P. Josef Maria Schmutte SJ
* 24. August 1903 in Berlin
21. Mai 1997 in Berlin

Mit P. Josef Maria Schmutte hat uns ein Mitbruder verlassen, dessen Leben fast ein ganzes Jahrhundert ausfüllte. Er erzählte häufiger, wie er als Kind an der Straße stand, um das Kaiserpaar auf dem Weg zum Grunewald oder nach Potsdam zu sehen. Im Interstiz erlebte er das Spanien vor dem Bürgerkrieg. Im 2. Weltkrieg war er Sozius zuerst des Novizenmeisters, dann des Provinzials. Er baute das Canisius-Kolleg im Tiergarten mit auf und gehörte lange Jahre zu den prägenden Gestalten des Kollegiums. Wie wenige konnte er Jubiläum um Jubiläum, Gedenktag um Gedenktag feiern, und tat dies gern. Er kannte die Geschichte und war ein Stück Geschichte.

Josef Maria Schmutte wurde im Pfarrhaus der Herz-Jesu-Kirche, Fehrbelliner Str. 99, Berlin N, geboren. Für das Arztehepaar Dr. Hermann und Gertrud Schmutte war er das 6. Kind, dem noch drei Geschwister folgten. Der Vater hatte in dem Pfarrhaus Wohnung und Praxis. Die Familie zog wenige Wochen nach Josefs Geburt nach Steglitz um. Deshalb verwies P. Schmutte später mit großem Stolz sowohl auf seine Geburt im Pfarrhaus als auch auf seine Heimat- und Primizkirche, die Rosenkranz-Basilika in Steglitz. Die Schule besuchte er bis zur Mittleren Reife in Berlin. Dann wechselte er in das kleine Städtchen Lohr am Main, wo er am Humanistischen Gymnasium sein Abitur machte.

Über den Weg in den Orden schreibt er selbst: "P. Schmuttes Geburtstag fiel auf das Fest eines Mitgliedes der ersten Gesellschaft Jesu, auf das Fest des hl. Apostels Bartholomäus. Am folgenden Tag erhielt er in der angrenzenden Herz-Jesu-Kirche in der hl. Taufe die Namen der Eltern des Gründers der ersten Gesellschaft Jesu: Josef und Maria. Seine Firmung fiel auf einen Muttergottesfesttag der Gesellschaft Jesu von heute: auf das Fest der Madonna della Strada, Unsere Liebe Frau vom Wege (24. Mai). Er erhielt dabei den Firmnamen eines hl. Jesuiten: Aloysius. Und als er sein Abiturzeugnis auch noch ausgerechnet am Fest des hl. Jesuiten Petrus Canisius (27. April 1921) empfing, konnte er wirklich nicht mehr daran zweifeln, daß es geradezu seine Bestimmung sei, sich dem Jesuitenorden anzuschließen: So trat er denn an einem Samstag, dem Feste des hl. Jesuiten-Märtyrers Andreas Bobola, mutig in die Gesellschaft Jesu ein: am 21. Mai 1921, noch nicht ganz 18 Jahre alt.

"Dem Noviziat in 's-Heerenberg und dem Philosophiestudium in Valkenburg folgte ein zweijähriges Praktikum am Jesuitenkolleg in Valencia; P. Hans Gumbel (1986) war zur selben Zeit dort im Interstiz. Von 1928 - 1932 absolvierte Frater Schmutte das Theologiestudium in Valkenburg. Am 27. August 1931 wurde er dort zum Priester geweiht. Die Heimatprimiz feierte er ebenso wie das Silberne und das Goldene Priesterjubiläum in der Steglitzer Rosenkranz-Basilika. Da er als Lehrer für das Canisius-Kolleg in Berlin - das 1925 bei der staatlichen Genehmigung die Auflage bekommen hatte, mit Rücksicht auf das protestantische Berlin einen neutralen Namen tragen zu müssen und deshalb Gymnasium am Lietzensee hieß - schloß sich das Studium der Altphilologie in Berlin und Marburg an, wo er - wohl im Blick auf die vielen Ärzte in der Familie Schmutte - eine Doktorthese über eine Schrift des griechischen Arztes Galenos begann. Am 8. Mai 1941 wurde er mit der Arbeit "Galeni de Consuetudinibus" mit dem Prädikat "sehr gut" promoviert. Diese Schrift erschien in der Reihe "Corpus Medicorum Graecorum". Rückblickend schrieb P. Schmutte: "Die Universitätsjahre zu Marburg an der Lahn von 1935 bis 1938 waren die schönsten Studienjahre für mich." Hier verstand er es, solide und planmäßig vorangetriebene Studien, Engagement in der katholischen Studentengemeinde und für interessierte Gruppen sowie Exkursionen in die Nähe und Ferne zu verbinden.

Inzwischen war vom NS-Regime am 16. Juli 1936 der systematische Abbau und im Oktober 1939 die endgültige Aufhebung des Gymnasiums am Lietzensee verfügt worden. Am 16. März 1940 feierte Bischof von Preysing den letzten Schulgottesdienst. P. Schmutte stand damit vor einer ungewissen Zukunft. An das Referendariat, also das 2. Staatsexamen, war damals nicht zu denken (er hat es übrigens auch später nie absolviert). So übernahm er nach dem Ende der Spezialstudien im Sommer 1938 und nach dem Tertiat, das er 1938/39 in St. Andrä im Lavanttal machte, verschiedene Aufgaben im Orden: Von August 1939 bis Mai 1941 war er in Mittelsteine und Hoheneichen Sozius des Novizenmeisters P. Otto Pies. Knapp zwei Jahre wirkte er anschließend in Dresden als Erzieher bei einer hochgestellten Familie. Von Februar 1943 bis Mai 1944 betreute er in Offenbach als Minister die in Sankt Georgen studierenden Scholastiker der Ostprovinz. Von Juni 1944 bis August 1945 war er Sozius des Provinzials P. Bernhard Hapig, der Ende 1943 das in Berlin ausgebombte Provinzialat nach Oppeln verlegt hatte. In Oppeln überraschte P. Schmutte und die Residenz der plötzliche Zusammenbruch. Am 23. Januar 1945 drangen die Russen in die Stadt ein, Schrecken und Gewalt herrschten. Die Situation wurde immer schwieriger, wobei nicht nur die Russen und die neuen polnischen Behörden Druck ausübten. Deshalb stellte der in Berlin befindliche und in dieser Notzeit auch als Arzt praktizierende P. Provinzial Hapig es den Mitbrüdern frei, selbst zu entscheiden, ob sie in Oppeln bleiben oder sich nach Berlin durchschlagen wollten. Als die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz bekannt wurden, entschloß man sich zur "Ausreise" ins besiegte Deutschland. Bei der 1. Gruppe, die sich am 8. August auf den abenteuerlichen Weg machte, war auch P. Schmutte mit den Patres Kroll und Maniera und deren Müttern und Geschwistern.

Waren die ersten 24 Ordensjahre P. Schmuttes durch ein Auf und Ab, durch verschiedene Änderungen und ungeplante Wendungen bestimmt, so kennzeichnete die folgenden 41 Jahre eine fast benediktinische 'Stabilitas loci'. Er lebte und wirkte in Berlin, zuerst bei St. Clemens, dann im Canisius-Kolleg in der Tiergartenstraße. Seine Beweglichkeit blieb ihm allerdings. Er reiste viel und gern. Er brachte es - fast war er so etwas wie ein Gründungsmitglied dieses Kurortes - auf 37 Kuren in Bad Füssing. Am Kolleg gab es die Frage: Was ist ein Schmu? Antwort: die kürzeste Maßeinheit zwischen dem Unterrichtsschluß vor Ferien und dem Verlassen des Kollegs. Doch auch während des Schuljahres machte er Besuche und Exkursionen, über die er lesenswerte Berichte schrieb, die allerdings nur ausgewählte Mitglieder des Kollegiums und Freunde erhielten. Diese Reiseberichte boten viele Anregungen und gaben manche Tips auch für Fahrten in die damalige, für die meisten nur schwer zu bereisende DDR. Sie sind anschaulich, gut recherchiert und anregend geschrieben. Einige Beispiele: "Auf! Zur alten Bischofstadt Havelberg" (vom 29. Oktober 1985), "Auf nach Ratzeburg, der Inselstadt" (Reise am Fronleichnamstag 1989), "Auf! Nach Torgau an der Elbe! Wir begegnen dabei dem Generalfeldmarschall von Gneisenau, Martin Luther und seiner Katharina von Bora" (Reise am 27. September 1989). Einige Jahre erarbeitete er jede Woche für einen erlesenen Kreis eine vom griechischen Text ausgehende Erklärung des Sonntagsevangeliums. Besonders wichtig waren ihm die Besuche bei der weitverzweigten Schmutte-Brenninkmeyer Verwandtschaft, wo er Taufen hielt, Jubiläen feierte, Familienfeste als Priester mitgestaltete. Er hatte etwas von dem mythischen Riesen Antaios an sich, der immer dann neue Kräfte schöpfte, wenn er den heimatlichen Boden - das hieß bei ihm: den Rückhalt der großen Familie - berührte und dort Kraft holen konnte.

Im September 1945 also konnte P. Schmutte die Tätigkeit aufnehmen, für die er ursprünglich destiniert worden war und die ihm erfüllender Lebensinhalt wurde: Von 1945 bis zu seinem 80. Geburtstag im August 1983, also 38 Jahre lang, arbeitete er im normalen Schulbetrieb, und auch nach dem Ausscheiden übernahm er bis Sommer 1996 manche kleinere Aufgaben und Hilfsdienste. P. Schmutte gehörte zur Gründungsmannschaft des Canisius-Kollegs um P. Heinrich Klein. Zunächst behalf man sich im Kolpinghaus in der Stresemannstraße und im zerstörten Gymnasium am Lietzensee mit Provisorien. Schließlich gelang es P. Klein, die ehemalige Vertretung der Firma Friedrich Krupp AG in der Reichshauptstadt, das sog. Krupphaus in der Tiergartenstraße, zu kaufen, das schwer beschädigte Gebäude als Schule herzurichten und den Betrieb finanziell längerfristig zu sichern. P. Schmutte bestimmte diese Jahre maßgeblich mit; Form und Gestalt des CK sind auch sein Werk. Von Dezember 1967 bis Juni 1968, in einer für das Canisius-Kolleg nach dem Ausfall von P. Georg Karp sehr kritischen Zeit, trug er die Bürde des Vicerektors. Er galt als strenger Lehrer, der sich und den Schülern viel abverlangte, bei dem man solides Wissen erwarb und von dem man viel mehr als das berühmte Schmuckkästchen, eine Regel- und Merkverssammlung, ins Leben mitnehmen konnte. Viele Schüler blieben ihm später dankbar verbunden. Wenn er Briefe an Kollegen häufig mit "Ihr Mitstreiter gegen Unwissenheit und Unkultur" unterschrieb, kennzeichnete das sein Streben und alltägliches Bemühen.

P. Schmutte hat eine "Handreichung zu meinem Nekrolog" hinterlassen. In ihr beschreibt er nicht nur die Berufung in den Jesuitenorden als seine "Bestimmung", sondern er nennt auch ein zweites, seinen Charakter prägendes Moment, sein Horoskop: "Wurde er doch geboren im Zeichen der 'Virgo', des Sternbildes der 'Jungfrau'. Dann zitiert er wörtlich aus "Die Menschentypen. Dein Sternbild - Dein Charakter" (Ullstein, Berlin 1955, 93 ff.). Diese Auszüge geben wieder, was er als seine Begabung und Eigenart sah. Es trifft auch in manchem recht genau, wie ihn Kollegen und Schüler erfuhren und kannten. Einiges sei deshalb hier wiedergegeben:

"Es gibt keine ordentlicheren Menschen als die 'Jungfrauen'. Sie sind für Symmetrie, das klar Umrissene, Abgegrenzte und Saubere. Sie verlangen, daß alles hübsch nach der Regel geht, immer eins nach dem anderen, und nie zu viel. Unmaß ist ihnen ein Greuel. Der Jungfraugeborene liebt:
Ordnung, Reinlichkeit, Genauigkeit, Begrenzung, ... das Anerkanntwerden, den goldenen Mittelweg, den 'vernünftigen' Kompromiß, überhaupt alles Vernünftige, das Zensieren anderer, - aber nicht die Zensur anderer an ihm. Der Jungfraugeborene haßt: Das Große, das Formlose, ... Asymmetrische, Unvorhergesehene, den Extremismus, den jähen Impuls. [...] Er verliert oder verlegt nie etwas, weiß immer genau, wo er alles aufbewahrt hat: in der dritten Schublade von oben, ganz unten, mit dem Gummiband drum herum. [...] Das Wort 'PFLICHT' schreiben sie mit großen Buchstaben. Der 'Primus' auf der Schule ist häufig in diesem Zeichen geboren, und wie viele, viele Oberlehrer! Es sind die geborenen Schulmeister. Unpünktlichkeit ist beinahe ein Verbrechen. Überstunden sind fast eine Selbstverständlichkeit. [...] Sie bedürfen mehr als irgendein anderer des Lobes, der Wertschätzung, die für sie ein Ansporn, ja eine essentielle Bedingung ist. [...] Wer mit ihnen befreundet bleiben will, tut gut daran, sich das zu merken. [...] So bedauerlich es ist, es ist vielleicht doch verständlich, daß in diesem Zeichen Geborene sich im allgemeinen nicht großer Beliebtheit erfreuen. Es liegt vor allem an ihrer Kühle und ihrer inneren Reserve. Man kommt nicht so recht an sie heran, man 'wird nicht warm mit ihnen'. [...] Soweit das Horoskop. Sapienti sat.

Es muß doch eigentlich schön sein, wenn jemand im Hinblick auf seine liebenswürdigen Tugenden mit Bescheidenheit, im Hinblick aber auf seine unliebenswürdigen Untugenden mit Entschuldigung auf sein Horoskop hinweisen kann: 'Es steht ja so in den Sternen geschrieben'. Oder hat Bernanos recht, wenn er im 'Tagebuch eines Landpfarrers' das Fazit zieht: 'Es ist doch alles nur Gnade!'.

"Soweit das Zitat aus der "Handreichung". Der Chronist kann diesem Schlußsatz dann ohne weiteres anfügen, daß Josef Maria Schmutte als homo vere catholicus, als unverfälschter Katholik, das "Sowohl - Als auch" überzeugend und gekonnt praktizierte. Es war Gnade, aber dieser Gnade wußte er auch kräftig nachzuhelfen!

Als er 1982 aus dem Lehrerkollegium schied und als Hausgeistlicher in die Wrangelstraße zog, kam er doch nahezu täglich in die Schule. Er stand als Ansprechpartner für die Bibliothek zur Verfügung, nie versäumte er die erste große Pause im Lehrerzimmer, die Geburtstage des Kollegiums hing er am Schwarzen Brett aus und die großen und kleinen Feste feierte er selbstverständlich mit.

Nach einem Unfall im Sommer 1996, den er auf einer Reise in Hamburg erlitt, und einer langen Rekonvaleszenz in Mettingen wurde er in die Kommunität des Peter-Faber-Kollegs in Kladow versetzt. Hier wartete er, daß der Herr ihn zu sich rufe. Am 76. Jahrestag seines Eintritts in die Gesellschaft Jesu konnte er seinen langen Lebensweg vollenden. Te Christus in pacem!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1997- Dezember, S.212-15