P. Otto Ogiermann SJ
* 14. Februar 1912   † 28. Oktober 2005
Eintritt 1932 - Priesterweihe 1942 - Letzte Gelübde 1979

Noch immer sehe ich P. Ogiermann auf der Kanzel der überfüllten Herz Jesu Kirche in Dresden stehen, und viele hörten seinen Predigten mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Es war sicher sein Hauptwirkungsbereich, und das unter den schwierigen politischen Verhältnissen der damaligen DDR. Es war ihm nicht leicht, den Weg zwischen dem ideologischen Nein und einem bedingten Ja zu finden. Dennoch wagte er sich in die Auseinandersetzung mit dem herrschenden Atheismus. Gerade deshalb waren seine Predigten so gesucht. Überhaupt könnte man sein Leben mit dem Motto „Dienst am Wort Gottes“ überschreiben. Denn zu seiner Predigttätigkeit kam noch sein literarisches Schaffen. Insofern war er einer der bekanntesten Jesuiten in der DDR. Sein hohes Alter, er ist mit 93 Jahren gestorben, lässt auf ein intensives Beten und reiches Schaffen und zurückblicken.

Geboren wurde er am 14.Februar 1912 in der Nähe von Rybnik (Paruschowitz), in Oberschlesien, als drittes Kind des Buchhalters und späteren Steuerberaters Alois Johann Ogiermann und dessen Ehefrau Martha Florentina, geb. Buchalik von insgesamt 11 Geschwistern. Seine Kindheit und Jugend verliefen nicht reibungslos. Denn in diesem Teil Oberschlesiens brachen immer wieder Unruhen aus und es herrschte die ständige Angst vor einem Einfall der Russen. So verzogen die Eltern kurz nach seiner Geburt in die Stadt Rybnik. Dort besuchte er die Volksschule. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges und infolge der dort stattfindenden Volksabstimmung für einen Anschluss an Deutschland oder Polen und nach einem schweren Explosionsunglück in der Nähe der Wohnung zog die Familie nach Ratibor. In dieser Zeit besuchte P. Ogiermann die vierte und fünfte Klasse der Volksschule, später das Realgymnasium. Hier fand das Fach Religion sein großes Interesse und wohl auch sein Lehrer wurde auf ihn aufmerksam. Er sprach ihn an: „Du könntest auch Priester werden.“ Darauf sagte er: „Das kann ich nicht.“ Aber der Lehrer bestand darauf: „Du wirst es können.“ Das Abitur legte er mit Auszeichnung ab, und wie er bemerkt, unverdient. Ab der Tertia war er Mitglied des Schülerbundes „Neudeutschland“. Dazu kamen noch die sehr intensiven Begegnungen besonders mit P. Ludwig Esch. Das ließ in ihm den Entschluss reifen, in die Gesellschaft Jesu einzutreten.

Am 3. März 1932 trat er dann mit vielen anderen aus dem Bund Neudeutschland in das Noviziat in Mittelsteine ein. Seine Novizenmeister waren P. Kempf und P. Pies. Von April bis Juli widmete er sich den „Humaniora“ noch in Mittelsteine. Es folgte das Philosophiestudium in München-Pullach (1934–1937). Zur weiteren Ausbildung ging er als Erzieher an das Jugendkonvikt in Breslau (1937–1940). Das Internat „Kurfürst Franz Ludwig“ wurde von P. Gocke geleitet. P. Ogiermann war mit den „Kleinen“ (Sexta und Tertia) betraut und ebenso mit der Buchhaltung und Wirtschaftsführung. Die Militärzeit von Mai 1940 bis Dezember 1941 verschlägt ihn dann als Sanitätssoldat bis Frühjahr 1941 nach Nordfrankreich und dann nach Ostpreußen (Suwalkizipfel) und Rußland. Dort war er mit dem Feldlazarett unterwegs über Grodno bis nach Smolensk und Wjasma. Anfang des Winters 1941 wurde die Division nach Südfrankreich verlegt. Von dort aus wurde er laut Führerbefehl aus der Wehrmacht entlassen.

Sein Theologiestudium nimmt er zuerst in Breslau an der Friedrich-Wilhelm Universität auf, weiter dann in Frankfurt Sankt Georgen (Semesterbeginn 2. November 1942). Als die Warnungen immer deutlicher wurden, dass alle aus dem Militär entlassenen Jesuiten ins KZ gebracht werden sollten, wurden die höheren Weihen vorgezogen: Subdiakonatsweihe am 5. November 1942 und Diakonatsweihe am 6. November 1942. Mit mehreren Mitbrüdern wurde er von Bischof Albert Stohr in Mainz in der Seminarkirche bei verschlossenen Türen am 9. November 1942 zum Priester geweiht. Seine Heimatprimiz feierte unter interessierter Nachfrage der Gestapo beim Ortspfarrer, am 6. Dezember 1942 in Ratibor. Die sechs Neupriester der Ostprovinz wurden an verschiedene Pfarreien Berlins verteilt. P. Ogiermann kam als Kaplan nach Berlin, zunächst in Hl. Kreuz. In Hl. Dreifaltigkeit erlebte er die letzten Kriegstage mit Luftangriffen und Feuer im Pfarrhaus. Die große Not der Nachkriegsjahre erlitt er mit der Gemeinde unter Pfr. Konrad Graupe. In dieser Zeit betreute er u.a. „Zwangsarbeiter“ und evakuierte Kinder. Die abschließenden Studien führten ihn wieder nach Pullach (Januar 1946 bis Juni 1948).

In Erfurt war er zunächst für zwei Jahre Leiter des Konradhauses, einem Internat für Jungen, die evtl. Priester werden wollten und in Erfurt die Höhere Schule besuchten. Die dritte Ausbildungsphase, das Tertiat, vollzog er in St. Andrä in Kärnten, unter der Leitung von P. Hayler. Für eine kurze Zeit geht er nach Dresden. Ende 1952 begann für ihn die längste und fruchtbarste Zeit der Monatspredigten von Leipzig aus. Er war im Team von 4 bis 5 Mitbrüdern, die damals die gesamte DDR bereisten, in einem Monat etwa 20 Orte. Seine rhetorische Begabung und sein theologisches Wissen und seine tiefe Frömmigkeit machten seine Predigten gehaltvoll und inhaltsreich. Er scheute sich nicht, zeitnahe Themen aufzugreifen, die uns allen sehr hilfreich waren. Dazu kamen noch Veröffentlichungen, darunter seien genannt: „In Gottes Kraft – Pater Delps Blutzeugnis“ und „Mitten unter uns – Franz von Assisi“. Selbst als Autor geschrieben hat er u.a. „Bis zum letzten Atemzug – Der Prozeß gegen Bernhard Lichtenberg, Domprobst an St. Hedwig in Berlin“.

Seit 1977 fand die Predigtarbeit in veränderter Form ihre Fortsetzung in Lichtbildvorträgen, „Gemeindeexerzitien“, religiöse Wochen, und vor allem Wochenenden für Gemeinden. Bei alledem blieb er durch ständige seelsorgliche Aushilfen im Kontakt mit den Pfarreien. 42 Jahre war er in dieser aufreibenden Arbeit in Leipzig. Mit dem Nachlassen seiner Kräfte wurde P. Ogiermann dem Altenheim in Kladow zugeschrieben (1994), er wohnte jedoch bei den Herz Jesu Schwestern in Steglitz, die er noch seelsorglich betreute. Bis er dann im Jahre 1999 in das Peter Faber Kolleg nach Kladow kam, wo er seine letzten Jahre trotz einiger körperlichen Beschwerden in geistiger Frische und interessierter Aufgeschlossenheit verbrachte. Ein Wort von ihm über sein Priestersein möchte ich am Schluss anfügen: „Ich bin Priester mitten in einem Universum, inmitten von Milliarden von Menschen, aber für wenige bestimmt, inmitten der Geheimnisse und mit den Frohbotschaften des Glaubens – staunend, erschüttert, dankbar in Anbetung.“

P. Ogiermann ist am 28. Oktober 2005 im Peter-Faber-Kolleg verstorben. Er wurde auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Christian Geisler SJ

Jesuiten-Nachrufe 2006, S. 30f