Bruder Georg Muschiol SJ
* 20. September 1913    30. Juni 2001
Eintritt 1933 - Letzte Gelübde 1945

Bruder Georg Muschiol war ein Mensch von Energie, Frömmigkeit und Phantasie.
Die Phantasie konnte man bemerken, sobald man sein Zimmer betrat. Was als Unordnung erschien, hatte Br. Muschiol jedoch im Griff. Mit einem Griff fand er, was er suchte. Nach seinem Tod war es jedoch ein kleines Puzzle, aus den verschiedenen Zetteln und Blättern einen Überblick über sein Leben zu gewinnen. Dennoch kristallisieren sich drei Schwerpunkte heraus: Seine Heimat; der Tod von P. Georg von Sachsen; der 16. Dezember 1943, der Tag, an dem eine Luftmine sein Bein zerfetzte.

Oberschlesien war seine Heimat. Der Vater stammte aus Kattowitz, die Mutter aus Katschau, Krs. Leobschütz, er selbst war in Oppeln geboren und hatte zwei vergilbte Stadtpläne durch alle Kriegswirren hindurch gerettet. Dazu zwei Exemplare eines anonymen Berichtes über die Ereignisse in der Oppelner Jesuitenresidenz beim Einmarsch der Russen und bei der Auflösung. "Mein Testament" hatte er einen Zettel überschrieben, der nur folgende Zeilen enthielt:
"Am 20.9.1913 geboren in Oppeln O/S Malapanerstr. 63a. Zuerst kam mein Zwillingsbruder Florian und dann 30 Minuten danach kam ich auf die Welt. Wir beide waren bei der Geburt ganz blau! Mutter sagte, dass wir um das Überleben kämpften."

Insgesamt waren es 12 Kinder (darunter 2 Mal Zwillinge), 8 Jungen und 4 Mädchen. Für die Mutter, von der er im Alter nur in guten Worten sprach, war die große Kinderzahl eine Last, während der Vater wohl auf einen "Kaisersohn" hoffte. Georg ging mit seinem Zwillingsbruder Florian 4 Jahre auf die Volksschule, mit 12 Jahren empfing er die Hl. Kommunion, kam dann mit Florian zur Prüfung bei den Franziskanern auf den Annaberg. Ob da etwas schief gelaufen ist, geht aus den Notizen nicht hervor. Jedenfalls kam er mit Florian auf das Gymnasium in Neiße, aber nicht sehr lange, denn "Vater schimpfte, wenn er das Schulgeld bezahlen sollte. Florian wollte nicht mehr weitermachen." So wurden beide ohne Abschluss nach der Quarta von der Schule genommen und in die Lehre gesteckt, Florian als Buchbinder (er ist später im Krieg gefallen) und Georg mit 16 Jahren bei der Bahnhofsgaststätte in Oppeln als Koch, Januar 1930 bis 31. Dezember 1932. Das Abschlusszeugnis mit der Note gut hat er bis zu seinem Lebensende aufbewahrt.

Am 10. Mai 1933 trat er in Mittelsteine in das Noviziat ein. Wie selbstverständlich wurde er als Koch eingesetzt. Das blieb er dort auch nach den Ersten Gelübden, bis 1937 die Musterung kam und dann die verschiedenen Wehrdienste. 1938 acht Wochen in der alten Jesuitenkirche in Schweidnitz, zurück nach Mittelsteine, 1939 ein halbes Jahr in Glatz, wieder zurück nach Mittelsteine, 1940 in die Kaserne nach Breslau, wo er Chefkoch war, nach einem dreiviertel Jahr 1941 nach Straßburg für ein weiteres dreiviertel Jahr, bis die Jesuiten aus der Wehrmacht entlassen werden sollten. Der Provinzial versetzte ihn nach Berlin in das Haus am Lietzensee, natürlich als Koch.

Dort ereignete sich, was sein weiteres Leben nachhaltig prägen sollte und worauf er immer wieder zu sprechen kam. Das war der Tod von P. Georg von Sachsen, dem letzten Kronprinzen. Ihr gemeinsamer Namenstag fiel 1943 auf den Karfreitag. Als sie sich trafen, sagte Br. Muschiol ganz spontan: "Das hat bestimmt etwas Schlimmes zu bedeuten." Drei Wochen später ertrank P. Georg. Br. Muschiol hat überraschend viel darüber geschrieben. "In der Nacht zum 14. Mai 1943 war Fliegeralarm. P. Georg las nach der Entwarnung die Hl. Messe und sagte dann zu mir, dass ich ihm 2 Brötchen zurechtmachen soll, da er nach Kladow zum Glienicker See fahren werde." Er werde gegen 16 Uhr zurück sein. Da er nicht zurückkam, ging Br. Muschiol voll Unruhe um 20 Uhr und erneut um 21.30 zum Rektor, P. Theo Hoffmann, und sagte ihm seine Sorge. Am nächsten Morgen fuhr P. Kraus zum See und fand die Sachen des Verunglückten. Darauf wurde Br. Muschiol mit der Suche beauftragt, wobei er viel Phantasie, Energie und Umsicht einsetzte: Er entdeckte die Frau, die die Hilfeschreie des Ertrinkenden gehört hatte, die aber, selbst hochschwanger, nicht viel unternehmen konnte. Ein älterer Mann, den sie zu helfen bat, hatte nicht mehr die Kräfte dafür. Br. Muschiol besorgte eine Karte des Sees, auf der alle Tiefen eingetragen waren, ruderte und suchte zusammen mit dem Gendarm den See ab, baute aus zwei Booten und einigen Brettern eine Plattform, mit der ein damals neuartiges Tauchgerät eingesetzt werden konnte. Aber alle Bemühungen blieben wochenlang ohne Erfolg.

Am 5. Juni entdeckten Br. Larisch und Br. Heinrich, der zu einem kurzen Abstecher von der Front gekommen war, die Leiche. Den Bericht darüber hat Br. Muschiol liebevoll aufbewahrt, vielleicht auch deshalb, weil seine Bemühungen von Br. Larisch entsprechend gewürdigt waren. "Die Leiche wurde in einen Zinksarg eingebettet und in die Kühlhalle gebracht. Br. Muschiol fuhr mit. Er hat sich am meisten um die Bergung der Leiche bemüht. Die ganzen Fischer in der Umgebung hatte er zum Suchen organisiert und sie auf die RM 500 Belohnung aufmerksam gemacht. Bis in die Nacht war er einmal mit dem Taucher draußen und hat nach ihm gesucht. Möge ihm durch P. Georg ein neuer Namenspatron geschenkt worden sein. Sonntag in der Frühe gingen R. P. Rektor Hoffmann, Br. Muschiol und Br. Wunderlich in das Westend-Krankenhaus, um die Leiche einzusegnen."

Am Karfreitag, ihrem gemeinsamen Namenstag, hatte Br. Muschiol spontan, wie er betont, zu P. Georg gesagt: "Das hat bestimmt etwas Schlimmes zu bedeuten." Am Ende des Jahres, am 16. Dezember, traf es ihn: Eine Luftmine zerfetzte sein Bein. Sehr plastisch hat er darüber berichtet und ein altes Zeitungsfoto des "Gymnasium am Lietzensee" aufgetrieben, auf dem er mit Rot und Blau eine Stelle angekreuzt hat, vermutlich, wo er verwundet wurde. Und das schildert er so: "Als die Sirenen zur Entwarnung heulten, rief ein Luftschutzleiter, 3 Freiwillige raus zum Löschen. P. Wehner, Br. Fantin und ich liefen raus. Br. Fantin lief zu einem brennenden Möbelwagen, P. Wehner löschte Brandbomben und ich rief zu Br. Fantin, dass es in der Kirche brennt. Er kam aber nicht, und ich griff die Türklinke zur Kapelle. Er ging in die Sakristei und wollte das Altarbild, Abendmahl von Fugel, retten. Da detonierte eine Luftmine, nach Schätzung der Zerstörung von 3 Tonnen, und ich flog mit der ganzen Tür durch den Luftdruck auf den Rücken, am Oberschenkel getroffen mit dem Kopf auf das Pflaster. Ich fühlte mit den Händen mein Blut am Boden. Es war Frost, und ich hatte einen starken Gefrierschmerz, und es stank nach Pech und Schwefel. Sie trugen mich in den Keller. P. Wehner bekam einen Splitter durch den Stahlhelm an den Kopf und einen kleinen Splitter ins Gesicht." Br. Fantin wurde durch die Mine sofort getötet, das Canisiushaus zerstört.

Br. Muschiol kam ins Städt. Krankenhaus in Spandau. Dort begann für den 30-jährigen ein langes Krankenlager. Das Bein musste amputiert werden, es folgte jedoch eine schwere eitrige Entzündung am Stumpf, sodass er erneut amputiert werden musste; als man ihn in den OP fuhr, hörte er Gesang: "Stille Nacht, Heilige Nacht!" Weitere Komplikationen folgten: eine Rippenfellvereiterung und schließlich eine allgemeine Sepsis. Der Oberarzt, Dr. Baukhage (der sieben Jahre später als Chefarzt aus der Erinnerung ein sehr eindrucksvolles Attest geschrieben hat) sagte ihm, dass keine Hoffnung bestände, ihn durchzubringen. Jedenfalls musste er aus Berlin fort. Am 23. Februar 1944 brachte ihn ein Lazarettzug nach Marienbad ins Ausweichlazarett.

Mit viel Geduld und Energie - "Ich habe fleißig geübt, um in die Eisenbahn einsteigen zu können." - schaffte Br. Muschiol die Genesung, so dass er im Januar 1945 aus dem Lazarett entlassen wurde. Er kam nach Biesdorf, aber nicht für lange Zeit; denn bald standen die Russen vor Berlin. Am 24. Februar verließ er mit einem Flüchtlingstreck Berlin in Richtung Chiemsee. Nach fünf Wochen kam er am Ostersonntag, den 1. April 1945, im Berchmanskolleg in Pullach an. Dort war er für drei Jahre Pförtner.

1948 drängte ihn der Provinzial, nach Berlin zurückzukehren. Im neu eröffneten Canisius-Kolleg zeigte sich, dass er gewissermaßen als 'Mädchen für alles' zu gebrauchen war. Zunächst wurde er Pförtner und begann gleich, die ramponierten Zimmer in der Nähe zu renovieren. Als er eine Hilfe für die Pforte bekam, erweiterte er seinen Aktionsradius: "Dadurch konnte ich im Parterre alle Türen streichen, 18 Zimmer." "In den Ferien kam Br. Heik zum Helfen. Wir mussten Wände versetzen, in den Klassen Decken streichen." Dies schreibt er nicht ohne Selbstbewusstsein, weil er trotz seines amputierten Beines einiges geleistet hat. Ein Foto zeigt ihn, wie er freihändig auf einer Leiter steht und eine Decke streicht. Irgendwann hat er auch die Küche des Canisius-Kollegs übernommen, und schließlich wurde eine Fleischerei eingerichtet, und Br. Muschiol musste auch Fleischerarbeiten machen. Da fühlte er sich jedoch überfordert und hat später darüber geklagt.

Als 1960 das Noviziat in Kladow eingerichtet wurde, kam er schon während der Bauarbeiten dorthin und übernahm eine Reihe Malerarbeiten. Als das Noviziat eröffnet wurde, war er der erste Koch. Ende der 60er Jahre löste Br. Gabriel ihn in der Küche ab. Als "Mädchen für alles", half er nun dem Ökonom in der Verwaltung. 1983 war das neue Altenheim fertig. Br. Muschiol zog als einer der ersten dort ein. Seine Kräfte nahmen ab, seine Aufgaben für das Haus auch. Er machte jedoch noch weiterhin hier und da Malerarbeiten, fuhr Auto, auch um Mitbrüder und Gäste von der Bahn abzuholen oder zu ihrem Zielort zu bringen, bis sich die Reparaturen häuften und der Provinzial dem 82-Jährigen das Autofahren verbot. Das ist Br. Muschiol schwer gefallen. Der elektrische Rollstuhl bot nur geringen Ersatz.

Als die Aktivitäten nach außen weniger wurden, drängten sich die Phantomschmerzen und die Spastik seines Beinstumpfes in den Vordergrund. Er klagte ständig, so dass es anstrengend wurde, ihm zuzuhören. Dabei konnte man überhören, wie viel ihm die Gemeinschaft mit dem kreuztragenden Herrn bedeutete. Über seinem Bett hing das große Foto einer Kreuzesdarstellung, ein Ausschnitt, der Oberkörper mit einem ausdruckstarken, schmerzerfüllten Antlitz Christi. Es tat ihm gut, wohl weil er sich verstanden fühlte, wenn ein Mitbruder ihn "Opferlamm" nannte.

Nach Ostern 2001 wurde er plötzlich gelb. Im Krankenhaus gelang es den Ärzten erst beim dritten Versuch, den Gallenabfluss wieder frei zu legen. Die Befürchtung, es könne sich um einen Tumor handeln, wurde durch das Computertomogramm zunächst nicht bestätigt. Erst eine Spezialuntersuchung diagnostizierte ein Pankreasfingerkarzinom, einen besonders heimtückischen und aggressiven Tumor. Ins Peter-Faber-Kolleg zurückgekehrt, empfing Br. Muschiol mit innerer Anteilnahme die Krankensalbung und glaubte wohl, bald zu sterben. Er verabschiedete sich öfter von Mitbrüdern. Aber die Krankheit zog sich noch zwei Monate hin. Br. Muschiol verehrte besonders das Herz Jesu. Am letzten Tag des Herz-Jesu-Monats, dem Vorabend des früheren Festes vom kostbaren Blut Christi, verstarb er sehr ruhig. Es war der 30. Juni 2001, kurz vor Mitternacht.

Br. Muschiol liegt auf dem St. Hedwigs-Friedhof in Berlin-Reinickendorf begraben.

R.i.p.

P. Ludwig Kathke SJ

Jesuiten-Nachrufe 2001, S. 35ff