P. Alfons Schinke SJ
16. April 1952 in Berlin-Neukölln

P. Schinke hat ein bis ins einzelne gehendes Curriculum vitae hinterlassen, aber, so echt P. Schinke, es sind nur Daten, nichts mehr, nichts Persönliches, nichts von Erfolgen oder Mißerfolgen in seiner Arbeit.

Geboren wurde Alfons Schinke am 17. Juni 1883 in Weitzenberg, Kreis Neiße. Sein Vater war Bauerngutsbesitzer und Ortsvorsteher. Von 1894 bis 1903 besuchte Alfons das Königl. Kath. Gymnasium in Neiße, eine ehemalige Jesuitenanstalt. Nach dem Abitur studierte er zunächst Theologie in Breslau und Innsbruck und trat am 2. September 1904 in das Noviziat der Galizischen Ordensprovinz zu Starawies ein. Im Orden durchlief er die normale Ausbildung: 1906/09 Philosophie in Neu-Sandez, 1909/13 Theologie in Krakau und anschließend Terziat wiederum in Neu-Sandez. In Krakau wurde er am 30. Juni 1912 von dem kurz zuvor ernannten Fürstbischof von Krakau, dem späteren Kardinal Sapieha zum Priester geweiht.

1915/16 war er Socius des Novizenmeisters in Velehrad, wohin das Noviziat von Starawies der Kriegsverhältnisse wegen hatte flüchten müssen. 1916/17 lehrte er zum ersten Male Kirchenrecht. P. Schinke besaß ein ausgedehntes Wissen, besonders auf kirchenrechtlichem Gebiet, aber es fehlte ihm die Gabe, sein Wissen in ansprechender Form auch andern mitzuteilen. Das mag wohl der Grund gewesen sein, weshalb er seines Amtes schon nach einem Jahre wieder enthoben wurde und in die Seelsorge kam. Die nächsten sechs Jahre ist er Seelsorger der Deutschen und Leiter der deutschen Kongregationen in Lemberg.

Anfang 1924 kam er nach Rumänien, was für die folgenden 15 Jahre sein Arbeitsfeld werden sollte. Abwechselnd war er in Czernowitz und Bukarest als Operarius und Kongregationspräses, zeitweise auch als Minister und Oberer tätig. Zwischendurch dozierte er je ein Jahr in den Seminarien von Groß-Wardein (1929/30) und Jassy (1931/32). 1934 übernahm er die Leitung des Seminars von Jassy und dozierte, wie er sich einmal ausdrückt, in variis disciplinis theologiae. An die 5 Jahre in Jassy hat er stets mit besonderer Freude und Dankbarkeit zurückgedacht. Bis zu seinem Tode stand er mit mehreren seiner damaligen Alumnen in regem Briefwechsel, und bei seiner Beerdigung waren die rumänischen Katholiken mit einer eigenen Abordnung vertreten.

Im Sommer 1939 kehrte er nach Deutschland zurück und fand in Oppeln eine segensreiche und ihm auch zusagende Tätigkeit, vor allem als Beichtvater, der von Priestern und Laien gern aufgesucht wurde. 1944 wurde P. Schinke, der bis dahin zur Kleinpolnischen, bzw. Rumänischen Provinz gehört hatte, endgültig auch zur Ostdeutschen Provinz überschrieben. Die Vertreibung aus Schlesien führte ihn 1945 nach Berlin. Im Kinderheim der Karmeliterinnen in Berlin-Neukölln verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens und konnte bis in seine letzten Lebenstage auch priesterlich tätig sein.

P. Schinke litt schon lange an Angina pectoris, aber von ärztlicher Betreuung hielt er nicht viel. Seit er 1949 schon einmal ernstlicher erkrankt war, mußte er mit einem plötzlichen Sterben rechnen. Am 16. April 1952 brach er dann auch beim Ankleiden zur hl. Messe, von einem Herzschlag getroffen, zusammen. Wie die damalige Oberin der Karmelitinnen sich ausdrückte, könnte man ihn ein Opfer der neuen Osterliturgie nennen. P. Schinke hatte sich die Erlaubnis zur Feier der neuen Liturgie erwirkt und mit Schwestern und Kindern alles bis auf das genaueste eingeübt. Dabei scheint er sich erkältet und überanstrengt zu haben; denn, schon in den Ostertagen fühlte er sich nicht wohl. Aber er wollte nichts davon hören, daß er sich legen und die hl. Messe ausfallen lassen solle. So hatte er sich offenbar auch am 16. früh mühsam aufgerafft und zur Sakristei geschleppt, wo er tot zusammenbrach.

P. Schinke war ein gewissenhafter und tieffrommer Ordensmann, der seine priesterlichen Pflichten mit großem Ernst erfüllte, und ein gern gesehener und beliebter Mitbruder, der im mitbrüderlichen Kreise herzlich lachen und scherzen konnte. Geradezu glücklich war er, wenn er anderen helfen und sein reiches Wissen zur Verfügung stellen konnte. Und man machte ihm eine besondere Freude, wenn man ihm eine theologische Frage oder gar einen deftigen Casus vorlegte. Da gab es nicht bloß eine mündliche Antwort, sondern am folgenden Tage traf pünktlich auch ein langer Brief ein, in dem der Fall noch einmal bis in alle Einzelheiten handschriftlich niedergelegt war.

Jede Woche kam er treu zu uns nach St. Clemens, bis sein Gesundheitszustand ihm diese Besuche unmöglich machten. Umso mehr freute er sich jetzt über Besuche, die man ihm machte, und über alles, was man ihm von seelsorglichen Arbeiten und vom Geschehen in der Provinz erzählte. Er selbst hatte nicht selten sich Notizen gemacht oder Zeitungsausschnitte aufbewahrt mit Neuigkeiten, die den Besucher interessieren könnten. So fand sich in seinem Nachlaß noch ein Zeitungsausschnitt über "Verschärfte Kontrollen in der Ostzone", der einem Mitbruder zugedacht war, der bis dahin viel in die Zone zu seelsorglichen Arbeiten reiste.

Sein Lieblingsgebiet waren und blieben neben kirchenrechtlichen Fragen bis zum Tode die Rubriken. Noch in den letzten Lebenstagen war er damit beschäftigt, das Direktorium der Diözese Berlin für 1953 durchzusehen und zu korrigieren. Solche Liebhabereien hinderten ihn aber keineswegs, wie schon bemerkt, daß er an dem Geschehen in Welt, Kirche, Orden und Provinz regen Anteil nahm. Auch sonst las und studierte er viel und bewahrte sich trotz seines Alters und seiner Krankheit eine erstaunliche geistige Beweglichkeit und Frische und - vor allem seine einfache, schlichte und natürliche Art.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 116, S. 561 f.