P. Johannes Bapt. Schoemann SJ
12. November 1964 in Berlin

P. Schoemann war als ältestes von 8 Kindern am 17. 11. 1892 in Pölich a. d. Mosel geboren. Pölich war damals Filiale von Mehring. Einmal in der Woche und an Feiertagen wurde in Pölich die hl. Messe gefeiert, in der Johannes als Volksschüler ministrierte. Später ging er in den Ferien als Gymnasiast jeden Morgen nach Mehring zur hl. Messe und freute sich, in ihr dienen zu können. Mit 12 Jahren faßte er den festen Entschluß, Priester zu werden.

Pfarrer Kowatsch von Mehring erkannte den Beruf von Johannes als echt und zugleich seine gute Begabung. Er gab ihm Privatunterricht und empfahl ihn dem bekannten Erzieher Prälaten Anheier, dem Leiter des Bischöflichen Knabenkonvikts in Trier. Er schätzte Johannes, gewann sein Vertrauen und förderte ihn in seiner geistigen und geistlichen Entwicklung. Zum Zeichen der Verbundenheit hielt er später P. Schoemann die Primizpredigt.

Die Mutter von Johannes war eine fromme und tugendhafte Frau. In der Pfarrchronik heißt es: "Frau Magdalena Schoemann, geb. Monzel, lebte und starb wie eine Heilige." Johannes glaubte fest, daß er seiner Mutter den Beruf zum Ordensstande und Priestertum verdankte. Sie starb mit 38 Jahren. Der trauernde Vater blieb mit 5 kleineren Kindern zurück.

Zu Ostern 1909 trat Johannes mit dem Reifezeugnis des Gymnasiums für Obersekunda in das Noviziat der deutschen Provinz der Gesellschaft Jesu ein. Ich folgte ihm im Jahre 1910 zum Ostertermin, ebenfalls mit dem Zeugnis für Obersekunda. Das Noviziat befand sich damals in Exaten (Holland-Limburg), weil nach den Kulturkampfgesetzen Jesuitenniederlassungen in Deutschland verboten waren. Unser Novizenmeister war P. Joh. Bapt. Müller. Im Herbst 1910 zog das Noviziat aus der Einsamkeit der Kiefernwälder von Exaten nach dem Bonifatiushaus zu 's Heerenberg in Holland (bei Emmerich). Hier konnten wir schöne Spaziergänge machen durch blühende Frühlingslandschaft, grüne Wiesen, reifende Fruchtfelder und im Winter durch Wälder mit schneebedeckten Zweigen. Ein großer Garten mit weiten Wegen bot gute Erholung.

Carissimus Schoemann war ein stiller Charakter; aber ein kleiner Vulkan brannte in seiner Seele, dessen lodernde Glut plötzlich und heftig aufflammen konnte. Er hat mächtig an sich gearbeitet, um diese Ausbrüche zu beherrschen. Auf einem Goûter überreichten wir ihm einen auf einer Schnur aufgereihten Kranz von Kastanien und verkündeten laut: "Das sind die Wutknötchen von Carissimus Schoemann." Da zuckte es einen Augenblick aus seinen Augen; aber die Askese eines zweijährigen Novizen war schon so gereift, daß nur ein Lächeln seine gestülpten Lippen umspielte und die Wangen sich zart röteten.

Nach dem Noviziat wurden wir nach Feldkirch in unser Kolleg Stella Matutina (Österreich/Vorarlberg) geschickt, um das Abitur nachzumachen. Die Zöglinge nannten uns "Jünglinge im Feuerofen". Da 1912 Kriegsgefahr drohte, wurden Frater Schoemann und ich in Chur (Schweiz) zum Subdiakon geweiht. Nun kam für uns das Breviergebet mit seinen ersten Schwierigkeiten. P. München erbarmte sich unser. Er ging mit uns in den Garten, um uns in das Breviergebet einzuführen. Er lehrte uns das Aufschlagen und die richtigen Seiten mit den Fingern festzuhalten. Nach einigen Übungsstunden hatten wir die nötige Technik erworben. Unsere Zeit wurde nun zum Studium gekürzt; denn zu der einstündigen Morgenbetrachtung kam noch eine gute Stunde Breviergebet. Von seiten der Stella Matutina hörten wir den ständigen Aufruf, fleißig zu studieren. Unser Hausoberer dagegen, P. Strässle von Tisis, wo wir wohnten, gebot uns, sehr auf unsere Gesundheit zu achten. Er hatte sich in den Studien die Kopfnerven verdorben und fühlte sich deshalb verpflichtet, über unseren Eifer zu wachen. So waren wir zwischen zwei Autoritäten geraten.

Eine angenehme Erinnerung bleibt uns an den Besuch des damaligen A.R.P. General Werns. Er zeigte eine väterliche Sorge für uns. Jeder mußte zu ihm kommen, ihm die Zeugnisse zeigen und alle Sorgen mitteilen. Dann besuchte er uns, informierte sich, ob uns nichts an Büchern fehle, Schreibmaterial, ob unsere Studiertische bequem seien. Zur Gesundheit, so sagte er uns, müßten wir in den Ferien längere Bergtouren machen und die nötige Zeit dazu von den Obern erbitten. Um jede Hast und Eile dabei zu vermeiden, dürften die Obern uns auch erlauben, eine entsprechende Übernachtung einzulegen. Wir waren überrascht von der Großzügigkeit und der väterlichen Güte unseres höchsten Obern und haben sie nie vergessen.

Unser Mathematiklehrer, P. München, hatte uns für die Astronomie begeistert und uns ein Fernrohr zur Sternbeobachtung zur Verfügung gestellt. An einem sternklaren Abend stellten wir es auf. Frater Schoemann unter der Assistenz von Frater Kother hantierte eifrig an dem Fernrohr. Es wollte nicht gehen. So sehr wir auch an dem Rohr drehten, konnten wir nichts sehen. Da fuhr ich zufällig über das Rohrende und stellte fest, daß wir in unserer Aufregung die Kappe nicht abgenommen hatten. Da brachen wir in ein herzliches Lachen aus. Der gerade vorübergehende Hausminister wurde auf uns aufmerksam, und als er unsere Geschichte hörte, lachte er herzlich mit.

Der begeisterte Philologe P. Ludewig förderte uns mit besonderem Wohlwollen in Arbeitsgemeinschaften. Wir kommentierten in ihnen die griechischen Tragiker in lateinischer Sprache. Lateinische Aufsätze im Stile Ciceros zu schreiben, machte uns große Freude. Nur einmal gab es einen Zusammenstoß, als nämlich P. Ludewig uns erklärte, daß ein lateinischer Aufsatz viel mehr erhole als ein Spaziergang. Das war nun selbst dem sanften P. Schoemann zu viel.

Feldkirch blieb immer lebendig in unserer Erinnerung. Die Konzerte, Theateraufführungen, die Exkursionen in die Berge, das Alpenglühen des Alvier schenkten unvergeßliche Eindrücke. Wir haben die klassische Gedankenwelt schätzen und lieben gelernt. Besonders der Geschichtsunterricht mit P. Nostitz ließ uns tiefe Einblicke in die Kulturzusammenhänge tun.

Aus den Studien heraus gingen wir im August 1915 gemeinsam als Malteserkrankenpfleger in den 1. Weltkrieg. Unser Kriegslazarett 51 wurde von den rheinisch-westfälischen Malteserrittern aufgestellt. Dem Lazarett gehörten 85 Jesuiten an, 120 Ordensschwestern und 150 Sanitätssoldaten. In Koblenz wurden wir ausgerüstet und mit Marschverpflegung versehen. Unser erster Einsatz war in Przeworsk und in Jaroslaw (Galizien). Hier pflegten wir Schwerverwundete und Seuchenkranke. Wir mußten uns an die unserer bisherigen Umwelt vollkommen fremden Verhältnisse gewöhnen. Frater Schoemann war ein gewissenhafter Krankenpfleger. Er pflegte mit mütterlicher Zartheit, suchte die Kranken immer wieder zu erheitern und aufzumuntern, schrieb eifrig für sie an die Angehörigen und scheute keine Arbeit. Er war bei den Schwestern und Kranken beliebt und geschätzt. Trotz der schwierigen Verhältnisse war er in seinen geistlichen Übungen für uns alle ein Vorbild. Wenn wir eine eigene Kapelle hatten oder eine Kirche am Orte, war Frater Schoemann in ihnen oft in stillem Gebet zu finden.

In Rethel (Frankreich) war Frater Schoemann Hausmeister zur Betreuung unseres Eß- und Tagesraumes. Unermüdlich schrubbte, kehrte und spülte er, so daß alles sauber war und blieb. Mit unermüdlicher Geduld suchte er bei der Verteilung der Verpflegung allen gerecht zu werden. Es war die Zeit (1917) des "Blauen Heinrich" d. h. der Graupensuppe mit bläulichem Schimmer. Kartoffeln fehlten fast ganz. Brot und Marmelade waren die Hauptnahrungsmittel. Die Aufgabe der schwierigen Verteilung löste Frater Schoemann in seiner ausgleichenden Art vortrefflich und zur allgemeinen Zufriedenheit.

Im November 1918 kehrten wir aus dem Kriege nach Valkenburg (Holland) zurück und gingen mit neuem Mut an das Studium der Philosophie. Frater Schoemann vollendete seine Philosophie 1919 und unterrichtete dann am Aloisius-Kolleg in Sittard (Holland) Deutsch und Latein. Von 1920 bis 1924 studierte er Theologie in Valkenburg und beschloß sie mit dem Punkteexamen. Sein Tertiat machte er in Exaten (Holland) von 1924 bis 1925.

Seine Primiz, die er 1923 in seiner Heimatgemeinde feierte, war ein großes Fest; denn seit 50 Jahren war er der erste Primiziant.

In Bonn studierte P. Schoemann Latein, Deutsch und philosophische Propädeutik und bestand das Staatsexamen für Höhere Lehranstalten am 9.11.1928 mit "Gut". Sein Referendarjahr machte er vom 1.10.1928 bis 30.9.1929 am Dreikönigs-Gymnasium in Köln. Am 21.12.1929 promovierte er zum Dr. phil. mit dem Prädikat "Sehr gut". Das Thema lautete: "Die Rede von den 15 Graden. Rheinische Gottesfreundemystik". Sie wurde in der Sammlung "Germanistische Studien" veröffentlicht. Harten Fleiß und scharfe Konzentration zeigte P. Schoemann in seinen Studien; denn sonst wäre es ihm nicht gelungen, in so verhältnismäßig kurzer Zeit Staatsexamen, Referendarjahr und Doktorat zu machen.

Im Oktober 1929 begann P. Schoemann seine Lehrtätigkeit am Gymnasium am Lietzensee (Berlin-Charlottenburg) in Deutsch und Latein. Er leitete die Schüler-Bücherei, hielt Arbeitsgemeinschaften an der Schule und im Kath. Akademikerverband über Rilke und Stephan George und schrieb mehrere Artikel für Fachzeitschriften.

Nach der Schließung des Gymnasiums durch die Nationalsozialisten 1938 berief ihn die Philosophisch-theologische Hochschule St. Georgen in Frankfurt a. M. zum Professor für Dogmatik und Fundamental-Theologie. Die Einarbeitung war für P. Schoemann nicht leicht. Die Umstellung vom Gymnasialunterricht auf die akademische Lehrtätigkeit erforderte Energie und Berufshingabe. Seine Hörer schätzten an ihm die genaue Einhaltung der von der Studienordnung vorgesehenen Semestraleinteilung des Stoffes. Problematische Abschweifungen unterblieben bei ihm. Er legte seinen Hörern eine reiche Fachliteratur vor, die er kurz und treffend besprach und so zum Privatstudium anregte. Im persönlichen Gespräch ging er verständnisvoll auf die vorgelegten Schwierigkeiten ein. Sein freundliches Wesen munterte immer wieder seine Hörer zum Studium auf. Sie bewahrten ihm dankbare Erinnerung.

1947 wurde das Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten eröffnet. P. Schoemann kehrte nach Berlin zurück und nahm am Canisius-Kolleg seine Lehrtätigkeit in Deutsch und Latein wieder auf. Sein lebhafter Unterricht übte eine starke Ausstrahlungskraft auf seine Schüler aus, sein herzliches Wohlwollen und seine stille Fröhlichkeit erweckten Vertrauen. Da ihn die Hauptgestalten großer Dichter besonders fesselten, so suchte er im Unterricht und in Arbeitsgemeinschaften dafür tiefes Verstehen zu wecken. Claudels "Seidener Schuh", Dostojewskis "Idiot", Puschkins "Eugen Onegin" waren vor allem Werke, in die er sich liebevoll versenkte. 1950 gründete er am Canisius-Kolleg die "Studiosa St. Augustini Societas", die sich zum Ziele setzte, wichtige Begriffe bei Augustinus nach exakter Methode zu klären.

Von 1954 bis 1960 war P. Schoemann Rektor des Canisius-Kollegs. In seiner ausgleichenden Art bemühte er sich um eine ruhige und harmonische Weiterentwicklung des Kollegs. Den Scholastikern war er ein väterlicher Berater, suchte sie zu fördern, um ihr Interstiz für sie persönlich und das Kolleg fruchtbar zu machen. Den Brüdern zeigte er sein besonderes Wohlwollen. Er vergaß nie einen Namenstag, besuchte sie regelmäßig in ihrer Rekreation und verteilte oft und gern kleine Überraschungen.

Verschiedene Krankheiten zeigten P. Schoemann die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. 1962 zog er sich in das Noviziat zurück. Hier führte er die Novizen in das Verständnis des Neuen Testamentes und der großen Gestalten der Weltliteratur ein.

In den ersten Stunden des 12. November 1964 erlitt P. Schoemann einen Herzanfall. Er konnte noch den Krankenbruder benachrichtigen, der ihm ein Stärkungsmittel reichte. P. Minister Pfirschke spendete ihm das hl. Sakrament der Krankenölung. Gegen Ende der hl. Handlung entschlief P. Schoemann sanft und ruhig. Auf seinem Tische lag seine für den nächsten Tag vorgesehene Betrachtung aufgeschlagen, ein Zeichen seiner Gebetstreue bis zur letzten Stunde.

P. Schoemann beendete ein reiches Leben in der Gesellschaft Jesu, in die er mit jugendlicher Begeisterung im Alter von 17 Jahren eingetreten war. Eine problematische Natur war er nicht; aber in unermüdlichem Fleiß rang er nach Klarheit und Wahrheit. In ehrlichem Streben bemühte er sich um die Verwirklichung des Ideals seines Ordens. Er lenkte sein Lebensschifflein mit sanfter Energie und wühlte nicht mit hartem Ruderschlag die Wasser sprühend auf. Seine stille Fröhlichkeit würzte das Gastmahl des Lebens seiner Brüder. Er war ein Vorbild in Ordenstreue für uns alle. Die Freundschaft, die mich mit ihm verband, war eine gottgeschenkte Lebensbereicherung. Ehre und Dank seinem Andenken.

R.i.p.

Matthias Dietz SJ

Mitteilungen 128, S. 98-102