P. Anton Zug SJ
* 4. Juni 1915    23. Februar 2002
Eintritt 1936 - Priesterweihe 1945 - Letzte Gelübde 1954

P. Zug wurde am 4. Juni 1915 in Rosenberg/Oberschlesien geboren; er hatte noch vier Geschwister. Mit sieben Jahre kam er in die dortige Volksschule. In einem autobiographischen Rückblick aus dem Jahr 1984 schreibt er: "Zuerst mussten wir in einem Raum einer Gastwirtschaft und dann in einer Baracke unterkommen, da die Schule durch die Besatzung, Engländer und Italiener, oder waren es Franzosen, die wegen der Aufstände in Oberschlesien bei uns waren, okkupiert war ... 1933 überraschte uns das Dritte-Reich: Meine Mitschüler gingen zur HJ, ich aus Opposition zum ND. Im Februar 1936 machte ich das Abitur.

Am 14. Oktober 1936 trat ich meine Reise nach Mittelsteine in der Grafschaft Glatz an, um da mein Noviziat zu beginnen. Der erste Eindruck war schon bedrückend, so ein Hauch von Burg, Gefängnis, Kaserne breitete sich aus. Erst kurz vor Weihnachten habe ich mich im Noviziat wohlgefühlt, also zwei Monate habe ich, der Spätentwickler, gebraucht, um im Orden heimisch zu werden, aber seitdem fühle ich mich immer wohl, es gab für mich nie die Versuchung, den Orden wieder zu verlassen, höchstens gelegentlich die Angst, den Orden verlassen zu müssen, vor allem, wenn in der Nazizeit die Auflösung der Klöster intensiviert wurde. Im Herbst 1938 siedelten wir nach Pullach bei München über, um im Berchmanskolleg Philosophie zu studieren. Auch hier dauerte es einige Zeit bis ich begriff, was das soll, aber da hatte bereits der Barras nach mir gegriffen:

31.08.1939 wurde ich einberufen, mit vielen anderen meiner Mitbrüder. Im Sommer 1940 kamen wir nach Frankreich, genau zurecht, um noch den letzten Kriegstag zu erleben. Dann 'Besatzungsmacht' in Frankreich. Im Mai 1941 ging es nach dem Osten. Bei dem ersten Rückzugsgefecht bei Stalinogorsk wurde ich durch einen Beinschuss endlich aus dem Kriegsgeschehen gezogen. Ostern 1942 wurde ich dann als 'nicht zu verwenden' entlassen; landete also wieder im Berchmanskolleg in Pullach, wo inzwischen der Studienbetrieb ziemlich umfangreich geworden war, da schon sehr viele Mitbrüder auf Grund des NZV-Befehls aus dem Militär entlassen worden waren. Bis zum Sommer 1943 schloss ich meine philosophischen Studien ab.

Im Oktober 1943 begann ich meine Theologie in St. Georgen in Frankfurt/M. Als ich ankam, war Frankfurt eine heile Stadt und unser Kolleg ganz, als ich im April 1944 von dort nach Wien zog, war die Stadt ein Trümmerfeld. Und unser Kolleg: Gleich beim ersten Angriff wurde es getroffen und teilweise zerstört. Die Ostprovinzler bezogen Quartier im 'Heim für heimatlose Kinder' in Offenbach, zu den Vorlesungen fuhren wir mit der Straßenbahn zum Kolleg. Am 19. März 1944 wurden Frankfurt und Offenbach bombardiert, auch unsere Zuflucht bei den Karmelitinnen war durch eine Luftmine 'weggeblasen'. Also hieß es: Das Ränzlein schnüren und dorthin, wo noch 'Friedensbedingungen' zum Leben und Studium gegeben sind, und das war Wien. Mai 1944 bis Passionszeit 1945 wohnte ich in Wien mit mehreren Mitbrüdern, wir belegten einige Vorlesungen an der Uni und hatten bei unseren Ordensprofessoren die eigentlichen Vorlesungen.

Im November 1944 wurde in Wien der Volkssturm mobilisiert und auch wir Jesuiten wurden eingezogen und zur Verteidigung vor das Burgtheater geführt, aber die Verteidigung erwies sich als Theater, die Wiener machten nicht mehr mit, sprachen nicht den Eid nach und verließen danach völlig ungeordnet den Platz, jeder strebte seiner Heimat zu! Als kurz vor Ostern die Front immer näher an Wien herankam, wurde uns 'Reichsdeutschen' empfohlen, ins 'Reich' zurückzugehen, da die Stimmung gegen uns immer unfreundlicher wurde. So zogen wir am Gründonnerstag abends in einem überfüllten Zug aus Wien Richtung Westen aus. Am Karsamstag früh waren wir in München, um, so gut es ging, weiter zu studieren und uns auf die Priesterweihe vorzubereiten.

In einer ehemaligen Turnhalle, die zur Notkapelle umgebaut war, spendete uns in Augsburg Bischof Kumpfmüller am 22. April 1945, ohne sich durch einen plötzlichen Tieffliegerangriff aus der Ruhe bringen zu lassen, die Priesterweihe. Am 13. September 1945 war das Berchmanskolleg in Pullach soweit gerüstet, dass es uns wieder aufnehmen konnte. Im Berchmanskolleg sammelte sich alles: Philosophen, Theologen, Novizen und Aussiedler. Es war das einzige große Haus des Ordens, das voll funktionsfähig war. So wurde lustig weiterstudiert bis zum Punkteexamen.

Meine Destination hieß nun: Kaplan in Rostock. Am 20. Oktober 1947 landete ich in Rostock und war bis Sommer 1950 an der Christuskirche. Wir waren drei Kapläne. Durch die Umsiedlung hat sich die Zahl der Katholiken sehr stark erhöht, auch in jedem Dorf gab es welche, an vielen Stellen musste Gottesdienst und Religionsunterricht gehalten werden. Beim Gottesdienst waren wir gewöhnlich bei den Evangelischen zu Gast; Unterricht konnte in dieser Zeit in den Schulen gehalten werden. Es gab damals viel zu tun. Sehr viel Zeit nahmen schon die Wege in Anspruch, die zunächst mit dem Fahrrad bewältigt werden mussten. Erst in den letzten Monaten meiner Kaplanszeit hatte ich ein Motorrad zur Verfügung.

Von Herbst 1950 bis Juni 51 war ich im Terziat im Haus Sentmaring in Münster bei P. Karl Wehner, der Provinzial der Ostprovinz war, als ich ins Noviziat kam und es dann in den 50er Jahren nochmals wurde.

Ab September 1951 war ich wieder in Rostock und wurde mit der Studentenseelsorge beauftragt.
Es dauerte einige Zeit, bis ich mich mit dieser Arbeit vertraut machte, aber dann hatte ich diesen Job ganz gern. Bald hatte ich auch die Schwesternseelsorge in den Dekanaten Rostock und Neustrelitz (monatlich Beichtgelegenheit und geistlicher Vortrag), später auch die geistlichen Vorträge auf Priesterkonferenzen in Rostock, Neustrelitz und Archipresbyterat Stralsund. Daneben viel Vertretungen in den Pfarreien.

Am 2. Februar 1954 legte ich die Letzten Gelübde ab. Am 2. Februar 1955 wurde ich Superior der Rostocker Residenz. Ab 2. Februar 1962 war ich Minister der Rostocker Residenz. Von Ostern 1955 bis Sommer 1963 übernahm ich Sonntagsvertretungen in Ribnitz, zunächst jeden Sonntag, ab 1960 jeden zweiten Sonntag.

Am 23. Oktober 1966 übernahm ich in Erfurt-Hochheim das Amt des Novizenmeisters.

Am 31. Mai 1970 wurde ich zum Regionalsuperior ernannt und siedelte zum 1. September 1970 nach Leipzig über, wo ich auch noch Superior der Residenz Leipzig war (1970 bis 1976). Am 30. Juli 1976 konnte ich das Amt des Regionals an P. Anton Scholz weitergeben, blieb aber noch als Operarius bis September 1978 in Leipzig. Die Operariustätigkeiten waren Vertretungen, Exerzitien und auch manche Gutachten für den St. Benno-Verlag.

Von September 1979 bis Oktober 1982 übernahm ich erneut das Amt des Magisters im Noviziat Erfurt-Hochheim. Am 2. Dezember 1982 kam ich als 'Dritter Mann' nach Dresden-Hoheneichen. Meine Aufgabe waren weiterhin Vertretungsarbeit, Schwesternseelsorge und Exerzitien geben. Nach der Umsiedlung des P. Regionalsuperiors Gerrit König nach Erfurt-Hochheim wurde ich am 2. Februar 1984 zum Superior ernannt.

Seit 1976, nach meiner Regionalzeit, hatte ich keine 'Hauptbeschäftigung' in der Seelsorge, sondern als Operarius Arbeit von Fall zu Fall. Dadurch kam es, dass ich alle möglichen Nebenaufgaben zugeschoben bekam, so dass ich doch wieder vollauf zu tun hatte. Am meisten machen die vom St. Benno-Verlag gewünschten Gutachten Arbeit, da ich mich öfter in die Materie erst wieder einarbeiten muss und ja nicht irgendeine Stellungnahme genügt, sondern ein möglichst sachgerechtes Urteil zu erstellen ist. Es berührte mich immer etwas komisch, wenn tagelange Arbeit dann mit einer Vergütung bis zu 100,- Mark abzüglich 20% Steuer, honoriere wurde! Nun, ich habe auch meine Arbeit als Studentenpfarrer 15 Jahre lang unentgeltlich gemacht - aber eigentlich war es nicht Ausdruck der Armut, sondern eher Stolz: 'Wenn man nicht von selbst darauf kommt, dass ich auch etwas zum Leben brauche, betteln tu ich nicht.' So ist in manchem, äußerlich vollkommen scheinendem Werk innerlich der Wurm drin - das ist wohl so in unserem ganzen Leben. Aber immer war mir für mein Leben und Wirken als Jesuit Trost und Ansporn zugleich eine Haltung, die von der 32. Generalkongregation ins Wort gehoben wurde: 'Was heißt Jesuit sein? Erfahren, dass man als Sünder trotzdem zum Gefährten Jesu berufen ist.' Für mein Leben trifft das Wort voll zu und ich hoffe und bete, dass dieses 'dem Sohn zugesellt sein' auch für das ewige Leben gelte."

Von 1989 bis 1994 lebte P. Zug in der Leipziger Residenz, wo er die Ämter des Superiors und des Ministers wahrnahm. Anschließend zog er nach Berlin, wo er als Hausgeistlicher bei den Katharinenschwestern am Bachstelzenweg noch lange Jahre seelsorglich wirkte. Dort konnte er auch am 14. Oktober 2001 sein 65jähriges Ordensjubiläum begehen. Kurz darauf musste er wegen Herzbeschwerden ins Krankenhaus. Danach hat er sich nicht wieder richtig erholt. Im Februar 2002 wurde ihm der rechte Unterschenkel amputiert. Er hat diese Amputation mit großer Gelassenheit getragen. Als ihn die Oberin der Katharinenschwestern am 23. Februar besuchte, sagte er ihr beim Abschied: "Ich denke nicht an die Zukunft, ich denke an die Gegenwart." Mit dem Krankenhauspfarrer hatte er vereinbart, dass ihm dieser nach der Abendmesse die Kommunion bringen sollte. Kurz vor der vereinbarten Zeit ist er jedoch verstorben.

P. Zug hat in seinem Leben viele wichtige Aufgaben im Orden übernommen, als Regionalsuperior, Ökonom, Magister, Konsultor, Superior. Daneben stand er für die Seelsorge in den Gemeinden immer hilfreich zur Verfügung bei den Gottesdiensten, als Beichtvater für Ordenskonvente und als Exerzitienbegleiter. Sein ganzes priesterliches Wirken vollzog sich auf dem Gebiet der alten DDR - dort hat er den Glauben an Christus bezeugt.

P. Anton Zug wurde am 28.02.2002 auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Clemens Maaß SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 48ff