Otto Pies SJ

P. Otto Pies SJ
1. Juli 1960 in Mainz

Mit P. Pies ist ein Mann von uns gegangen, der aus den ersten Jahrzehnten der ostdeutschen Provinz nicht wegzudenken ist und den einmal die Geschichtsschreibung nicht übergehen kann. Wir wissen aber auch, daß der gleiche P. Pies als Mensch und als Oberer recht unterschiedlich beurteilt wird. Deshalb wollen wir hier versuchen, außer dem äußeren Verlauf seines Lebens soweit als möglich auch die innere Gestalt dieses Mannes kurz darzustellen.

Otto Pies war am 26. April 1901 in Arenberg bei Koblenz geboren. Seine Mutter war Westfälin und stammte aus Schwelm, der Vater kam aus Dommershausen im Hunsrück und war von Beruf Förster. Dem Vater wird nachgerühmt, daß er als junger Forstgehilfe in dem damals fast ganz protestantischen Kastellaun allein für seinen katholischen Glauben einstehen mußte und auch stand. Aus der landsmännischen Herkunft der Eltern erklärt sich wohl, daß der Rheinländer Pies so still, ja fast melancholisch war. Otto war das dritte und jüngste Kind seiner Eltern. Sein Bruder fiel im Ersten Weltkrieg, seine Schwester ist die uns bekannte Frau Wieland, die sich mit großer Liebe und Zähigkeit um ihren Bruder in Dachau bemühte und für ihn sorgte. Otto besuchte das ehemalige Jesuitengymnasium in Koblenz, war Ministrant in der Jesuitenkirche, die aber der Gesellschaft erst nach seinem Eintritt ins Noviziat erneut übergeben wurde, und gründete 1919 mit großem persönlichen Einsatz die Koblenzer Neudeutsche Gruppe. Durch ND wurde Otto Pies näher mit der Gesellschaft Jesu bekannt, in die er am 14. April 1920 zu s´Heerenberg eintrat.

Die ersten zehn Monate hatte er noch P. Joh. Bapt. Müller als Novizenmeister. Auf ihn hat sich P. Pies später sehr oft berufen und dabei hervorgehoben, wieviel er diesem Manne verdanke. Ein Mitnovize schreibt dazu: "Was P. Müller so sehr betonte, der Wille zum Unbedingten, zur Hingabe bis ins Letzte, zur 11. und 17. Regel, entsprach ganz und gar dem cholerischen Wesen des jungen Novizen, der nicht mit irgendeiner Form religiösen Mittelmaßes zufrieden sein wollte. Sein gesundes Urteil in Verbindung mit seinem klaren, aber nicht überragenden Verstand machte ihn zu einem beliebten und geachteten, aber keinesfalls auffallenden Novizen und Scholastiker. Auffallend war nur die Selbstverständlichkeit, mit der er für die Gemeinschaft und für einzelne Arbeiten übernahm, die keinen oder wenig Dank einbrachten".

1922 bis 1925 studierte Frater Pies in Valkenburg Philosophie und war während des Interstizes Präfekt im Internat Kurfürst Franz Ludwig in Breslau, das ein Jahr vorher von der Gesellschaft übernommen worden war. Im Herbst 1927 begann er in Valkenburg die Theologie, wurde am 27. August 1930 zum Priester geweiht und machte 1931/32 sein Tertiat in St. Andrä unter P. Hatheyer. Nach dem Tertiat war er, um vor der Übernahme der ihm zugedachten Aufgabe sich erst noch etwas in der außerordentlichen Seelsorge umschauen zu können, ein halbes Jahr bei den Volksmissionaren in Breslau und wurde am 12. März 1933, knapp 32 Jahre alt, in Mittelsteine als Novizenmeister verkündet; von 1938 bis zur Aufhebung des Hauses war er auch Rektor.

Es war keine leichte und ruhige Zeit, in der P. Pies sein Amt antrat und verwaltete. Eben erst war der Nationalsozialismus zur Herrschaft gekommen, und niemand konnte sagen, was dieser politische Umschwung für Kirche und Orden bedeuten werde. Noch lag die Zahl der jährlichen Eintritte bei 20, ging aber von 1936 ab auffallend zurück. Während in den 5 Jahren 1931-35 im ganzen 96 Scholastikerkandidaten das Noviziat begannen, waren es in den nächsten 5 Jahren (1936-40) nur noch 49.

Naturgemäß wurde das Noviziat sehr bald von den Einberufungen zum Arbeits- und später zum Wehrdienst betroffen, so daß das Haus schon bei Ausbruch des Krieges nicht mehr voll besetzt war. Dies hat vielleicht auch dazu beigetragen, daß der größte Teil des Mittelsteiner Hauses am 3. September 1940 für die aus Rußland umgesiedelten Volksdeutschen beschlagnahmt wurde. Das Restnoviziat zog ins Exerzitienhaus Hoheneichen bei Dresden. Ein viel schwererer Schlag erfolgte, als am 15. April 1941 das Haus Mittelsteine von der Gestapo aufgelöst und der Besitz eingezogen wurde. Ähnlich erging es bald auch der Ausweichstelle des Noviziates in Hoheneichen. Im Februar 1941 wurde die Beschlagnahme ausgesprochen, konnte aber noch einmal abgewendet werden. Da erschien am 21. Mai die Gestapo, überreichte den Enteignungsbefehl Himmlers und verlangte die sofortige Räumung des Hauses; dies konnte wohl noch ein paar Tage hinausgezögert, aber nicht mehr verhindert werden. Am 31. Mai wurde P. Rektor Pies von der Gestapo zu einer "Befragung" abgeholt, von der er nicht mehr zurückkehrte. Es folgten für ihn vier Jahre Gefängnis und KZ. Am 2. August 1941 kam P. Pies in Dachau an und wurde als Häftling Nr. 26 832 registriert. Da er diese Zeit selbst geschildert hat (Mitteilungen, Bd. 16, S. 133-140), können wir hier darauf verzichten. Angeführt soll aber werden, was nach seinem Tode die "Stimmen von Dachau", das Nachrichtenblatt der Gemeinschaft ehemaliger KZ-Priester (Nr. 11, November 1960) über seinen Einfluß im Lager bringen: "Otto Pies war nach außen der stille, fromme Jesuit, der entsprechend seiner Ausrichtung und Lebenserfahrung den Menschen innerlich zu beeinflussen suchte. Unter seinen Mitgefangenen, vornehmlich unter den geistlichen Mitbrüdern, war er der viel begehrte Beichtvater. Durch sein vorbildlich seelsorgliches Wirken, vor allem im. Priesterblock, hat er in der Dachauer Priestergemeinschaft nicht zuletzt seinen priesterlichen Mithäftlingen eine wirklich tiefe Ausrichtung gegeben. So war sein größter Wunsch, den er noch auf dem Sterbebett äußerte, eine Priestergemeinschaft zu schaffen, die auch von kirchlicher Seite als Gebets- und Apostolatsgemeinde Anerkennung finden sollte."

Ende Mai 1941 waren auch die letzten Novizen (bis auf zwei) zur Wehrmacht einberufen worden. Neueintritte waren wegen des Krieges nicht zu erwarten. So hatte das ostdeutsche Noviziat praktisch aufgehört zu bestehen. Es wurde erst im Sommer 1945 wieder als gemeinsames Noviziat mit der oberdeutschen Provinz auf der Rottmannshöhe eröffnet. P. Pies wurde erneut Novizenmeister. Im April 1946 zog er mit seinen Novizen nach Feldkirch-Tisis. Aber wegen der Paß- und Reiseschwierigkeiten, die damals zwischen Deutschland und Osterreich bestanden, wurde das Noviziat im Juli 1947 nach Pullach verlegt. Hier blieb P. Pies Novizenmeister bis zur Teilung im Jahre 1951. Danach war er noch bis zum Josefsfest 1954 Rektor und Novizenmeister auf dem Jakobsberg und die letzten sechs Jahre seines Lebens Instruktor (bis 1959 auch Rektor) in Münster/Westf. (Haus Sentmaring).

Die Zahl der Novizen im gemeinsamen ober- und ostdeutschen Noviziat schwankte anfangs zwischen 30 und 40, stieg aber im Herbst 1948 auf etwa 60 an und im folgenden Jahre gar auf 80. Die Betreuung einer so großen Schar Novizen mußte die Kräfte eines Mannes übersteigen, zumal P. Pies nicht der gesündeste war. 1948 hatte er wegen offener Tbc ein halbes Jahr aussetzen müssen, konnte aber am Stanislausfest sein Amt wieder übernehmen.

Das größte Leid, vielleicht seines ganzen Lebens, brachte ihm der 19. Juni 1951. Da P. Pies Pullach verlassen und nach Homburg übersiedeln wollte, wo das ostdeutsche Noviziat zuerst eingerichtet werden sollte, wurde zum Abschied mit den ostdeutschen Fratres eine Wallfahrt nach Andechs, der Heimat der hl. Hedwig, gemacht. Auf der Heimfahrt gegen Abend geschah dann das furchtbare Unglück, über das damals ausführlich berichtet wurde (vgl. Bleistein, Die große Berufung). P. Pies erlitt dabei einen leichten Schädelbruch und eine Gehirnerschütterung. Wie er später gelegentlich äußerte, sei ihm der Anblick seiner verstümmelten und sterbenden (ehemaligen) Novizen schwerer zu ertragen gewesen als die vier Jahre in Dachau.

Neben seinen Aufgaben als Oberer und Novizenmeister widmete sich P. Pies mit Eifer und nicht ohne Erfolg der Schriftstellerei. Als erstes Werk erschien das Gebetbuch "Im Herrn". Bekanntlich hatte er es ursprünglich auf Anregung des Visitators der deutschen Noviziate, des holländischen P. Gerhard Lamers, als Gebetbuch für Scholastiker und Brüder zusammengestellt. Da es bald auch außerhalb der Gesellschaft bekannt wurde und großen Anklang fand, empfahl sich eine Ausgabe für weitere Kreise von selbst. Trotz mancher Schwierigkeiten konnte der Verlag Herder es 1941 herausbringen. Wie P. Pies im Vorwort zur 5. Auflage (1952), schreibt, "stellte es sich seinem Herausgeber erstmalig im KZ vor". An der gleichen Stelle wird auch gesagt, daß in vier Auflagen 60.000 Stück vertrieben wurden; bis Ende 1960 wurden es rund 93.000 Exemplare in sieben Auflagen.

Im Jahre 1950 erschien zum ersten Mal "Stephanus heute" (Butzon & Bercker, Kevelaer), ein Lebensbild des Diakons Karl Leisner, der am Sonntag Gaudete 1944 im Lager Dachau von dem französischen Bischof Piquet zum Priester geweiht wurde. Bis 1953 wurde jährlich je eine Auflage nötig, und bis Ende 1960 insgesamt 20.000 Exemplare verkauft, wobei die Lizenzausgabe für die DDR, eine amerikanische und spanische Übersetzung nicht mitgerechnet sind. Weitere Übersetzungen, u. a. auch eine japanische, waren geplant, sind aber bisher nicht zustande gekommen. Das Leben und die Weihe Karl Leisners werden außerdem geschildert in der Kleinschrift "Geweihte Hände in Fesseln", die bisher 4 Auflagen mit je 5000 Exemplaren erreichte. Gleichzeitig gab P. Pies "Schenkende Hände", eine andere Kleinschrift, heraus, die aber bisher nur zwei Auflagen hat und den Helferinnen der KZ-Priester gewidmet ist. Es folgten dann zwei Bücher aszetischen Inhalts, die "Gebetsschule des heiligen Ignatius" von P. Alexander Brou (1953) und "Das große Gespräch" (1956); letzteres erlebte zwei Auflagen.

Der Erfolg des Buches und der Kleinschrift über Karl Leisner legte es P. Pies nahe, zwei ähnliche Schriften dem 1952 verstorbenen Frater Hans Joachim Morawietz zu widmen (Mitteilungen, Band 17, S. 224). Die Kleinschrift "Mut gehört dazu" erschien 1954 in erster und 1960 schon in 4. Auflage. Dagegen ist die ausführliche Biographie "Auf der Spur des Unsichtbaren" (1957) ein Mißerfolg geworden. Heute, vier Jahre nach ihrem Erscheinen, ist erst ein reichliches Drittel der Auflage verkauft. P. Pies und der Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer, hatten wohl mit einem ähnlichen Erfolg wie bei "Stephanus heute" gerechnet. Doch dafür besitzt die Lebensbeschreibung des jungen Jesuitenfraters nicht die Aktualität wie jene des im KZ zum Priester geweihten Karl Leisner; außerdem wirkt sie an vielen Stellen eher ermüdend als anregend. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß P. Pies auch einige Zeitschriftenartikel verschiedenen Inhalts verfaßte. Im ganzen sind bis heute (Anfang 1961) von seinen Büchern und Kleinschriften rund 180.000 Exemplare verbreitet, was bei dem heutigen Überangebot, auch an guter religiöser Literatur, nicht unterschätzt werden darf.

P. Pies war viele Jahre Oberer und Novizenmeister. Er hatte als Schriftsteller Erfolg und war bei Auswärtigen angesehen und beliebt. Wenn er aber von seinen Mitbrüdern oft ganz anders beurteilt wurde, woran lag dies? Sicher spielte bei den Schwierigkeiten, die P. Pies als Oberer und Mitbruder hatte, der melancholische Einschlag seines Temperamentes eine Rolle; so trug er an manchen Erlebnissen ungewöhnlich schwer und ließ sich durch Enttäuschungen sehr schnell niederdrücken. Es sprachen mit seine geschwächte Gesundheit und seine überanstrengten Nerven, wenn er zuweilen unerwartet scharf reagierte oder sich verletzt-schweigend zurückzog. Doch damit ist ein solches Verhalten noch nicht befriedigend erklärt, vielmehr scheint eine andere Tatsache seines Lebens uns einen Hinweis zu geben.

P. Pies hat uns keine Aufzeichnungen hinterlassen, und er hat wohl auch nur mit sehr wenigen einmal über sein Innenleben gesprochen. Dennoch dürfte kein Zweifel bestehen, daß er schon sehr früh Gott als Akt der Sühne das "Anerbieten seines Lebens" machte. Dies geht hervor aus Andeutungen, die er auf dem Sterbebett machte, und ist von zwei Mitbrüdern bezeugt, die zu verschiedener Zeit mit ihm zusammenlebten und ihm offenbar auch näher standen.

Wenn einer von ihnen genau unterrichtet ist, hat P. Pies schon in der Theologie, vor oder bei der Priesterweihe, sich und sein Leben Gott als Sühneopfer geweiht und sich bereit erklärt, sein ganzes Leben hindurch alle ihm von Gott geschickten Leiden der sühnenden Verehrung des Herzens Jesu zu weihen. Diese tiefe und zugleich tätige Verehrung des Herzens Jesu geht zurück auf seinen Novizenmeister P. Müller. Mitbrüder, die P. Pies näher kannten, versichern, daß die Herz-Jesu-Verehrung und der Sühnegedanke auch später sein inneres Leben prägten. Und auf dem Sterbebett sagte er zur Krankenschwester, er sei glücklich, daß Gott sein Opfer angenommen habe, und zu einem Mitbruder, der ihn besuchte: "Gott hat mein Anerbieten ernst genommen."

Ja, Gott hat das Opfer dieses Priesters angenommen und auch ernst genommen und ihm darum Leiden geschickt, die ihn vor den Menschen klein machten und zuweilen gar als "Versager" erscheinen ließen. Nicht die äußeren Leiden, wie die Ausweisung aus Mittelsteine, die Jahre in Dachau, seine Krankheit usw. waren das schwerste, größer war sein seelisches Leid, worum wohl nur ganz wenige seiner Mitbrüder gewußt haben. So sagte er selbst einmal, auf die Jahre in Dachau blicke er mit Befriedigung zurück, denn dort habe er viel Gutes tun können. Dagegen bereitete ihm das Herrschinger Unglück und der nachfolgende, lange Prozeß viel Schmerz und Leid.

Wenn wir also einmal P. Pies und seine menschlichen Schwächen im Zusammenhang mit dem "Anerbieten seines Lebens" zu sehen suchen, verstehen wir vielleicht, daß Gott diesen Mann einen schweren Weg geführt und sein Leben mit viel Leid erfüllt hat, daß es deshalb ein Leben war, das vor den Menschen an Wert zu verlieren schien, vor Gott aber immer reicher und größer wurde. Denn P. Pies ist trotz aller Enttäuschungen innerlich nicht zerbrochen, sondern seinen Weg treu und verantwortungsvoll bis zu Ende gegangen. Bis zum letzten Augenblick seines Lebens war er bei vollem Bewußtsein und sah ohne Angst und Furcht und mit einer großen Sehnsucht nach Gott seinem Sterben entgegen.

Im September 1957 war P. Pies das linke Auge wegen eines Sarkoms herausgenommen worden. Er mußte nun damit rechnen, daß die bösartige Krankheit kaum auf das Auge beschränkt bleiben, sondern eines Tages wieder ausbrechen werde. Dennoch konnte er noch fast drei Jahre arbeiten, bis er im Juni 1960 physisch zusammenbrach. Über Pfingsten hatte er im Generalmutterhaus der Vorsehungsschwestern in Mainz zu tun. Da er sich sehr elend fühlte und von starken Gallenschmerzen geplagt wurde, begab er sich dort in ärztliche Behandlung. Die Untersuchung ergab eine auffällige Erweiterung und Verhärtung der Leber, und die hohe Blutsenkung ließ auf einen Entzündungsprozeß schließen.

P. Pies fuhr noch einmal für ein paar Tage nach Münster, um einiges zu erledigen und die Examina der Tertianer abzunehmen. Dann kehrte er nach Mainz zurück, wo er am 18. Juni im Hildegardiskrankenhaus operiert wurde. Dabei wurde nur die Bauchdecke geöffnet und nach Feststellung des Tatbestandes ohne weiteren operativen Eingriff wieder geschlossen. Denn wie es im ärztlichen Bericht heißt, handelt es sich "um die Metastasen eines Melano-Sarkoms", bei dem eine Heilung nicht zu erwarten sei und "sämtliche chemischen Medikamente und radioaktiven Elemente versagen". Nach kurzer, vorübergehender Besserung verfiel P. Pies immer mehr und ist am 1. Juli gegen 17 Uhr ruhig und ohne Todeskampf eingeschlafen. Beigesetzt wurde er am 5. Juli in Münster auf dem Friedhof des Hauses Sentmaring, der Stätte seiner letzten Wirksamkeit.

R.i.p.

Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 123, S. 397-402