P. Franz Xaver Radau SJ
22. November 1961 in Berlin

Als P. Radau im April 1961 sein goldenes Ordensjubiläum feierte, fielen seine Frische und Lebendigkeit allgemein auf. Jemand sagte damals: "Er wird auch noch sein 60jähriges Jubiläum feiern." Und doch, sieben Monate später wurde er zu Grabe getragen. Er selbst scheint schon länger mit einem baldigen Sterben gerechnet und geahnt zu haben, daß er schwer und wohl auch unheilbar krank sei. Als er am 2. November, einem Donnerstag, im Ignatiushaus war, um Beichtgelegenheit zu geben, verabschiedete er sich mit der Bemerkung, er sei das letzte Mal da. Unsere erstaunten Fragen beantwortete er nur mit dem Hinweis, er müsse in ärztliche Behandlung und bei seinem Alter könne man nicht wissen, wie es ausgehe. Ohne daß eine Operation vorgenommen wurde, stand schon bald fest, daß in der Lunge eine Geschwulst sei und sich auch an andern Organen Geschwülste gebildet hätten. Eine Operation kam bei dem Alter und der körperlichen Verfassung P. Radaus nicht mehr in Frage. So ging es rasch auf das Ende zu. P. Radau sah selbst ruhig und ergeben dem Tode entgegen und bat ausdrücklich die Ärzte, doch ja nichts zu tun, um sein Leben zu verlängern.

Franz Xaver Anton Aloisius Radau war am 14. Juni 1878 in Wormditt (Ostpreußen) als Sohn eines Handelsmannes geboren. Der Vater, ein wohlhabender Mann, war in der Lage, seinen Kindern eine gute Ausbildung zu geben. So kam Franz auf das Königliche katholische Gymnasium in Braunsberg, eine ehemalige Jesuitenanstalt, an dem er 1899 die Reifeprüfung bestand. An den Universitäten Freiburg/Br., Breslau und Bonn studierte er je ein Semester Philosophie und Theologie; die restlichen Semester absolvierte er im heimatlichen Braunsberg. An seine Studentenzeit hat P. Radau gern zurückgedacht. In Freiburg gehörte er zu den Gründern der C.V.-Verbindung Ripuaria, in die ein Jahrzehnt später Theo Hoffmann eintreten sollte. Die Priesterweihe empfing Franz Radau am 21. Juni 1903 in Frauenburg, einem kleinen Städtchen am Frischen Haff, wo einst Nikolaus Kopernikus als Mitglied des Ermländischen Domkapitels gelebt und gearbeitet hatte.

Nach kurzer Kaplanstätigkeit in einem ermländischen Dorf wurde Franz Radau Ostern 1904 an die höhere Knabenschule seiner Vaterstadt berufen. Die Schule, die erst kurz zuvor eröffnet worden war, ging bis O III und war eine Art Zubringeanstalt für das Braunsberger Gymnasium. Alljährlich vor Ostern kam der Direktor des Braunsberger Gymnasiums persönlich nach Wormditt, um die zu prüfen, die sich um Aufnahme in die U II in Braunsberg beworben hatten. Sieben Jahre hat der Oberlehrer Radau an dieser Schule vor allem Französisch und Latein unterrichtet. Zwischendurch hörte er im Sommersemester 1906 Vorlesungen an der Universität Königsberg, bestand am 24. Oktober des gleichen Jahres die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen mit der Note "gut" und erhielt die "Lehrbefähigung in der Religion und im Hebräischen für die erste Stufe und im Französischen für die zweite Stufe". Einer seiner damaligen Schüler weiß zu berichten, daß P. Radau im elterlichen Hause wohnte und ein Zimmer hatte, von dem aus er den Platz vor der Schule übersehen konnte; hinter den Gardinen stehend soll er nicht selten seine Schüler beobachtet haben. Und aus einem anderen Bericht geht hervor, daß der "Herr Oberlehrer" ungemein genau und pünktlich war und man (schon damals!) die Uhr nach seinen Lebensgewohnheiten stellen konnte.

Was den jungen Priester bestimmte, in die Gesellschaft einzutreten, vermag ich nicht zu sagen. Unter den wenigen hinterlassenen Papieren befand sich ein Brief an P. Provinzial, worin P. Radau sagt, daß er seine Berufung zum Priestertum und die Aufnahme in die Gesellschaft Jesu als ein besonderes Geschenk Gottes ansehe. Ostern 1911 erhielt er von seinem Bischof die erbetene Erlaubnis zum Eintritt ins Noviziat. Wie er gelegentlich erzählte, löste er sofort seinen Haushalt auf, was ihm einen Erlös von rund 1000 Mark einbrachte; dies war im Jahre 1911 eine nicht zu unterschätzende Summe. Zunächst machte er privat eine Romreise, besuchte auch andere Städte Italiens und fuhr langsam rheinabwärts auf 's Heerenberg zu, wo er am 26. April erwartet wurde. Er hatte aber immer noch 300 Mark, die er nützlich für sich anlegen wollte. So gestattete er sich in Köln ein opulentes Mahl und trank, wie er glaubte, das "letzte Bier seines Lebens". Und weil er nicht mit Unrecht annahm, daß im Noviziat und überhaupt im Ordensleben unbedingte Pünktlichkeit verlangt würde, kaufte er sich eine goldene Uhr mit einem ausgezeichneten Werk. Diese Uhr sollte, wie er meinte, ihn durch sein ferneres Leben begleiten. Umso größer war sein Erstaunen, als er bei der "spoliatio" sich auch von seiner neuen Uhr trennen mußte. Einige mitfühlende ältere Novizen trösteten ihn mit dem Hinweis, daß man nach den Gelübden die abgegebenen Sachen zurückerhalte. Doch eines Tages mußte er feststellen, daß P. Minister Thomas Van Volxem die Uhr benützte. Als Priester kam P. Radau schon nach einem Jahr Noviziat nach Valkenburg und legte dort auch seine ersten Gelübde ab. Da er von seiner Uhr nichts mehr hörte oder sah, ging er eines Tages zu seinem Novizenmeister P. Joh. Bapt. Müller, der gerade in Valkenburg war, und trug ihm die Bitte um die Uhr vor. P. Müller hörte ihn an und sagte nur: "Pater, opfern Sie dies dem Herzen Jesu auf!" Und P. Radau beschloß später seine Erzählung stets mit den Worten: "Was sollte ich da machen?"

Auf das Noviziat folgten für P. Radau vier Jahre Studium in Valkenburg und 1916/17 das Tertiat in Exaten. Danach kam er wieder in den Schuldienst, wurde im Herbst 1917 Lehrer am Aloisius-Kolleg in Sittard und ging mit diesem Ostern 1920 nach Bad Godesberg. Da für das Godesberger Kolleg staatlich geprüfte Lehrkräfte verlangt wurden, unterzog er sich 1924 in Bonn der pädagogischen Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen, die in Wormditt von ihm nicht verlangt worden war. Er bestand die Prüfung wiederum mit "gut" und wurde daraufhin zum Studienassessor ernannt. Gleichzeitig wurde er "bis auf weiteres zur unterrichtlichen Tätigkeit am Aloisiuskolleg in Godesberg" beurlaubt und dem Bonner Staatsgymnasium ohne Lehrauftrag zugeteilt. 15 Jahre blieb P. Radau am Aloisiuskolleg und unterrichtete meistens Französisch und Latein, gelegentlich aber auch andere Fächer. Ostern 1932 wurde er an das Canisius-Kolleg in Berlin versetzt, schied aber schon nach einem Jahr aus dem Schuldienst aus.

Jetzt begann für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Nachdem er kurze Zeit Hausspiritual und Operarius in der Neuen Kantstraße gewesen war, wurde er 1934 Seelsorger im Gertraudenkrankenhaus in Berlin-Wilmersdorf. Im Sommer 1937 wurde er nach Breslau und kurz nach Kriegsausbruch 1939 nach Beuthen (Oberschlesien) versetzt; an beiden Orten sollte er für Aushilfen, Vertretungen usw. zur Verfügung stehen. Im Sommer 1945 kehrte er nach Berlin zurück und wurde nach einigem Hin und Her ein zweites Mal Krankenhausseelsorger an St. Gertrauden.

P. Radau trug schwer daran, daß er nicht leisten konnte, was er gern geleistet hätte. Der freie Vortrag fiel ihm sehr schwer. Seine Predigten und die wenigen Exerzitien, die er gegeben hat, schrieb er wörtlich nieder; sie waren darum oft mehr Aufsätze als lebendig gesprochenes Wort. Mehr lag ihm die unmittelbare Seelsorge am Krankenbett. Auch hier war er zunächst sehr zurückhaltend und drängte sich in keiner Weise auf. Wer ihn aber näher kennen lernte, spürte bald seine schlichte Freundlichkeit und selbstlose Hilfsbereitschaft. Treu und regelmäßig besuchte er die Kranken, hat meist nicht viel gesagt, war aber umso bereiter, zu helfen oder kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Ein Priester, der als Patient im Krankenhaus lag, erzählte, wie ihm P. Radau täglich fast auf die Minute zur gleichen Zeit die Zeitung brachte und sie nach ein paar Stunden ebenso pünktlich wieder abholte. Wer einen Wunsch äußerte, konnte sich unbedingt darauf verlassen, daß P. Radau tun werde, was in seinen Kräften stand, bis ihm dann mit dem Alter zunehmende Schwerhörigkeit und Vergeßlichkeit zu schaffen machten. Durch seine Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit fand er bei nicht wenigen Kranken auch den Weg zum Herzen und hat sie auf ein gutes Sterben vorbereiten können.

Wie schon als Lehrer führte er auch als Krankenhausseelsorger ein genau geregeltes Leben, was sicher nicht wenig dazu beigetragen haben mag, daß er bis in sein hohes Alter arbeitsfähig blieb. Regelmäßig machte er jede Woche einen großen Spaziergang hinaus in die freie Natur und legte auch in der Stadt nicht ungern seine Wege zu Fuß zurück. Von P. Josef Schrader angeregt, hielt er jährlich, meistens während seiner Exerzitien, eine strenge Fastenkur, bei der er keine feste Speise zu sich nahm, sondern nur eine Kleinigkeit trank. In jüngeren und mittleren Jahren scheint er von ärztlicher Behandlung nicht allzu viel gehalten zu haben, im Alter aber nützte er die Gelegenheiten, die ihm das Krankenhaus bot, wie Bäder, Massagen usw., sehr gern aus.

Es ist anzunehmen, daß P. Radau, der sich so vieles notierte, auch Aufzeichnungen über sein inneres Leben gemacht hat. Vor seinem Tode hat er aber so gründlich aufgeräumt, daß nur ein paar kleine Zettel übrigblieben, die von seinem persönlichen Streben zeugten. Auf dem Totenbildchen steht ein Satz aus dem Briefe, den er seinem Provinzial hinterließ: "Ich scheide aus diesem Leben mit der Hoffnung, daß ich bald sehen werde, was uns der Glaube verspricht." Von eifrigem Gebrauch zeugt die völlig abgegriffene Imitatio Christi, die sich in seinem Nachlaß fand. Das Exemplar stammt aus dem Jahre 1899 und ist mit zahlreichen mehrfarbigen Unterstreichungen und Bemerkungen versehen, vor allem in den drei ersten Büchern. Wie sehr er die Imitatio bis ins hohe Alter schätzte und benützte, zeigt folgende Tatsache. Da er offenbar den Kleindruck der von Desclee vor 60 Jahren besorgten Ausgabe kaum noch lesen konnte, hatte er begonnen, die Imitatio abzuschreiben. Darüber hinaus hatte sich P. Radau ein großes Interesse für theologische Neuerscheinungen bewahrt. Noch in der letzten Zeit vor seinem Tode studierte er den Aufsatz von P. Walter Kern "Der Mensch und die Philosophie" und machte sich dazu seine Notizen. Überhaupt scheint er meistens mit der Feder bzw. dem Stift in der Hand studiert und gelesen zu haben.

Auch im mitbrüderlichen Kreise war P. Radau oft recht still, konnte sich aber auch sehr lebendig an der Unterhaltung beteiligen und über einen gelungenen Witz herzlich lachen und sich freuen. Als er nach dem Kriege irgendein Jubiläum feierte, erhielt er von einem alten Freunde eine Postkarte, auf der nur stand: A. E. I. 0. U. und die Unterschrift. Da er damit nichts anzufangen wußte, zeigte er mir die Karte und fragte: "Können Sie mir dies hier erklären?" Ich erwiderte, das sei ein alter Spruch, der verschieden gedeutet werden könne, z. B. Alte Esel jubilieren ohne Unterlaß! Lächelnd notierte er sich den Satz und sagte, so etwas könne er vielleicht auch einmal jemand schreiben. - Im Krankenhause wurde er, vor allem von jüngeren Schwestern, vielfach nur als der "Opa" bezeichnet, was er natürlich nicht hören sollte. So kam eines Tages die Pförtnerin ins Eßzimmer der Patres, sah aber P. Radau, der hinter der Tür stand, nicht und rief laut ins Zimmer: "Wo steckt eigentlich der Opa?" Da kam aus der Ecke P. Radaus Stimme: "Was höre ich da?" Die Schwester ließ sich jedoch nicht verblüffen und sagte nur: "Herr Pater, Sie werden auf Station verlangt." In der Tat hatte P. Radau etwas von einem gütigen, verständigen Opa an sich, dem nicht wenige Beichtkinder ihr Vertrauen schenkten.

Fünfzehn Jahre hat P. Radau im Gertraudenkrankenhaus mit seltener Treue und unwandelbarer Regelmäßigkeit gewirkt. Er gehörte einfach zum Hause. Wenn er auch nicht der erste und eigentliche Hausgeistliche war, weil dies wegen der Gottesdienste und Unterrichte für ihn zuviel gewesen wäre, so war er bei dem öfteren Wechsel des ersten Krankenhausseelsorgers der sich stets gleichbleibende, treue, selbstlose Priester, der immer da war, wenn er gebraucht wurde. Nicht mit Unrecht hat man darum auf ihn das Wort des Herrn angewandt: "Geh ein, du getreuer Knecht, in die Freude deines Herrn!"

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 124, S. 525-529