P. Bernhard Johann Altefrohne SJ
* 9. Juli 1904 in Meiderich
31. Juli 1997 in Münster

1. Sein äußerer. Lebensweg
Geboren wurde P. Altefrohne am 9. Juli 1904 in Meiderich, heute Duisburg-Meiderich. Er wurde am 11. September 1904 in St. Michael getauft und am 1. März 1915 gefirmt. In Meiderich verlebte er seine Kindheit und Schulzeit. Seine Mutter Sophie stammte aus Milte bei Warendorf. Der Vater war Volksschullehrer und hatte eine Anstellung in Warendorf. Wegen seiner politischen Haltung wurde er nach Meiderich strafversetzt. Er starb früh, während eines Ernteeinsatzes, als die Kinder noch in der Ausbildung waren. Nun mußte die Mutter mit einer kleinen Rente auskommen.

Sie zog mit den Kindern nach Münster. P. Altefrohne hatte noch zwei Geschwister. Er selbst war der Älteste. Seine Schwester Änne, Studienrätin mit dem Hauptfach Mathematik, lebte viele Jahre in Rheine in Westfalen und starb dort 1995. Sein Bruder Heinrich war Diplomingenieur für Flugzeugbau. Die letzten Jahre lebte er bei seiner Schwester und starb 1976.

P. Altefrohne besuchte das Realgymnasium Duisburg-Meiderich, wo er am 14. März 1922 das Abitur machte. Weil er wohl schon zu dieser Zeit vorhatte, Priester oder Ordensmann zu werden, schloß er ein Sprachstudium in Münster an. Dort machte er am 5. November 1923 das Graecum. Wenige Tage später trat er am 11. November 1923 ins Noviziat der Gesellschaft Jesu in 's-Heerenberg ein. Philosophie und Theologie studierte er in Valkenburg. Das Interstiz machte er als Präfekt von 1928 bis 1931 am Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Am 28. August 1934 wurde er in Valkenburg von Bischof Wilhelm Lemmens zum Priester geweiht. Das Terziat machte er in den Jahren 1935/36 in Münster.

Seine erste Aufgabe erhielt er als Minister und Seelsorger in unserem Haus in Essen. Hier war er von 1936 bis 1941. Es folgte von 1941 bis 1943 eine zweijährige Tätigkeit als Pfarrvikar in Rühle bei Meppen. Danach wurde er zum Minister unseres Hauses in Hannover ernannt. Er war aber nur 8 Tage in Hannover. Am 8. Oktober 1943 kam er in Hannover an, aber noch in der Nacht zum 9. Oktober wurde das Haus von Bomben völlig zerstört.

Seine nächste Destination führte ihn von 1943 bis 1946 als Vikar nach Neubrandenburg in Mecklenburg. Hier erlebte er das Kriegsende und die Besatzung durch die Russen. Es müssen dies schlimme und schwere Wochen für ihn gewesen sein. Ob er damals dort bei den Missionsschwestern Mariens gewohnt hat oder nur regelmäßig zu ihnen kam, konnte ich nicht feststellen. Jedenfalls bewahren diese Schwestern P. Altefrohne in dankbarem Andenken, da er sich in diesen Tagen des Einmarsches der Russen immer wieder schützend vor sie gestellt und sie vor Übergriffen, vor allem vor Vergewaltigungen, bewahrt hat. Aber auch umgekehrt sind die Schwestern für ihn eingetreten. Sr. M. Leodegard weiß aus dieser Zeit noch folgende Situation: Während der Feier der hl. Messe sei ein russischer Soldat in die Kapelle eingedrungen und habe sich, mit einem Beil bewaffnet, auf P. Altefrohne stürzen wollen. Sr. M. Hedwig habe sich daraufhin schützend mit ausgebreiteten Armen vor ihn gestellt. Daraufhin habe der Russe von ihm abgelassen. P. Altefrohne habe damals dann einen höheren Offizier aufgesucht. Von da ab seien die Schwestern nicht mehr belästigt worden.

1946 übernahm er das Amt des Generalpräfekten an unserem Kolleg in Büren und gestaltete maßgeblich das wiedereröffnete Internat. Doch bereits zwei Jahre später erwartete ihn 1948 die Aufgabe als Minister des Canisiushauses im schwer zerstörten Köln. Dann begann seine Obernlaufbahn, allerdings auf etwas ungewöhnliche Weise. P. Altefrohne war zu der Zeit in Köln Minister als P. Walter Straßer dort Superior war. Zwischen den beiden ging es schlechter als seinerzeit in Bad Godesberg. Das war ein offenes Geheimnis. P. Nikolaus Junk, der damalige Provinzial, erzählte Jahrzehnte später im kleinen Kreis mit Genugtuung, wie er das verfahrene Problem löste. Er trug im Konsult seine Absicht vor, P. Altefrohne zum Superior zu ernennen, erntete damit aber schallendes Gelächter. P. Junk ernannte ihn trotzdem 1953 zum Superior in Dortmund. Das ging in Dortmund so gut, daß einer der damals lachenden Konsultoren, der inzwischen selbst Provinzial geworden war, P. Altefrohne 1959 zum Rektor in Münster ernannte. 1964 wurde er dann Rektor in Ascheberg und 1967 nochmals Rektor in Münster. Hier versah er ab 1974 den Ministerposten, bevor er 1977 als Beichtvater in Koblenz tätig wurde. 1989 siedelte er aus gesundheitlichen Gründen in unser Altenheim nach Münster um, wo er bis zu seinem Heimgang lebte.

2. Wer war P. Altefrohne?
a) menschlich

Alle Mitbrüder, mit denen ich über P. Altefrohne gesprochen habe und die mir ihre Erinnerungen schriftlich mitgeteilt haben, singen ein Lob auf P. Altefrohne. Vor allem wird immer wieder sein gutes Urteil, sein pragmatischer Sinn, seine Schlagfertigkeit, die durchaus auch ein wenig ironisch und mit einem Schuß Skepsis versehen sein konnte, und seine 'kondensierte Lebenserfahrung' hervorgehoben. Er hatte auch ein gutes Stück Selbstbewußtsein, das ihn viele Situationen des Lebens nüchtern und pragmatisch beurteilen ließ. Er hat in seinem Leben nicht nur unterschiedlichste Erfahrungen gemacht, sondern diese auch verarbeitet. So konnte er "fröhlich sein mit den Fröhlichen, machmal, wenn nötig, ein 'Schlitzohr', aber auch traurig mit den Trauernden, nur nicht zu lange".

Aus seiner Interstizzeit im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg, wo P. Walter Straßer Rektor war, wird erzählt, daß P. Straßer im Studium, für das Frater Altefrohne zuständig war, eine Aloisiusstatue aufstellen wollte. P. Altefrohne wollte diese Figur aber hier nicht haben; vielleicht war sie ihm 'zu fromm'. Daraufhin kam P. Rektor persönlich und fragte geduldig: "Wie wäre es in dieser Ecke?" "Dort steht der Schrank." "Aber in der 2. Ecke?" "Dort müssen die Karten aufgehängt werden." "Aber in der 3. Ecke?" "Dorthin gehört die Tafel." "Es bleibt aber noch die 4. Ecke." "Dort stehe ich!" entschied Frater Altefrohne. So blieb die Aloisiusstatue draußen vor der Tür.

Trotz dieses Selbstbewußtseins muß P. Altefrohne vor der Priesterweihe unter Skrupeln gelitten haben. Weil er aber zugleich urvernünftig, realistisch und geradeaus war, hat er diese recht schnell und gründlich überwinden können. Er selbst hat mehrfach eine Geschichte erzählt, die für ihn eine Art Schlüsselerlebnis war. Er erzählte, daß er bei der Primizmesse etwas getan habe, was damals die Moraltheologen 'sub gravi' d.h. unter schwerer Sünde verboten hätten, sei es, daß er den Kelch mit dem konsekrierten Wein neben das Korporale gestellt habe oder sonst etwas, er wußte es selbst nicht mehr genau, jedenfalls waren seitdem seine Skrupel verschwunden.

Als P. Altefrohne dann in Ascheberg Rektor war, erlebten die Novizen ihn als 'klassischen Jesuiten'. Er war von hagerer Gestalt, klug, hatte einen pragmatischen Sinn, ein gutes Urteil und bleibenden Humor.

Folgende kleine Geschichten wurde mir aus dieser Zeit berichtet:
Als einmal eine Fahrt der Novizen mit dem Sozius nach Südfrankreich, natürlich über Taizé, geplant war, ermahnte sie P. Altefrohne, daß sie erstens gut Französisch lernen sollten, weil Gott diese Sprache gut verstehe, und zweitens, daß sie sich vor den französischen 'viergen' in acht nehmen sollten, deren Sprache sie dann unterdessen gut verstünden. Es ist denn auch keiner dieser Novizen, weder in Taizé noch an einer französischen 'viergen' hängengeblieben.

Seine Nüchternheit und sein Wohlwollen gegenüber den Novizen drückt sich auch in folgendem Satz aus, den er mitunter gebrauchte, wenn er etwas erlaubte: "Tu, was Du willst. Du tust ja doch, was Du willst." Aber er konnte im Umgang mit den Novizen durchaus auch impulsiv sein. So kam er einmal zu P. Kathke, der damals in Ascheberg Minister war, und fragte ihn: "Minister, verstehst Du, warum die Novizen so wild aufs Autofahren sind?" P. Kathke machte damals selbst gerade seinen Führerschein und antwortete treuherzig: "Vor 14 Tagen habe ich das auch noch nicht verstanden." Da lachte P. Altefrohne und sein Ärger war verschwunden.

Als Minister und Rektor war P. Altefrohne stets um das Wohl der Mitbrüder besorgt, was mitunter auch zu humorvollen Situationen führen konnte. So wird aus der Zeit, in der er in unserem Altenheim in Münster Rektor war, folgende Geschichte erzählt: "P. Nikolaus Mangeot wohnte im Altenheim in Münster und war sogar schon ein bißchen verwirrt. Er bat eines Tages P. Rektor Altefrohne um die Erlaubnis, zu einem Freund in England fahren zu dürfen. P. Altefrohne glaubte, ihm diese Erlaubnis nicht geben zu dürfen, da man ihn ja nicht allein reisen lassen könne. Wenige Tage später sah der Bruder, der im Pfortenhaus wohnte, sehr früh am Morgen wie P. Mangeot mit einem Köfferchen das Haus verließ und in ein Taxi stieg. Er rief sofort den Rektor an, der eigentlich noch gar nicht aufgestanden war. Dieser zog sich ganz schnell seinen Anzug über, bestellte ebenfalls ein Taxi und fuhr P. Mangeot zum Bahnhof hinterher. Dort bat er den ersten besten Polizisten, den er fand, ihm doch auf den Bahnsteig zu folgen, wo tatsächlich P. Mangeot mit seinem Köfferchen noch auf den Zug wartete. P. Altefrohne sagte dem Polizisten: "Dieser Mann ist ein bißchen verrückt, und er will verreisen, das geht unter keinen Umständen, bitte halten Sie ihn fest." Daraufhin sagte P. Mangeot zu dem Polizisten: "Schauen Sie sich diesen Herrn doch mal genau an. Sie sehen, daß sein Schlafanzug unter den Hosen hervorschaut. Wer ist hier ein bißchen verrückt, der oder ich?" P. Mangeot reiste nach England und kam nach einiger Zeit stolz und wohlbehalten zurück.

Die Mitbrüder, die P. Altefrohne in den Jahren in Koblenz und dann in Münster im Altenheim erlebt haben, rühmen immer wieder seine Güte und Menschenfreundlichkeit. In seiner Nähe fühlte man sich wohl. Und das, obwohl er selbst unter so mancherlei Krankheiten zu leiden hatte. Es plagte ihn eine Schuppenflechte und er hatte oft schlimme Kopfschmerzen. Trotzdem war er ein aufmerksamer Zuhörer, ein konstruktiver Gesprächspartner, der die anderen stets zu ermutigen wußte. Schon sein bloßes Dasein wurde als hilfreich erfahren. Als in Koblenz seine Kräfte abnahmen und er 1984 eine Gehirnblutung erlitt, wollten die Mitbrüder ihn, nachdem er sich davon wieder erholt hatte, doch in Koblenz behalten, auch wenn er seinen Dienst nicht mehr so umfangreich wie früher leisten konnte. Seine Anwesenheit war eine Wohltat für das Haus, da er bei auftretenden Spannungen stets ausgleichend wirkte.

Als sich in Koblenz sein Gesundheitszustand verschlechterte, er war mehrmals gefallen und schließlich bettlägerig geworden, mußte er endgültig nach Münster umziehen.
Auch in Münster war P. Altefrohne bei den Mitbrüdern und Angestellten wegen seiner menschlichen Art beliebt.

b) geistlich
Auf der Einladung zum Dankamt anläßlich seines 60jährigen Ordensjubiläums ist ein Abschnitt aus den Abschiedsworten des früheren Generaloberen P. Pedro Arrupe, mit dem P. Altefrohne in Valkenburg einige Jahre gemeinsam studiert hat, zitiert. Dort heißt es u.a.: "[...] Mehr denn je fühle ich mich jetzt in Gottes Hand. [...] In diesen Jahren war mein einziges Ideal, dem Herrn und seiner Kirche vom Anfang bis zum Ende mit ganzem Herzen zu dienen. [...] Meine Botschaft heute an Euch lautet: Seid verfügbar für den Herrn." All diese Worte drücken die innere Grundhaltung von P. Altefrohne aus. Daß er verfügbar war, zeigt sein äußerer Lebensweg als Minister, Vikar, Superior und Rektor. Sein seelsorgliches Anliegen hat er am Schluß der hl. Messe anläßlich dieses Jubiläums so formuliert:

"Wir Priester erleben etwas, was nur sehr wenige Menschen erfahren. Die Menschen lassen uns in ihr Inneres schauen, dorthin, wo sie eigentlich Mensch sind. Und sie lassen uns schauen, wie sie im Laufe ihres Lebens geworden sind. Und als gläubige Menschen wissen wir Priester, daß die ganze Geschichte dieses Menschen, mit dem ich zu tun habe, ständig unter der Führung Gottes geschah und daß dieser Gott ihm jetzt ganz nahe ist. Ich erlebe und erfahre die Nähe Gottes gerade in diesem priesterlichen Tun. Das Schönste ist für mich nicht, daß ich das alles 'sehen' darf. Das Schönste ist, daß Gott mich beruft, beschenkt, die Menschen erkennen zu lehren und aufmerksam zu machen, wie Gott bei allem 'Unsinn' dabei war. Wie er alles bis zu diesem Augenblick zusammengefügt hat, und wie er nun an diesem Menschen zeigt, wer Er ist und was Er kann. Dann braucht dieser Mensch nicht mehr mit Reue und Scham in sein Leben zurückzublicken. Gott hat allem einen Sinn gegeben und alles 'zurechtgebogen'. Dann kann man, können wir alle sogar froh und dankbar in unser Leben zurückschauen. Das wollte ich möglichst allen 'beibringen', denen ich helfen durfte."

Daß ihm dies auch immer wieder gelungen ist, bezeugt der Bericht einer Frau, die bei ihm Exerzitien gemacht hat. Sie schreibt: "P. Altefrohne versuchte, die Menschen froh zu machen. Das habe ich auch bei Exerzitien in Paderborn sehr gemerkt. Die Schwestern im Exerzitienhaus waren erstaunt, daß die Teilnehmerinnen im Kurs von P. Altefrohne mit von innen strahlenden Gesichtern herumliefen, während bei anderen Exerzitienmeistern hängende Köpfe die Regel waren." Dem braucht man nicht viel hinzuzufügen. Er wollte für die Menschen dasein und ihnen auf ihren geistlichen Weg helfen.

Ein kleines Beispiel mag dies noch illustrieren: Als einmal zu ihm eine Schwester kam und sich bei ihm darüber beklagte, daß sie vor lauter Arbeit und den vielfachen Anforderungen weder zur Betrachtung noch zum Rosenkranz, zur geistlichen Lesung usw. käme, sage er zu ihr: "Bemühen Sie sich, ganz aufmerksam an der hl. Messe teilzunehmen, vor allem bei der hl. Wandlung." Die Schwester erzählte später, daß ihr dieser Rat über jene schwierigen Wochen gut hinweggeholfen habe.

Auch in Haus Sentmaring schätzte ihn das Pflegepersonal. So mancher ging, wenn es Streß gegeben hatte, zu P. Altefrohne, um selbst wieder "auf die Reihe zu kommen". Und am Abend kamen die Zivis sehr gern zu P. Altefrohne, um ihn zu waschen. Wegen seiner Witze und seiner Heiterkeit war dies nach der Tagesarbeit für sie schon der Anfang der Erholung.

Wie P. Altefrohne gelebt hat, so ist er auch am 31. Juli 1997, dem Fest des hl. Ignatius, gestorben. P. Ortscheid, der zu diesem Fest in Münster war, berichtet: "Als ich zum Ignatiusfest ins Haus Sentmaring kam, hörte ich, es ginge P. Altefrohne schlecht. Sofort ging ich zu ihm und fand ihn bei klarem Bewußtsein. Als ich mich zu erkennen gab, faltete er die Hände zum Zeichen, ich solle mit ihm beten. Ganz wach und aufmerksam sprach er die Gebete mit. Eine ganze Weile blieb ich so bei ihm, bis es Zeit zum Empfang war, zu dem die Pfarrer und Ordensleute aus der Nachbarschaft eingeladen waren. Ich erklärte ihm das und wir verabschiedeten uns. Am Nachmittag ist er dann gestorben."

Vielen Menschen, Mitbrüdern, Priestern, Ordensschwestern und Laien ist er ein treuer Weggefährte gewesen und wird ihnen als Seelsorger und geistlicher Begleiter in guter Erinnerung bleiben.

Auf der Einladung zu seinem 60. Ordensjubiläum ist der Stein aus der Katakombe des Hl. Callistus in Rom mit der Darstellung des Guten Hirten wiedergegeben. Der ewige Gute Hirte wird P. Altefrohne, der so vielen Menschen ein guter Hirte war, in seine Arme geschlossen haben.

R.i.p.

P. Josef Ullrich SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1999 - Februar, S. 13-17