Bruder Hermann Altensell SJ
* 28. Februar 1906 in Amelsbüren
13. Februar 1996 in Münster

"Voll Dank will ich preisen den Herrn, und mich freuen über Gott, meinen Retter." Lk 1, 46-47
Diese zwei Verse hatte sich Br. Hermann Altensell auf sein Gedenkbildchen zum 60jährigen Ordensjubiläum gewünscht. Sie verraten uns seine Einstellung zu seinem Leben und Handeln. Sicher hat er in seinem Leben einiges wegstecken müssen, dennoch ist er bis ins hohe Alter ein fröhlicher Mitbruder geblieben. Mit seinem ermunternden Lächeln hat er uns immer wieder beschenkt.

Br. Altensell hat uns einige Aufzeichnungen über sein Leben hinterlassen. So schreibt er: "Ich, Hermann Altensell, bin geboren in Amelsbüren (später nach Münster eingemeindet) am 28. Februar 1906 und war der fünftälteste von uns zwölf Geschwistern. Wir waren daheim vier Schwestern und acht Brüder. Der älteste Bruder ist im Ersten Weltkrieg 1917 in Frankreich gefallen. Acht Jahre besuchte ich die Volksschule in Amelsbüren. Mit neun Jahren wurde ich Meßdiener, welches mir sehr große Freude machte. Und mit zehn Jahren ging ich zur ersten heiligen Kommunion. Am 1. April 1920 wurde ich aus der Volksschule entlassen.

Weil ich mich vorher schon für das Schneiderhandwerk interessierte, hatte mir mein Vater eine Lehrstelle bei Schneidermeister Lepper in Amelsbüren besorgt. Nach meiner dreijährigen Lehrzeit habe ich meine Gesellenprüfung bestanden und mir wurde der Gesellenbrief von der Handwerkskammer zu Münster feierlich überreicht im Jahre 1923."

Anschließend hat Br. Altensell einschließlich seiner Wanderjahre an vielen Orten als Schneidergeselle gearbeitet. Er berichtet: "In dieser Zeit waren die offenen Stellen sehr spärlich. Aber für mich selber war es kein Problem, da ich zu jeder Zeit ein gutes Zuhause hatte. Meiner Schwester Gertrud, Schneidermeisterin, die zu Hause selbstständig war, konnte ich helfen, denn sie hatte sehr viel zu tun, und es machte mir auch Spaß. So kam ich aus der Übung nicht heraus und habe viel dazugelernt.

Am 15. Juni 1923 wurde ich in den Gesellenverein aufgenommen. Wie es üblich war, entschloß ich mich, zusammen mit meinem Freund Hudrupp auf die Wanderschaft zu gehen, denn wir waren beide im Gesellenverein und somit kamen wir überall gut zurecht." Br. Altensell blieb dem Kolpingsverein bis zuletzt treu. Mit Stolz trug er das goldene Kolpingabzeichen, das er nach 50jähriger Mitgliedschaft angesteckt bekommen hatte.

Er berichtet uns weiter: "Im April 1931 fand ein Exerzitienkurs für Handwerksgesellen unter Leitung von dem Jesuitenpater Benninghaus statt, der in Dachau gestorben ist. Als der Kurs zu Ende war, habe ich den guten Pater um ein Gespräch gebeten. Als ich dem Pater meine Absicht darlegte, verwies er mich an das Haus Sentmaring in Münster. So ging ich dann am gleichen Tag noch hin. Br. Wester, der dort als Pförtner tätig war, führte mich ins Sprechzimmer und alsbald kam der Rektor Krose, mit dem ich diese Angelegenheit besprach. Jetzt, wo ich dieses niederschreibe, kommt es mir vor, als wäre dieser Vorgang vor einigen Tagen gewesen. Der gute Pater sprach so väterlich, und man war ganz gerührt. Ich ging beglückt nach Hause...

Nach reiflicher Überlegung stand bei mir fest, bei den Jesuiten einzutreten. Es waren kaum 14 Tage vergangen, da bekam ich die Unterlagen vom Provinzialat in Köln zugeschickt. Ich habe sie ausgefüllt und wieder nach Köln zurückgeschickt. Alsbald bekam ich den Bescheid, daß ich am 1. Juni kommen könnte. Als ich meine Mutter davon in Kenntnis setzte, sagte sie zu mir: 'Das mußt Du selber wissen. Wenn es Dir nicht zusagt, dann komme wieder nach Hause.' So war ich recht froh darüber, daß meine Mutter damit einverstanden war. So brachte mich meine Mutter am 1. Juni 1931 nach 's-Heerenberg ins Noviziat der Gesellschaft Jesu. Am 8. Dezember war meine Einkleidung.
Am Fest des hl. Franz Xaver habe ich 1933 die Ersten - und am 2. Februar 1942 die Letzten Gelübde abgelegt."

1935 wurde Br. Altensell nach Valkenburg in die Schneiderei versetzt und blieb dort bis zur Vertreibung im Jahre 1942. In der Schneiderei hatte er kaum Maßanzüge, Gehröcke, Smokings, Westen und Mäntel zuzuschneiden und zu nähen, sondern Ordenskleider, Kolarwesten, Soutanellen und kurze Hosen, die man damals unter dem Kleid trug. Die Ordenskleider verlangten großes Können, denn es mußten die verschiedenen Größen und Breiten beachtet werden. Der Saum sollte in gleichmäßiger Höhe über der Erde schweben; ein Bäuchlein durfte ihn nicht anheben. Die Schnittmuster waren das 'große Geheimnis' eines jeden Bruder-Schneiders. Br. Altensell beherrschte seinen Beruf. Er trug sein Ordenskleid bis zu seiner Versetzung nach Haus Sentmaring. Die letzten Jahre konnte er nur noch Flickarbeiten machen, denn die Ordenskleider wurden nur noch auf dem Friedhof zu Beerdigungen getragen.

Die Gestapo vertrieb 1942 Br. Altensell mit etwa 50 weiteren Mitbrüdern aus Holland über die Grenze nach Aachen. Mit sieben anderen Mitbrüdern wurde Br. Altensell von P. Rektor Wilhelm Klein nach Dortmund geschickt. Er schreibt über jene Zeit: "Mit Erlaubnis von P. Superior durfte ich zweimal in der Woche nach Hause fahren, um meiner Mutter in der Landwirtschaft zu helfen, denn meine Brüder waren alle, bis auf einen jüngeren, der blind geboren wurde und als Mattenflechter arbeitete, zum Militärdienst eingezogen. In den Wirren des Krieges wurde es von Jahr zu Jahr gefährlicher, und so durfte ich ab 1944 ganz zu Hause bleiben. Die Arbeit in der Landwirtschaft war gar nicht so leicht für mich.

Bis 1948 war ich zu Hause, und der damalige Provinzial, P. Hermann Deitmer, bat meine Mutter, daß ich wieder ins Kloster zurückkommen solle. Meine Mutter war eine heldenhafte Frau, die alles Leid aus der Hand Gottes angenommen hat. Sie hat nie geklagt und alles geduldig hingenommen. Sie war wirklich eine tieffromme Frau. In Begleitung meiner Mutter kam ich 1948 nach Haus Sentmaring. Nach 14 Tagen bekam ich die Versetzung nach Köln, Stolzestraße la. 1950 kam ich leihweise zur Vertretung nach St. Georgen in Frankfurt/M., um die Schneiderei zu führen. Aus dieser Vertretung wurden 12 Jahre."

1962 kehrte Br. Altensell nach Köln zurück. 32 Jahre lebte und arbeitete er hier. So wurde ihm Köln zur zweiten Heimat. Als Bruder-Schneider konnte er vielen Mitbrüdern nützlich sein. Man unterhielt sich gern mit ihm. Über alles liebte er sein Pfeifchen und spielte gern Mühle, Dame oder auch Halma. Seine Mitspieler kamen gegen seine sprichwörtliche 'Bauernschläue' nicht an. Während des Kölner Karnevals ging Br. Altensell unter das Narrenvolk, gekleidet mit einem Kittel und einer Mütze aus bunten Krawatten selbstgeschneidert. Er ließ sich von den Karnevalsjecken bewundern und von den Touristen fotografieren. Er verstand es, eine Eintrittskarte zur Prunksitzung im Gürzenich zu erheischen. Auch das Jahr über pflegte er in Köln aufzufallen. Er trug bis zu seinem Weggang das Ordenskleid oder Anzug mit Kollarweste, immer fein herausgeputzt. Da war zu hören: "Der alte Pastor kommt, macht ihm Platz", oder "Komm, wir helfen dem alten Pater über die Straße."

Bruder Altensell verreiste gern zu Exerzitien oder in die Ferien möglichst weit weg. Als er gebrechlich wurde, ließ er sich beim Ein- und Aussteigen von Fremden helfen und wartete am Bahnsteig solange, bis ihm jemand den Koffer trug. Gern reiste er im Sommer nach Kroatien, um dort am Adriastrand in selbstangefertigten kurzen Hosen zu flanieren.

Seine Mutter hatte ihrem Hermann eine tiefe Frömmigkeit vermittelt. Daran war nicht zu rütteln. Die geistlichen Übungen wurden gemacht, der Rosenkranz gebetet und am Samstag gebeichtet, als sei es selbstverständlich.

Seine Gebrechen nahmen zu und ohne gute Pflege und Hilfe konnte er nicht im Canisiushaus bleiben. Der Tag des Abschieds rückte näher, und Br. Altensell mußte am 2. März 1994, nach seinem 88. Geburtstag, 'aus Kölle goohn'. Das fiel ihm sehr schwer; mußte er doch sein Weihnachtskripplein und seine Fischlein verlassen. Als er einige Zeit im Haus Sentmaring viel Zuneigung gefunden hatte, legte sich sein Schmerz. Zwei Jahre blieben ihm noch. Seine Leiden nahmen zu und größte Sorgen machte sein Raucherbein. Im Januar dieses Jahres mußte ihm ein Zehe am linken Bein und etwas später das Bein amputiert werden. Kurz vor seinem 90. Geburtstag verstarb unser Mitbruder Hermann Altensell.

R.i.p.

Br. Otto Wihan SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1996 - Mai, S. 96ff