P. Friedrich Schulte SJ
21. April 1953 in Berlin

Als P. Schulte in den Vormittagstunden des 21. April ganz unerwartet starb, trauerten um ihn nicht nur seine Mitbrüder, sondern auch eine große Gemeinde früherer und jetziger Pfarrkinder, die in ihm ihren Seelsorger verloren.

P. Schulte stammte aus Arnsberg/Westf., wo er am 9. Dezember 1885 geboren wurde. Nach Besuch des Gymnasiums in seiner Heimatstadt ging er nach Paderborn zum Studium der Theologie. Hier empfing er am 2. April 1909 die hl. Priesterweihe. Anschließend wirkte er zehn Jahre in seiner Heimatdiözese, bis er am 13. Sept. 1919 in 's Heerenberg ins Noviziat eintrat. Es folgten noch einmal vier Studienjahre in Valkenburg. Dann begann eine reich gesegnete Tätigkeit an verschiedenen Orten Deutschlands. Bis 1926 gehörte er zur Residenz in Essen, darauf folgte 1926/27 das Terziat in Chyrow/Polen. Die nächsten Stationen seiner apostolischen Tätigkeit waren Oppeln und Beuthen. 1930 beriefen ihn seine Obern zum Kuratus von St. Johannes in Schneidemühl, wo er bis Ende 1938 blieb. Die Tätigkeit in Schneidemühl war sicher in einem gewissen Grade der Höhepunkt seines Lebens und seiner priesterlichen Tätigkeit. Als die Statio um die Jahreswende 1938/39 aufgelöst wurde, wurde P. Schulte am 1. Januar 1939 Kuratus der neu errichteten Kuratie in Berlin-Biesdorf-Süd, wo er aber nur drei Jahre blieb. Ostern 1942 kam er als Propst an die Wallfahrtskirche in Heiligelinde.

In nimmermüder, aufopfernder Pfarrarbeit hat er hier in den schweren Kriegsjahren seine Gemeinde geleitet. Er war kein Verwaltungsmensch, sondern suchte immer und überall die Menschen zu Gott zu führen, angefangen vom Erstkommunionunterricht, in dem er es in ganz eigener Weise verstand, den Kindern die Liebe zu Gott und zum Heiland zu erschließen, bis zu den Predigten in der übervollen, herrlichen Barockkirche an hohen Festtagen. Man kann nicht sagen, daß diese Predigten rhetorische Glanzleistungen waren, aber sie offenbarten die Wärme und Liebe eines Menschen, der mit tiefgläubigem Herzen die Verherrlichung Gottes in den Menschenherzen suchte. Einzeln ging er seinen Pfarrkindern nach und fand leicht Kontakt im Gespräch von Mensch zu Mensch. Überall war er durch seine freundliche, hilfsbereite Art beliebt. Er duldete in seiner Gegenwart kein liebloses Wort über andere; in solchen Fällen konnte er kurz und abweisend sein. Jedem Menschen schenkte er vollstes Vertrauen und ließ sich auch trotz mancher Enttäuschungen nicht beirren.

Die schwerste Bewährung erfuhr sein tiefes Gottvertrauen in den Monaten der Russenherrschaft in Ostpreußen. Da die Bevölkerung vor dem Russeneinfall nicht evakuiert wurde, blieb auch er. Was er in diesen Monaten an schwerem Leid, an Drangsalierung und oftmaliger Todesandrohung durchgemacht hat, weiß nur Gott allein. Gleich am ersten Tage des Einmarsches der Roten Armee in Heiligelinde, am Sonntag, dem 28. Januar 1945, schlug ihn ein Rotarmist mit der Maschinenpistole auf den Kopf, so daß er eine schwere Wunde erhielt. Nicht wenige seiner Pfarrkinder wurden erschossen, Frauen und Mädchen in großer Anzahl geschändet. Wie oft hat er sich schützend vor die Menschen gestellt und seines eigenen Lebens nicht geachtet. Trotz der großen Ausdehnung des Heiligelinder Pfarrbezirkes scheute er sich nicht, ungeachtet häufiger Bedrohung, Ausplünderung und Schlägen von Rotarmisten und polnischer Miliz, seine Pfarrkinder in ihren Behausungen und Verstecken aufzusuchen, zu trösten und zu helfen, wo er nur konnte. Die Kleider haben sie ihm unterwegs vorn Leibe gerissen und ihn in Unterkleidung stehen lassen. Ein anderes Mal schlugen sie ihm die Brille von den Augen. Aber er ließ sich nicht beirren. Er machte trotz Unwetter und Gefahren die weiten Fußmärsche, so mehrfach den Weg nach Rastenburg, 16 km hin und 16 zurück. Der Kapitularvikar vom Ermland, Prälat Kather, sagt in einem Nachruf von ihm: "P. Schulte war kein Ermländer, aber dieser Priester hat sich in geradezu vorbildlicher Art um seine Pfarrkinder gekümmert, bei denen er aushielt, solange er bleiben konnte. Seit Jahren habe ich beobachtet, wie P. Schulte nach seiner Ausweisung sich der Heiligelinder angenommen hat. Unermüdlich hat er die Adressen der Vertriebenen gesammelt und ich möchte annehmen, daß er fast alle seine Leute erfaßt hat, daß er über jede Familie Bescheid wußte."

Wenn P. Schulte auch wegen seines Alters nicht bis zum Ural verschleppt wurde, wie ein großer Teil seiner Pfarrkinder, so machte er doch Gefangenschaft und Lager in Rastenburg durch. Auch hier suchte er, seinen Mitgefangenen als Seelsorger beizustehen und zu helfen. Als er Anfang Mai 1945 wieder nach Heiligelinde zurückkehren durfte, fand er eine ausgeplünderte Kirche vor. Die Bänke waren zum großen Teil zertrümmert, die Orgel war stark beschädigt, die liturgischen Geräte und Gewänder waren geraubt oder nicht mehr zu gebrauchen. Mühselig begann er, diese Dinge sich zusammenzusuchen und wiederherzustellen, und am Feste des hl. Johannes des Täufers konnte er wieder den ersten Gottesdienst in der Wallfahrtskirche feiern. Seine Mitbrüder, P. Fenger, P. Schulz und Br. Harwardt, waren von den Russen zum Ural verschleppt worden und nur die beiden Brüder Bahr und Hoffe zurückgeblieben.

Die Gemeinde sammelte sich langsam wieder, aber ein großer Teil war verschleppt, gestorben oder gewaltsam zu Tode gekommen. Im Spätsommer wurden Polen in diesem Gebiet angesiedelt; mit ihnen kamen auch polnische Jesuiten nach Heiligelinde, die unser Erbe übernehmen sollten. Das Verhältnis zu den polnischen Mitbrüdern war gut, und es soll auch nicht vergessen werden, daß sich die polnischen Patres der in Not lebenden Deutschen sehr annahmen. Da die deutsche Bevölkerung nach und nach ausgesiedelt wurde, mußte auch P. Schulte die Stätte seines opfervollen Wirkens verlassen. Im Sommer 1947 kam er nochmals nach Biesdorf. Von hier und später, von Oebisfelde und Magdeburg aus betreute er seine in alle Lande zerstreuten Heiligelinder Pfarrkinder. Viele danken ihm die erste Nachricht über verschleppte und verstorbene Familienangehörige.

Die Strapazen dieser Jahre hatten seine einst rüstige Gesundheit untergraben und ihm ein schweres Herzleiden bereitet. Ende Oktober 1952 mußte er sich in ärztliche Behandlung begeben. Es trat nochmals eine leichte Besserung ein, aber an ein seelsorgliches Arbeiten war nicht mehr zu denken. Trotz der starken Beschwerden, die ihm sein Herzasthma verursachte, hat er nie geklagt. Nur das hat ihm innerlich sehr zugesetzt, daß er in den beiden letzten Jahren nicht mehr so konnte, wie er gern gewollt hätte. Ohne Anzeichen eines Todeskampfes ist er am 21. April 1953 ruhig eingeschlafen. In der Hand hielt er das Novenenbüchlein zu P. Eberschweiler, worin er gerade gebetet hatte.

Abschließend sei hier angeführt ein Wort seines letzten Obern: "P. Schulte ist ein selten seeleneifriger Priester gewesen im wahrsten Sinne des Wortes. Er ging direkt auf den Menschen zu und suchte ihn für Gott zu gewinnen. Es ist erstaunlich, mit wie vielen Menschen er in geistlicher Berührung stand. Noch ein Jahr nach seinem Tode kommen Anfragen über ihn. Noch heute ist er im Gedächtnis der Leute, denen er geholfen hat."

R.i.p.

Br. Bruno Harwardt SJ

Mitteilungen 116, S. 570 ff.