P. Georg Muschalek SJ
* 24. April 1911 in Hultschin/OS
5. Oktober 1999 in Berlin

Als Ende 1980 in Gießen bekannt wurde, ein P. Muschalek aus Zimbabwe solle in die Kommunität kommen, kannte ihn niemand. In früheren Katalogen war allerdings eine Besonderheit aufgefallen: Die römischen Ziffern hinter den Namen: "Georg Muschalek I, Georg Muschalek II." Man erkundigte sich bei der Missionsprokur, was das denn für ein Mensch sei, und erhielt die Vertrauen erweckende Antwort: "Och, den kannst Du für alles gebrauchen."

"Geboren am 24.04.1911 in der Jassenka Mühle zu Hultschin, Krs. Ratibor, Oberschlesien als dritter Sohn des Guts- und Mühlenbesitzers Ernst Muschalek und seiner Frau Genovefa Adamzcyk aus Deutsch Krawarn, im Hultschiner Ländchen." - So genau beginnen die 8-seitigen Aufzeichnungen seiner Lebensdaten, die er bis 1989 fortgesetzt hat. Genauigkeit muss er als Kind in der Mühle gelernt haben, wenn er beobachtete wie die einzelnen Getreidekörner zu Mehl zerkleinert wurden. Und technisches Verständnis muss sich ebenfalls früh entwickelt haben. Genauigkeit und technisches Verständnis blieben ihm sein Leben lang. Ich erinnere mich, wie er als 80-Jähriger in der Wilhelm-Busch-Mühle nahe Göttingen seinen Begleitern voller Begeisterung das Wunderwerk einer Mühle und des Mahlvorgangs erklärte. Genauigkeit zeigt noch eine zweite 11-seitige Chronik seiner Lebensdaten, bis 1995 fortgeführt. (Im Folgenden wird bald aus der einen, bald aus der anderen zitiert, jeweils in Anführungszeichen gesetzt.)

Die Wurzeln seiner Kindheit lagen in Hultschin. Fünf Tage nach der Geburt wurde er in der Pfarrkirche auf die Namen Georg, Joseph, Maria getauft. In seiner Hinterlassenschaft fand sich noch eine "Geburts- und Taufurkunde" des dortigen Pfarrers. Am 6. August 1915 folgte den drei Jungen als letztes Kind eine Schwester, liebevoll "Gretel" genannt, zu der er im Alter eine immer engere Beziehung pflegte, und die ihm als letzte der Geschwister drei Jahre im Tod vorausging. Seine Muttersprache war deutsch, auch wenn die Mutter nur in mährischer Sprache beichten konnte. Später wurde Englisch seine Lieblingssprache und Schona, das er lernte "um mit Herz die Mentalität der Eingeborenen zu erkennen und zu verstehen" und das er sehr gut beherrschte.

Zur Kindheit in Hultschin gehören Kindergarten, Volksschule, Erstkommunion. "November 1921 Flucht nach Neustadt O/S. Das Hultschiner Ländchen war tschechisch geworden, mein Vater aber war deutschtreu geblieben und so musste er durch Druck der tschechischen Regierung den Jahrhunderte alten Stammsitz der Muschaleks verlassen und sich eine neue Heimat suchen." In Neustadt 1922 Aufnahme ins Gymnasium, 1923 Firmung, dann 1927 Aufnahme in die Handelsschule in Neisse, die er 1930 mit mittlerer Reife verließ, um nach England zu gehen, wo in "Campion House, Osterley, Middlesex, London" englische Jesuiten eine Spätberufenenschule leiteten. 1932 konnte er die Schule beenden und trat am 7. April 1932 in das Noviziat in Mittelsteine ein.

Zunächst folgte die übliche Ordensausbildung: Noviziat und Juniorat in Mittelsteine, 1935 - 38 Philosophiestudium in Pullach. Danach erfüllten die Obern seinen Wunsch und destinierten ihn für die Mission in dem damaligen Rhodesien. Das kam so: "Ausflug mit P. Provinzial Wehner des 3-ten Jahres nach Andechs zur St. Hedwig. Auf dem Wege P. Wehner: 'Frater Muschalek, haben Sie was dagegen nach Berlin ins Kolleg zu gehen?' Das war ein Schlag. Georg war verdutzt aber sagte sofort zu. Georg betete dann mit offenem Herzen um Licht + Stärke in Andechs. Als die Gesellschaft dann vom Ufer des Starnberger Sees hinauf ging zum Haus der Jesuiten in Leoni, sprach P. Wehner wieder Georg an: 'Frater Muschalek, ich hab's mir anders überlegt: Wollen Sie an Stelle nach Berlin nach Afrika gehen?' Georgs Herz jubelte." Zur Vorbereitung im Juli ein Kurs von vier Wochen am missionsärztlichen Institut in Würzburg.

"Sept. 1938 Ausfahrt nach Süd-Rhodesien von Hamburg, via Southampton, Antwerpen, Rotterdam, Las Palmas, Walfishbay, Kapstadt, East London, Port Elizabeth, Durban, Lorenzo Markesh, Beira ... Zur Gruppe gehörten die Patres Böckenhoff und Friedrich, die Scholastiker Gasse und Muschalek (kurz "Musch" genannt) und Bruder Andrejaustas" (den Namen habe ich nicht genau lesen können). Unterwegs, ich meine in der Lüderitzbucht, zeigt ihm P. Friedrich seinen Kompass: "Schau mal! Wir fahren wieder nach Norden." Es waren die kritischen Tage der Konferenz von München. Der Kapitän hatte Order bekommen, wieder die Heimat anzusteuern und im Falle eines Krieges das Schiff zu versenken. So warteten alle am Radio auf die neuesten Nachrichten. Und erst als Chamberlains erlösender Ausspruch kam, den Musch noch im Alter im Ohr hatte, "Peace in our time!" wendete das Schiff wieder nach Süden. Ein knappes Jahr später begann der 2. Weltkrieg.

In Beira holte P. Hector die Gruppe mit seinem Auto ab. (Wie bei Muschs Beerdigung erzählt wurde, muss P. Hector ein Original von Missionar gewesen sein: Er hatte schon in den 20-er Jahren ein Auto geschenkt bekommen, mit dem er in die Mission fuhr, wusste jedoch nicht, dass man in englischen Gebieten links fuhr. Alle entgegenkommenden Autofahrer versuchten mit wilden Gesten, ihn auf die andere Straßenseite zu bringen. Er blieb jedoch unbeirrt rechts und war bei seiner glücklichen Ankunft in der Mission begeistert über die Freundlichkeit der Autofahrer, die ihm alle zugewinkt hätten.

"14.10.38 Ankunft in der Triashill Missionsstation, Rusapi und bewillkommt von P. Carl Brosig dem dortigen Oberen." Wegen einer Bazillenruhr musste Musch zunächst für 14 Tag ins Hospital nach Salisbury (heute Harare). Es blieb nicht seine einzige Tropenkrankheit. Ab 1.1.1939 dann Lehrer der 5. Klasse in der Primarschule und Internatspräfekt der Jungen in Triashill. Das war wohl nur für kurze Zeit gedacht. Aber dann brach der Krieg aus. Die deutschen Jesuiten wurden nicht direkt interniert, aber Musch musste seine Pistole abgeben, durfte das Land nicht verlassen und konnte daher auch das Theologiestudium nicht beginnen. Die Pistole bekam er zwar bald wieder; denn der Bischof ging zur Polizeistation, sagte, das sei seine Pistole, und er sei englischer Staatsangehöriger. Also händigte man die Pistole dem Bischof aus, und dieser gab sie Musch. Aber das Theologiestudium blieb in ungewisser Ferne.

So blieb er zunächst in Triashill. "1.01.43 Lehrer und Präfekt im Kleinen Seminar, John Fisher und Thomas Morus in Chishawasha in der Nähe von Salisbury. Zu der Zeit bauten internierte Italiener aus Abessinien das neue Priesterseminar und da ein Italiener deutsch konnte, musste ich als Interpret fungieren. So kam ich auch mehr und mehr herein ins Bauwesen. 1.01.44 angestellt als Principal (Schulleiter) der Primarschule mit etwa 740 Schülern und Schülerinnen auf der Chishawasha Mission, die 1892 von P. Richards angefangen wurde. Die Schule hatte schon damals alle acht Klassen und das doppelt. Es gab keine Schemata für irgendein Fach oder einen Tagesdienstplan und so musste die Schule auf einen gültigen Standard gebracht werden. Innerhalb von drei Monaten hatten alle Lehrer Schemata für alle Fächer und tägliche Planung. Dabei haben die Maristenbrüder in der Kutama Mission viel geholfen. So erhielt die Schule endlich einen anerkannten Standard." Diese 3 Monate hat er im Alter als die anstrengendsten seines Lebens eingeschätzt.

Im September 1946 war es endlich so weit, dass Musch in Milltown Park, Dublin, Irland, das Theologiestudium beginnen konnte. Am 28.07.1948 wurde er dort durch den Erzbischof von Dublin, McQuait, zum Priester geweiht. Darauf zur Primiz nach Deutschland. Die Bank von England hatte aber noch keine DM. So musste er in Frankfurt den Rektor um Geld anbetteln, der so kurz nach der Währungsreform (20.06.48) auch nicht viel hatte. In Krummennaab, Oberpfalz, traf er seine Angehörigen wieder, zum ersten Mal nach zehn Jahren. Die Mutter war inzwischen gestorben, der Schwager gefallen. Die Schwester war mit dem Vater und zwei kleinen Kindern nach der Flucht dort gelandet. Zurück nach Irland beendete er das Theologiestudium und schloss das Tertiat in St. Beunos, N. Wales daran an.

Im August 1951 folgt die zweite Ausreise nach Süd-Rhodesien. Was in den nächsten 30 Jahren folgt, hat er detailliert beschrieben. Es war die Blütezeit seines Lebens. Eine Fülle von Ortsnamen und Aufgaben, Lehrer, Schulleiter, Oberer, Dekan, Bauleiter, "Ich habe Tausende gefirmt (Anm. Hier ist Musch wohl Opfer seiner Liebe von großen Zahlen geworden. Denn an anderer Stelle schreibt er 300), weil der damalige Erzbischof kränklich war." heißt es plötzlich in der Beschreibung seiner vielen Bauten (Krankenhäuser, Schulen, Missionsstationen und anderes). Später erzählte er gern folgende Episode: Während eines Heimaturlaubs rief der Missionsprokurator bei ihm an, weil dieser dringend eine Bauzeichnung für einen Antrag bei "Misereor" benötigte, diese aus Afrika aber nicht so schnell bekommen konnte. Also machte Musch die Zeichnung aus dem Gedächtnis.

Vor allem zwei Stationen hat er seine Liebe und seine Kraft geschenkt: 1958 Marymount; 1962 St. Albertus; nach einem Heimaturlaub 1964 (der erste nach 12 Jahren) wieder Marymount; 1967 wieder St. Albertus; 1972 "Zurück als Oberer nach Marymount und Manager der Schule. Ich habe mehr Zeit für das Pastorale. [...] 1973 Übergabe der Primarschule an den Gemeinderat 'Makusengwa' [...] Providentiell, [...] denn bald danach fing der Befreiungskrieg im ernst an. [...] Es war eine schwere Zeit für uns Missionare, in der die Rhodesischen Truppen die Menschen grausam behandelten und zur Aussage folterten. Aber die Freiheitskämpfer trieben es noch schlimmer mit den Eingeborenen. Wenn einer als 'Samt', Verräter, angezeigt wurde, hatte er keine Chance. Er wurde einfach ohne Verhandlung erschossen, vorher gequält. [...] So sollen während des Befreiungskrieges an die 18.000 meist völlig Unschuldige getötet worden sein. [...]

Dazu kämen etliche Epidemien: Cholera (bis dahin unbekannt in Rhodesien), Virus-Lungenentzündung, Virus-Masern. [...] Ich habe während eines halben Jahres 64 an Masern erkrankte Kleinkinder begraben müssen." Während des Krieges wurden mehrere von Muschs Mitbrüdern ermordet. "April 1976 Heimaturlaub. Ich komme nicht mehr nach Marymount zurück. Es war vom Missionarischen her meine beste Zeit." Vom Urlaub kommt er mit einem kranken Knie zurück, das ihm zu schaffen machte. So bekommt er andere Aufgaben: 1976 Aushilfe in der St. Bonifatiusmission, Hurungwe, wo es 36 Basisgemeinschaften gibt, 1977 Aushilfe in Banket, wo viele Fremde aus Zambia und Malawi (mit anderen Sprachen) arbeiten; "08.12.1977 Ich durfte die feierlichen Gelübde der Gesellschaft Jesu im Canisius House Salisbury ablegen." 1979 Buchhalter und Prokurator einer neugegründeten Gewerbeschule in Chinhoyi.

Zwei Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung am 18.04.80 fährt er wieder in die Heimat. "Ich fühle mich nicht wohl. Ich lag acht Wochen im städtischen Krankenhaus Weiden Opf. Die Ärzte sagen, dass es nicht gut wäre, wieder in die Mission zurückzugehen. So entschloss ich mich, nicht mehr nach Zimbabwe, wie jetzt Rhodesien heißt, zurückzukehren. Mich machte das sehr traurig. Was verständlich ist, da ich ja 37 Jahre als Missionar unter den Eingeborenen des Landes Zimbabwe arbeiten durfte." Eine Maria-Ward-Schwester, die mit ihm zusammengearbeitet hatte, schrieb zu seinem Tod: "Er war sicher ein Stück Urgestein der Missionsarbeit Ihrer deutschen und auch englischen Mitbrüder." Musch schließt den Bericht über diese Zeit mit drei Buchstaben: "L.D.S." Beim Dank zu seinem 60. Ordensjubiläum schreibt er die drei Worte aus: "Laus Deo Semper" Gott sei immerdar Lob!

Es folgten noch 19 Jahre in Deutschland. Ich weiß sie nicht besser zu charakterisieren als mit einem Buchtitel Stifters: Es war der "Nachsommer" seines Lebens. Musch strahlte ungewöhnlich viel aus im Beichtstuhl, bei der Feier der Hl. Messe, bei Treffen und Fahrten der Senioren und bei den Mitbrüdern. Wenn man spätabends in das Rekreationszimmer kam, saß Musch vor dem Fernseher, machte diesen aus, wandte sich einem zu und konnte zuhören und erzählen. Dabei hatte er auch im Alter noch viel Unternehmungsgeist. Die erste Reise nach Rom machte er noch mit dem in Zimbabwe gekauften Rückflugticket. Es folgten Lourdes, Jerusalem, Zug in der Schweiz bei einem Bethlehemiten, einem früheren Mitmissionar, Südtirol zur Hochzeit eines ehemaligen Missionshelfers, Jugoslawien, Velbert-Langenberg, Trier usw. Weniger wurden diese Unternehmungen erst, als er etwa Mitte 80 war. Aber auch da strahlte er viel aus.

Eine Frau, selbst Mitte 80 und nur drei Wochen jünger als Musch, meinte: "So wie P. Muschalek möchte ich auch einmal werden. So wie er die Messe feiert und die Predigt - man versteht ja nicht, was er sagt, - das ist wunderbar." Wie konnte sie zu solchem Urteil kommen? Musch machte das gleiche, was er in Zimbabwe getan hatte: Er klatschte am Ende einer Predigt in die Hände, die Eingeborenen klatschten mit und freuten sich. So tat er auch in Gießen und (ab 1990) in Göttingen. Unter dem 15.10.79 hatte er in seiner Chronik geschrieben: "Besondere Freude bereiteten die Kindermessen (oft kamen über 1000). Die Kinder waren schon immer wenigstens eine halbe Stunde vor der Hl. Messe da, um die neuen Gesänge einzuüben. Während der Messe über-nahmen Jungen und Mädchen das Dirigieren. Da sangen alle und mehrstimmig. Die Kirche in Europa könnte da viel lernen."

Der letzte Lebensabschnitt begann im Februar 1998, als er in das Altenheim in Berlin-Kladow umsiedelte. Altersbeschwerden nahmen zu, die Parkinsonsche Krankheit, die ihn schon seit Jahren geplagt hatte, schritt merklich voran. Am Sonntag, den 3.10.99 bekam er eine schwere Bronchitis; Montag, den 4.10. konnte er nicht mehr an der Meßfeier teilnehmen, empfing jedoch mit großer Andacht und Gelassenheit die Krankensalbung. Gegen Abend hatte sich der Zustand deutlich gebessert. Niemand rechnete mit seinem Ableben. In der Nacht wechselte er mehrfach zwischen Bett und Sessel, weil das Atmen schwer fiel, zuletzt ließ er sich um 3.30 Uhr von der Schwester zum Sessel bringen. Gegen 4.00 Uhr ließ sich das Lebensende absehen. Er dankte der Schwester, dass sie bei ihm war. Gegen 5.00 Uhr ist er ruhig eingeschlafen.

Beim Abschied von Göttingen hatte er mir etwas ihm sehr Kostbares anvertraut: Als Kind habe er einmal von Afrika geträumt, den Traum zwar nicht zu deuten gewusst, ihn aber als bedeutsam erlebt. Später in Afrika habe er die Gegend des Traumes wiedererkannt. Wenn ich nicht irre, nannte er die Gegend um St. Albertus Mission. Musch hatte diesen Traum sein Leben lang im Gedächtnis behalten und ihn als ein Geschenk Gottes gedeutet, entsprechend dem Psalmvers "Seinen Freunden gibt er's schlafend" (Ps 127,2). Über Afrika war Musch nun zu Gott heimgekehrt.

R.i.p.

P. Ludwig Kathke SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1999 - Dezember, S. 220-24