P. Bernhard Pfirschke SJ
* 12. Dezember 1920    3. März 2005
Eintritt 1939 - Priesterweihe 1952 - Letzte Gelübde 1956

Der Vater von Bernhard Pfirschke war Leiter des Ausbesserungswerkes der Deutschen Reichsbahn in Breslau. Seine Ehefrau Agnes schenkte ihm acht Kinder (vier Jungen und vier Mädchen), von denen Bernhard am 12. Dezember 1920 in Breslau geboren das jüngste war. Bernhard besuchte das Gymnasium und machte 1939 das beste Abitur aller höheren Schüler in Breslau. Deshalb bekam sein Vater als Anerkennung für die hervorragende Leistung seines Sohnes eine Prämie von 200 RM, die er aber später zurückzahlen musste, als die Nazis erfuhren, dass Bernhard Jesuit werden wollte.

Am 18. April 1939 trat Bernhard in das Noviziat der Ostdeutschen Provinz zu Mittelsteine ein. Weil die Gestapo das Noviziatshaus beschlagnahmte, musste er mit allen Novizen im Herbst 1940 nach Dresden-Hoheneichen umziehen. Dort erreichte ihn zusammen mit Frater Sint aus der österreichischen Provinz der Einberufungsbefehl zu einem schlesischen Artillerieregiment. Beide wurden in Frankreich als Funkmelder mit Motorrad ausgebildet. Mit Beginn des Russlandfeldzuges im Juni 1941 nahm Bernhard an mehreren Kesselschlachten teil. Im November 1941 aus der Wehrmacht entlassen, widmete Bernhard sich dem Philosophiestudium in Pullach. Nach dem Universa-Examen kam er 1944 als Seelsorgshelfer nach Beuthen in Oberschlesien. Hier erkrankte er nach kurzer Zeit und bekam psychisch einen "Knacks". Er hatte auf einmal unter anderem die Wahnidee, am Ausbruch und Verlauf des Zweiten Weltkrieges schuldig zu sein. Dazu kam ein nervöses Magenleiden. So wurde er in das Krankenhaus nach Troppau gebracht. Als die Front 1945 weiter vorrückte, wurden die Kranken in ein Kinderheim in der Nähe von Prag verlegt.

Mit Kriegsende übernahmen die Tschechen das Lazarett und verwandelten es in ein Arbeits- und Straflager. Es gab für die deutschen Insassen kaum etwas zu essen, nur Wasser zum trinken. Als Bernhard hörte, dass ein älterer Mann aus München entlassen werde, gab er ihm einen Zettel an P. Lothar König in München mit der Bitte "holt mich hier heraus, sonst sterbe ich". Als P. König diese Botschaft erhielt, veranlasste er sofort über das Internationale Rote Kreuz die Befreiung von Bernhard. P. Malik als Delegationsleiter, englisch sprechend, und P. Franz Nitsche als Dolmetscher für tschechisch, erreichten die Entlassung aus dem Lager und brachten Bernhard im November 1945 nach Pullach. Vor uns erschien Bernhard wie ein menschliches Wrack. Grünlich-gelbliche Gesichtsfarbe, eingefallene Wangen, völlig apathischer Blick, schlotternde Beine. Dazu traten nach einigen Tagen am ganzen Körper Hungerödeme auf. Die Oberen fingen an zu überlegen, ob ein Verbleiben in der Gesellschaft Jesu noch sinnvoll sei. Vor allem, ob die total ruinierte Gesundheit noch für ein Theologiestudium ausreichen würde.

Bernhard erholte sich langsam und wurde als Sekretär bei P. Rabeneck eingewiesen, der gerade sein letztes Buch in lateinischer Sprache verfasste. Diese Aufgabe erfüllte Bernhard mit großem Elan und zur Zufriedenheit von P. Rabeneck, der nach monatelanger gemeinsamer Arbeit den Oberen mitteilte, "Bernhard ist fähig und geeignet für das Theologiestudium in der Gesellschaft Jesu". Aber P Provinzial Bernhard Hapig als ehemaliger Arzt wollte auf Nummer Sicher gehen und schickte Bernhard als Präfekt an das Canisius-Kolleg in Berlin, wo er zwei Jahre lang hervorragende Arbeit leistete. Im Herbst 1949 begann das Theologiestudium und am 25. Juli 1952 fand die Priesterweihe in Innsbruck statt. Anschließend folgte das Tertiat in Münster unter P. Karl Wehner. Nun begann er in Berlin an der Freien Universität mit dem Studium der klassischen Philologie, das er aber 1955 bedingt durch ein Augenleiden aufgeben musste. Danach wurde er Socius des P. Magister Soballa auf dem Jakobsberg bei Ockenheim. Als das Noviziat nach Berlin-Kladow verlegt wurde, leitete er den Umzug und war anschließend bis zum Jahr 1967 Minister und Ökonom des Peter-Faber-Kollegs.

Mitte September 1967 finden wir Bernhard als Seelsorger im Gertrauden-Krankenhaus, wo er fast 15 Jahre segensreich wirkte. Bernhard legt für sich eine Kartei der katholischen Patienten an, auf die er immer wieder zurückgreifen kann, wenn ein Patient erneut eingeliefert wird. Er setzt sich intensiv mit Missständen auseinander, die er im Krankenhaus feststellt. Dank seiner guten Begabung für technische Dinge erweist sich Bernhard oft als 15. Nothelfer, manchmal sogar als Lebensretter:

  1. Bei einem Brand in einem Lastenaufzug ergreift er den nächsten Feuerlöscher und erstickt die Flammen. So verhindert er einen Großbrand im Krankenhaus.
  2. Eine neue Großtelefonanlage wird eingerichtet. Zur gleichen Zeit liegt der ehemalige Hofkaplan der letzten österreichischen Kaiserin Zita, P. Klar SVD, als Patient im Krankenhaus. Kaiserin Zita versucht mehrfach aus Zizers in der Schweiz, wo sie wohnt, P. Klar telefonisch zu erreichen, aber die Verbindung bricht immer wieder zusammen. Da greift Bernhard ein und zeigt dem Telefondienst, wie man vorangehen muss, besonders bei Auslandsgesprächen. Denn Zita telefoniert nun täglich.
  3. Das Krankenhaus besitzt eine Rundfunkübertragungsanlage. Jeder Patient kann, wenn er es wünscht, ein Hörkissen erhalten, mit dem er Musik, Nachrichten und auch die Gottesdienste und Andachten aus der Krankenhauskapelle mithören kann. Bei Defekten in der Anlage wird P. Pfirschke geholt. Er ist der Einzige, der das System genauestens kennt. Er zeigt den Technikern, wo und wie die Störungen im Übertragungssystem zu beseitigen sind.
  4. Im Haupthaus soll ein Personenfahrstuhl installiert werden, damit besonders die älteren Schwestern ohne langes Treppensteigen bequemer in ihre Zimmer im vierten und fünften Stock gelangen können. Die Arbeiten dafür und die Probeläufe des Fahrstuhls dauern Monate. Vor der endgültigen Inbetriebnahme erklärt P. Pfirschke: "Dieser Personenaufzug ist falsch konstruiert". Leider sollte er Recht behalten. Denn es ereignen sich immer wieder schwerwiegende Pannen. Allzu oft hält der Fahrstuhl 1-2 Meter über der eingestellten Geschossebene - Bernhard bewahrt mehr als ein Mal Schwestern vor einem lebensgefährlichen Sturz. Nach einem guten Jahr wird dieser neue Fahrstuhl wieder abgebaut.

Nach fast fünfzehnjähriger Tätigkeit im Gertrauden-Krankenhaus zu Berlin ist Bernhard gesundheitlich ausgelaugt. Er muss sich mehreren Operationen unterziehen und intensiv ärztlich betreut werden. Nach einer längeren Pause finden wir ihn im Universitätsklinikum St. Jürgen in Bremen. Hier arbeitet er an der Seite von P. Heinrich Thurn mit gleichem Eifer, bis der Orden die Residenz aufgab. Über Münster kommt er noch einmal zum Einsatz im Krankenhaus Borken, bis seine Kräfte erschöpft sind. Er zieht im November 1992 in das Ignatiushaus nach Berlin.

Ab dem 1. Februar 1999 finden wir ihn ihm Peter-Faber-Kolleg. Hier lebte er unter liebevoller Betreuung im Kreis seiner älteren Mitbrüder bis zum Tod. Nach all diesen Schicksalsschlägen seines Lebens, seiner oft sehr angeschlagenen Gesundheit (psychisch und körperlich), stirbt er am 3. März 2005. Er schlief sanft und friedlich für immer ein.

P. Bernhard Pfirschke liegt begraben im Domfriedhof St. Hedwig in Berlin Reinickendorf.

R.i.p.

P. Egbert Rothkegel SJ

Jesuiten-Nachrufe 2005, S. 30f