P. Josef Menzel SJ
* 17. Januar 1916   † 11. Januar 2006
Eintritt 1936 - Priesterweihe 1945 - Letzte Gelübde 1954

Im Dezember 1990 wurde P. Josef Menzel dem St. Ansgarhaus in Hamburg zugeschrieben. Ich kannte ihn von verschiedenen DDR-Besuchen recht gut und wusste von ihm selbst, dass er gern bei den Mitbrüdern der Residenz, Beim Schlump 57, Besuch machte und eigentlich dorthin gehören wollte. Also fuhren P. H. Watzka und ich nach Dreilützow, um ihm den Schrecken zu erleichtern und ihn als neues Mitglied unseres Hauses zu begrüßen. Wir mussten lange klingeln, hörten aber vor Ort: ja, ja, der Pater ist da! Endlich öffnete er uns mit Mantel, Schal und Baskenmütze, das Brevier in der Hand. Er hatte im eiskalten Zimmer in voller Montur im Bett gelegen und Brevier gebetet. In der Folge besuchte ich ihn regelmäßig, und er reiste ein Mal im Monat nach Hamburg. Wenn man zu ihm kam, traf man ihn oft auf der Straße oder im Schlosspark, wo er Holz und Brennbares sammelte. Sein Spar-Ofen gab kaum Wärme, und die pro Tag abgezählten Presskohlestücke hatten nur geringen Brennwert. Immer aber begegnete man vor seinem oder in seinem Haus Kindern, die bei ihm spielten, oder behinderten Jugendlichen vom Caritasheim, die zu ihrem Pater kamen, um mit ihm einige Sätze zu wechseln oder ihm ihre Entdeckungen zu zeigen.
In späteren Jahren versagte ihm das Gehör, und das galt sowohl, wenn er die Hörhilfen benutzte, als auch, wenn er sie, sparsam wie er war, nicht benutzte. Wahrscheinlich hörte er die Kinder und Behinderten gar nicht mehr, wusste sich aber hervorragend in sie hineinzudenken und mit ihnen umzugehen.

Herkunft und Ausbildung
Josef Menzel kam als viertes von neun Kindern des Ehepaares Joseph und Maria Menzel geb. Pospiech am 17. Januar 1916 in Hindenburg/OS zur Welt und wurde in St. Johannes, Biskupitz, getauft. Die gläubigen Eltern, die Erfahrung der Großfamilie, in der es knapp zuging, aber Zufriedenheit herrschte, und die große Geschwisterschar prägten ihn. Am humanistischen Gymnasium erwarb er bis zum Abitur nicht nur eine solide Allgemeinbildung, wichtiger noch war der Bund Neudeutschland, in dem er durch die Jugendpatres Carl Brosig, den späteren langjährigen Afrikamissionar, und P. Bruno Borucki wichtige Impulse und die entscheidende Wegweisung erhielt.

Am 21. April 1936 trat er in Mittelsteine in die Gesellschaft Jesu ein und machte unter P. Otto Pies das Noviziat. In dem ihm eigenen trockenen Humor nannte er die Zeit beim Reichsarbeitsdienst vom 1. Oktober 1937 bis 28. März 1938 sein „Zusatznoviziat“ und die Zeit vom 31. August 1939 bis 27. November 1941 bei der Wehrmacht eine weitere „harte Schule“. Diese Jahre bestimmten sein Verständnis dessen, was ein Jesuit sein soll. Bei seinem 60. Ordensjubiläum am 21. April 1996 in Dreilützow wurde es in Anlehnung an Lk 24, 13–35 so beschrieben: Jünger Jesu, Mitwanderer auf vielen Wegen, Geselle am Bau der Kirche und Gefährte in Kreuz und Auferstehung.

Von Herbst 1938 bis Sommer 1939 studiert Josef Menzel das 1. Jahr der Philosophie in Pullach, wo er auch – aufgrund der Unterbrechung durch die Monate beim RAD – erst am 28. Oktober 1938 die Ersten Gelübde ablegte. Das Philosophiestudium konnte er nach der Entlassung aus der Wehrmacht im Dezember 1941 wieder aufnehmen und im Sommer 1943 abschließen. Die Zeitumstände brachten es mit sich, dass ein geregeltes Weiterstudium meist nicht möglich war. Theologie studierte J. Menzel von 1943 bis 1944 an der Universität Wien und von 1944 bis 1945 mit drei weiteren Mitbrüdern privat in Neisse. Anfang 1945 suchte und besuchte P. Paul Boegner im Auftrag des damaligen Provinzials P. B. Hapig (1942–1948) die über Schlesien hin versprengten Mitbrüder. Er stellte für die Fratres R. Frater, B. Hauptmann und J. Menzel die litterae dimissoriales aus; Kardinal Bertram erteilte ihnen schon am 25. Februar 1945 auf Schloß Jauernig die Priesterweihe. Die Neupriester konnten noch ihre Primizmessen feiern, fielen aber kurz darauf den Russen in die Hände und wurden nach Grottkau verschleppt. Nach Abschluss der Kampfhandlungen kehrten sie nach Neisse zurück und leisteten hier ihre erste priesterliche Arbeit.

Nach der Aussiedlung aus Schlesien gelangte P. Menzel im November 1945 auf legalem Weg über München nach Rom ans Russicum, für das er sich bereits 1938 mit Einverständnis des Provinzials Karl Wehner (1936–1942) gemeldet hatte und seither offiziell als „Russipeta“ geführt wurde. In Rom schloss er die Theologie im Sommer 1948 ab.

Das Tertiat machte er 1948–1949 unter P. Karl Wehner in Münster. Am 1. September 1949 trat er die Stelle des Kaplans bei P. Eugen Berner in St. Clemens in Berlin SW11 an, unterrichtete Religion an der Grundschule und arbeitete in der Konvertitenseelsorge. Von September 1952 bis Juni 1954 war er Mitglied der Kommunität auf dem Jakobsberg, Ockenheim, als Lehrer der Novizen für die Humaniora und als Operarius im Rheingau. Freunde aus dieser Zeit versorgten ihn noch in Dreilützow mit guten Weinen.

Leben in der DDR und Biesdorfer Prozess
Im Juni 1954 wurde P. Menzel nach Magdeburg versetzt, wo der Orden seit 1951 festen Fuß gefasst hatte. Hauptaufgabe dieser Niederlassung war bis zur Auflösung 1983 die überpfarrliche Seelsorge. Es gelang P. Menzel, zunächst ab Juni 1954 eine zeitweilige Bleibe mit behelfsmäßigem Personalausweis und im November 1954 den offiziellen Ausweis als DDR-Bürger zu erhalten. Neben der Seelsorgearbeit und den Aushilfen im Erzbischöflichen Kommissariat, neben Jugendeinkehrtagen, Exerzitien und Triduen auch in den anderen Jurisdiktionsbezirken baute P. Menzel eine Film- und Diaarbeit auf. Anregung dazu gab ihm Br. K. Neumann, der von dem Film „Die Glocken von Nagasaki“ erzählte und ihm riet, sich im Westen eine Kopie zu besorgen. „Im Dezember 1956 hatte ich Kopie und Apparat, den Patres in Magdeburg bot ich die erste Vorführung. Dann lief alles bestens, mit ungeahntem Beifall in den Gemeinden, in religiösen Feierstunden am Abend. Ich kam durch die ganze Republik, in die größten Gemeinden“. P. Menzel und sein IFA F-9 wurden überall bekannt; der Wartburg-Tourist ersetzte ihm die Sakristei und den Geräteraum. Die Film- und Dia-Abende – seine Form der Seelsorge – besuchte man gern und mit Nutzen.

Die Arbeit P. Menzels wurde durch Verhaftung, Prozess und Gefängnisaufenthalt vom 23. Juli 1958 bis 19. November 1960 unterbrochen. Zu diesen Vorgängen hat sich P. Menzel im Mai 1993 ausführlich geäußert und auch manches in der ordensinternen Geschichtsschreibung richtig gestellt. Der Prozess ging durch die deutschsprachige Presse, der Berliner Kardinal Julius Döpfner machte Eingaben bei den Behörden und äußerte sich am 2. November 1958 öffentlich zu dem Verfahren, es erschienen Kommentare in Ost und West.

Bald nach dem Fall der Mauer besuchte P. Menzel Lübeck und verweilte lange in der Krypta der Propsteikirche Herz Jesu, dem Gedenkort für die vier Lübecker Märtyrer, die kath. Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard Müller und den ev. Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink. Er schloss 1993 die Darstellung seines Weges mit dem Satz „Dieses Zeugnis der vier Geistlichen unter dem NS-Regime war ein 'Schauspiel vor Gott und den Menschen', im Vergleich dazu Verhaftung, Prozess und Haftvollzug der vier Jesuiten unter dem SED-Regime eine lahme Komödie.“

Was war geschehen? Mitbrüder hatten seit 1945 in der späteren DDR Niederlassungen aufgebaut und standen in verschiedensten Arbeiten. Der politische Druck wuchs, die Kontakte zwischen Ost und West wurden immer schwieriger, schließlich waren sie kaum noch möglich; es gab Überwachungen und auf Mitbrüder angesetzte Spitzel. Das ließ es angeraten sein, für das Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und für Berlin (Hauptstadt der DDR) P. Bruno Spors als Regionalobern einzusetzen. Ihm folgte in dieser Funktion am 5. Oktober 1955 P. Georg Sunder. Die Annahme ist nicht abwegig, dass die am 22./23. Juli 1958 erfolgten Festnahmen neben P. Frater eigentlich diesen beiden Mitbrüdern galten. Die Patres Spors und Sunder waren aber nicht greifbar, konnten sich absetzen und blieben im Westen. P. Spors wurde später Kuratus an St. Canisius, Berlin-Charlottenburg; P. Sunder ging in die Sinoia-Mission und wurde dort erster Missionsoberer.

P. Robert Frater in Berlin-Biesdorf erhielt am 22. Juli 1958 gegen 22.00 Uhr Besuch von einem SSD-Kommando und wurde am 23. Juli früh um 3.00 Uhr nach fünfstündiger Untersuchung abtransportiert. P. Menzel machte gerade in Biesdorf die Jahresexerzitien und wurde am Morgen von der Volkspolizei verhaftet; dasselbe passierte kurz nachher P. Wilhelm Rueter und am Nachmittag P. Josef Müldner, der aus Zwickau zu einem Exerzitienkurs angereist war.

P. Menzel saß vom 23. Juli bis Mitte Dezember 1958 in Untersuchungshaft und wurde in dieser Zeit anhaltend vernommen. „Die Offiziere der Stasi, die mich verhörten, waren ausgesuchte Leute, im Umgangston wie im Westen. Das ‚Wissen‘ allerdings darf man nicht nach westlichen Maßstäben messen, allerhöchstes Wissen war und blieb der Dialektische Materialismus und die Doktrin von Marx und Lenin. So gesehen war unsere Ausbildung und unser Wissen zugleich vor- wie nachteilig, weil wir von denen zu wenig wussten (ich jedenfalls) und ich von dem, was ich wusste, wenig aktuellen Gebrauch machen konnte. Wir redeten aneinander vorbei.“ Bei diesen Verhören wurden immer wieder P. Menzels Geistesgegenwart und Klugheit deutlich. Einmal wollte ihm ein Stasioffizier beibringen, „man wisse alles über mich, und ich solle nicht länger was verheimlichen und verschweigen. Da sagte ich, er könne von diesem Wissen Gebrauch machen. Da wurde es mit einem Mal totenstill im Raum, das Gesicht verfärbte sich und wurde aschfahl, er stotterte in den Raum hinein: ‚Nur nicht so keck, Menzel, nur nicht so keck!‘.“ Die quälende Verhörzeit kommentierte P. Menzel später: „Von Anfang an war es mein Vorsatz und Bestreben, dass nicht ich, sondern der andere zuerst mit den Nerven fertig sei. Es scheint mir gelungen zu sein, und gegen Schluss nannte mein Vernehmer mich nur noch ‚Nervensäge‘.“

Am 11. Dezember 1958 wurde nicht in Berlin, sondern vor dem Bezirksgericht Frankfurt/Oder der Prozess gegen die vier Jesuiten eröffnet. Die Hauptverhandlung fand am 17./18. Dezember 1958 statt. Am 20. Dezember 1958 erging das Urteil. P. Menzel wurde wegen „illegaler“ Einführung von ca. DM 3.000,– (bei ihm wurde nie Westgeld gefunden; er hat auch nie Geld für sich oder Mitbrüder beim Bonifatius-Werk Paderborn abgeholt und der Hausprokur übergeben), wegen Einschleusung „staatsgefährdender“ Schriften (es waren „Die katholischen Missionen“ u.a.), wegen „Verleitung Jugendlicher zum Verlassen der DDR“ (von den Genannten reiste tatsächlich keiner aus) und wegen „illegaler“ Einführung von 6 Mopeds in die DDR (die als „gestattet, eingeführt zu werden“ galten und bei den Grenzkontrollen durchgelassen worden waren) verurteilt. Die Gesamtstrafe lautete auf 3 Jahre und 4 Monate Gefängnis.

Die Verlegung in den Vollzug ins „Gelbe Elend“ nach Bautzen fand Ende Februar 1959 statt. Er dauerte bis zum 19. November 1960. P. Menzel berichtete am 10. Mai 1993 einige ihm aus diesen Tagen besonders wichtige Erinnerungen: „Von dem einzigen Heilandsbesuch durch den Gefängnispfarrer; wir hatten gleich zu Beginn um Sonntagsgottesdienst gebeten, er wurde wegen 'Mangels an Beteiligung' nicht gewährt. – Von meiner täglichen 'missa sicca', welche ich bis in den Februar 1960 ungehindert halten konnte. – Von dem Breviergebet, das ich mir aus einer erbetenen Züricher Bibel und dem Diözesangesangbuch der Diözese Meissen zusammengestellt hatte, mit Klosettpapierfetzchen als Lesezeichen, wie oft wurde mir alles durcheinandergebracht! – Von dem Oberwachtmeister, der mir die Bibel wegnahm mit der Begründung, 'auch andere brauchten sie', und von dem sympathischen Leutnant, der sie mir wiederbrachte. – Von dem ‚Ekel‘ …, der mich schikanierte, wo er nur konnte, und mich am Schluss durch ein Seitenpförtchen in die Freiheit entlassen musste, und dass ich mich von ihm auffallend freundlich mit ‚Leben Sie wohl!‘ verabschiedete (auf keinen Fall 'auf Wiedersehen!'). – Von der Möglichkeit, die der Vernehmer mir anbot: ‚Wir können auch mit ein paar Schlägen auf den Hinterkopf dem Gedächtnis etwas nachhelfen‘ und ich ihm darauf entgegnete: ‚Ich habe gehört, bei Ihnen werde nicht geschlagen‘, er mich nur zornig verärgert anschrie:‚Wir werden uns an Ihnen auch die Hände nicht schmutzig machen‘.“

Weiter im Weinberg des Herrn
Nach der vorzeitigen Haftentlassung am 19. November 1960 ging P. Menzel nach Magdeburg zurück und nahm als Operarius seine früheren Arbeiten wieder auf. Am 1. September 1979 wurde ihm als Pfarrer – welches Amt ihm anscheinend nicht sehr lag – die Pfarrei im Ostseebad Kühlungsborn übertragen. Dort tat er Dienst bis zum 18. November 1984. Seit Dezember 1984 war er in der Pfarrseelsorge des Pfarrverbandes Wittenburg/Mecklenburg tätig und wohnte in Dreilützow, wo er zunächst vor allem als Hausgeistlicher bei den Armen Schulschwestern (bis zu deren Weggang 1995) und im Heim der Caritas bei den behinderten Kindern und Jugendlichen wirkte. Gegenüber den Schwestern zeichnete ihn seine kluge Zurückhaltung aus. Die Kinder und Behinderten liebten ihn wegen seiner Güte und seines Einfühlungsvermögens. Mit P. Menzel und dem Pfarrer in Wittenburg war vereinbart, dass er in Dreilützow bleiben könne, solange nicht eine „Versetzung ins Altenheim geraten oder nötig ist“. Eine Grabstelle am Friedhof hatte er sich schon ausersehen.

Anfang Dezember 2001 stürzte er beim Besuch seiner Verwandten in Potsdam, brach sich den Ellenbogen und erlitt eine Prellung im Knie. Da er sich nicht mehr allein versorgen konnte, übersiedelte er nach der Entlassung aus dem Krankenhaus am 14. Dezember 2001 ins Peter-Faber-Kolleg nach Berlin-Kladow. Der Unfall galt ihm als Fügung Gottes. Unter den Mitbrüdern fühlte er sich wohl, spürte allerdings, wie die Kräfte immer mehr schwanden. Im Januar 2005 schrieb er mir: „Bin auch Selbstfahrer geworden; es geht ganz gut“ (womit er den Rollstuhl meinte) und im März 2005 (in Anspielung auf den Rollator): „Mein Laufbursche ist treu und bequem“. Zunehmend plagten ihn Atembeschwerden, die auch eine intensive Behandlung nicht lindern konnte.

Am 11. Januar 2006 verstarb er im Peter-Faber-Kolleg und wurde am 17. Januar, seinem 90. Geburtstag, auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf bestattet. Te Christus in pacem!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Jesuiten-Nachrufe 2006, S. 26-29