P. William Strieder SJ
* 10. September 1912    1. März 2002
Eintritt 1936 - Priesterweihe 1942 - Letzte Gelübde 1948

P. William Strieder wurde in Leipzig geboren, sein Vater war Schirmfabrikant; die Mutter stammte aus den USA, die William schon als kleiner Junge durch Reisen kennenlernte. 1929 siedelte die Familie in die USA über, kehrte aber schon nach neun Monaten wieder nach Leipzig zurück. In diesen neun Monaten besuchte William das Jesuitenkolleg Marquett College in Milwaukee. Als er das Kolleg verließ, empfahl ein dortiger Pater den Eltern, William und seinen jüngeren Bruder Henry in die Stella Matutina nach Feldkirch zu schicken. Dort machte William 1933 das Abitur. Anschließend nahm er in München als Kandidat der Diözese Meißen das Studium der Theologie auf. Über diese Zeit schreibt er: "Zusammen mit meinem gleichaltrigen Vetter trat ich der Studentenverbindung KSTV Alemania bei. Dort lernte ich das Bayrische Bier schätzen und schwang - von einem Kommilitonen angeleitet - das Tanzbein. Dass ich dabei nicht über die Stränge schlug, dafür sorgte mein geistlicher Begleiter, der damalige Studentenpfarrer, P. Friedrich Kronseder SJ."

Zwei Jahre später erzählte ihm ein Kommilitone, dass er in die Süddeutsche Provinz eintreten werde. Ohne nähere Erläuterung heißt es in P. Strieders 1996 verfasstem Lebensbericht: "Von Stund an war mir klar: Auch ich trete dem Orden bei." Nach dem Noviziat bei P. Otto Pies folgte 1938 das Philosophiestudium in Pullach, 1940 wurde er in die Wehrmacht eingezogen und in eine Sanitätskompanie nach Polen versetzt. Herbst 1941 wurde er aus dem Militärdienst entlassen, fünf Tage zuvor hatte er das "Eiserne Kreuz II. Klasse" erhalten.

Die nächste Station hieß Wien und theologische Studien. Am 19. Dezember 1942 wurde P. Strieder von Kardinal Innitzer zum Priester geweiht.

"Meine erste priesterliche Tätigkeit übte ich unter der Obhut von P. Hermann Lehnen in dem Kinderheim in Wartha, Schlesien, aus. Von dort ging es wieder zurück nach Wien. Während meiner Osteraushilfe in Zellendorf, nördlich von Wien, waren die Russen in die Stadt einmarschiert. Mit einer im Pfarrhof stationierten motorisierten deutschen Einheit setzte ich mich in Richtung Westen ab. Schließlich kam ich nach Bayern auf die Rottmannshöhe zu den Unsrigen. Nach kurzem Aufenthalt dort brachte mich ein englischer Militärgeistlicher nach Tirol, wo ich in Achenkirch im Pfarrhaus eine Bleibe und als Kaplan Arbeit fand. Am oberen Ende des Achensees hatten deutsche Einheiten ihre requirierten Fahrzeuge abgestellt. Mit einem dieser Wagen pendelte ich - immer am See entlang - zwischen Achenkirch und Eben, wo mein Kursgenosse P. Erhard Kaisig im Pfarrhaus untergekommen war. Gemeinsam bereiteten wir uns auf das theologische Schlussexamen in Innsbruck vor.

Während einer neunmonatigen Kaplanszeit 1946/47 in Wattens, Inntal, entdeckte ich meine Liebe zu den Bergen. Von hieraus kam ich nach St. Andrä, Kärnten, wo ich mein Terziat machte. Mit Schrecken denke ich noch heute an die Vorbereitung von Predigten, die ich von dort aus in der Umgebung zu halten hatte; sie kosteten mich manchen Schlaf. Nach Abschluss des Terziats wurde ich in die Ostprovinz zurückgerufen. Diese lag damals in der von Russen besetzten 'Ostzone'. In Rostock sollte ich P. Hans Bayer ablösen, der mit dem Wiederaufbau der kurz vor Kriegsende bombardierten Christus-Kirche begonnen hatte.

1949 wurde ich als Seelsorger nach Ribnitz, einer Kleinstadt östlich von Rostock, versetzt. Mehrere Mitbrüder waren hier meine Vorgänger. Am Sonntag fand der Gottesdienst in der 'Klosterkirche' (ehemaliges St. Klaren-Kloster) statt. Den Werktagsgottesdienst und Religionsunterricht hielten wir in einem ehemaligen Zigarrenladen. Die daran anschließenden schmalen Räume bewohnten wir. Die sechs Gottesdienststationen, die zu Ribnitz gehörten, wurden von P. Stanislaus Nauke und mir betreut. Die drei Stationen auf dem Fischland (Dierhagen, Wustrow und Ahrenshoop) erreichte ich mit einem Sachs-Hilfsmotor, später mit einer 125iger Maschine (Hoffmann). In dieser Zeit gelang uns auch der Umzug in ein kircheneigenes Einfamilienhaus, das wir dann auch für unsere Zwecke ausbauen konnten.

Herbst 1954 wurde ich nach Rostock zurückversetzt mit der Aufgabe, in dem westlich gelegenen Neubaugebiet eine Gemeinde zu gründen. Von der Christusgemeinde war in diesem Stadtteil bereits ein Baugelände erworben worden. Trotz vielfacher Bemühungen und immer wiederholter Vorsprache bei den städtischen Behörden erhielten wir keine Bauerlaubnis. Für den Werktaggottesdienst und den Religionsunterricht stand uns ein einziger Raum, eine ehemalige Malerwerkstatt, zur Verfügung. Am Sonntag waren wir in der evangelischen Barackenkirche zu Gast.

Nach sieben Jahre langen Verhandlungen gelang es der Gemeinde, das kircheneigene Grundstück gegen einen Bauernhof am Stadtrand zu tauschen. Aber auch dieses Grundstück wollte man uns wieder nehmen, bis von höchster Stelle in Berlin, dem damaligen 1. Parteisekretär Walter Ulbricht, der Bescheid an den Rat der Stadt Rostock erging: Die katholische Gemeinde behält den Bauernhof und darf die vorhandenen Gebäude für ihre Zwecke aus- und umbauen.

1961 bezogen wir zu viert, P. Bernhard Borrmann, Frau Elisabeth Oleschinski als Seelsorgehelferin und Frau Annelies Müller, unsere Haushälterin, das Bauernhaus so, wie wir es vom Bauern Schmeißer übernommen haben. Des Nachts hörte ich von nebenan das Pferd wiehern. In 20.000 freiwilligen Arbeitsstunden wurde die Scheune von den Männern und Frauen der Gemeinde zur Kirche mit 200 Sitzplätzen umgebaut. Am 28. August 1963 erfolgte die Kirchweihe durch den damaligen Weihbischof Dr. Bernhard Schräder, Schwerin.

In den folgenden Jahren machten wir uns an den Ausbau des Bauernhauses und den Stallungen. Der innere Aufbau der Gemeinde ging stetig voran. Es bildeten sich verschiedene Standesgruppen sowie die von P. Peter Kegebein ins Leben gerufenen Hauskreise. Außerkirchliche Veranstaltungen, wie der alljährliche Gemeindeausflug, der Rosenmontag im Saal des katholischen Tanzlehrerpaares unserer Jugendlichen usw. ließen neben dem Druck von außen die Gemeinde zu einer festen Gemeinschaft zusammenwachsen.

Am Sonntag der Erstkommunion im Mai 1980 fuhr ich am Nachmittag nach Berlin in das Hedwigskrankenhaus zu einer Darmoperation. Damit ging meine 33jährige Tätigkeit in Mecklenburg zu Ende. Der damalige Regionalsuperior, P. Antonius Scholz, veranlasste meine Versetzung als Rentner nach Erfurt-Hochheim. Seitdem wohne ich zusammen mit Mitbrüdern im Pfarrhaus der St. Bonifatius-Gemeinde, die seit Kriegsende von Jesuiten betreut wird.

Die beiden Herzinfarkte (1981 und 1989) habe ich gut überstanden, sodass ich bis jetzt (1996) meine Fahrten in die Stadt per Rad mache und die Außenstationen mit unserem VW-Golf besuche.
Seit meiner Operation 1980 lebe ich bewusster und danke für jeden Tag mit all seinen kleinen - und manchmal auch großen - Freuden, so auch am Abend für mein gutes Bett.
Mein Bestreben war es und soll es auch bleiben: Von der selber erlebten Freude anderen mitzuteilen.
'Das Licht in deinem Leben, gab Gott zum Weitergeben!'"

Zusammengestellt von P. Clemens Maaß SJ

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Als ich den von P. Strieder selbst verfassten Lebenslauf las, wurde ich sofort an meine erste Begegnung mit ihm erinnert. Vor meinem Umzug von Köln nach Erfurt im Herbst 1996 fragte mich jemand aus dem Kölner Haus, ob ich denn nicht vorher einmal nach Erfurt fahren und mir das Haus und das mir zugedachte Zimmer anschauen wollte. Den Vorschlag fand ich gut und meldete mich für das bevorstehende Wochenende in Erfurt an. Der Empfang war sehr herzlich; außer P. Strieder kannte ich ja schon alle Hausbewohner, und der erwies sich als ein durchaus umgänglicher Mitbruder.

Mit meiner Ankunft waren P. Strieders Aufgaben als "Mädchen für alles" kleiner geworden. Ich übernahm die Sorge um Haus und Hof und die meisten Vertretungen in St. Bonifatius und den Nachbarpfarreien. Einige Gewohnheiten behielt er aber bei. An jedem Sonntagmorgen fuhr er ins Katholische Krankenhaus, um die dort liegenden Kranken der Pfarrei zu besuchen, am Herz-Jesu-Freitag brachte er den Alten und Kranken in der Gemeinde die hl. Kommunion, und dann war er eigentlich immer bereit, zu Haus oder in der Stadt oder bei einem Treffen des Klerus Beichte zu hören. Und nach so langer Zeit in Hochheim hatte er natürlich auch eine Reihe von Freunden, bei denen er zu Geburtstagen und Namenstagen oder auch einfach so zu einem Besuch willkommen war.

Im Pfarrhaus von Hochheim gab es in den letzten Jahren keine "Rekreationen" mehr. Aber wir hatten feste Essenszeiten, in denen dann auch über alles, was uns bewegte gesprochen wurde. So blieb P. Strieder eingebunden, war über alles in Haus und Pfarrei informiert und hat sicher nie den Eindruck gehabt, abgeschoben zu sein. Neben den Essenszeiten gab es noch einen Pflichttermin, den Sonntagabend. Da gab es gelegentlich Themen, über die wir reden wollten, aber häufiger haben wir unser "Romme-Spiel" aus der Lade geholt, dessen Regeln P. Strieder jedem Neuling beigebracht hatte. Wenn dann noch ein Gläschen Rotwein dazu kam und etwas Süßes zum Knabbern, war für William der Abend gelaufen! Aber auch uns hat es mit ihm Spaß gemacht!

Im September 1997 wurde William 85 Jahre alt, was wir natürlich richtig gefeiert haben. Aber er stand nicht mehr so kerzengerade wie noch wenige Jahre vorher. Und irgendwann stellte einer die Frage, wie lange P. Strieder denn noch in Hochheim bleiben könne. Ich nahm mir vor, ihn bei passender Gelegenheit darauf anzusprechen, doch kam er mir zuvor. Über die Ostertage 1999 besuchte er seinen Bruder in Köln. Nach seiner Rückkehr erzählte er mit einem verschmitzten Lächeln, er habe nicht nur seinen Bruder getroffen. "Und wen sonst?" - "Den Pater Provinzial! Wir haben über meinen Umzug nach Kladow gesprochen und sind übereingekommen, dass ich am Jahresende umziehe!"

Alles, was ich mir für ein Gespräch mit William an Argumenten für seinen Umzug zurechtgelegt hatte, konnte ich vergessen. Das war mir sehr recht, doch wollte mir der Termin nicht gefallen. Zum Jahresende? Ich hatte die Vorstellung, dass ich William mit all seinen Habseligkeiten in einen VW-Bus packe und nach Kladow bringen würde. Aber wie mochten im Dezember die Straßenzustände sein? Ich trug ihm meine Bedenken vor und meine Vorstellungen. Am 10. Oktober wurde P. Klaus Peter 60 Jahre alt. Schon beim Neujahrsempfang beim Bischof war beschlossen worden, am Abend dieses Tages das Dekanatskonveniat bei uns Jesuiten in Hochheim zu halten. Für den Sonntag darauf war die Feier meines 50-jährigen Ordensjubiläums geplant, und so schlug ich P. Strieder ein gemeinsames Dankhochamt vor. Beim Konveniat könne er sich dann vom ganzen Erfurter Klerus, am folgenden Sonntag von der Pfarrgemeinde verabschieden. Und so geschah es. Am Mittwoch darauf kam dann P. Kathke, der Rektor des Peter-Faber-Kollegs, mit einem VW-Bus, um am nächsten Morgen P. Strieder nach einem Aufenthalt von fast 20 Jahren in Erfurt-Hochheim nach Berlin zu holen. Dort hat unser Herr ihm noch gute zwei Jahre gegönnt, dann hat er ihn ganz leise und ohne langes Leiden zu sich geholt. Ich werde ihn in Erinnerung behalten als einen freundlichen und liebenswerten Hausgenossen.

P. William Strieder wurde auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Konrad Pohlmann SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 38-41