P. Heinz Wanke SJ
* 3. Februar 1927   † 23. Oktober 2005
Eintritt 1952 - Priesterweihe 1961 - Letzte Gelübde 1969

Mit P. Heinz Wanke starb ein Mitbruder, der stellvertretend für eine Generation des Übergangs steht. In ihm verbanden sich Vorkriegserfahrung, Krieg und Vertreibung, das mühsame Fußfassen nach dem Krieg, Aufbau der Arbeiten der Ostprovinz, Turbulenzen nach dem II. Vaticanum und den 68er Jahren sowie ein mühsames Abdanken vor anders geprägten Generationen. 33 Jahre bestimmte und trug er maßgeblich das Canisius-Kolleg in Berlin mit.

Er war ein Mitbruder, der die stillen Töne bevorzugte und sich unermüdlich einsetzte, ein treuer Gefährte auf neuen Wegen, ohne dass man ihm diese später immer dankte oder mit seinem Namen verband.

Herkunft und Weg in den Orden
Karl Heinz Eduard Wanke wurde am 3. Februar 1927 in Oppeln geboren und in der Pfarrkirche St. Peter und Paul getauft. Der Vater Eduard Wanke († 1967) stammte aus Sauerwitz, Kreis Leobschütz, und arbeitete sich als Schmied aus einer einfachen Häuslerfamilie über die kaiserliche Marine zum Oberwerksmeister bei der Reichsbahn empor. In erster Ehe war er mit Helene geb. Malorny verheiratet. Dieser Ehe entstammten ein Sohn und eine Tochter. Nach dem frühen Tod von Helene heiratete ihre Cousine Anna geb. Malorny den jungen Witwer. Dieser Ehe entstammten 5 Kinder. Heinz war das zweite.

Ab 1937 besuchte Heinz das humanistische Burggymnasium und schloss sich dort in der Sexta der letzten ND-Gruppe an, die noch gegründet werden konnte und 1939 in eine Seelsorgegruppe der Pfarrei überführt wurde. Die ND-Tradition und der Kontakt zu den Jesuiten in der Sedanstraße 11 blieben bis 1943 für Heinz selbstverständlich. Sie formten auch sein Verständnis von Glaubenspraxis und Verkündigung. Der enge Kontakt zur Pfarrei und die bei den Jesuiten erhaltene religiöse Bildung immunisierten Heinz gegen die Ideologie der Nazis. Als weitere wegweisende Erfahrungen nennt er: „die humanistische Schulbildung mit einem guten naturwissenschaftlich-mathematischen Schwerpunkt, die Ferien, die ich stets auf den Bauernhöfen meiner Verwandten erlebte und die mir Freude an der freien Natur einpflanzten, und meine fromme Mutter, die mit ihren Kindern oft die Marienwallfahrtsorte Wartha, Albendorf und Annaberg besuchte.“

Abrupt endete im September 1943 diese Jugend. Die Klasse von Heinz wurde als Luftwaffenhelfer im Oberschlesischen Industriegebiet eingesetzt. Nach dem Notabitur kam er im September 1944 zum Reichsarbeitsdienst und bereits im November 1944 wurde er als Funker und Nachrichtensoldat zur Wehrmacht eingezogen. Weil er sich weigerte Reserveoffiziersanwärter zu werden, setzte man ihn ab Januar 1945 in einer Alarmkompanie an der Oder ein. Mit einigen wenigen entkam er dem Einschließungsring der Russen. Am 4. Mai 1945 wurde er bei Niesky am Bein verwundet und auf dem Rückzug in ein Lazarett nördlich von Prag interniert.

Auf einem Elbeschiff in Richtung Norden entlassen, quälte er sich mit dem verletzten Bein nach Schlesien. In Bärdorf, Kreis Münsterberg, auf dem Bauernhof seiner Halbschwester fand er die Mutter und die Geschwister wieder. Als der Hof polnischen Umsiedlern übergeben werden musste, wurde die Familie Ostern 1946 nach Westen abgeschoben und fand eine neue Heimat in Gehrenrode, Kreis Bad Gandersheim. Als Heinz feststellen musste, dass er mit dem bloßen Reifevermerk von 1944 in absehbarer Zeit keine Studienchancen hatte, machte er am Gymnasium in Bad Gandersheim im März 1947 das Abitur. Damit konnte er sich in Göttingen im WS 1947/48 für Mathematik und Physik immatrikulieren. Das Studium finanzierte er mit Ferienarbeit bei einer Versicherung und später in einer Eisengießerei. In Göttingen arbeitete er in der Gruppe von Prof. Werner Heisenberg und bestand im Mai 1952 nach 10 Semestern das Diplom in theoretischer Physik.

Ausbildung und Lehrjahre im Orden
Am 13. September 1952 trat er auf dem Jakobsberg bei Bingen ins Noviziat der Ostdeutschen Provinz ein. Der Novizenmeister, P. Otto Pies, war gezeichnet durch die Haft- und KZ-Jahre und durch das Unglück von Herrsching. Schon nach 18 Monaten wurde Heinz ins Juniorat nach Tisis geschickt. Die Ersten Gelübde legte er am 15. September 1954 im Noviziat in Neuhausen ab. Im Biennium in Pullach wurde ihm erlaubt, Physikvorlesungen an der Universität München zu belegen. Auch übertrug man ihm die Physikvorlesung von P. W. Büchel. Eigentlich war geplant, dass er nach der Philosophie in Göttingen das Erste Staatsexamen ablegen sollte.

Da kam aus Berlin ein Hilferuf, und er übernahm am Canisius-Kolleg anstelle des erkrankten P. P. Friedrichs für ein Jahr dessen Mathematik- und Physikstunden sowie die Klassenleitung seiner Obersekunda. Am 7. Mai 1957 wurde das neu erbaute Ignatiushaus in der Neuen Kantstr. 1 eingeweiht. Heinz gehörte zu den Erstbewohnern, da für ihn der Weg zur FU so günstiger war. Nach zwei Gastsemestern bestand er das Erste Staatsexamen in Mathematik und Physik.

Von 1958–1962 studierte er in Sankt Georgen Theologie. Die Priesterweihe erhielt er am 27.August 1961, vierzehn Tage nach dem Bau der Mauer, in der Matthiaskirche zu Berlin-Schöneberg durch den nach München gewechselten Kardinal Döpfner. Der neue Berliner Bischof und CK-Altschüler Alfred Bengsch hatte keine Einreise nach Berlin-West erhalten.

Es folgte 1962/63 das Tertiat in Port Townsend nahe Seattle. Die 11-tägige Schiffsreise und die Monate in den USA nutzte P. Wanke, um sein dürftiges Schulenglisch zu verbessern und sich auf die durch das Konzil veränderte Pastoral vorzubereiten. Beides war ihm, der bei aller Schul- und Verwaltungstätigkeit immer in der direkten Seelsorge engagiert blieb, später sehr nützlich.

Im August 1963 begann P. Wanke als Helfer von W. Molinski in der Hochschularbeit in Berlin und übernahm am 1. März 1964 die Leitung der Studentengemeinde an der FU, TU und PH. Neben den allgemeinen Sprechstunden, der Beratung von Ausländern, theologischen Vorlesungen zum Erwerb der Missio Canonica und der Seelsorge für verschiedene studentische Gruppen und Korporationen hatte er auch zwei Wohnheime zu betreuen. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Sorge für ausländische Studierende und der Aufbau internationaler Kontakte (Salzburger Hochschulwochen, Chartres-Wallfahrt, Coventry-Treffen).

Kritisch wurde die Situation mit den 68er Unruhen. Zunächst war es nur die Frage nach dem hochschulpolitischen Mandat, bald aber stritt man um ein allgemeines politisches Mandat der Studenten und um die Hochschulreform. Die konfessionellen Wohnheime wurde von diesen Forderungen erfasst, Hausordnungen und bischöfliche Vorgaben nicht länger akzeptiert. Es kam zu Go-ins, Sit-ins, Demos und zu Besetzungen. Zu Beginn 1968 sah sich P. Wanke überfordert. Die anhaltende Besetzung des Weskamm-Hauses und die Räumung durch 300 Polizisten an einem frühen Morgen entnervten ihn so, dass er um Entpflichtung von seinem Amt bat und sich ins Kloster vom Guten Hirten nach München zurückzog.

Die Jahre am Canisius-Kolleg
In München suchte ihn P. Provinzial Soballa auf. Er machte ihm Mut und forderte ihn auf, als Rektor des Canisius-Kollegs seine alten Lehrer-Erfahrungen zu nutzen und einen neuen persönlichen Anfang zu wagen. Am 24.Juni 1968 trat Heinz Wanke das Amt an und versah es bis zum 15. August 1975. Ab 1969 unterrichtete er zunächst Mathematik.

Die von den 68ern und durch sie auf das Kolleg übergreifenden Unruhen und externen Provokationen versuchte er über einen Lehrer-Schüler- Ausschuss aufzufangen. Anonyme Flugblätter des „Roten Arthur“, nahezu tägliche Farbschmierereien in und am Gebäude („Klerikale Napola“) und Telefonterror beunruhigten und entzweiten nicht nur das Lehrerkollegium und die älteren Schüler, sondern gefährdeten den Bestand der Schule, gegen die besonders die Humanistische Union Front machte. Mit dem Canisius-Kolleg sollte das katholische Schulwesen insgesamt getroffen werden. Diese Auseinandersetzungen kosteten viel Nervenkraft und zähe Geduld, zumal nicht immer deutlich war, wer auf wessen Seite stand und welche Ziele Einzelne tatsächlich verfolgten.

Ab 1972 beteiligte sich P. Wanke am erweiterten Angebot von AGs in Religion, Mathematik und Informatik. Nach dem Tod des Kollegs-Ökonomen, P. H. Kraus, im September 1970 war P. Wanke gezwungen, sich intensiv auch um die Verwaltung und vor allem um die Beantragung der Zuschussmittel des Senates zu kümmern. Die finanzielle Grundsicherung und das finanzielle Überleben des Kollegs in Zeiten, in denen der Senat nur einen Teil der nachgewiesenen und anerkannten Personalkosten zahlte und keinerlei Sachkostenzuschüsse gab, ist eines der größten Verdienste von P. Wanke für das CK. Gerade diese Arbeit aber wurde wenig anerkannt, ja nicht selten misstrauisch kommentiert. Als im Juli 1973 auch noch P. Georg Wedig starb, lag die Verantwortung für die gesamte Verwaltung von Schule und Haus auf Heinz Wanke.

Dazu kam von Beginn an die ideelle und religiöse Arbeit. Dringend musste die Kollegsordnung überarbeitet und mit dem Personalrat die Absicherung der bisher zum festen Bestand gehörenden nichtjesuitischen Lehrer als Stammlehrer, d.h. als Quasibeamten, überprüft und entschieden werden. Seit 1973 initiierte P. Wanke mehrere Klausurtagungen der Lehrkräfte zu den bedrängenden Themen: Religionsunterricht und Schulmessen, Latein oder Englisch ab Sexta, Aufnahme von Mädchen am Kolleg, Vorbereitung des einzuführenden Kurssystems in der Oberstufe. Diese z.T. sehr emotional besetzten, ja ideologischen Themen gingen an die Substanz, die Diskussionen schufen Lager, der Rektor fand nicht immer das nötige Verständnis und die gebotene Unterstützung.

1972/73 bekam Informatik am CK als erster Berliner Schule durch P. Wanke einen festen Platz und wurde zum regulären Unterrichtsfach ausgebaut. Im März 1974 fiel nach langen Kontroversen die Entscheidung für die Koedukation. 1975 wurde im Rahmen der allgemeinen Schulreform auch am CK die Reformierte Oberstufe mit dem neuen Kurssystem eingeführt. Man wird diese Schritte zur Sicherung und Fortentwicklung der Schule nur dann genügend würdigen, wenn man weiß, wie verletzlich und empfindsam P. Wanke war und was er sich hier an Einsatz, oft gegen Widerstände von Mitbrüdern, abverlangte. Seine Schweigsamkeit in der Kommunität erklärte sich zu einem guten Teil von daher.

Als 1984 durch die damalige Senatorin Dr. R. Laurien die Frage an das CK herangebracht wurde, ob man nicht Japanisch als zusätzliche Sprache anbieten wolle, war P. Wanke sofort Befürworter und Geburtshelfer. Am 1. Februar 1985 wurde Japanisch als Wahlmöglichkeit ab Untertertia und als Abiturfach eingeführt. Auch in den seit dem Frühjahr 1987 laufenden Diskussionen eines für die 11. Klassen verpflichtenden Sozialpraktikums war P Wanke von Anfang an Berater und Befürworter. Das erste Sozialpraktikum fand vom 11. Januar bis 5.Februar 1988 statt und ist seither fester Bestandteil des Schulprogramms des CK.

Als P. Rolf-Dietrich Pfahl am 31. Juli 1977 als Rektor nach Berlin kam, bestand sein Hauptauftrag in der Planung und Verwirklichung eines Erweiterungsbaus für das Gymnasium. In P. Wanke fand er einen verlässlichen Helfer und Weggefährten. Bereits nach wenigen Monaten lagen die Entwürfe und bald auch detaillierte Pläne für den Erweiterungsbau vor. Gleichzeitig startete man eine groß angelegte Spendenkampagne, mit der es gelang, das Bauvorhaben ohne staatliche Zuschüsse zu realisieren. Auch den Nachfolgern P. Pfahls stand P. Wanke treu zur Seite. Es ist nicht zuletzt sein Verdienst, dass der Bau, der schließlich eine Gesamtsumme von DM 13 Mio. kostete, ohne Überschuldung bzw. unerträgliche Folgelasten ausgeführt werden konnte.

In Würdigung seiner besonderen Verdienste als Erzieher und Lehrer um die Modernisierung des Lehrangebots am CK wurde Heinz Wanke 1997 im Auftrag des Bundespräsidenten die Verdienstmedaille des Verdienstordens der BR Deutschland in Berlin verliehen.

Von Beginn seiner Tätigkeit in Berlin an hatte P. Wanke gute Kontakte zum evangelischen Haus der Kirche, wo er viele Jahre Arbeitskreise zu Fragen von Naturwissenschaft und Glaube leitete. Von 1973–1992 war er Auxiliary Chaplin bei der US Air Force, wo er sich wohl fühlte und seinen Ausgleich zum harten Schulgeschäft fand. Seit 1975 gehörte er dem Rotary Club Berlin-Tiergarten an. Bewegt und aufgewühlt haben P.Wanke der Fall der Mauer, die Wende und die Vereinigung. Ab 1992 versuchte er mit P. Rektor Lachmund, Kontakte des Canisius-Kollegs nach Polen aufzubauen. Schwerpunkt wurde dabei die internationale Begegnungsstätte in Kreisau. Er machte viele Fahrten nach Schlesien und Polen, wobei ihn besonders der Gedanke der Aussöhnung antrieb. 1997 feierte er in Oppeln in der Kapelle des von Herz-Jesu-Schwestern geführten Kindergartens, in den er einst gegangen war, seine verspätete Heimatprimiz.

Der Ausklang
Im November 1996 wurde P. Wanke zum Seelsorger am Franziskuskrankenhaus ernannt. Im Juli 1997 schied er endgültig aus der Verwaltung des CK aus. Nach einige Jahren intensiven Einsatzes für die Kranken musste er feststellen, dass die inneren und äußeren Kräfte nicht mehr reichten. Im Mai 2000 wurde eine Bauchaorten-Aneurysma-Operation lebensnotwendig, 2001 ein Eingriff am Herzen. Er hatte sich verbraucht und wusste sich geistig-geistlich ausgelaugt. Am 18. Januar 2003 wurde er ins Altenheim nach Kladow versetzt.

Dort lebte er sehr zurückgezogen, kümmerte sich aber liebevoll um seinen nach einem Schlaganfall sehr behinderten alten Schulfreund Georg Lachmund. Die Mitsorge für ihn zehrte an ihm. P. Lachmunds Tod am 19. August 2005 und der Tod Pfarrer Kaluzas von Kreisau wenig später trafen Heinz Wanke zuinnerst und lähmten seinen Lebensmut; er fühlte sich von der Zeit übergangen. Sein Gedenkbild schließt mit dem Satz: „Heinz Wanke starb am 23. Oktober 2005, wie er gelebt hat: bescheiden, ohne anderen Mühe zu machen.“

Er wurde am 2. November auf dem Domfriedhof St. Hedwig bei den Mitbrüdern beerdigt, an deren Gräbern er alle Jahre am Heiligen Abend ein Licht entzündet hatte. Sein Andenken sei zum Segen!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Jesuiten-Nachrufe 2006, S. 42-45