P. Johannes Maniera SJ
* 2. Oktober 1911    30. Juli 1999
Eintritt 1932 - Priesterweihe 1940 - Letzte Gelübde 1950

"Die viele zum rechten Tun geführt haben,
werden immer und ewig wie die Sterne leuchten."
(Dan 12,3)

1. Familie und Heimat
Geboren wurde Johannes Maniera noch in der Kaiserzeit. Am 2. Oktober 1911 kam er in Eichenau, Kreis Kattowitz, Ostoberschlesien, als zweites Kind des Reichsbahnbeamten Joseph Maniera und seiner Frau Gertrud geb. Stoberle zur Welt. Johannes hatte drei Schwestern und drei Brüder. Kriegsfolgenbedingt - die Heimat gehörte zum Abstimmungsgebiet und fiel an Polen - zog die Familie später nach dem Westen Schlesiens und siedelte sich in Oppeln an, wo derVater als Reichsbahnobersekretär Dienst tat. Am Burggymnasium Oppeln machte Johannes das Abitur. Aus seiner Schulzeit kannte er die Oppelner Jesuitenresidenz und den Bund Neudeutschland. Die Erfahrungen der kinderreichen Familie und der Jugendarbeit prägten ihn und gaben ihm ein solides Fundament für seine spätere Arbeit als Lehrer und Seelsorger.

2. Zeiten der Ausbildung
Am 7. April 1932 trat Johannes in Mittelsteine in die Ostdeutsche Provinz der Gesellschaft Jesu ein. In einem Jahr hatte er zwei Novizenmeister: zunächst P. Konstantin Kempf, dann P. Otto Pies. Die ersten Gelübde legte er am 8. April 1934 in Valkenburg ab, da man ihn zusammen mit Frater Johannes Nepomuk Haas bereits im August 1933 in die Philosophie geschickt hatte. Damit zählt er zum letzten Jahrgang der Ostdeutschen und Westdeutschen, die nach Valkenburg kamen. Da man später keine Devisen mehr aus Deutschland ins Ausland bringen konnte, wurde das Berchmanskolleg Pullach zur Philosophischen Fakultät für alle drei deutschen Provinzen.

Im Sommer 1936 ging Frater Maniera für zwei Jahre als Präfekt an das Canisius-Kolleg nach Berlin, Neue Kantstraße 2, damals Gymnasium am Lietzensee. Rektor war dort P. Lambert Claßen, den er aus Valkenburg als Philosophieprofessor kannte. "Hier am Kolleg habe ich die ersten Versuche als Lehrer gemacht, missglückte und geglückte." Direktor der Schule war offiziell P. Georg Hahn, der aber krank war und meist in Freiburg/Breisgau lebte. Die Schule leitete tatsächlich P. Heinrich Klein, dessen Sekretär Frater Maniera wurde. So erlebte er aus direkter Anschauung und nächster Nähe den Kampf um die katholischen Schulen und den vom Naziregime eingeleiteten Abbau des Kollegs. Der erste schwere Schlag traf das Gymnasium am Lietzensee bereits am 16. Juli 1936. Durch Ministerialerlass wurde bestimmt, dass die "Anstalt von Ostern 1937 stufenweise abgebaut wird", weil ein "Bedürfnis für die von Ihnen geleitete Schule nicht mehr anerkannt werden kann". So durften zu Ostern 1937 keine Sextaner mehr aufgenommen werden. Proteste und Interventionen des Patronats der Schule und der Elternschaft blieben erfolglos. "Von der Olympiade habe ich nichts gesehen: Fernsehen gab es noch nicht, ins Stadion gingen wir nicht und wollten wir nicht."

Ende 1938 begann Frater Maniera das Studium der Theologie in Innsbruck, wo man, wie er sich erinnerte, viel arbeiten musste: "Mit Vorlesungen wurden wir überschüttet. Alles war etwas hektisch. Es drohte der Krieg, und es drohte die Aufhebung unseres Hauses. Jeder wollte vorher an gehörten Vorlesungen und bestandenen Examina einfahren, was nur zu leisten war." Frater Maniera war ein sehr geachteter und geschätzter Mitbruder.

Kurz vor seinem 2. Jahr Theologie wurde er Bidell der Theologenkommunität und blieb es bis zum 12. Oktober 1939, dem Tag der Aufhebung des Kollegs unter dem Rektorat von P. Josef Andreas Jungmann. An einem Donnerstag kam die Gestapo aus München, rief alle in den Speisesaal und verkündete die Beschlagnahme des Kollegs. "Man hatte wohl mit Handgreiflichkeiten gerechnet und war enttäuscht. Der Koch bereitete ein Abschiedsessen, zu dem die Gestapo nicht eingeladen wurde. Sie standen an der Tür und mussten zusehen, wie die Jesuiten ohne Tränen und ohne Trauer speisten und sich unterhielten. - Mit einem SS-Mann musste man auf seinem Zimmer die persönlichen Sachen packen, bekam etwas Reisegeld und musste das Haus verlassen. Vor dem Haus standen viele Innsbrucker und luden uns ein, zu ihnen zu kommen. Eine Frau schrie laut: das ist der schönste Tag meines Lebens. Sie war doch etwas platt, als ich ihr sagte: Und der ist nun vorbei! Als P. Prümm sein Zimmer verließ, steckte er an seine Tür einen Zettel mit den Worten: Bald zurück. Was haben Sie da gemacht?, brüllte der SS-Mann. Sehen Sie, wenn einer wissen will, wo er mich treffen kann, weiß er jedenfalls, dass ich eines Tages wieder hier wohne." Die meisten Mitbrüder zogen in Richtung Vorarlberg und sammelten sich in Feldkirch. Dort wurden viele zu Subdiakonen geweiht, um später wenigstens nicht mit der Waffe dienen zu müssen. Die theologischen Studien konnte Johannes Maniera zunächst in Wien fortsetzen. Dort wurde er am 21.07.1940 zum Priester geweiht. In seiner Oppelner Heimat, der Peter-Paul-Gemeinde, hielt er das Erste Hl. Messopfer erst im Februar 1941.

Von Juni 1940 bis Dezember 1941 war er zur Wehrmacht eingezogen. Über diese Zeit gibt es keine näheren Informationen. Nach der Entlassung wurde er im Januar 1942 als Kaplan in Gleiwitz eingesetzt, wo er bis August 1943 blieb. Von Sommer 1943 bis 1944 konnte er das Theologiestudium zuerst in Frankfurt am Main, dann in Breslau fortsetzen. In Breslau kündigte sich drohend der Zusammenbruch an, in Oppeln überrollte ihn der Krieg. Zuvor, in den Tagen vom 24.-26. Januar waren die Scholastiker mit ihrem Studienpräfekten P. Johannes Baptist Schoemann nach Süddeutschland geschickt worden. P. Maniera wurde in bzw. bei Oppeln als Kaplan eingesetzt. Im ersten Halbjahr 1945 mussten er und P. Gerhard Kroll, der als Kaplan in Oppeln-Stefanshöh tätig war, als Kuriere "etwa 14 mal" von Oppeln nach Berlin zum Nuntius und zu Konrad Kardinal von Preysing sowie nach Köln und München zu den Provinzialaten reisen. In Klosterbrück erlebte und erlitt er den Zusammenbruch und den Einmarsch der Russen. Aus eigenem Erleben berichtete er (ohne Namensnennung) über diese Schreckenstage in einem Beitrag des von Johannes Kaps herausgegebenen Buches "Die Tragödie Schlesiens 1945/46 in Dokumenten" (München 1952/53, S. 178f).

Die deutschen Jesuiten wollten zunächst in Oppeln bleiben, um den Menschen in ihrer Not und Armut zur Seite zu stehen. Ihre Stellung wurde aber immer schwieriger und schließlich unhaltbar. Im Juni 1945 waren die PP. Kroll und Maniera in einer abenteuerlichen Fahrt ein erstes Mal nach Berlin gefahren, um dem damaligen Provinzial P. Bernhard Hapig zu berichten und seine Weisungen einzuholen; eine andere Form der Kommunikation gab es zu dieser Zeit nicht mehr. P. Hapig überließ es den Mitbrüdern, ob sie bleiben oder aussiedeln wollten. Die Oppelner Residenz war inzwischen von Mitbrüdern aus der Südpolnischen Provinz übernommen worden. Als durch die Potsdamer Beschlüsse Schlesien unter polnische Verwaltung kam und die Deutschen gezwungen wurden, entweder für Polen zu optieren oder das Land zu verlassen, entschlossen sich auch die in Oppeln verbliebenen deutschen Jesuiten zur Ausreise. Man teilte sich in vier Gruppen auf. Die PP. Kroll und Maniera machten die Flucht in der 1. Gruppe am 8. August und in der 3. am 24. August mit, da sie nochmals zurückgekommen waren, um einiges zu holen. Nur die 3. Gruppe gelangte, ohne ausgeplündert zu werden, nach Berlin.

3. Lehrer und Seelsorger
Nach dem Zusammenbruch und der Flucht konnte P. Maniera 1946 das Theologiestudium in Pullach mit dem Gradus-Examen abschließen. Seit dem 17. September 1946 war er für Berlin destiniert und wurde eine der markanten Gestalten der Wiederaufbaugeneration des Gymnasiums am Lietzensee. Dieses durfte seit Kriegsende endlich seinen eigentlichen Namen "Canisius-Kolleg" führen und hatte seit Beginn des Schuljahrs 1947/48 seinen Sitz im ehemaligen Krupp-Haus in der Tiergartenstraße 30/31. Später schrieb P. Maniera über die Zeit des Interstiz: "Ich hatte nie daran gedacht, Lehrer zu werden. So schön die Arbeit mit den Jungen war, eine Sehnsucht, Lehrer zu werden, kam in mir nicht auf. In die Mission wollte ich. Der Provinzial und seine Berater wollten das nicht." Nun, gerade 10 Jahre später, wurde er also zum Lehrer und Pauker bestimmt. Zunächst machte er von 1948/49 auf der Rottmannshöhe das Tertiat. Ein Schnellstudium von gerade mal drei Semestern an der Universität Frankfurt/Main schloss sich an. Er beendete es wie P. Hermann Rosczyk mit dem philologischen Staatsexamen. Das Referendariat sparte man sich damals. Ab 1950 finden wir ihn als Mitglied des Lehrkörpers des Canisius-Kollegs. Seine Fächer waren Latein, Griechisch und Religion. Vom 12. März 1960 bis 18. April 1966 war er Rektor des Collegium Maximum der Ostdeutschen Provinz.

P. Maniera war aus voller Überzeugung Lehrer und Seelsorger. In fast allen großen Ferien organisierte er zusammen mit den PP. Georg Berner, Rudolf Kensy, Karl Länger und Hermann Rosczyk Ferienfahrten an die Nordsee. Das Reisen war damals in Deutschland noch nicht so "in", wie dies heute der Fall ist. Viele Familien, die zum Teil mehrere Jungen am CK hatten, konnten sich Reisen auch gar nicht leisten. So waren diese Nordseefahrten, die sich später zu Auslandreisen nach Italien, Griechenland oder Spanien auswuchsen, für viele Jungen eine wirkliche Chance, ein echtes Bildungserlebnis und ein Erahnen der "großen, weiten Welt". Natürlich kam dabei auch das Religiöse nie zu kurz. Die Hl. Messe gehörte fraglos und ohne jede Diskussion zum Tagesprogramm, das Rosenkranzgebet zu den langen Busfahrten.

Bis 1979 zählte P. Maniera zu den unerschütterlichen Säulen des Kollegs, denen man mehr als den normalen Stundenplan zumuten konnte und die, falls dies nötig wurde, auch mal ein anderes Fach unterrichteten. Die anfallenden Vertretungsstunden machten ohnehin fast nur die Patres. Es war die Epoche der schlesischen Jesuitengeneration - mancher Mitbruder nannte sie auch die "Breslauer Mafia", obwohl weder alle Schlesier, geschweige denn Breslauer waren. Ein Altschüler bemerkte über diese Zeit: "Wir ... haben sie alle manchmal gefürchtet, doch meistens geachtet und verehrt. Sicher hatten sie alle ihre Strenge, und wenn wir nicht folgten, wurden wir von ihnen auch 'mal übers Knie gelegt'. Aber das hat uns gut getan - und es war noch eine andere Zeit."

Die Zeit des Erweiterungsbaus des Kollegs, 1978 bis 1981, brachte nicht nur Veränderungen der kommunitären Wohnsituation. Auch im Lehrerkollegium gab es verschiedene Wechsel. Die alte Garde der Jesuitenschulmeister trat in mehr oder weniger zwei Jahrzehnten ab: die PP. Rudolf Leder, Wilhelm Gregori, Georg Berner, Karl Länger, Josef Maria Schmutte, Hermann Rosczyk und Kurt Michel. P. Maniera, der geäußert hatte, er wolle in die Seelsorge gehen, dabei aber an einen Einzelposten gedacht hatte, wurde beim Wort genommen und in den Westen versetzt.

4. Jahre in der direkten Seelsorge
Ab Januar 1980 war P. Maniera als Mitarbeiter in der von 1961 bis 1992 vom Orden getragenen Pfarrei Liebfrauen in Marburg/Lahn tätig. Dort galt er mit seinen 70 Jahren als Jugendkaplan, wie er immer wieder ironisch anmerkte. Vom 8.12.1982 bis Ende 1986 war er Superior der Residenz.

Noch einmal wechselte er. Seit dem 1. Januar 1987 gehörte er zum Haus in Saarlouis. Dort war er ein gern gehörter Prediger und beliebter Beichtvater. Zudem versah er lange die Ämter des Minister "absente Superiore" und des Ökonomen. Gesundheitlich ging es ihm in diesen Jahren nicht mehr allzu gut. Zum Diabetes gesellten sich Herzschwierigkeiten, die im Januar 1989 einen Herzschrittmacher und im Juli 1996 - während eines Urlaub in Berlin - eine rasche Auswechselung notwendig machten.

Ende 1998 schien es geraten, ihn ins Peter-Faber-Kolleg nach Berlin zu versetzen. Am 23.01.1999 wurde er dorthin gebracht. Als er kam, waren seine Kräfte verbraucht. Er, der sonst zu unterhalten wusste und dessen Erzählschatz unerschöpflich schien, war müde und krank. Die frühere Schlagfertigkeit blitzte nur noch selten auf.

5. Als Lehrer und Seelsorger eine unverwechselbare Gestalt
Als P. Maniera nach Marburg destiniert wurde, stieß diese Entscheidung "zunächst allenthalben auf ungläubiges Staunen. War er doch dreieinhalb Jahrzehnte eine so tragende Gestalt unserer Schule, wie es nur ganz wenige zu sein vermögen." In der Erinnerung bleibt er für die meisten Altschüler ein Lehrer, der es verstand, einem etwas beizubringen. Er galt als stramm, aber gütig. Er durchschaute die Jungen schnell, aber meist fühlten sie sich auch verstanden. Wem etwas schwer fiel, den behandelte er gewöhnlich besonders geduldig. Er besaß die Gabe, bei allen möglichen Schwierigkeiten solide und praktische Ratschläge zu geben. Unverkennbar war auch seine besondere Fähigkeit zum interessanten und geschickten Gespräch. Allerdings gab es auch Schüler, die seine Ironie und Schlagfertigkeit fürchteten und die nicht nur im Blick auf ihn - an das CK mit sehr gemischten Gefühlen zurückdenken. Dass er ein scharfzüngiger Kritiker sein konnte, dessen kurze Bemerkungen besser und dauerhafter saßen als lange Erklärungen, merkte man immer wieder, wenn man sich mit ihm bei Tisch oder in der Erholung unterhielt. Für die Gegenseite war das nicht immer angenehm.

Für Altschüler, Mitbrüder und Pfarrangehörige verbindet sich so manche Erinnerung mit P. Maniera. Bei Klassentreffen wird vieles wieder und weitererzählt, für manches gilt dabei allerdings das "fama crescit eundo". Er war ein Meister des Wortes. Dass er Ironie und Naivität geschickt zu kombinieren verstand, zeigt folgende Begebenheit: Als regelmäßiger Besucher der Leipziger Messe wurde ihm durch die Grenzorgane der DDR natürlich auch die Routinefrage gestellt: "Führen Sie Devisen, Funkgeräte, Waffen usw. mit sich?" Das beantwortete er nicht nur einmal mit der Gegenfrage: "Ja, braucht man das denn hier?"

Schon in den Berliner Jahren gab es kaum einen Sonntag, an dem er nicht irgendwo aushalf, predigte und am Altar einer Kirche stand. Dies blieb für ihn selbstverständlich bis ins hohe Alter. Zu seinem Abschied von Saarlouis im Januar 1999 charakterisierte der Pfarrbrief sein Wirken so: "Er war für uns ein Priester, der uns Gottes Wort überzeugend und frohmachend verkündete, und in großer Ehrfurcht die Eucharistie mit uns feierte. Von seiner Gottes- und Christusbeziehung gab er überzeugt und freudig Ausdruck. ... Viele hörten ihm gern zu, wenn er aus seinem Leben und von den Begegnungen mit Menschen erzählte."

Seine Zeit im Altenheim in Kladow dauerte gerade ein halbes Jahr. Am Vorabend des Ignatiusfestes 1999 rief ihn der Herr nach wenigen Tagen im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe zu sich.
Beerdigt wurde er am 12. August auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Reinickendorf. Te Christus in pacem!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz,