P. Alfons Zegke SJ
* 18. März 1922    17. Mai 2002
Eintritt 1950 - Priesterweihe 1958 - Letzte Gelübde 1980

Alfons Zegke wuchs in einer katholischen Familie von starker Glaubenskraft während der Nazi-Zeit auf. Diese frühe Erfahrung, für seinen Glauben geradestehen zu müssen, hat ihn für sein Leben geprägt.

Er wurde 1922 in der Nähe von Danzig geboren. Damit gehörte er zu der Generation von jungen Männern, die den Krieg vom Anfang bis zum bitteren Ende mitmachen mussten, soweit sie überlebten. Alfons, obschon mehrfach verwundet, war in der Tat noch am Leben, als das Ende kam. Als Fallschirmjäger sprang er über Kreta und Norwegen ab, wurde über dem Atlantik abgeschossen und von einem U-Boot gerettet. Er wurde von den Russen gefangengenommen, als er in eine von einem deutschen Kriegsgefangenen gestellte Falle lief. Das entsprach kaum seinem starken Sinn für Fairness. Er konnte nur schwer seine Verachtung für den Kameraden verbergen, dem er unter Einsatz seines Lebens hatte zu Hilfe kommen wollen.

Nach dem Krieg studierte er für einige Jahre Germanistik. Aber daraus, und aus einer Verlobung, wurde nichts. Am 18. April 1950, im Alter von 28 Jahren, trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Sein Ordensberuf bedeutete ihm zeitlebens sehr viel, und dieses Bewusstsein befähigte ihn, viele Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden. Er liebte die deutsche Sprache und war immer sehr genau im Umgang mit ihr. Aber mit dem Latein, der damaligen Vorlesungssprache, hatte er es nicht, und die Studien, so wie sie damals durchgeführt wurden, waren wohl eine Tortur für ihn, die er nur aufgrund seines unüberwindlichen Humors überstanden hat.

Nach seiner Priesterweihe 1958 bat er den Provinzial, in die Sambesi-Mission, die damals gerade wieder von der Ostdeutschen Provinz übernommen wurde, entsandt zu werden. Zusammen mit P. Rainer Zinkann ging er zur ärztlichen Untersuchung. Rainer Zinkann wurde für tropentauglich erklärt und angenommen, Alfons Zegke abgelehnt. Seine Kriegsverwundungen, die ihn lebenslänglich plagen sollten, ließen es als nicht geraten erscheinen, ihn nach Afrika zu gehen zu lassen.

Stattdessen ging er für neun Jahre nach St. Clemens in Berlin als Hausminister und Religionslehrer an einer Berufsschule für Mädchen. Außerdem beauftragte ihn der Bischof von Berlin als Priesterseelsorger. Er nahm diese Aufgabe außerordentlich ernst, wohl auch gerade deshalb, weil ihm das Priestertum so viel bedeutete. Priestern, die in einer Krise steckten, ist er weit nachgereist, um mit ihnen zu sprechen und sie zurückzubringen, wobei er sich auch nicht scheute, sehr offen mit den Frauen zu reden, die in einigen dieser Fälle eine Rolle spielten. Er hat sich immer in seinem Leben Aufgaben gestellt, auch schwierigen und fast hoffnungslosen, und ist nie davon gerannt.

Während dieser Jahre war eine Gruppe von meist jungen und dynamischen Patres und Brüdern aus der Ost- (und ein paar aus der West-) deutschen Provinz in der Sinoia-Mission im damaligen Rhodesien (heute Simbabwe) dabei, eine Missionsstation nach der anderen aufzubauen. Doch die dringend notwendige finanzielle Unterstützung fehlte. In einer Finanzkrise musste der erste Missionsprokurator, P. Kurt Czekalla, selber in die Mission gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Der Ersatzmann brachte nicht viel zustande. Die meisten Missionare mussten sich selber über Freunde und Bekannte die notwendigen Mittel besorgen, was zu einer ungesunden "Privatisierung" der Finanzen führte.

In dieser äußerst kritischen Phase, 1968, wurde P. Zegke zum Missionsprokurator in Darmstadt ernannt. Durch seinen Einsatz erhielt die im stürmischen Aufbau befindliche Sinoia-Mission (heute die Diözese von Chinhoyi) sehr bald die geregelte finanzielle Unterstützung, die sie brauchte.

Um diese Zeit war ich gerade vom Interstiz in der Mission zurückgekehrt und hatte im nahen Frankfurt meine Theologie begonnen. Bald übernahm ich von P. Rolf D. Pfahl die Redaktion des SAMBESI-Heftes, das zweimal im Jahr an Freunde und Gönner verschickt wurde. Diese Zusammenarbeit mit P. Zegke, er als offizieller Herausgeber, während ich die eigentliche Redaktionsarbeit tat, sollte fünfundzwanzig Jahre dauern. Es war nicht immer leicht. Ich ging die Sache journalistisch an und wollte die Geschehnisse dieser ereignisreichen Jahre so berichten, wie ich sie sah, während P. Zegke, der sich als geborener Werbefachmann herausstellte, die Artikel rein nach ihrer Werbewirksamkeit bewertete. Soweit sie diesem Ziel nicht entsprachen, waren sie für ihn uninteressant. Die Freunde zu motivieren, von ihrem hartverdientem Geld etwas für die Mission abzugeben, war für ihn verständlicherweise die Hauptsache. Gelegentlich kam es zu Meinungsverschiedenheiten, jedenfalls zu Anfang. Später nahmen wir mehr aufeinander Rücksicht.

Alfons war ein großer Unterhalter und Geschichtenerzähler. Er schrieb auch humorige Gedichte, die viel Beifall fanden. Dadurch erwarb er sich viele Freunde, denen er über viele Jahre treu blieb. Obschon er sich geradezu kindlich freuen konnte, wenn "der Rubel rollte", so war er doch immer mehr als nur ein geschickter Geldsammler. Er war immer zuerst Priester und blieb es. Seine Pfarrvertretungen und Missionspredigten in ganz Deutschland nahm er sehr ernst.

Er war nicht schüchtern und litt nicht an übertriebener Bescheidenheit. Wann immer er meinte, dass seine Predigt "angekommen" war und Eindruck gemacht hatte, klopfte er sich selber auf die Schulter, wenn das kein anderer tat. Es fiel dem alten Soldaten nicht ein, dabei schamhaft zu erröten.

Wenn er von einem Trauerfall oder einer sonstigen Krise in einer befreundeten Familie in seiner persönlichen "Gemeinde", die sich von den Alpen bis an die Nordsee erstreckte, hörte, zögerte er nicht, schneller Fahrer der er war, in sein ebenso schnelles Auto zu springen und den betroffenen Freunden zu Hilfe zu kommen. Obschon sehr erfolgreich in seiner Arbeit und sich dessen auch bewusst, so vermisste er doch die direkte priesterlich-pastorale Arbeit und war froh, Taufen und Trauungen bei Freunden feiern zu können.

In den Jahren nach dem Zweiten Vaticanum kam es zu großen Spannungen in der Kommunität in Darmstadt. P. Johannes Leppich, der berühmte Straßenprediger mit der "großen Klappe" und gewissen Starallüren, dabei kämpferisch ein altes Kirchenbild vertretend, stieß zusammen mit dem jungen P. Wolfgang Tarara, der die action 365 im Sinne des Konzils ökumenisch öffnen wollte. Alfons Zegke fand sich zwischen den Kontrahenten und versuchte zu vermitteln. Das kostete ihn viel Kraft und Nerven. Und was die rauhe Sprache des Straßenpredigers anging, da konnte Alfons durchaus mithalten. Er scheute sich nicht, dem beifallsgewohnten Mitbruder einige harte Wahrheiten zu sagen und ihn von seinem hohen Ross herunterzuholen. Und das alles, damit die Beteiligten nicht ihr apostolisches Ziel aus den Augen verlören.

In der Sorge um Mitbrüder setzte sich P. Zegke ganz ein. Er pflegte persönlich P. Reinhold Doerge in seinen letzten Monaten. Als der vermutlich psychisch schwer belastete P. Appel, der dem Prokurator als Helfer beigegeben worden war, sich das Leben nahm, traf Alfons das schwer und blieb für ihn über Jahre ein Alptraum. Der nach Alfons' Überzeugung unnötig frühe und unerwartete Tod von P. Ludwig Hoffmann nahm ihm einen Freund und Gefährten, den er trotz der großen Verschiedenheit sehr zu schätzen gelernt hatte.

Die Missionare aus Afrika wurden immer sehr freundlich aufgenommen und versorgt, wenn sie auf Heimaturlaub kamen. Er kannte unsere Angehörigen und war mit unseren Familien befreundet. Er nahm sich all unserer Probleme an, der materiellen wie sogar auch der spirituellen. Dafür die notwendige Geduld aufzubringen, fiel ihm nicht immer leicht, war er doch von Natur aus eher cholerisch veranlagt, wie er selber sagte. Und wenn ihm jemand mit Bitten auf die Nerven ging, die er für ganz unvernünftig hielt, so musste er sich darüber bei passender Gelegenheit "Luft machen". Sein Gesundheitszustand machte ihm immer wieder Ärger. Alle möglichen Granatsplitter wanderten in seinem Körper umher und verursachten Krebs, der operiert werden musste. Einmal wurde er für tot erklärt. Später hatte er seinen Spaß daran, den dafür verantwortlichen Arzt aufzuziehen. Insgesamt hat er neunzehn Operationen überstanden.

Auch noch auf dem Krankenbett war er Priester und Apostel und gab Zeugnis für seinen starken Glauben vor Mitpatienten, Ärzten und Schwestern, und dies immer mit seinem robusten Humor, der ihn nie verließ. Was immer ihm zustieß, ob freudig oder leidvoll oder einfach lächerlich, er nahm es an als Teil des Lebens, so wie der Herr es ihm zuteilte.

Er war ein Freund von großer Loyalität, und seine Freunde waren entsprechend loyal ihm gegenüber. Das traf besonders auf seine Mitarbeiterinnen in der Prokur zu. Als schließlich ein jüngerer Mitbruder seine Arbeit übernehmen und das Darmstädter Büro mit dem Nürnberger zusammenlegen sollte, da fiel es ihm doch schwer, sich von dem auf ihn verschworenen Team zu trennen.

Aber als schließlich die Umstellung geschafft war und die neue gemeinsame Missionsprokur der Jesuiten bei der Amtsübernahme von P. Peter Balleis gefeiert werden sollte, war er glücklich und feierte fröhlich mit. Er trug niemandem etwas nach.

Es ergab sich nach dieser Feier, dass Alfons und ich gemeinsam eine lange Bahnfahrt unternahmen. Es war unser Abschied. Stundenlang erzählte er aus seinem Leben. Woran ich mich davon noch am besten erinnere, weil er es so oft wiederholte, war, wie unendlich dankbar er sei für sein Leben, für seinen Ordensberuf, das Priestertum, die Gesellschaft Jesu und alles, was er für die Kirche und die Gesellschaft habe tun können. Seinem schon in Aussicht stehenden Umzug in das Altenheim in Berlin sah er mit Gelassenheit und furchtlos entgegen.

In Koblenz stieg er aus. Hier hat er seine letzten aktiven Jahre verbracht, glücklich wieder hauptamtlich einfache priesterliche Dienste versehen zu können: Beichthören, die Heilige Messe in der vielbesuchten Stadtkirche zu feiern und predigen, und alten Leuten wie ihm selber Einkehrtage zu geben.

Er wurde gerade achtzig Jahre alt, als er noch einmal eine Herzoperation über sich ergehen lassen musste. Er starb zwei Monate später bei der Rehabilitation in Bad Kissingen.

Die Jesuitenprovinz von Simbabwe ist P. Zegke unendlich dankbar, nicht nur für die materielle Hilfe, die er uns gab, sondern auch und besonders für seine Sorge, Freundschaft und Liebe.

Diesen Dank drückte auch P. Wolfgang Thamm für uns alle aus in seiner Predigt beim Requiem in der Bischofskirche von Chinhoyi am 31. Mai, Alfons' Begräbnistag. Bischof Helmut Reckter SJ war der Hauptzelebrant, assistiert von P. Provinzial Fidelis Mukonori SJ und dem Generalvikar der Diözese Chinhoyi, Matthew Jonga.

Möge er Frieden finden im Herrn, dem er so freudig und so lange gedient hat.

P. Zegke wurde am 31.05.2002 auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Oskar Wermter SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 45ff