P. Ignatius Werth SJ
11. Juli 1957 in Berlin

Ignatius Werth war am Feste des hl. Ignatius 1891 in Olpe (Westf.) als Sohn eines Schlossermeisters und Kaufmanns geboren. Das Gymnasium besuchte er in Wipperfürth, wo er im dortigen St.-Antonius-Konvikt wohnte. Nach dem Abitur trat er am 22. April 1914 in 's Heerenberg in die Gesellschaft Jesu ein. Noch bevor er das kanonische Jahr Noviziat beendet hatte, wurde er im Januar 1915 einberufen und war bis November 1918 als Krankenpfleger bei den Kriegslazaretten 5 und 51 in Antwerpen, Piennes und Rethel tätig.

In die Heimat zurückgekehrt, mußte Carissimus Werth zunächst noch ein Jahr Noviziat machen und begann dann im November 1919 in Valkenburg die Philosophie. An die drei Jahre Philosophie schloß sich bald die Theologie an. Nach dem zweiten Jahr wurde er am 27. August 1924 zum Priester geweiht. Nach den Studien war er zunächst einige Monate als Operarius in Duisburg-Neuenkamp tätig, wo bekanntlich von 1920 bis 1929 eine kleine Residenz bestand. Im November 1926 wurde P. Werth als Hausgeistlicher an die Haushaltungsschule der Katharinerinnen nach Speichersdorf bei Königsberg versetzt. Im September 1927 ging er ins Tertiat, das damals gerade nach 's Heerenberg verlegt worden war, wurde aber schon im März 1928 als Socius Magistri novitiorum nach Mittelsteine geholt, um P. Clemens Bonnenberg abzulösen, der als Spiritual in das Breslauer Alumnat versetzt war.

In dieser Stellung hatte es P. Werth wohl nicht immer leicht. Er wollte streng sein, und in Venationen, Punkten usw. konnte er auch ungemein ernst sprechen, nur wurden diese Strenge und dieser Ernst von uns Novizen nicht immer gleich ernst und wichtig aufgenommen. Er glaubte mit amplifizierter Rhetorik besonderen Eindruck zu machen, erreichte aber nicht selten das Gegenteil dessen, was er erstrebte. Ich sehe ihn heute noch auf dem Katheder in der Novizenschola sitzen, wie er uns zurief: "Da kommt man ins Dormitorium; was sieht man da? Man schaut ins Tentor; was sieht man da? Man öffnet das Nachttischchen; was sieht man da?" Wir Novizen konnten uns das Lachen nicht mehr verbeißen, denn was ein Novize dort sah, war klar, aber alles andere, als was P. Werth wollte. - Als ich viel später einmal mit ihm gerade über dieses: "Was sieht man da?" sprach, war er sehr erstaunt, daß diese Rhetorik bei uns so wenig Erfolg gehabt hatte. Er hatte, wie er sagte, geglaubt, wir alle müßten mit ihm nur das eine denken, sagen und sehen: Unordnung. Beispiele und Geschichten ähnlicher Art hat uns P. Werth öfter erzählt, aber nicht selten waren diese Erzählungen so einseitig oder übertrieben, daß sie bei uns Novizen weniger die Gewissen weckten als vielmehr die Lachmuskeln reizten, ausgenommen vielleicht bei einigen ängstlichen Seelen, die die Anwendungen allzu wörtlich nahmen und darum von P. Magister Kempf erst wieder beruhigt werden mußten.

Im September 1929 wurde P. Werth als Minister und Operarius nach Breslau versetzt. Zwei Jahre später, im Oktober 1931, ging er als Exerzitienmeister noch Zobten. Hier blieb er drei Jahre und war anschließend noch zwei Jahre Exerzitienmeister in Berlin-Biesdorf. P. Werth war ein tieffrommer und ehrlich strebender Priester und Ordensmann, aber über seinem religiösen Leben lag ein übermäßiger Ernst, vielleicht gar eine gewisse Düsterheit. Seine Art hat sicher bei vielen, vor allem bei Frauen, Anklang gefunden, und nicht wenige haben immer wieder gern bei ihm Exerzitien gemacht. Es kam aber auch vor, daß seine ernsten, nachdrücklich gehaltenen Vorträge bei seinen Exerzitanten einen ähnlichen Erfolg hatten wie einst bei den Mittelsteiner Novizen. P. Werth hat an solchen Erlebnissen, wie ich von ihm selbst weiß, sehr schwer getragen. Es sei aber jetzt schon vermerkt, daß mit zunehmendem Alter auch sein Wesen milder und gütiger und seine Frömmigkeit ausgeglichener wurde. Im Oktober 1936 wurde er ans Canisiuskolleg versetzt, dem er die nächsten zwei Jahrzehnte als Operarius angehörte. Als das Haus in der Neuen Kantstraße 2 zerbombt war, wohnte er ein paar Jahre bei den Schwestern U. L. Frau in der Ahornallee 33 und siedelte dann Ende 1947 mit in die Tiergartenstraße über. In Berlin und von Berlin aus hat P. Werth in diesen 20 Jahren mit großem apostolischem Eifer gewirkt. Er gab Exerzitien, vor allem für Ordensschwestern und ledige Frauen verschiedener Stände, hielt ungezählte Exhorten und Predigten und war seit März 1937 auch Direktor des Gebetsapostolates in der Diözese Berlin. Von Ende August 1939 bis Ende Dezember 1940 war er als Kriegspfarrer einberufen und wirkte in einem Kriegslazarett zuerst in Polen und später in Frankreich.

P. Werth war ein fleißiger Arbeiter. Seine Predigten arbeitete er in Stichworten, aber mit genauer, ins einzelne gehender Einteilung sehr sorgfältig aus. In seinem Nachlaß fanden sich Zusammenstellungen seiner seelsorglichen Arbeiten in den letzten Jahren. Außer ein paar Exerzitienkursen und Einkehrtagen, die er jedes Jahr hielt, waren es vor allem Predigten und Vorträge für das Gebetsapostolat und Exhorten in Schwesternklöstern. So hat er z. B. im Jahre 1956 mehr als 150mal für das Gebetsapostolat gesprochen und fast ebensoviele andere Predigten und Vorträge gehalten. Von der Frömmigkeit P. Werths war schon die Rede. Wenn sie in früheren Jahren vielleicht etwas düstere Züge aufwies, so war sie doch echt und in den letzten Jahren auch geläuterter und milder. Aus den Exerzitien der letzten drei Jahre liegt eine kurze, stichwortartige Electio vor, die uns zeigt, wie ernst P. Werth es mit seinen religiösen und priesterlichen Verpflichtungen nahm. In den Exerzitien, die er unmittelbar vor Ausbruch seiner Krankheit machte, heißt es: "Alles stillschweigend und freudig tragen, was 'ER' durch die Verhältnisse innerlich wie äußerlich schickt." Und ein Jahr davor hatte er sich in den Exerzitien vorgenommen, "ein Leben der Liebe" zu führen. Dabei wollte er u. a. alle lieblosen Gedanken und Affekte sofort ablehnen, alle lieblosen Worte meiden und so viel Gutes wie möglich tun, auf liebloses Benehmen nicht lieblos reagieren usw. Wer P. Werth näher gekannt hat, weiß, daß dies keine leeren Worte waren, sondern daß er ehrlich um diese Haltung rang.

P. Werth ist in seinem Leben mehrfach krank gewesen. Für gewöhnlich war es die Lunge, die ihm zu schaffen machte. Später war es auch das Herz, aber daß er einmal an Leberkrebs sterben sollte, haben weder er noch seine Mitbrüder geahnt.

R.i.p.

P. Alfred Rothe SJ

Mitteilungen 118, S. 176 ff.