P. Alfred Rothe SJ
* 11. März 1907 in Schmottseiffen
24. Oktober 1973 in Berlin

Als man nach dem unerwarteten Heimgang von P. Rothe sein Zimmer betrat, um die erforderlichen Personalpapiere zu holen, da brauchte man nicht lange zu suchen. In einer mustergültigen Ordnung lag alles klar und übersichtlich da, mit den notwendigen Hinweisen versehen, was wohin oder an wen es - mit Einverständnis der Obern - gegeben werden sollte. Diese Tatsache kennzeichnet P. Rothes Charakter. Was er tat, machte er gründlich, ohne Verzug und hinterließ eine mustergültige Ordnung. So lebte er unter uns: bescheiden, diskret, hilfsbereit und unermüdlich arbeitend. Er liebte es nicht, große Worte zu machen, dafür aber packte er umso kräftiger zu. Ein kurzer, von ihm verfaßter Lebensabriß - typisch für ihn - bringt in knapper und nüchterner Art die wichtigsten Lebensdaten.

P. Rothe wurde am 11. März 1907 in Schmottseiffen Kr. Löwenberg in Schlesien als Sohn eines Landwirts geboren. Er besuchte das Gymnasium in Glogau und trat nach dem Abitur am 26. April 1927 in Mittelsteine in die Gesellschaft Jesu ein. Nach dem Noviziat begann er 1929 in Valkenburg mit dem Philosophiestudium. Von 1932-35 war er Präfekt am Breslauer Internat Kurfürst Franz Ludwig (Spittel). Am 1935 studierte er die Theologie, zunächst 2 Jahre in Lublin, wo er sich auch bemühte, in die Geheimnisse der polnischen Sprache einzudringen. Von 1937 an setzte er sein Theologiestudium in Frankfurt, St. Georgen, fort. Am 28. August 1938 empfing er in St. Clemens in Berlin die Priesterweihe. Nach Abschluß seines Theologiestudiums wurde P. Rothe zur Wehrmacht einberufen. Von August 1939 bis Januar 1941 wirkte er als Kriegspfarrer in einem Lazarett.

Nach der Entlassung aus der Wehrmacht kam P. Rothe an's Provinzialat in Berlin-Charlottenburg, um hauptsächlich in der Prokur tätig zu sein. Vom November 1943 bis Juni 1944 schloß sich das Terziat in Königsberg an. Danach erhielt P. Rothe die Versetzung nach Oppeln O/S, wo er wiederum in der Prokur und außerdem in der Seelsorge tätig war. Hier erlebte er auch den Einmarsch der Russen. Seiner Art entsprechend machte P. Rothe über diese Erlebnisse in jenen Tagen nur wenige Andeutungen. Es war jedenfalls schwer, was er damals durchzustehen hatte. Ab August 1945 bis Oktober 1947 ist P. Rothe wiederum als Helfer im Provinzialat, diesmal in Berlin-Dahlem. Im Oktober 1947 wurde er nach St. Clemens/Berlin versetzt. Von hier aus war er viel unterwegs zu Vorträgen und Exerzitien, vornehmlich für Schwestern. Durch seine große Bereitschaft, Aushilfen zu übernehmen, war er in vielen Berliner Pfarreien bekannt und hat er sich unter den Priestern manchen Freund erworben. Wie er zuweilen erzählte, waren die Reisen zu damaliger Zeit sehr umständlich und zeitraubend, d. h. in ungeheizten Zügen, mit schlechten Anschlüssen und damit auch mit langen Wartezeiten.

Im August 1956 wurde P. Rothe zum Socius Provincialis ernannt. Dieses Amt hatte er bis 1966 inne. In diesen 10 Jahren durfte P. Rothe seine Begabung als Sekretär weitgehend entfalten. Er hielt auf Ordnung und Pünktlichkeit. Wenn es sich um die jährlich zu schreibenden 'Römerbriefe' handelte, konnte er Säumigen zuweilen ganz schön zusetzen, wovon die Betroffenen nicht übermäßig begeistert waren, was schließlich verständlich ist. Seine Freude war dann jedesmal groß, wenn er aus Rom hörte, die Ostprovinz sei in der Deutschen Assistenz die pünktlichste in Bezug auf diese Briefe. Wieviel Fleiß und Akribie verwandte P. Rothe für die Drucklegung des Katalogs. Mit berechtigtem Stolz konnte er auf 14 Kataloge hinweisen, deren Drucklegung er besorgt hatte. Beim Lesen der Korrekturbogen entging ihm selten ein Punkt oder Komma. Daneben zeigte P. Rothe großes historisches Interesse. Die Frucht dieses Interesses waren eine Reihe von Artikeln ordens- oder heimatgeschichtlichen Inhalts. Das von ihm selbst geführte Verzeichnis umfaßt ca. 80 Titel.

Sein Hauptwerk bildet die zweibändige Geschichte der Ostdeutschen Provinz, die 1967 und 1971 erschien. In jahrelanger, mühseliger Kleinarbeit hatte er die Fakten zusammengetragen. Dieses Werk fand ein allseitiges positives Echo. Eine für P. Rothe schöne Zeit scheint die Zusammenarbeit während des Provinzialates von P. Mianecki gewesen zu sein. Die beiden kannten und schätzten sich. Sie waren zusammen eingetreten, blieben auch während eines großen Teils der Studien beisammen und wurden auch zusammen geweiht. Karge Andeutungen von P. Rothe ließen erkennen, wie gern er mit P. Mianecki arbeitete. Umso härter traf ihn - nach eigener Aussage - der unerwartete Heimgang von P. Mianecki am 26. Januar 1965. Wenige Monate danach erkrankte P. Rothe schwer. Die Ärzte stellten Diabetes fest. Diese Krankheit machte ihm bis zum Lebensende ziemlich zu schaffen. Mach längerem Krankenhausaufenthalt und anschließender Erholung kam P. Rothe im Juni 1966 ins Peter-Faber-Kolleg nach Kladow. Dort hat es ihm nicht übermäßig gefallen. Er wollte noch etwas tun. So griff er denn mit beiden Händen zu, als ihm vom Ignatiushaus die Aufgabe eines Beichtvaters für die ins Haus kommenden Priester und Laien angeboten wurde. Am 21. Oktober 1966 siedelte er ins Ignatiushaus über. Hier machte er sich nützlich, wo er nur konnte. Wenn die Pforte einen Beichtvater suchte, war P. Rothe stets bereit und kam unverzüglich. Dazu übernahm er in einer Reihe von Schwesternkommunitäten die Aufgabe des Beichtvaters. Vor allem aber bereitete ihm der regelmäßige tägliche Beichtstuhl in St. Canisius vor der Abendmesse ab 18.30 Uhr viel Freude. In seinen Gesprächen kam er immer wieder darauf zurück.

P. Rothe war kein Mann großer Worte, dafür packte er bei jeder ihm gestellten Aufgabe tatkräftig zu. Sein außerordentliches Gedächtnis leistete ihm bei seiner Sekretärsarbeit und bei seinen historischen Forschungen unschätzbare Dienste. Als Priester und Beichtvater erfreute er sich wegen seiner offenen und diskreten Art großer Beliebtheit bei Ordensleuten, Priestern und Laien. Im Dienste der Menschen hat er sich aufgerieben. Er starb auf dem Heimweg, nachdem er in einer Schwesternkommunität Beichte gehört hatte, am späten Vormittag des 24. Oktober 1973.

R.i.p.

Rundbrief 6/73, S. 32f