P. Franz Rauterkus SJ
6. März 1940 in Berlin

Es ist nicht beabsichtigt, mit diesem kleinen Nachruf die Persönlichkeit und die Wirksamkeit des P. Franz Rauterkus gebührend zu würdigen. Es soll nur der Mann nicht vergessen werden, der volle 35 Jahre (1904-1940) in Berlin gearbeitet und wie kaum ein anderer der Gesellschaft in Berlin die Wege gebahnt hat.

Franz Augustin Rauterkus wurde am 13. Juni 1869 als Sohn des Ackerers Johann Friedrich R. und seiner Ehefrau Gertrud geb. Sommer in Dahlhausen bei Attendorn im Sauerlande geboren und zwei Tage später, am 15. Juni, in der Pfarrkirche zu Attendorn getauft. Eine Schwester des Paters wurde als Sr. Adelheid Nonnenwerther Franziskanerin; sie war 1928-34 Oberin in unserm Exerzitienhaus in Berlin-Biesdorf und ist den Unsrigen für gewöhnlich als 'Schwester Rauterca' bekannt.

Am 7. April 1891 trat Franz Rauterkus, der zuerst Medizin studiert hatte, zu Blijenbeek in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein, das damals noch P. Meschler unterstand. Fr. Rauterkus durchlief den üblichen Ausbildungsgang und wurde am 27. August 1902 in Valkenburg zum Priester geweiht. Das Terziat machte er 1903/04 in Wynandsrade unter P. Engelbert Pütz und legte am 2. Februar 1905 in Exaeten in die Hände von P. Viceprovinzial Thill die Koadjutorengelübde ab, was darauf schließen läßt, daß er beim Punkteexamen durchgefallen war.

Im Herbst 1904, nach Abschluß des Terziates, kam P. Rauterkus nach Berlin, um an der Berliner Universität Nationalökonomie und verwandte Fächer zu studieren. Wohnung bezog er im St. Josefskrankenhaus der Grauen Schwestern in der Niederwallstraße 8/9. Obere der Statio Berolinensis waren damals P. Johannes Zorell (bis Anfang 1907), P. Schaeffer, der ehemalige Provinzial (Januar bis November 1907), und P. von Hummelauer (1908-1911). Da die Unsrigen wegen des Jesuitengesetzes nicht gemeinsam, sondern über die Stadt verstreut wohnen mußten, traf man sich einmal in der Woche, für gewöhnlich im St. Hedwigskrankenhaus, wo der Superior wohnte, zum 'Villatag'. Schmunzelnd hat P. Rauterkus später erzählt, wie ihn P. Superior Hummelauer eines Tages fragte: "Pater, wie kommen Sie hierher?" - "Mit der Pferdebahn." - "Was kostet das?" "Einen Sechser". - Darauf sagte P. Hummelauer: "Nächstens kommen Sie zu Fuß. Den Sechser wollen wir sparen."

Aus dem Studium des Paters wurde nichts. Jedenfalls machte er kein Abschlußexamen, sondern wuchs allmählich ganz und gar in die Seelsorge hinein. Am 1. Oktober 1911 wurde er Superior der Berliner Statio und hatte das Obernamt, das sich seit 1922 auf St. Clemens beschränkte, bis 1928 inne. Am 1. September 1919 wurde er gleichzeitig auch Kuratus der St. Clemensgemeinde. Die Gemeinde, die von dem späteren Bischof und Kardinal Galen aufgebaut worden war, hatte von Anfang an Jesuiten als Kapläne: P. Rensing (1911/14), P. Lauck (1912), P. Anton Schmitt (1912/23) und P. Siebeis (seit 1915). Als Pfarrer Galen im Jahre 1919 die St. Matthiasgemeinde in Berlin übernahm, wurde die Kuratie St. Clemens von Kardinal Bertram der Gesellschaft übertragen, nachdem kurz zuvor, am 11. Juni 1919, die "Niederlassung der Deutschen Ordensprovinz der Gesellschaft Jesu im Bezirk der Clemensgemeinde in Berlin" staatlicherseits genehmigt worden war.

P. Rondholz, der 1925-26 Kaplan unter P. Rauterkus war, berichtet über diese Zeit: "Die Kuratie St. Clemens war (damals) ein beachtenswerter Faktor in Berlin. Schon die Tatsache, daß wichtigste Straßen, wie Friedrichstraße, Leipziger Straße, Potsdamer Straße, Königsgrätzer Straße, daß Anhalter und Potsdamer Bahnhof in ihr Gebiet fielen, daß Hotel Excelsior, Esplanade u. a. wichtige Aufnahmestätten von Fremden, daß namhafte Banken und Wirtschaftsinstitute, besonders aber daß die meisten Ministerien (Wilhelmstraße) und Regierungszentralen von diesem Bezirk umschlossen wurden, machte diesen Teil Berlins, der etwa 50.000 Einwohner zählte, mehr als beachtenswert. Katholiken wohnten in der Kuratie etwa 5.000. ... In der Regel waren 5 hl. Messen am Sonntag, die erste um 6 Uhr (besonders für die Hotelangestellten und Dienstboten), die letzte um 1/2 12 Uhr für die "Intelligenz und Diplomatie", um es einmal so auszudrücken. ... Dieser hl. Messe wohnten fast immer einige katholische Minister, Botschafter usw. bei; sie hatte eine kurze Predigt mit gehobenem Charakter, wobei oft genug Redner von Ruf und Namen aushalfen (P. Lippert, P. Muckermann u. a.), wenn sie in Berlin zu Gast waren." - Br. Nicolaus Stark (1923-27 als Koch in St. Clemens tätig) weiß noch ergänzend hinzuzufügen: "Als Pfarrer hob P. Rauterkus die Verpachtung der Kirchenbänke auf mit der Begründung, daß auch die Armen das Recht auf einen Kirchenplatz hätten. Er erhielt viel Besuch hochstehender Persönlichkeiten; deswegen, nicht bloß weil sie im zweiten Hof steht, hieß St. Clemens häufig auch 'Hofkirche'. Kardinal Bertram besuchte uns zwei- bis dreimal jährlich. Ferner erinnere ich mich, daß uns Kardinal Schulte/Köln, Erzbischof Klein/Paderborn, Bischof O. Rourke/Danzig u. a. besuchten. Weihbischof Deitmer kam regelmäßig freitags zu P. Rauterkus. Ebenso konnten wir häufig den damaligen Arbeitsminister Dr. Brauns als Gast begrüßen. Verschiedentlich kam auch der jetzige Heilige Vater, damals Nuntius in Berlin, manchmal zu Fuß, manchmal fuhr er mit dem Wagen vor. Reichskanzler Marx und Frau gehörten zu unsern täglichen Kirchenbesuchern."

Neben seiner Tätigkeit als Kuratus übte P. Rauterkus eine weitreichende Wirksamkeit aus, die sich nie wird ganz darstellen lassen. Er besaß ein feines Gespür für die aktuellen Fragen und Probleme der Zeit, und es gab im katholischen Berlin wohl kaum eine Sache von größerer Bedeutung, um die P. Rauterkus nicht wenigstens gewußt hätte. Einem Brief Kardinal Kopps vom 13. Februar 1910 aus Breslau an einen Obern (R. P. Provinzial?) ist zu entnehmen, daß P. Rauterkus sich im sog. Gewerkschaftsstreit, in dem sich die katholischen Arbeitervereine und die interkonfessionellen christlichen Gewerkschaften gegenüberstanden, offenbar zu weit vorgewagt hat; denn der Kardinal schreibt, daß er sich von der Neutralität der Patres Hummelauer und Rauterkus nicht überzeugen könne.

P. Rauterkus scheint in Berlin schon recht bald mit führenden Persönlichkeiten in Verbindung gekommen zu sein; es ist aber auch hier ganz unmöglich, auch nur zu erwähnen, wer ihn alles aufsuchte, sich von ihm beraten ließ und mit ihm in Verbindung stand. Nur einige dieser Männer seien genannt. Am 2. Oktober 1918, bevor er am folgenden Tage sein Amt niederlegte, schreibt Reichskanzler Graf Hertling: "Aus den Zeitungen wissen Sie, wie die Dinge stehen. ... Natürlich wird meines Bleibens in Berlin nicht mehr lange sein, und ich weiß nicht, ob es mir noch möglich sein wird, Sie aufzusuchen, um mich mündlich von Ihnen zu verabschieden, ich tue dies daher auf diesem Wege und sage Ihnen zugleich herzlichen Dank für alle mir erwiesene Güte und gefällige Erinnerung."

Ein anderer Politiker, der viel bei P. Rauterkus verkehrte, war der langjährige Reichsarbeitsminister der Weimarer Zeit, Dr. Heinrich Brauns. Er kam, um mit P. Rauterkus über soziale Fragen zu sprechen, aber auch, um sich in eigenen Gewissensangelegenheiten beraten zu lassen. Ein Kirchenfürst, der P. Rauterkus in besonderer Weise sein Vertrauen schenkte, war Kardinal Bertram. Bis zum Jahre 1929 wohnte er, wenn er nach Berlin kam, auch in St. Clemens, wobei er gelegentlich betont haben soll, er sei nicht Gast, sondern der Hausherr, und die Patres seien seine Gäste (Haus und Grundstück von St. Clemens gehören der Dompfarrei St. Hedwig). Der Kardinal ließ sich von P. Rauterkus über das kirchliche Leben usw. in Berlin berichten. Dies wußte auch der Berliner Klerus, er wußte aber auch, daß Kardinal Bertram viel auf das Wort und Urteil P. Rauterkus' gab und dieser wiederum sachlich und furchtlos alles sagte, was Se. Eminenz hören sollte und wissen mußte. Auf diesem Wege ist mancher Wunsch und Vorschlag, manches Anliegen und Gravamen dem Fürstbischof zu Ohren gekommen. Es ist noch ein Brief des Kardinals vom 4. März 1929 erhalten, in dem er dankt "für das mir so oft und so liebevoll gewährte Absteigequartier"; aber aus Gründen, die "im Haushalt seiner Leiblichkeit" lägen, brauche er zuweilen kleinere Hilfsmittel, auch kurze ärztliche Hilfe, darum möchte er in Zukunft im St. Hedwigskrankenhaus absteigen.

In seiner Berliner Zeit kam auch unser jetziger Heiliger Vater gelegentlich zu P. Rauterkus. Wie P. Rauterkus zu Nuntius Pacelli stand, geht vielleicht am besten aus einem Briefe des Kardinalstaatssekretärs hervor. Unter dem 12. Juni 1931 aus dem Vatikan bedankt sich Kardinal Pacelli "für die gütigen Wünsche zum Namensfeste und die freundliche Einladung nach dem Norden. ... Leider darf ich nicht daran denken, der Einladung Folge zu leisten, sondern muß mich mit den angenehmen Erinnerungen an die Berliner Jahre begnügen."

Wodurch P. Rauterkus im Berliner Klerus fortlebt und unvergessen bleibt, sind seine Priesterrekollektionen, die er viele Jahre hindurch gehalten hat. Sie gelten bis heute als "unerreicht". Ich habe nie recht erfahren können, was das Besondere und Hervorstechende an diesen Vorträgen gewesen sei. Ein älterer Pfarrer sagte mir einmal auf eine entsprechende Frage: P. Rauterkus verstand uns Priester und hatte uns stets etwas zu sagen; wir haben ihm darum auch gern zugehört. Und ein anderer, der diese Rekollektionen als junger Kaplan erlebte, meinte: "Wenn P. Rauterkus, mit Rochett und Stola bekleidet, auf der Kanzel stand, dann wirkte schon die Gestalt und Persönlichkeit dieses Mannes, ohne daß er eigentlich viel zu sagen brauchte." Ja, manche meinen, seine Vorträge seien inhaltlich durchaus nicht überragend gewesen, und doch wurden sie gern gehört und sind unvergessen. - Einige Jahre war P. Rauterkus auch Spiritual im Berliner Priesterseminar, und nicht zuletzt war er ein gern und viel aufgesuchter Priesterbeichtvater, von dem es heute noch oft heißt, daß er immer dagewesen sei. 'Man mußte vielleicht mal etwas warten, weil gerade ein anderer drin war, aber er war stets da!'

Welches war nun das Geheimnis dieses Mannes? P. Lehmann hob in der Grabrede vor allem die Geradheit, Anspruchslosigkeit und Klugheit des P. Rauterkus hervor. Und P. Rondholz sagt, in dem schon erwähnten Bericht von ihm: "Er war ein einzigartiger Mensch von einer souveränen Auffassung des Lebens, von meisterhaftem Feingefühl für die Strömungen der Zeit und von einer eminenten Klugheit in der Beratung strittiger Fragen. Nicht umsonst war sein Sprechzimmer belagert von Morgen bis Abend. Bei allem aber blieb er Seelsorger, war ein beliebter Prediger und ein selten beliebter Beichtvater, der die Not des Menschenherzens verstand.... Leutselig konnte er aber auch verkehren mit den Jungen von der Straße, bei denen er vollstes Vertrauen genoß und deren 'Berliner Umgangssprache' er vollkommen beherrschte!" Und von Priestern und Laien, die ihn kannten, wird ihm noch oft nachgerühmt, daß er es ausgezeichnet verstanden habe, zuzuhören und die Menschen ausreden zu lassen. Selbst soll er im allgemeinen wenig gesagt haben. Einem Mitbruder, der ihn einmal über die Behandlung von Menschen befragte und dem er auch seine Methode verriet, sagte er etwa: Lassen, Sie die Leute ausreden! Wenn sie merken, daß Sie für ein gutes Wort oder einen Rat zugänglich sind, dann raten Sie, aber bescheiden und unaufdringlich. Merken Sie aber, daß die Leute nicht zugänglich sind, dann lassen Sie sie gewähren; sie tun ja doch, was sie wollen! Es ist bekannt, daß er auch unter Mitbrüdern sehr zurückhaltend und schweigsam war und daß es schwer war, ihm persönlich näher zu kommen. Das war kein Stolz, sondern hing offenbar damit zusammen, daß er ungemein viel wußte, auch aus der chronique scandaleuse, das nicht für weitere Kreise bestimmt war.

Am 13. Juni 1939 beging P. Rauterkus seinen 70. Geburtstag. Zu den Gratulanten gehörten der Heilige Vater, Kardinal Bertram, die Bischöfe Preysing von Berlin, Galen von Münster, Klein von Paderborn und Legge von Meissen. Geistig war P. Rauterkus noch völlig frisch, aber körperlich recht gebrechlich und pflegebedürftig geworden. So behinderte das immer heftiger werdende Alterszittern ihn mehr und mehr im Gebrauch seiner Hände. Mitte Februar 1940 mußte er sich einer Bruchoperation unterziehen, nach der sich Komplikationen einstellten, aber auch jetzt bewahrte er sich seine Gelassenheit und seinen Humor. Auf dem Krankenbette hatte er öfter hohe Besucher, so den Apostol. Nuntius Orsenigo, Bischof Preysing u. a. m. Auch der Heilige Vater sandte ihm seinen Segen. P. Rauterkus selbst war es garnicht recht, soviel Beachtung zu finden. Ebenso hielt er seinen Zustand nicht für ernst und gefährlich, so daß er erst auf ausdrücklichen Wunsch seiner Obern die hl. Ölung empfing. Danach verfiel er mehr und mehr und verschied in der Frühe des 6. März 1940 im St. Hedwigskrankenhaus zu Berlin.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 116, S. 525-528