P. Rembert Richard SJ
9. Februar 1949 in Berlin-Biesdorf

Im Nachlaß des verstorbenen P. Richard fand sich ein Blatt, überschrieben: "Ganz besondere Begnadigungen des Lebens." Als erste Gnade sind genannt: Gottesfürchtige, treu katholische, sehr gute Eltern, treu katholische Verwandte von Vater- wie Mutterseite. Zu diesen Verwandten zählten auch Kardinal Kopp und Ludwig Windthorst. Kardinal Kopp war es auch, der als Bischof von Fulda in seiner Privatkapelle dem kleinen Rembert das Sakrament der Firmung spendete.

Geboren war Rembert Richard am 3. August 1868 zu Iburg bei Osnabrück. Sein Vater stand als Bürgermeister, Landrat und Regierungsrat in hannoverischen und später preußischen Diensten. Das Gymnasium besuchte Rembert zuerst in Duderstadt und bestand Ostern 1887 die Reifeprüfung am Gymnasium Paulinum zu Münster; das Reifezeugnis enthielt 7 "sehr gut", wie P. Richard in den "Begnadigungen seines Lebens" sagt.

Am 17. Mai 1887 trat Rembert Richard zu Blijenbeek in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. P. Meschler war damals zum zweiten Male Novizenmeister. In den "Begnadigungen" hebt P. Richard eigens hervor, daß er während der Ferien in Aalbeek am 17. August 1888 die Devotionsgelübde ablegen durfte; die öffentlichen folgten am Feste Christi Himmelfahrt, dem 30. Mai 1889 (zusammen mit P. von Waldburg), in Wynandsrade, wo er schon im Herbst 1888 die Rhetorik begonnen hatte. Es folgten 1889-92 die Philosophie in Exaeten, 1892-96 das Magisterium in Feldkirch, 1896-1900 die Theologie in Valkenburg. Dort wurde er am 27. August 1899 zum Priestern geweiht. Nach der Theologie kam er als Konferenzredner nach Exaeten, blieb aber in dieser Arbeit nur ein Jahr. 1901-02 war er im Terziat in Wynandsrade. Am Schluß derselben sagte P. Provinzial Haan zu P. Richard, wie dieser in den "Begnadigungen" bemerkte: "Ich habe keine Ausstellung zu machen; das ist selten."

Im Jahre 1900 war das Aloisiuskolleg in Sittard, das bisher von den holländischen Patres geleitet wurde, von der Deutschen Provinz übernommen und als Internat für reichsdeutsche Zöglinge eingerichtet worden. Da für die neue Schule selbstredend eine größere Anzahl Lehrer benötigt wurde, wurde P. Richard nach dem Terziat an die Universität geschickt, um sich dort für das Kolleg die akademischen Grade zu erwerben. "Um zu den Prüfungen zugelassen zu werden, verlangte man von ihm, daß er deutscher Staatsbürger sei. Bei seinem Eintritt in die S. J. war P. Richard nach dem damals üblichen Brauch ausgewandert und hatte damit das deutsche Bürgerrecht verloren. Er mußte nun Führungszeugnisse von der frühesten Jugend an aus allen Orten beibringen, wo er jemals gewesen war. Trotzdem verweigerte man ihm schließlich Prüfung und Einbürgerung. Er hatte aber u. a. an dem Großen Seminar unter Prof. Bücheler teilgenommen, was als Beweis vollgültiger Philosophischer Ausbildung galt." (Mitteilung des P. Rump).

In Sittard wirkte P. Richard bis zum Jahre 1915 als Lehrer, Studienpräfekt und Rektor. "Als Rektor", schreibt P. Rump, "hat er sowohl Unsrigen wie Auswärtigen durchaus entsprochen, was schon daraus hervorgeht, daß er von Sittard sogleich an die Spitze der Stella Matutina berufen wurde. Mit seiner Tätigkeit als Lehrer ist man nicht allseitig zufrieden gewesen. Es scheint, er war ein zu vornehmer Charakter oder stand der Jugend schon zu fern, als daß er noch so weit in die Arena des Kampfes heruntersteigen konnte, wie es nun doch für Jungen in Flegeljahren zuweilen nötig ist."

Am 13. August 1915, also ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde P. Richard Rektor der Stella Matutina in Feldkirch. Über seine dortige Tätigkeit berichtet einer seiner damaligen Mitarbeiter: "Als P. Richard die Leitung der Stella übernahm, hatte der religiöse Geist unter den Schülern sehr gelitten, was sich besonders im starken Rückgang der Priesterberufe zeigte, von Berufen zur S. J. ganz zu schweigen. Schuld daran waren die Zöglinge aus liberalen Familien. Sie fügten sich gut ein, erfüllten auch ihre religiösen Pflichten, hatten aber keinen Rückhalt an den Eltern. Das Vorankommen in den Studien war die Hauptsache. Der Eintritt in schlagende Verbindungen auf der Universität kam häufiger vor. Da griff P. Richard ein und entließ im ersten Jahr, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, etwa 40 Jungen. Bei der Aufnahme wußte er sich von zuverlässiger Seite gute Informationen über den Geist der Familie zu verschaffen. Der Erfolg zeigte sich dann auch in einigen Jahren durch die wachsende Zahl der Priesterberufe."

"P. Richard", so heißt es in dem Bericht weiter, "war ein Mann, der eine außergewöhnliche Arbeitskraft besaß und den ganzen Briefwechsel der Aufnahme und aller sonstigen Fragen mit den Eltern ohne Schreibmaschine erledigte, ebenso die übrigen amtlichen Schriftstücke mit den Behörden und Ordensobern. Im Umgang war er gewandt. Die Gabe des Zuhörens fehlte ihm dagegen; kurze Fragen und er sprach wieder selbst. Als Rektor lebte er ganz den Aufgaben seines Amtes, hielt sich genau an die Tagesordnung und gönnte sich im Schuljahr nicht einmal einen größeren Spaziergang. Mit den Zöglingen selbst machte er sich nicht viel zu tun; das überließ er der Schule und der Präfektur. Die Kriegsjahre forderten ja auch ein erhöhtes Maß von Arbeit und Sorge."

Wie P. Richard wiederum in den "Begnadigungen seines Lebens" hervorhebt, fand seine Tätigkeit in Feldkirch die Anerkennung seiner höchsten Ordensobern, des neuen Generals P. Ledochowski und des deutschen Assistenten P. Oppenraij, wie dies auch bewies die vor Ablauf des Feldkircher Rektorates erfolgte Ernennung zum Vizeprovinzial der Regio meridionalis der Deutschen Provinz am 23. Dezember 1917.

Die fast vierjährige Tätigkeit des P. Richard als süddeutscher Vizeprovinzial ist durch zwei äußere Tatsachen bestimmt, den unglücklichen Ausgang des Weltkrieges und die Rückkehr der deutschen Jesuiten in die Heimat. P. Richard war also die Aufgabe gestellt, unter diesen Verhältnissen die oberdeutsche Provinz innerlich und äußerlich aufzubauen. Mit gewohnter Gewandtheit und Energie erfüllte er diese Aufgabe. Als am 2. Februar 1921 die Vizeprovinz selbständige Provinz wurde, blieb P. Richard zunächst noch Vizeprovinzial, bis ihn am 18. Sept. R. P. Bea ablöste. In seiner Amtszeit errichtete P. Richard die Residenz von St. Ignatius in München und jene in Aschaffenburg, das Schriftstellerheim in der Veterinärstraße und das Exerzitienhaus auf der Rottmannshöhe, ferner die Stationes in Nürnberg, Straubing und Stuttgart. Außerdem unterstanden ihm die Missio Helvetica mit zwei Stationen und die südbrasilianische Mission mit 17 Häusern. Die Provinz zählte bei der Errichtung 608 Mitglieder, wovon freilich 192 in Brasilien wirkten.

1921 ward P. Richard auf ein ganz neues Arbeitsfeld berufen; er sollte Residenz und Kuratie in Berlin-Charlottenburg einrichten und die Errichtung eines Gymnasiums vorbereiten. Seine beiden Gehilfen bei diesem Neubeginn waren P. Baurmann und Br. Valder. Am 16. November 1921 feierte er im Hause Neue Kantstraße 2 zum ersten Male die hl. Messe. Der Anfang der neuen Gemeinde war klein und unansehnlich. Erst allmählich hat sich unter seiner Leitung die blühende Canisiusgemeinde entwickelt. Ein auf dem Grundstück stehendes Fabrikgebäude ward zur Notkirche umgebaut und konnte am 24. August 1924 feierlich eingeweiht werden. 1925 ward im gleichen Gebäude das Gymnasium am Lietzensee begonnen. 1928 wurde P. Richard als Oberer abgelöst, blieb aber weiter bis zum Jahre 1940 Kuratus der Canisiusgemeinde. 1931 bis 1935 war er außerdem Socius Provincialis der ostdeutschen Provinz, ist aber als solcher kaum in Erscheinung getreten.

In Berlin entfaltete P. Richard, der doch bisher nur als Lehrer und Oberer tätig gewesen war, eine rege seelsorgliche Tätigkeit. Er war es, der die Gemeinde von St. Canisius schuf und zusammenführte. Mit einer Handvoll Leute begann er, aber im Laufe der Jahre stieg die Besucherzahl der Sonntagsmessen auf ca. 2.500. Männerkongregation, Mütterverein und die Jugendgruppen entfalteten unter seiner und seiner Kapläne Leitung eine rege Tätigkeit. Einer seiner Kapläne schreibt dazu: "P. Richard ging in der Seelsorge systematisch voran. Er nahm nacheinander die einzelnen Aufgaben in Angriff, z. B. die Erfassung der Männer, die Neuordnung der Ehen usw. Seine besondere Liebe gehörte den Armen. Feierlich gestaltete er stets Erstkommunionfeier und Fronleichnamsprozession. Seine Gespräche im Sprechzimmer notierte er sich kurz und bewahrte alles in einer wohlgeordneten Kartei. So konnte er nach Jahren oft noch Bettlern und anderen lästigen Besuchern erzählen, was sie ihm einst vorgeschwindelt hatten. In seiner Art hat er selbstlos und eifrig gearbeitet und geschafft. Seine Predigten waren gut durchdacht und eindringlich gehalten." Nicht zu vergessen seien die Konvertiten, die er in die Kirche aufnahm; ihre Zahl erhöhte sich im Lauf der Jahre auf 408.

Bei Ausbruch des Krieges 1939 ward Richard nochmals Vice-Rector, aber wegen seiner zusehends abnehmenden Kräfte bereits im Frühjahr 1940 von den Ämtern des Obern und Kuratus entbunden. Er blieb weiter in Charlottenburg und hat der Kuratie noch wertvolle Dienste geleistet, vor allem im Beichtstuhl und im Besuch der Kranken und Armen. In der Unruhe des Bombenkrieges konnte er sich nicht mehr zurechtfinden, aber er wollte von Berlin nicht weg. Ein Versuch, ihn in das ruhige Heiligelinde zu versetzen, endete damit, daß er eines Tages freundlich lächelnd in Berlin wieder erschien. Nach dem schweren Angriff vom 16. Dezember 1943, dem Kirche und Haus zum Opfer, fielen, fand er zunächst Aufnahme im Katholischen Frauenbundhause und ab 14. 3. 44 im Maria-Regina-Heim der Schwestern U. L. Frau in der Ahornallee. In den Notjahren 1945/46 ward seine Hinfälligkeit immer größer; mit Mühe und nur unregelmäßig konnte er noch zelebrieren. So kam er 1946 in das Exerzitienhaus Berlin-Biesdorf, wo er die letzten Jahre seines Lebens meist ans Bett gefesselt verbrachte und am 9. Februar 1949 an Altersschwäche fromm im Herrn verschied.

P. Richard war ein vornehmer, edler Charakter, eher zurückhaltend als aufdringlich. Selbstlos stellte er sich in den Dienst der ihm gestellten Aufgaben. Zähe Ausdauer und starkes Gottvertrauen ließen ihn viele Schwierigkeiten überwinden und niemals mutlos werden. Echt brüderliche Liebe, seelsorglicher Eifer, hilfsbereite Liebe zu den Armen und mitfühlende Sorge mit den Kranken zeichneten ihn aus. Mit aufrichtiger Liebe hing er an der Gesellschaft Jesu; die Feier des 60jährigen Ordensjubiläums, das er noch erlebte, war ihm ein besonderer Freudentag.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 114, S. 210 ff.