P. Josef Michalke SJ
* 3. Februar 1907 in Berlin     13. September 1993 in Berlin

So verschieden das Leben der Menschen ist, so unterschiedlich ist auch ihr Sterben. Die einen erreichen ein hohes Alter wie P. Josef Michalke - die anderen sterben jung an Jahren. Die einen wehren sich mit allen Mitteln gegen den Tod - die anderen sehnen ihn herbei, wie es P. Michalke tat. Die einen wissen nicht, daß sie sterben müssen, oder wollen es nicht wahrhaben - die anderen nehmen den Tod bewußt an, wie P. Michalke. Die einen schlafen ruhig und friedlich ins Jenseits hinüber wie P. Josef Michalke - die anderen durchleiden einen langen und mühseligen Todeskampf. So verschieden ist das Sterben; aber das Ende ist überall dasselbe, jener Augenblick, da der Leib sich entspannt und Ruhe sich auf das Gesicht des Toten legt.

Als Christen glauben wir, daß im Augenblick unserer größten Ohnmacht - in dem Augenblick, da der Tod sich die Macht über unser Leben nimmt, und uns das Leben aus den Händen gleitet, uns die allmächtige Hand Gottes ergreifen und ins Licht der Ewigkeit führen wird. Wir Christen glauben, daß Jesus Christus, der Herr, uns beistehen wird und an seinem Tod und seiner Auferstehung teilnehmen läßt.

Daher ist das Wichtigste, das wir über P. Josef Michalke sagen können, daß er am 3. Februar 1907 in Berlin geboren, am 24. Juni 1937 in St. Clemens zu Berlin geweiht und am 13. September 1993 im Krankenhaus Havelhöhe in Berlin-Kladow gestorben ist, und daß schließlich nur noch sein Name und die Eckdaten seines Lebens auf dem Grabstein zu lesen sein werden. Nein, das Wichtigste, das wir über ihn sagen, ist, daß er getauft war, sakramental hineingetaucht in den Tod und die Auferstehung des Herrn. Denn so sagt der Apostel: "Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden" (Röm 6,8). Nur aus diesem Glauben, der den verstorbenen Mitbruder sein langes Leben lang begleitete, können wir sein Leben verstehen und würdigen.

P. Josef Michalke stammte aus einer gut katholischen Familie, die in der Krausnickstraße in Berlin Mitte wohnte. Sein Vater besaß eine Tischlerei. Josef war der Jüngste von sechs Geschwistern. Von seinen vier Schwestern sind drei ins Kloster eingetreten. Sein Bruder wurde Lehrer. Er selbst schreibt: "Ich spielte viel in der Tischlerei meines Vaters. Große Vorliebe zeigte ich für Pferde und hatte den Wunsch, einmal herrschaftlicher Kutscher zu werden. Mit sechs Jahren kam ich auf die Gemeindeschule, die ich vier Jahre lang besuchte. Sodann wurde ich 1917 nach bestandener Prüfung in die Sexta des 'Grauen Klosters' aufgenommen." Dort legte er 1926 sein Abitur ab. Aus der Schulzeit stammten seine historischen Interessen und seine Neigung zur Technik.

Seine Vorliebe für den Physikunterricht behielt er sein ganzes Leben lang bei. Er blieb immer an technischen Dingen interessiert und ging nicht erst im Ignatiushaus gern als 'DXer' auf Entdeckungsjagd in die Ätherwellen. Am meisten freute er sich, wenn er Radio Vatikan hereinbekam.

P. Michalke war stets stolz darauf, in der Hedwigskirche getauft und gefirmt worden zu sein. Auch ging er dort mit 8 Jahren zur Ersten hl. Kommunion. Er wurde nach seiner Erstkommunion Ministrant in der Hedwigskirche und auch in der Kapelle des Hedwigskrankenhauses. Hier lernte er die ersten Jesuiten kennen. Es waren dies so profilierte Seelsorger und Berater wie P. Franz X. Brors (1900-1907 und 1914-1923), P. Franz Rauterkus (seit Oktober 1911 'Stationsvorsteher' in St. Hedwig, seit 1919 dann Kuratus in St. Clemens) und P. Heinrich Diebels. "Bei ihnen" - so schreibt er über die Zeit vor dem Eintritt in den Jesuitenorden - "holte ich mir Rat, wenn auf dem protestantischen Gymnasium etwas gegen unseren Glauben gesagt worden war, und so konnte ich gegen irrige Ansichten auftreten". Durch den religiösen Einfluß seines Elternhauses und die Begegnung mit den Jesuiten reifte in ihm der Wunsch, Gott als Priester zu dienen.

So studierte P. Michalke ab April 1926 in Breslau Theologie. Zunehmend hegte er den Wunsch, in die Gesellschaft Jesu einzutreten, und er begann sein Noviziat am 15. September 1926 in Mittelsteine. Die Philosophie und Theologie studierte er in Valkenburg in Holland. Am 24. Juni 1937 erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch, und er wurde von Bischof von Preysing in St. Clemens in Berlin zum Priester geweiht. Nun begann ein segensreiches Wirken: 1938 als Kaplan in St. Canisius unter den Kuraten P. R. Richard und P. Paul Gocke, ab 1947 als Diözesan-Jugendseelsorger der Frauenjugend.

Als Kaplan hatte er die Kriegsjahre und den Zusammenbruch und alles Elend seiner Heimatstadt erlebt. Kirche und Pfarrhaus wurden zerstört. Die Patres Gocke, Matzker und Michalke wohnten im Frauenbundhaus. Nicht nur haben sie unter Beschuß das Wasser für alle aus einer Straßenpumpe geholt, sie haben sich auch schützend vor Frauen gestellt und sie vor dem Schlimmsten bewahren können. Sie haben die Toten im Lietzenseepark begraben, bzw. später auf Handkarren hinausgefahren zu den Friedhöfen. Die Lebenden haben sie zusammengesucht, ermutigt und versorgt. In der Publikation von H.-W. Wörmann, Widerstand in Charlottenburg, Berlin 1991, läßt sich einiges an Notizen P. Michalkes über diese Zeit nachlesen.

Im Durcheinander dieser Monate hat P. Michalke aus der Turnhalle des Frauenbundhauses eine Kirche gemacht und in der Herbarthstraße ein neues Pfarrhaus gefunden. Die Gemeindemitglieder staunten über sein hervorragendes Organisationstalent.

1952 und 1958 arbeitete er maßgeblich mit bei der Vorbereitung, Gestaltung und Durchführung der Deutschen Katholikentage.

Untrennbar aber ist der Name P. Michalkes mit seiner Tätigkeit als Diözesanseelsorger für die Frauenjugend Berlins verbunden, die er 13 Jahre lang ausübte. In der schwierigen Nachkriegszeit hat er sich in zahlreichen Besprechungen, Tagungen, Einkehrtagen und vielen organisatorischen Vorbereitungen um den Wiederaufbau der Katholischen Frauenjugend im Bistum Berlin große Verdienste erworben. Der weithin geschätzte Seelsorger erwarb sich vor allem bei der weiblichen Jugend durch sein verständnisvolles priesterliches Wesen große Sympathien. Es war sein große Zeit. Sicher, damals war vieles anders. Aber viele, denen er damals helfen konnte, den eigenen Weg zu finden, danken es ihm bis heute. Seine Arbeit wurde 1957 durch die Verleihung der goldenen Ehrennadel des Bundes der Katholischen Jugend gewürdigt.

1960 wurde er als Diözesan-Jugendseelsorger verabschiedet und zum Krankenhausseelsorger im Gertraudenkrankenhaus berufen. Anfang Februar 1965 wurde er zum Superior und Pfarrer von St. Albertus in Gießen ernannt, aber schon zwei Jahre später rief man ihn nach Berlin zurück. Über die Zeit in Gießen / St. Albertus mit über 9.000 Pfarrangehörigen bemerkte er später selbst: "Es war für mich bedrückend, daß ich in der Seelsorge nicht genug tun konnte." Die Verwaltungsaufgaben und diverse Personalquerelen belasteten ihn sehr.

In Berlin wurde er im November 1967 Leiter des Exerzitienhauses Maria Frieden in Kladow. Er gab viele Kurse für Priester, Schwestern, Mütter und Frauen. Die "verwirrenden Jahre" nach dem Konzil hat er mit geistlicher Geradlinigkeit und mit gelöst-erfrischendem, eben "Berliner" Humor durchgestanden. Viele Exerzitienteilnehmer danken ihm noch heute für seinen mutigen und ermutigenden Glauben, den er ihnen nahegebracht hat. Viele haben durch ihn und durch seine Überzeugungskraft lebensstarke Glaubensimpulse empfangen.

1983 schickte ihn P. Provinzial ins Ignatiushaus, wo er weiter in der Seelsorge tätig war. P. Michalke war ein beliebter und gesuchter Beichtvater und Berater. Das galt schon für seine Kaplans- und Jugendseelsorgerjahre. Viele Mädchen verdanken ihm so ihre Berufung zum Ordensstand. Es erscheint als eine der liebenswürdigen Fügungen Gottes, daß gerade der, der als Abiturient "unter keinen Umständen" in die "Mädchenseelsorge" kommen wollte, seine besten Lebensjahre als Priester der Frauenjugend und der allgemeinen Seelsorge schenken durfte.

Nach zehnjähriger Tätigkeit im Ignatiushaus wurde er am 12. Juli 1993 aus Alters- und Gesundheitsgründen ins Peter-Faber-Kolleg versetzt. Die Ruhe an diesem Alterssitz war ihm nicht lange vergönnt. Nachdem er am späten Abend des 3. Septembers gestürzt war, verschlechterte sich am nächsten Morgen sein Befinden so auffällig, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Dort schwankte sein Gesundheitszustand zwischen Bewußtlosigkeit und Gesprächsbereitschaft. Trotz Ansprechbarkeit wurde sein Atmen am 13. September immer schwerer, sein Zustand immer schwächer. In der Nacht desselben Tages erlöste ihn unser Herr, nach dem sich Josef Michalke in der letzten Zeit so sehr gesehnt hatte.

Nüchterne Fakten, nüchterne Daten! Dahinter verbirgt sich ein langes Priesterleben gefüllt mit Leiden und Freuden, getragen vom unerschütterlichen Glauben an den Herrn. Immer wieder zog es ihn hin zu Gott, verborgen im Tabernakel. Viele nächtliche Stunden verbrachte er so in stiller Anbetung, sich stets bewußt, daß er als Priester des Herrn für andere dasein mußte, für andere beten mußte.

Bis vor einem Jahr hatte man Josef Michalke sein Alter nicht angemerkt. Schlank, aufrecht und straff ging er einher. Man konnte sich wirklich fragen: bleiben Jugendseelsorger jung? Erst in den letzten Monaten wurden seine Schritte kürzer, sein Rücken gekrümmt, seine rechte Schulter gesenkt, sein Gedächtnis lückenhaft. Dieser letzte Eindruck verstellt indes nicht das Bild des hageren, aufrechten, Güte ausstrahlenden Priesters, der selbst den Weg konsequent gegangen ist, den er anderen gezeigt hat.

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1993 - Dezember, S. 194ff