P. Johannes Wagner SJ
* 5. Dezember 1925    30. November 2002
Eintritt 1945 - Priesterweihe 1957 - Letzte Gelübde 1963

Johannes Wagner stammt aus dem Dorf Gnichwitz in der Nähe von Breslau, wo er in katholischem Milieu auf dem Land unter Bauern und Handwerkern aufwuchs. Sein Vater war Schuhmachermeister und betrieb dazu noch einen kleinen Laden und eine Tankstelle. Das gute Verhältnis des Vaters zum Pfarrer veranlasste Johannes, Ministrant zu werden. Später begeisterten ihn die Predigten von Redemptoristen bei der Volksmission und weckten in ihm den Wunsch, Pfarrer zu werden. An die Gesellschaft Jesu dachte er dabei noch nicht. In einem Lebensbericht, den er 1992 verfasste, erinnert er sich: "Ein Jesuitenpater, der einige Zeit später einen Vortrag über die Exerzitien des hl. Ignatius hielt, wurde von mir als zu gescheit abgelehnt." Da er den Wunsch nach dem Pfarrerberuf immer wieder äußerte, wurde er mit zehn Jahren für das Gymnasium in Breslau angemeldet. Dieser erste Versuch schlug jedoch fehl - er fiel bei der Aufnahmeprüfung durch.

Doch sein Pfarrer vermittelte ihn in das Juvenat der Redemptoristen in Patschkau, wo er nach einem Jahr Unterricht die Aufnahmeprüfung für das staatliche Gymnasium bestand. Die Schulzeit wurde noch vor dem Abitur abrupt beendet: Mit 17 Jahren wurde Johannes zum Arbeitsdienst in Polen eingezogen, kurz darauf zum Militär. Nach der Ausbildungszeit in Frankreich kam er an die Front nach Rumänien und Ungarn, entkam dreimal der Einkesselung und wurde schließlich am Schienbein verwundet. Das Kriegsende erlebte er dann in Dänemark. Seinen dortigen Vorgesetzten, einen Hauptmann, sollte er im Noviziat auf der Rottmannshöhe wieder treffen; es war der spätere P. Karl Ernst Meyer-Bernhold.

1945 kam Johannes Wagner ins Noviziat, das er an drei Orten machte: Rottmannshöhe, Feldkirch-Tisis, Pullach. Nach dem Noviziat folgte zunächst ein Juniorat, um das Abitur nachzumachen. Von 1948 bis 1951 studierte er Philosophie in Pullach. Dort traf ihn am 19. Juni 1951 das Unglück bei Herrsching: 24 junge Jesuiten der Ostprovinz machten mit dem Novizenmeister P. Pies eine Wallfahrt nach Andechs; auf einem Bahnübergang stieß ihr Lastwagen mit einem Zug zusammen. Von den 24 Fratres überlebten nur acht schwer verletzt. "Mir brachte es einen Schädelbruch, Nierenstauchung, Blutergüsse in die Bauchhöhle, Magenruptur und einen Leberriss ein. Im Krankenhaus wachte ich aus einer Ohnmacht auf und erblickte einen jungen Franziskanerpater, der mir die hl. Ölung spenden wollte. Ich konnte nur noch lallen: 'Sprechen Sie aber bitte die Gebete laut', da war ich schon wieder in Ohnmacht gefallen." An den Folgen der Verletzungen hat Johannes Wagner noch lange zu tragen gehabt.

Nach einem Interstiz in Berlin als Präfekt begann 1954 das Theologiestudium in Frankfurt, Sankt Georgen. 1957 wurde er im Frankfurter Kaiserdom zum Priester geweiht. Die anschließende Destination führte ihn nach Giessen an die neu erbaute St. Albertuskirche. Zunächst zwei Jahre als Kaplan, dann von 1961 bis 1965 als Pfarrer war er in der großen Pfarrei von 9.000 Katholiken tätig. Da seine Gesundheit mit der Zeit immer mehr angegriffen war, wurde er Anfang 1965 als Seelsorger an das Berliner St. Gertrauden-Krankenhaus versetzt. Von 1967 bis 1969 war er dann Direktor des Studentenwohnheims Wilhelm-Wesskamm-Haus in Berlin-Charlottenburg. Hier erlebte er hautnah die turbulente Zeit der Studentenunruhen. 1969 wurde er von diesem undankbaren Amt abgelöst, das Haus selbst wurde 1970 geschlossen. Für ein Jahrzehnt war P. Wagner dann im Ignatiushaus in der Kantstraße als Mitarbeiter in der Offenen Tür, in der Katholischen Glaubensinformation und als Diözesanfrauenseelsorger für Westberlin.

"Eine große Hilfe für die pastorale Tätigkeit dieser Art bot sich mir durch die Erforschungen und Erkenntnisse der Psychologie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie, die ich eifrig studierte. Freud, Adler, C. G. Jung und deren Schulen wurden mir immer geläufiger. Unsere metaphysische Psychologie und die vielen Anregungen der Exerzitien des hl. Ignatius standen im Hintergrund und konnten doch so segensreich eingesetzt werden sowohl für die individuelle Entfaltung als auch für die Lösung von Konflikten im Zusammenleben von Mann und Frau in Kirche und Gesellschaft." Die Beschäftigung mit der Psychologie hat P. Wagner nicht mehr losgelassen. Gegen Ende seines Lebens hatte er noch ein weit über tausendseitiges Buchprojekt in Planung, das er aber nicht mehr fertigstellen konnte.
1980 kam er nach Essen als Superior des dortigen Ignatiushauses. Seine hauptsächlichen pastoralen Tätigkeiten waren die Begleitung von Exerzitien sowie die spirituelle Hilfe bei Glaubens- und Lebensfragen.

Wann die schleichende Krankheit begann, die ihn bis zu seinem Lebensende nicht losließ, ist ungewiss. Vielleicht war es eine Spätfolge des Unglücks von Herrsching. 1995 war er schon so geschwächt, dass ihn der Provinzial ins Altenheim Haus Sentmaring nach Münster versetzte. Mit der Auflösung von Haus Sentmaring kam P. Wagner im April 2002 nach Berlin-Kladow ins Peter-Faber-Kolleg. Seinen Lebensbericht hat er zehn Jahre vor seinem Heimgang mit folgenden Worten beschlossen: "Abschließend darf ich mit Dank gegen Gott sagen, dass mich der Herr durch gar manche Schlucht des Lebens geführt, mir aber den einmal erkannten Wunsch reichlich erfüllt hat: Als Priester 'Gott und die Seele kennen zu lernen', wie es der hl. Augustinus wünschte. Der Herr sei weiter meiner Seele gnädig!"

P. Wagner wurde am 12.12.2002 auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Clemens Maaß SJ

Jesuiten-Nachrufe 2003, S. 29f