P. Joseph Riethmeister SJ
7. Oktober 1981 in Berlin

Vor dem Krieg kannten viele Mitbrüder der "alten Ostprovinz" den Verstorbenen nur als Namen im Katalog. Das lag nicht nur an seiner Bescheidenheit, sondern auch an seiner Existenz am Rande der Provinz, in Litauen. Dennoch bleibt mir die erste Begegnung mit dem anonymen Mitbruder unvergeßlich: Er war Anfang Juni 1945, als die Oberen den Wunsch äußerten, mit dem Westen wieder Kontakt aufzunehmen. Mit einer russischen Lastwagenkolonne fuhren wir von Oppeln bis in die Nähe von Cottbus. Von dort ging es auf Güterzügen in Richtung Berlin. In Adlershof betraten wir in unseren langen Kleidern ahnungslos die Straße und fielen einer russischen Militärstreife geradezu in die Arme. Unser Aussehen nach der staubigen Fahrt erschien dem kontrollierenden Offizier verdächtig, und es begann der Streit um die Gültigkeit unserer Papiere. Plötzlich mischte sich ein distinguiert gekleideter Herr - schwarzer Anzug, schwarzer Hut, langer Regenschirm - ungeniert in die Diskussion. Das resolute Auftreten des "Unbekannten" und seine Sprachkenntnisse machten augenscheinlich großen Eindruck auf den Offizier, so daß er sich von unserer Identität überzeugen ließ. Wir waren wieder frei und man stellte sich vor: P. Joseph Riethmeister, Societatis Jesu - P.P. eiusdem Societatis. Die Passanten wunderten sich, als wir uns zur Begrüßung den noch üblichen Amplex gaben. Damals konnte ich es noch nicht ahnen, daß dieser anonyme Mitbruder mein "gesellschaftliches" Gewissen werden sollte.

Sein Lebensweg ist schnell erzählt. Joseph Riethmeister wurde am 2. Februar 1902 in Rohr/Eifel, Kreis Schleiden, geboren. Die Herkunft aus der rauhen Eifel blieb zeitlebens für ihn bestimmend und gab ihm die unverkennbare Eigenart. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums studierte er zunächst für seine Heimatdiözese 8 Semester Philosophie und Theologie. Dann folgte er den Spuren seines älteren Bruders Sigbert, der als ausgebildeter Lehrer eingetreten war, und schloß sich der Gesellschaft Jesu an. Vom 29. April 1924 bis zum Herbst 1925 machte er unter P. Paul Sträter das Noviziat in 's-Heerenberg. Im September 1925 begann er das philosophische Biennium in Valkenburg. Dort legte er auch am 1. Mai 1926 die Ersten Gelübde ab. Für das Interstiz bekam er die Destination "Litauen", wo er von September 1927 bis Juli 1930 in Kaunas als Präfekt und Lehrer tätig war. Ab Herbst 1930 war er wieder in Valkenburg, wo er ein theologisches Triennium absolvierte. Bereits am 27. August 1931 wurde er zum Priester geweiht und erhielt in dieser Zeit auch endgültig die Destination für Litauen. Dort war er zunächst Magister und Generalpräfekt, später von Dezember 1938 bis März 1941 Vize-Rektor des Kollegs in Kaunas. Das Terziat machte er 1936/37 in Pagryzuvis. Am 2.2.1938 legte er in Kaunas die Letzten Gelübde ab.

Über diese litauische Zeit schreibt sein Weggefährte, P. Karl Fulst, u.a.: "Joseph Riethmeister war stets ein 'vir vere Israelita, in quo dolus non est', ganz lauter, auch durch und durch ehrlich, sehr gerecht, aber auch gütig und hilfsbereit, als Priester und als Ordensmann ein Beispiel für die jüngeren Scholastiker und Lehrer. Die Schüler schätzten ihn, ärgerten ihn nie, hatten aber auch keine 'Angst' vor ihm; aber 'geliebt' haben sie ihn nicht; denn er verbarg ängstlich sein gütiges Herz hinter einem ernsten Gesicht. Er lachte kaum und wagte keinen Witz. So blieb er immer 'der Deutsche'. Dazu trug auch die Art seines Sprechens bei: Joseph Riethmeister beherrschte die litauische Sprache vollkommen, besser als die meisten deutschen Patres, hatte auch mit Erfolg 1929 - noch als Scholastiker im Interstiz - das litauische Abitur bestanden. Aber man hörte eben doch einen 'Deutschen' ein gutes, aber kein litauisches Litauisch sprechen. Das hat Joseph Riethmeister neidlos zugegeben, 'gelitten' hat er darunter nicht."

Im März 1941 wurde P. Riethmeister - wie andere Mitbrüder auch - nach Deutschland umgesiedelt. Zunächst schickte man ihn als Präfekt nach Breslau ins Internat. Vom 15. September 1941 bis zum 25. November 1941 trug er in Breslau die Soldatenuniform. Nach der Entlassung kam er im Dezember 1941 als Minister nach Berlin-Charlottenburg. Als guter Hausvater des Canisius-Kollegs - damals Gymnasium am Lietzensee - sorgte er in den turbulenten Kriegsjahren treu für das Wohl seiner Mitbrüder. Am 28. August 1944 verhaftete ihn die Gestapo im Zuge der Ereignisse nach dem 20. Juli. Zwei Monate, bis zum 21. Oktober 1944, blieb er in Untersuchungshaft. Das Kriegsende erlebte er als Seelsorger am St. Antonius-Krankenhaus in Karlshorst. Da er mit den östlichen Verhältnissen gut vertraut war, schickten ihn die Oberen im Jahre 1946 in die "Zone" nach Rostock. Hier war er in den schweren Hungerjahren als Operarius in den Diasporagemeinden und als Krankenhausseelsorger tätig. 1955 wurde er Minister und Vize-Superior in Magdeburg. Andere Arbeitsstätten folgten. Seine letzte Stelle wurde 1971 das Elisabeth-Krankenhaus in Eisenach, das er 1978 mit dem Altersheim in Berlin-Kladow vertauschte.

In den mehr als 25 Jahren unserer Predigttätigkeit bei der "RURAG" gehörte P. Riethmeister einfach zum Besuchsprogramm, ob in Rostock, Magdeburg oder Eisenach. Da seine Angehörigen früh verstarben, lastete dieses Schicksal auf seinem Gemüt. Er war aber entschlossen, dieser fast vorprogrammierten Zukunft Widerstand zu leisten. Er pflegte seine schwächliche Gesundheit mit einer Konsequenz und Hartnäckigkeit, die beeindruckend war. Und in der Tat, der Erfolg blieb nicht aus. Er schaffte ganze 79 Jahre.

P. Riethmeister gehörte nicht zu den Mitbrüdern, mit denen die Gesellschaft in der Welt "Staat machen" konnten. Er zählte zu den zuverlässigen Nieten, die das Schifflein Petri zusammenhalten. Menschenfurcht kannte der schwächlich gebaute, kleine Pater nicht. Was er einmal vor seinem Gewissen als Pflicht erkannt hatte, das führte er auch durch. Als Mitbruder konnte er mit seinen direkten Fragen recht unbequem werden. Ungeniert konnte er einem anderen auf den "Zahn fühlen", etwa ob man früh auch die Betrachtung gehalten habe. In seiner äußeren Erscheinung war er zu jeder Tageszeit salonfähig: tadelloser Anzug, Bügelfalten, weißer Kragen. Rollkragenpullover oder sonstige Verkleidungen waren ihm suspekt. Eine gewisse menschliche Anspruchslosigkeit konnte allerdings zu peinlichen Situationen führen. Nach der Beerdigung von P. Albert in Magdeburg rechneten die Mitbrüder mit einem sog. Leichenschmaus. Doch die Enttäuschung war groß, als nicht einmal ein Kaffee serviert wurde. Auf eine bescheidene Anfrage sagte er einem Scholastiker: "Eine Koffeintablette kann ich Ihnen anbieten!"

Bei den berufsmäßigen Bettlern aber sprach es sich schnell herum, daß der Pater ein gutes Herz habe, das mit einer Träne schnell zu gewinnen sei. Wenn man ihn in seinen alten Tagen in Eisenach besuchte, stellte man sofort fest: das Zimmer ist überall trotz der verschiedenen Tapeten, das gleiche geblieben. Die Schreibtischplatte war leer und staubfrei. Falls man sich umschaute, konnte er seinem Besucher sagen, daß er nicht zu rauchen pflege.

Meine letzte Begegnung mit ihm geschah etwa vier Wochen vor seinem Tode bei einem zufälligen Besuch in Kladow. Während wir das Gelände und den Bau des neuen Altersheimes inspizierten, läutete die Glocke zum Examen vor dem Mittagessen. Eine Tür öffnete sich und pünktlich wie seit den Tagen des Noviziats begann P. Riethmeister auf- und abgehend sein Examen conscientiae. Das war P. Riethmeister! Ich bin davon überzeugt, daß der Erweis dieser Treue während eines ganzen Ordenslebens sein Gewicht behält, auch wenn der Obere beim Sichten seines Nachlasses keine Mühe aufzuwenden hatte.

Joseph Riethmeister, der sein Leben lang ein großer Verehrer Mariens war, starb am Rosenkranzfest, dem 7. Oktober 1981, im Franziskus-Krankenhaus/Berlin nach langer, schwerer Krankheit. Mitbrüder, die ihn während seiner wochenlangen Bewußtlosigkeit, der Folge von Gehirnschlägen, besuchten, hatten den Eindruck, daß er, wenn sie ihm vorbeteten, innerlich mithörte und mitbetete. Möge ihm der Herr vergelten, was er unscheinbar in großer Treue getan hat.

R.i.p.

P. Gerhard Kroll SJ / P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1982 - Februar, S. 8ff