der einzige überlebende Bruder erst elf Jahre alt war. Im häuslichen Kreise wurde alles durchgesprochen, und es war vor allem das klare Wort der Mutter, das ihm die innere Ruhe wiedergab und den Mut, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Bald nach Weihnachten war er wieder in Münster, um sich durch einen einjährigen Sonderkursus auf das Abiturium vorzubereiten, das er dann auch Ostern 1920 bestand. Am Fest des sel. Petrus Canisius trat er in 's Heerenberg in das Noviziat ein.

Die Entfernung von Weseke bis 's Heerenberg betrug wenig mehr als vierzig Kilometer. In seiner Militärzeit war er sicher größere Entfernungen an einem Tage marschiert. So war es eigentlich wieder Heimatland, in das er übergesiedelt war, und auch der Lebensstil im Noviziat war ihm nicht fremd, hatte er doch in den Internatsjahren in Münster das Wesentliche des Gemeinschaftslebens mit großer Selbstverständlichkeit sich zu eigen gemacht. Es war insofern ein ungewöhnliches Noviziat, als eine ganze Reihe von Frontkämpfern und Kriegsteilnehmern sich da zusammenfand. "Ich sehe sie noch heute vor mir", schreibt ein Novize von damals. "Wenn sie uns Jüngeren gegenüber ihre kriegerischen Erfahrungen auch nicht ungebührlich ausspielten, so stand es doch fest, daß sie einfach reifer waren als wir, Männer, wo wir frischgebackenen Abiturienten uns bemühten, den letzten Staub der Schulzeit abzuschütteln, und - trotz Reifezeugnis - uns noch sehr unreif vorkamen. Und seltsam, Car. Lünenborg trug in besonderer Weise das Männliche zur Schau, es brach in seinen Unterhaltungen durch, es zeigte sich in seiner Grundsatzfestigkeit, nicht immer ganz glaubhaft, aber immer spürbar."

Eines steht fest. Er nahm seinen Ordensberuf vom ersten Tage an sehr ernst, und daß er noch den "alten Haudegen", P. Joh. Bapt. Müller, wenigstens für einige Monate als Novizenmeister haben durfte, hat er Zeit seines Lebens als eine besondere Gnade empfunden. Die kräftige Aszese, vernünftig gewiß, aber auch fordernd und Opfer zumutend, sprach sein Herz an. Im Übrigen aber war er selbständig genug, seinen Weg zu gehen, ohne viel Wegweisung zu erwarten. Es lag irgendwie in seinem Wesen, dem persönliche Klarheit und Entscheidungssicherheit über alles gingen.

Die Valkenburger Jahre - sieben, ohne Unterbrechung - hatten es in sich. Obwohl Josef Lünenborg eine ausgesprochen spekulative Begabung hatte und gern Problemen nachging und nachhing, war doch diese lange, lange Zeit der Theorie ohne die spürbare Verbindung mit der Wirklichkeit und mit den lebendigen Menschen für ihn ein gewaltiges Kreuz. Dazu kam ein zweites: ein Lungenleiden brach aus, und für Monate war er zum Nichtstun verurteilt. Zwar hat er später die Monate in Lippspringe viel positiver bewertet. Aber im Rückblick sind Erkenntnisse und Einsichten leichter zu vollziehen als in der unmittelbaren, quälenden Gegenwart. 1928 brachte den Lichtblick. Am 27. August empfing er in der Valkenburger Kollegskirche die hl. Priesterweihe. Es war ihm eine hohe Freude, daß seine Mutter, zu der er in einer echten Ehrfurcht aufschaute, diesen Tag miterleben konnte. Und dann die Tage der Primiz in der so ganz katholischen Heimat, die diesen ersten Priester seit 32 Jahren überschwänglich feierte.

Nach dem Tertiat in Münster ging es sofort wieder ans Studieren. Die Niederdeutsche Provinz und die mittlerweile neuerstandene Ostdeutsche brauchten Lehrer für ihre Kollegien, und es war das hohe Verdienst von P. Bley, daß er in seiner langen Amtszeit weitschauend für die Ausbildung genügender Lehrer sorgte. Auch P. Lünenborg war einer von den vielen, die an die Universität geschickt wurden. Zwar war dieser Entschluß P. Bley nicht ganz leicht gefallen bei dem Gedanken an die kriegsbedingten Lücken in der Schulbildung und an die gesundheitlichen Krisen, die P. Lünenborg hinter sich hatte. Aber die Not war dringlicher als die Bedenken, und warum sollte man es nicht wagen? Von solchen Bedenken erfuhr der Betroffene allerdings erst zwanzig Jahre später, und so ging er frischen Mutes zunächst nach Berlin, wo Werner Jaeger und Eduard Norden die Klassische Philologie vertraten, dazu Eduard Spranger im philosophisch-ästhetisch-pädagogischen Bereich.

Da er sich bei Beginn seiner philologischen Studien vorgenommen hatte, sein Staatsexamen auf jeden Fall in der kürzesten zugelassenen Frist von acht Semestern zu schaffen, dann aber erkannte, daß das bei den Berliner Verhältnissen kaum möglich sein werde, ging er - nach einem Versuchssemester in Bonn - an seine Heimatuniversität Münster. Er war damit gut beraten, denn in Prof. Beckmann, dem dortigen Ordinarius, fand er nicht nur einen sympathischen Vertreter seines Faches, sondern im Laufe der Zeit einen wirklichen Freund, der die großen Qualitäten seines Schülers ganz klar erkannte. Noch im siebten Semester promovierte P. Lünenborg dort mit einer Arbeit über: "Das philosophische Weltbild in Vergils Georgica". Im achten Semester folgte dann programmäßig das Staatsexamen, das er mit Gut bestand. Ein Jahr Referendarausbildung in Dortmund schloß sich an, bis er an seinem Namenstage, dem 19. März 1936, dort die pädagogische Prüfung mit Erfolg ablegte.

Zweiundzwanzig Jahre waren vergangen, seit er in Münster auf die Höhere Schule gegangen war, um sich auf das Priestertum vorzubereiten, sechzehn seit seinem Eintritt in den Orden. Er selbst war mittlerweile achtunddreißig Jahre alt. Wer ermißt die Befriedigung, die ihn erfüllen mußte, nun endlich vor dem Signal "Freie Fahrt" zu stehen und die Arbeit angreifen zu können, nach der er sich so lange Jahre gesehnt hatte.

Es war eine todgeweihte Schule, an die er kam, das Gymnasium am Lietzensee in Berlin, das heutige Canisius-Kolleg. Gerade in dem Jahre seines Anfanges dort traf die Schule die Bestimmung zur allmählichen Auflösung. Vier Jahre einer zunehmenden Abdrosselung, dann 1940 - sehr abrupt - der Schließungsbefehl. Aber diesen Abschluß erlebte er nicht mehr als Lehrer am Kolleg. Im Frühjahr 1939 war P. Siebers, der Kuratus von St. Clemens gestorben. Nach einigen Übergangswochen wurde P. Lünenborg, der an der zusammengeschrumpften Schule entbehrlich geworden war, zu seinem Nachfolger bestimmt und bald darauf auch zum Superior. Zur gleichen Zeit ernannte Bischof Bares ihn zum Spiritual im Priesterseminar Berlin-Grünau.

Schon drei Monate später brach der Zweite Weltkrieg aus, und der Kuratus von St. Clemens, der sich eben mit Hingabe in die neuen Verhältnisse eingearbeitet hatte, wurde als Sanitätsgefreiter einberufen. Nur vier Monate dauerte dieser zweite Kriegszug für ihn, dann konnte er die Arbeit an St. Clemens wieder aufnehmen. Heute, da diese Gemeinde auf wenig mehr als 200 Seelen gesunken ist durch die fast 100 % Zerstörung der Häuserblocks, die zu ihr gehörten, muß wohl darauf hingewiesen werden, in welchem Ausmaße damals in ihr Seelsorge zu leisten war: der relativ eng bewohnte Bezirk von Straßen aus der Zeit, da Berlin sich auszudehnen begann, dann das Gesellenhaus mit seinen vielen Bewohnern, die Nähe des Anhalter Bahnhofs und großer Hotels, durch die viele Fremde gerade in diese Kirche gelenkt wurden. Die Welt der Hinterhäuser, zwei, drei, ja bisweilen vier; es war interessant, in späteren Jahren P. Lünenborg davon erzählen zu hören. In diesen Verhältnissen blieb dem Kuratus von St. Clemens nichts Menschliches und Allzumenschliches fremd. Echteste Berliner Seelsorge! Aber auch hier sollte seines Bleibens nicht sein. Im Juni 1941 wurde P. Otto Footterer durch einen Spitzel, der sich als aktiver Kolpingssohn im Gesellenhaus ausgegeben hatte, bei der Gestapo angezeigt. Seine Verhaftung blieb nicht isoliert; auch P. Superior Lünenborg und die PP. Kipp und Roth mußten zum Alex. Neun Wochen Haft. Die Untersuchungen brachten gegen die drei Mitverhafteten nichts zutage; aber die Tatsache, daß P. Lünenborg die Residenz leitete, war Grund genug, ihn aus Berlin und der Provinz Brandenburg auszuweisen.

In dieser ungeklärten Lage ging er für einige Wochen in die Heimat und trat dann eine neue Stelle als Kaplan und Religionslehrer an der Propsteikirche von Elbing an. Wieder war es nur ein halbes Jahr, daß er in relativer Ruhe dort arbeiten konnte, dann wurde die Gestapo erneut auf ihn aufmerksam; im April traf ihn der Ausweisungsbefehl aus Ostpreußen, dem kurz darauf die Ausweisung aus dem "Reichsgau" Danzig-Westpreußen angekoppelt wurde. Wohin nun? In den großen Städten des oberschlesischen Industriebezirkes fehlte es an Priestern in den Pfarreien. Besonders in Gleiwitz war der Mangel groß. So wurde der dreimal Verbannte dem Erzpriester Weinert, Pfarrer an der großen, 16 000 Seelen umfassenden St. Bartholomaeus-Gemeinde als Kaplan zur Seite gegeben. Zweieinhalb Jahre hat er dort Priesterarbeit leisten dürfen, an die tausend Beichten im Monat, Seelsorgestunden für die Schüler der fünf Volksschulen des Pfarrbezirkes, Betreuung der Höheren Schüler, Vereine der verschiedensten Art, Schwesternvorträge, dazwischen immer wieder Triduen und andere große Predigten aus mancherlei Anlässen neben der regelmäßigen sonntäglichen Predigttätigkeit.

"Besonderen Wert legte er in seiner Seelsorgearbeit auf die Pflege der Gewissensbildung", schreibt Erzpriester Weinert in einem langen Bericht über die Gleiwitzer Tätigkeit des Verstorbenen und fügt hinzu, wie schmerzlich Pfarrgemeinde und Geistlichkeit sein Scheiden empfanden, als er im Oktober 1944 zum Superior der Beuthener Residenz ernannt wurde und dorthin übersiedelte. Wenig später kam der Russeneinbruch, das allmähliche Ende des Krieges, und in der zweiten Julihälfte 1945 wagte er mit einer Gruppe von elf Personen über Kattowitz und Posen die Flucht nach Berlin, wo ja mittlerweile die Schule wieder eröffnet worden war. Herr Apotheker Kaczynski, einer von dem Treck, hat nach P. Lünenborgs Tode in einem Brief die Abenteuer dieser Fahrt beschrieben, besonders die schreckliche Nachtfahrt von Posen nach Küstrin, während der eine Bande von dunklen, undurchsichtigen Elementen sich an ihnen ausließ, Diebe und Räuber schlimmster Sorte, die vor nichts zurückschreckten. "Unser lieber P. Lünenborg ist allen Gefahren mutig begegnet. Er hat uns durch seine unerschütterliche Haltung und sein Gottvertrauen ermutigt. Wir sahen alle in ihm unseren guten Leitstern. Er war es auch, der nach der Ankunft in Berlin-Ost bald unter schwierigen Umständen einen Handwagen besorgte. Unsere gesamte dürftige Habe zogen wir dann durch das fast ganz zerstörte Berlin nach der Stresemannstraße. Der Anblick der Ruinen hat ganz besonders ihn schwer erschüttert. Nach dem Dankgebet in der dortigen Kirche für die gelungene Flucht gab es bald einen rührenden Abschied, da unser Weg noch weiter nach München führte."

So stand er nach sechs arbeitserfüllten und erfahrungsreichen Seelsorgsjahren wieder im Schuldienst. Drei Wochen nach der Eroberung Berlins hatte P. Heinrich Klein mit einigen Patres in den Räumen des alten Gesellenhauses und an anderen Stellen der zerstörten Stadt das Gymnasium am Lietzensee wieder zum Leben erweckt. Es waren kümmerliche Anfänge, förmlich aus dem Nichts heraus: nackte Räume, Gartenstühle aus dem Hotel Adlon und haufenweise Schüler von weit und breit. Ein herrliches Arbeiten in dieser absoluten Armut und Bedürfnislosigkeit. Der Hof bei St. Clemens hallte wieder von dem frischen, frohen Volk. Es war sicher unbequem dort, staubig mit all den Ruinen ringsum, lärmerfüllt, weil dieser Hof ein Stück Straße geworden war. Aber man war frei nach den Jahren der Unterdrückung, konnte Aufbauarbeit leisten, und P. Lünenborg fühlte sich ganz in seinem Element. Sechzehn Jahre waren ihm noch beschieden, die längste zusammenhängende Zeit, die ihm außerhalb seiner Studien je geschenkt worden war.

In einem Brief an P. Bernhard Bley hat er später selbst einmal seine Auffassung vom Lehrberuf ausgesprochen:
"... nicht das theoretische Wissen ist das einzig Ausschlaggebende, sondern auch die Tatsache, daß er (der Lehrer) ein ganzer Kerl ist, eine Persönlichkeit, vor der die Jungen Respekt haben. Ich weiß genau, wo meine Stärke liegt, nämlich darin, die antiken Schriftsteller gegenwarts- und lebensnah zu interpretieren, wozu mir auch hilft die Ader für Männerpredigten, die ich nebenbei halte; Katheder und Kanzel stehen mir nahe beieinander. Ich habe einmal gelesen, der Altphilologe müsse in etwa Künstler sein. Das ist zweifellos auch richtig für die ausgesprochenen Dichter; aber für Plato, Cicero, Tacitus darf m. E. der Prediger und Seelsorger nicht fehlen; der Philosoph mag darin mit eingeschlossen sein, aber nicht der abstrakte, sondern der religiöse und ethische Lebensphilosoph. Wir wollen nicht Altphilologen sein im Sinne von Wilamowitz, sondern Lehrer, Vermittler echter Bildung im christlichen Sinne."

Jeder, der in jenen Jahren sein Schüler war, wird bestätigen können, wie sehr er hinter diesen Worten stand. Es drängte ihn. zumal im Unterricht der Oberstufe, die klassischen Autoren und Texte ihrer historischen Ferne zu entkleiden und in die unmittelbare Gegenwart hereinzuholen, an Probleme von heute anzuknüpfen, politische, religiöse, allgemein menschliche. Und da er mit der ganzen Intensität seines Herzens dabei war, gab er sich in solchen Stunden auch ganz aus.

In Zuschriften aus dem Kreise ehemaliger Schüler nach seinem Tode wurde immer wieder auch das ausgesprochen Männliche seines Wesens betont, das auf sie ganz starken Eindruck gemacht habe. Einer von ihnen erinnert an ein kleines Erlebnis: "Als ein neues Schuljahr begann und P. Lünenborg unsere Klasse als neuer Ordinarius betrat, gab es heftigen Beifall für ihn. Darauf sagte er ganz trocken in seiner überlegenen und doch liebenswürdigen Art: 'Danke, danke - ich brauche euern Beifall nicht!' Diese freundliche Überlegenheit war es auch, die uns immer wieder imponierte."

Dann wieder heißt es in dem Bericht eines Schülers, der ihn jahrelang als Lehrer gehabt hatte: "Bei allen Stoffen, die berührt wurden, war er zwar immer objektiv, aber nie ohne Standpunkt. Und er trug uns seine Meinung so unaufdringlich vor, daß jeder vor ihm Achtung und Respekt empfand. Immer ließ er eine klare Linie erkennen. Die Geschlossenheit und Harmonie seines Wesens und dessen Übereinstimmung mit seinen Worten haben auf uns Schüler tiefen Einfluß ausgeübt."

Noch ein Urteil aus Schülerkreisen sei hier angefügt, weil es tatsächlich einen sehr wesentlichen Aspekt seiner Lehrtätigkeit anrührt: "Zwar hatten wir bei P. Lünenborg Latein, doch nie blieb der Unterricht auf dieses einzelne Fach beschränkt; es war gleichzeitig Zeitgeschichte, was uns da geboten wurde; oft zog er Parallelen zwischen dem, was wir gerade unter den Händen hatten, und Vorgängen in Vergangenheit und Gegenwart. Und immer und immer wieder ging er ein auf Fragen und Probleme philosophischer oder religiöser Art, und man spürte, wie sehr er bei der Sache war."

P. Lünenborg hat sich seine Schularbeit nicht leicht gemacht, und ich denke da weniger an die sorgfältige Vorbereitung als an die physische Leistung, die er sich in jeder Stunde abverlangte: Gewiß wird man das von jedem Lehrer sagen können, der seinem Beruf wirklich lebt. Aber in seinem Falle war es eine schonungslose, von tiefem Affekt erfüllte Art, die Fragen, die ihn bewegten oder die er glaubte behandeln zu müssen, so eindringlich wie möglich vor seinen Schülern aufzurollen und einer klaren Stellungnahme zuzuführen. So war er, besonders in den letzten Jahren, nach einem Schulvormittag sehr erschöpft. Aber es war dann auch wieder mit seiner Grundsatzfestigkeit gegeben, daß er im Anschluß an ein wohlverdientes Mittagsschläfchen seinen täglichen Spaziergang unternahm, dabei die Augen offenhielt und auf diese Weise erfrischt und durch mancherlei Beobachtungen bereichert sich an die Vorbereitungsarbeit für den nächsten Morgen machen konnte.

Neben all der Schultätigkeit blieb ihm das priesterliche Wirken ein herzliches Anliegen. Wohl kein Sonntag, der ihn nicht auf irgendeiner Kanzel sah, auch das bis in sein Sterbejahr hinein, und nicht selten zwei-dreimal am gleichen Morgen. Dazu kamen regelmäßige Rekollektionen für die Priester verschiedener Dekanate, und wenn er auch immer das Gotteswort gleichsam mit der Hand am Puls der Zeit predigte, hier, vor den priesterlichen Mitbrüdern, fühlte er eine besonders tiefe Verantwortung, Substanz und Zeitnähe in eins zu binden. Ich bin durch fünfzehn Jahre sein Zimmernachbar gewesen und weiß genau, wieviel Gedanken er sich um beides machte, wie er die neue theologische Literatur nach wesentlichen Werken durchkämmte und sie, nebenher sorgfältig durchstudierte, non multa sed multum, und wer einigermaßen mit dem Termindruck eines Schulmeisterdaseins vertraut ist, wird diesem nebenhergehenden theologischen Weiterstudium alle Achtung zollen. Vielleicht war nicht alles, was er als Problem sah, dieses Namens wirklich wert. Man kann die Dinge unnötig komplizieren. Doch nimmt diese kleine kritische Einschränkung seinem drängenden Forschen nichts von der Aufrichtigkeit und sicher nichts von seiner Größe.

Daß solch ein fast ununterbrochenes Tätigsein gewaltig an ihm zehren mußte, liegt auf der Hand. Wenige Wochen vor seinem Tode saß ich an seinem Krankenbett, und es ergab sich eine so persönliche Unterhaltung, wie ich sie in Jahren nicht bei ihm erlebt hatte. Da gestand er denn, wie müde und abgekämpft er oft an den Sonntagen mittags von seiner Seelsorgsarbeit nach Hause gekommen sei und sich dann bisweilen mit dem Zweifel herumgeschlagen habe, ob diese Schinderei nicht über das Maß des Vernünftigen gehe. "Aber immer wieder", fügte er hinzu, "kam mir dann die Überzeugung, daß Gott das von mir erwarte, daß ich als geweihter Priester, als Jesuit, ihm das schuldig sei."

Dennoch hatte man eigentlich nie den Eindruck, daß er in seiner Tätigkeit unterging, und gerade denen, die in der täglichen Gemeinschaft mit ihm lebten, konnte es nicht verborgen bleiben, wie - besonders mit fortschreitendem Alter - sein gesunder Sinn für Humor, vereint mit einer tiefen Gläubigkeit, ihn über all das Drängende und unmittelbar Spannende hinaushob, wie ihn allmählich - bei allem Interesse für die Erscheinungen dieser Welt - ein innerer Abstand von den Dingen überkam, der mit dem Worte "Weisheit" sicher nicht zu hoch eingestuft ist.

Seit Jahren hatte P. Lünenborg die Bitte des Propstes von Borken erfüllt und bei dem Beichtansturm der Karwoche dort einen Beichtstuhl übernommen. Es war zugleich eine Gelegenheit, das nahe Weseke zu besuchen und wieder einmal Heimatluft zu atmen. Als die Karwoche 1961 nahte, fühlte er sich nicht besonders wohl, aber der Gedanke, der von ihm hochgeschätzte Propst könne in Verlegenheit kommen, wenn er ausbliebe, ließ ihn dann doch die Reise machen. Ob er geahnt hat, daß es zum letzten Mal der irdischen Heimat zuging? Pie Strapazen des fast ununterbrochenen Beichthörens setzten ihm sehr zu. So brach er dann gleich nach dem Fest wieder nach Berlin auf, und kaum hatte das neue Schuljahr begonnen, da zwangen ihn die inneren Beschwerden, sich gründlich untersuchen zu lassen. Man behielt ihn gleich im Krankenhaus, eine Operation sollte Klarheit schaffen und zeigte, daß sein Fall hoffnungslos sei. Wohl hielt er selbst das Vertrauen in sich hoch, sein Körper werde es noch einmal schaffen. Aber die zunehmende Schwäche und die steigenden Schmerzen gaben ihm dann doch die Gewißheit, daß sein Abschied bevorstehe. Am 16. Juni ging er hinüber, 63 Jahre alt, im 42. Jahre seines Ordenslebens, im 33. seines Priestertums.

R.i.p.

Georg Karp

Mitteilungen 126, S. 332-341