P. Johannes Zawacki SJ
* 05. Dezember 1919   † 03. September 2008
Eintritt 1938 - Priesterweihe 1949 - Letzte Gelübde 1955

Johannes Zawacki ist tot. Er verstarb, wie die Mitbrüder aus Kladow erzählen, friedlich. „Friede“, das ist ein wichtiges Wort im Leben von P. Zawacki. Er bleibt uns als ausgleichender Mensch in Erinnerung, als Friedenssucher und Friedensstifter in vielen Funktionen, die er in seinem Leben inne hatte; in der Art und Weise, wie er Menschen begegnete; auch in seinem Stöhnen unter unlösbaren Konflikten und auch in seinem Wissen um eigene Grenzen, Frieden zu schaffen oder zu finden. Frieden ist ein Geschenk. Frieden gehört zu jenen Gaben, von denen Ignatius sagt: „Handle, als ob Gott allein alles tun würde. Vertraue auf Gott, als ob der Erfolg Deines Handelns gänzlich von Dir abhängen würde.“ Das ist ein Paradox, das sich nur durch die Lebenserfahrungen auflösen lässt. Kein Mensch hat im Griff, worin die Frucht seines Lebens besteht. Sie zeigt sich erst ganz im Tod, im Himmel.

Für viele stirbt eine Vater-Figur. Selbst Schüler am Gymnasium am Lietzensee und begeisterter NDer, war Pater Zawacki nach Ordenseintritt und Studium von 1957 bis 1985 am Canisius-Kolleg tätig, seit 1963 als Schulleiter. Bis zum Ende seines Lebens pflegte er enge Verbindung mit ehemaligen Schülern und Kollegen. Die Verehrung und Liebe, die ihm entgegengebracht wurde, zeigte etwas von der Frucht dieses Lebens.

Pater Richter erzählt in seiner Laudatio zum 70. Ordensjubiläum vor einigen Monaten: „Noch bevor wir uns von Angesicht zu Angesicht sahen, drückte sich die Stimmung der eingefleischten Lehrer des Canisius-Kollegs in einigem Stirnrunzeln aus: wie kann ein humanistisches Gymnasium von einem Naturwissenschaftler geleitet werden, der Pater Zawacki auf Grund seiner naturwissenschaftlichen Studien nun einmal war.“ So sehr kann sich die Stimmung ändern. Bald sollte sich zeigen, dass die Umbrüche und Veränderungen in Gesellschaft und Kirche viel grundlegender und umwälzender waren, als der Dünkel der Eingefleischten es sich je hätte träumen lassen.

Wer in solchen Zeiten leitet, kann sich nicht verstecken: Sein Wesen wird sichtbar. Pater Richter sagte dazu: „Liebevoll Zacki genannt, war sein Leitungsstil nicht von oben herab und aufgesetzt; er blieb auch als Direktor kompetent und fordernd, und das natürlich menschlich mit Leib und Seele. Er musste auf Leistungen der Schüler und Schülerinnen bestehen“ – in seiner Zeit öffnete sich die Schule auch für Mädchen –, „half aber auch mit Rat und Tat, wo es nötig war. Er leitete das Kollegium, und war in ihm auch solidarisch.“

Pater Zawacki wurde trotz seiner mit dem Kolleg verschlungenen Biographie kein „Eingefleischter“. Wenn er zurückkam, dann gehörte er nicht zu jenen, die uns jungen Mitbrüdern die Welt erklärten. Vielmehr interessierte er sich, hörte zu, und dachte auch über die eigene Zeit im Kolleg nach. Mit manchem Selbstzweifel kämpfte er dabei, ob „wir damals alles so richtig gemacht haben.“ Er mochte es nicht, als Ikone aus der Vergangenheit gehandelt zu werden, konnte aber nicht verhindern, eine solche zu werden – auch dies eine Frucht seines Wirken; schließlich macht dies den Frucht-Charakter der Frucht aus, dass man nicht über sie verfügt. Um für den Nachfolger Platz zu machen, verließ Pater Zawacki Berlin. In Bonn begleitete er die Kranken des Elisabeth-Krankenhauses. Wie Pater Schneider, jetzt Rektor des Aloisiuskollegs und in dieser Feier unter uns weilend, erzählte, fand er den Weg zu seiner seelsorglichen Wirkungsstätte auch dann noch täglich, als er beinahe schon erblindet war. 19 Jahre nach seinem Weggang aus Berlin kehrte er wieder ins Altersheim des Ordens nach Kladow zurück.

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich Euch.“ Johannes Zawacki ist jetzt im Frieden, den Christus im Angesicht des Todes seinen Jüngern verheißen hat. Wir können schon etwas von diesem Frieden spüren, wenn wir ihn hier und jetzt suchen. Frieden ist nicht einfach äußere Stille, sondern Frucht des Glaubens und der Gerechtigkeit. Jesus selbst findet diesen Frieden nicht dadurch, dass er den unausweichlichen Konflikten seines Lebens ausweicht, sondern dadurch, dass er sich ihnen stellt – durch das Pandämonium der Ängste, der Bedenken, der Schuldgefühle und des Drucks von allen Seiten hindurch. „Auf, auf, Soldat, zum Streit, dir mag ja lieber sein die Ruhe nach dem Krieg, als nach der Ruh die Pein.“ So singt der cherubimische Wandersmann ganz im Sinne des Heiligen Ignatius. Wer immer nur Ruhe hält, endet in der Pein. Wer sich dem Kampf stellt, empfängt die Ruhe des wahren Friedens.

Frieden ist auch Frucht der Versöhnung. Keiner von uns wird vor Gott treten und sich bloß von seiner besten Seite her zeigen können. Es gibt vor Gott nichts zu verbergen. Die Begegnung mit Gott im Tod macht deutlich, dass alle Begegnung mit Gott zu tun hat mit loslassen und offen legen. Es ist daran nichts, überhaupt nichts Beängstigendes. Gott versöhnt in uns, was wir nicht versöhnen können; was wir vielleicht schon längst und vermeintlich ad acta gelegt haben und was doch in uns weiterschwärt wie eine eiternde Wunde.

„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten tragt, ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28) Der Friede, von dem das Evangelium spricht, ist die Ruhe, die wir bei Jesus finden. Es ist die Ruhe des Sabbats. Hier werden wir nicht taxiert nach dem Maß unserer Arbeitsleistung, der Ämter und Posten, die wir innehatten oder nicht innehatten. In der Sabbatruhe wächst der Geschmack für unsere Würde, für die geschenkte Gottesebenbildlichkeit. Diese wird nicht erarbeitet, sondern alle Arbeit ruht auf ihr und kann ohne sie keine Frucht bringen. Bevor Jesus seine Jünger aussandte, sammelte er sie, „damit sie bei ihm sind“ (Mk 3,14). Mehr nicht. Einfach bei ihm sein, so wie er einfach bei uns ist: „Ich bin der ich-bin-da“ (Ex 3,14). Gegenwart ohne Zweck, ohne Selbstrechtfertigung, ohne begründen zu müssen, warum ich da bin, Gegenwart in der Liebe, höchstes Glück. Das ist der Friede Jesu.

Für Jesus drückte sich dieses Dasein im Frieden am deutlichsten im gemeinsamen Essen aus, im Teilen von Brot und Wein. Der Friede entsteht im Teilen und Mitteilen. Der Friede Jesu ist ein Fest. Deswegen feiern wir das Requiem von Pater Zawacki als Fest des Friedens.

R.i.p.

P. Klaus Mertes SJ

Jesuiten-Nachrufe 2008, S. 42f