P. Robert Manitius SJ
* 3. November 1913 in Berlin     24. April 1992 in Berlin

Am 3. November 1913 wurde P. Robert Manitius in Berlin-Kreuzberg geboren. Er war das erste von zwei Kindern des Kaufmanns Andreas Reinsch und seiner Ehefrau Hedwig, geborene Böhmova. Von den Jahren seiner Kindheit und Jugend wissen wir leider nicht viel, da P. Manitius in seinen Selbstmitteilungen sehr karg war. Persönliche Fragen überspielte er sehr gern und beließ es bei Andeutungen. So bleibt vieles unbeantwortet: die Frage seiner familiären Herkunft und seines Heranwachsens, die Frage nach seinem schulischen Werdegang und nach seiner religiösen Erziehung. Auch über seine Berufung zum Ordensleben wissen wir wenig. Fest steht nur, daß der zweijährige Robert von seiner Tante Isabella-Maria Manitius, geborene Böhm, adoptiert wurde. Dieser seiner Adoptivmutter, die am 16. Februar 1968 nach 25jährigem Krankenlager im Alter von 85 Jahren starb, blieb er in der Treue eines Sohnes verbunden. Ihr Mann war der in Berlin bekannte Filmschauspieler Paul Heidemann. Über ihn kam der junge Robert mit Bühne und Film in Berührung und konnte schon als Junge in kleineren Filmen mitwirken. Einmal durfte er sogar die Rolle des jungen Kronprinzen spielen. Dieses schon in jungen Jahren erprobte schauspielerische Talent blieb auch später in Begegnungen mit ihm spürbar.

Robert Manitius ist im Berliner Stadtteil Wilmersdorf aufgewachsen. Schon frühzeitig wurde er mit den Licht- und Schattenseiten des pulsierenden Großstadtlebens vertraut. Er mag auf der einen Seite das faszinierende Flair dieser Metropole und deren verlockende Möglichkeiten und Angebote gespürt haben. Doch er erkannte auch das andere Gesicht dieser Großstadt: die politischen Unsicherheiten und Unruhen, die wirtschaftliche Not und das Elend so vieler Menschen. Immer und überall war er schon in dieser Zeit von der Unstetigkeit der hastenden Großstadtmenschen umgeben. Vielleicht waren es diese Eindrücke, die in dem jungen Gymnasiasten Robert den Wunsch aufkommen ließen, für diese so voller Unruhe suchenden Menschen sein Leben einzubringen.

So trat er am 13. September 1932 in Mittelsteine dem Jesuitenorden bei. Die weltoffene Spiritualität des Ignatius von Loyola hatte es ihm angetan. Von ihr wollte er sich formen und schulen lassen, um später diesen suchenden Menschen helfen zu können. Auf das Noviziat folgten die dreijährigen Studien der Philosophie in Pullach bei München. Daran schloß sich eine zweijährige Tätigkeit beim ND unter P. Alfons Tanner in Breslau an. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Robert Manitius zu einem zweijährigen Pflicht-Wehrmachtsdienst eingezogen; die wertvollen menschlichen Erfahrungen mit und unter den Kameraden sollten für sein weiteres Leben prägend werden. Nach der Entlassung aus dem Wehrmachtsdienst folgten zunächst theologische Studien. Während dieser Studienzeit wurde er am 9. November 1942 in Mainz zum Priester geweiht. Unmittelbar danach wurde er für zweieinhalb Jahre zum seelsorglichen Einsatz als Kaplan in die Pfarrgemeinde von St. Clara in Berlin-Neukölln geschickt. Besonders das Durchstehen der letzten Kriegsmonate und die Schrecken des Kriegsendes 1945 ließen ihn mit den Menschen dieser Pfarrgemeinde sehr eng und brüderlich zusammenwachsen. Die hier entstandenen Freundschaften hielten ein ganzes Leben lang.

Dann aber schlug Pater Manitius einen ungewöhnlichen Weg der Seelsorge ein: Er meldete sich 1946 freiwillig in die französische Kriegsgefangenschaft, um den deutschen Kriegsgefangenen als Lagerseelsorger beistehen zu können. Für zwei Jahre lebte er auf diese Weise unter den Kriegsgefangenen. Er hatte in diesen Jahren zu Menschen unterschiedlichster Weltanschauung und Religion unmittelbaren Kontakt. Für ihn bedeuteten diese Jahre eine große Bereicherung, da sie ihn zu einer großherzigen ökumenischen Haltung heranreifen ließen. Eine Vielzahl späterer Dankesbriefe damaliger Kriegsgefangener bezeugt anerkennend seine menschliche Weite und ökumenische Einstellung, die auch sein seelsorgliches Wirken in den späteren Berliner Jahrzehnten grundlegend prägten. Ein evangelischer Bonner Ministerialbeamter schrieb später einmal im Rückblick auf die Jahre der französischen Gefangenschaft: "Als ich heute Ihren Namen unter einer Leserzuschrift in der 'Welt' las, erstand wieder die Zeit der französischen Gefangenschaft vor mir. Mit Dank und voller Hochachtung denke ich daran, daß und wie Sie damals uns nicht nur seelischen Beistand leisteten, sondern echt menschlich halfen, wobei Sie Ihrer Überzeugung folgend auch und gerade uns Angehörigen der Schwesterkonfession aufgeschlossen und hilfsbereit zur Seite standen... Im Gedenken an die schwere Zeit in Frankreich, die aber für alle, die Sinn und Zweck dieser Prüfung erkannten, wertvoll war und innerlich bereichert hat, möchte ich Ihnen heute noch einmal für Ihr gutes Wirken danken."

Nach diesem Einsatz vervollständigte P. Manitius seine theologischen Studien in Büren/Westfalen von 1948 bis 1950. Danach machte er sein Tertiat in Münster und wurde anschließend zunächst dem neueröffneten Haus auf dem Jakobsberg bei Bingen (Noviziat der Ostdeutschen Provinz) zugeschrieben. Von hier aus wirkte er zusammen mit P. Leppich, der von Kardinal Frings mit der Lagerseelsorge beauftragt war, in der 'German Service Organisation' (GSO). In diesen Lagern und Kasernen zwischen Hildesheim und Aachen waren etwa 30.000 ehemalige deutsche Soldaten.

Nach diesen Jahren außerordentlicher Seelsorge kam P. Manitius 1952 nach Berlin. Er wurde zunächst in der Jesuiten-Pfarrgemeinde von St. Clemens in der Stresemannstraße (in der Nähe des Anhalter Bahnhofs) als Kaplan eingesetzt. Aber schon wenig später (1954) wurde er von Bischof Weskamm zum Leiter der 'Katholischen Glaubensberatungsstelle' berufen, die er aufbauen sollte. Leitthema für diese Arbeit waren die Worte des Bischofs: "An die suchenden Menschen das Angebot der katholischen Kirche und des katholischen Glaubens herantragen". Dieser seelsorgliche Aufgabenbereich entsprach ganz seinem Wesen und wurde zu seiner eigentlichen Lebensarbeit. In dieser Arbeit ging er ganz auf und fand darin seine persönliche Reifung: Er ging den Menschen ohne Scheu und Verlegenheit nach, und er war ihnen priesterlicher Freund und Gefährte auf den Wegen des Lebens und des Glaubens.

In den Jahrzehnten dieser Tätigkeit - die er zunächst von St. Clemens aus ausübte, und dann, als diese Pfarrei 1973 aufgegeben wurde, vom Charlottenburger Frauenbundhaus aus - kam es für P. Manitius zu ungezählten Begegnungen und Gesprächen mit den Menschen dieser Stadt: Die Menschen kamen zu ihm, und er ging den Menschen in oft mühevoller Weise nach. Er stöberte sie in ihren Wohnungen auf, und er besuchte sie in den Strafvollzugsanstalten. Er wollte ihnen Mut und Hoffnung aus dem Glauben geben. Sein Leitthema war: "einfach für jeden Menschen dazusein": ungeachtet von Herkunft, Bildung und Beruf, ungeachtet der Religions- und Konfessionszugehörigkeit und gleichgültig welcher Art die Nöte und Sorgen der Menschen waren. Jeder wußte sich von ihm verstanden und angenommen.

Wie vielen Menschen er durch väterliche Weisung und Orientierung in Lebens- und Glaubensfragen geholfen hat, wie viele Menschen er zu Gott führte und mit Gott wieder versöhnte, wie viele Priester- und Ordensberufungen er bei jungen Menschen geweckt hat: All das läßt sich zwar zahlenmäßig addieren und statistisch erfassen, sagt aber nicht das Eigentliche; es läßt aber den unermüdlichen Eifer und den Einsatz des Großstadtseelsorgers erkennen. P. Manitius blieb den Menschen von Berlin auch in der Zeit nach der "Amtsübergabe" der Katholischen Glaubensinformation Ende 1988 bis kurz vor seinem Tod freundschaftlich ratend und helfend verbunden.

Anfang 1992 mußte er sich einem urologischen Eingriff im Berliner Franziskuskrankenhaus unterziehen. Hier ist er infolge Herzversagens am 24. April 1992 heimgerufen worden.

Für sein seelsorgliches Wirken erblickte P. Manitius seine Vorbilder in Carl Sonnenschein, dem über die Stadtgrenzen von Berlin hinaus bekannten und begabten Großstadtapostel; dann im Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, den er wegen seiner ungebrochenen Glaubenstreue und seinem ungebeugten Bekennermut verehrte und schließlich in dem inzwischen seliggesprochenen Münchener Apostel und Jesuiten P. Rupert Mayer. Dieser hatte gegenüber seinem Münchener Generalvikar Buchberger (später Bischof von Regensburg) immer wieder unerschrocken seine neuen Formen der Seelsorge verteidigt. Eines seiner Worte hat P. Manitius oft und gern zitiert: "Herr Generalvikar, wir werden den Leuten die Kirche noch überallhin nachtragen müssen."

Die Wurzeln seelsorglichen Mühens und Wirkens von P. Manitius lagen in der Spiritualität des hl. Ignatius von Loyola; dessen Gebet um Großmut war für P. Manitius zum Lieblingsgebet geworden. In ihm heißt es:

"Ewiges Wort, eingeborener Sohn Gottes!
Lehre mich die wahre Großmut.
Lehre mich Dir zu dienen, wie Du es verdienst:
Geben, ohne zu zählen,
Kämpfen, ohne der Wunden zu achten,
Arbeiten, ohne Ruhe zu suchen,
Mich hinzugeben, ohne Lohn zu erwarten.
Mir genügt das frohe Wissen,
Deinen heiligen Willen erfüllt zu haben."

R.i.p.

P. Manfred Richter SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1993 - Februar, S.8ff