Bruder Wilhelm Arndt SJ
* 5. Februar 1907    2. August 2000
Eintritt 1928 - Letzte Gelübde 1940

"Der Jünger muss sich damit begnügen,
dass es ihm geht wie seinem Meister".
(Mt 10,25)

"Wie im ganzen Leben, so soll auch und noch viel mehr im Tod ein jeder aus der Gesellschaft sich anstrengen und bemühen, dass Gott unser Herr in ihm verherrlicht und ihm gedient und die Nächsten erbaut werden, wenigstens durch das Beispiel seiner Geduld und Tapferkeit ..." (Const. 595). Das Totenbildchen vermerkt dazu: "Gegen Ende des Monats Mai unterzog sich Br. Arndt einer neuen Aufgabe, nämlich der Vorbereitung auf einen guten Tod. Das wurde augenzwinkernd, aber auch mit Ernst registriert." So war er, so habe auch ich ihn kennen gelernt: den Mitbruder, den stets zu einem Scherz aufgelegten Menschen, wie wir ihn kannten. Zuweilen etwas schrullig (er konnte gut "schauspielern", so dass man oft nicht wusste, woran man bei ihm war); dann aber auch verschlossen, ja nicht selten sogar tagelang einfach "abgetaucht". Er schloss sich in sein Zimmer ein, kam nicht zu den Mahlzeiten, man wusste nicht, was mit ihm war. Deswegen kam er aber nicht zu kurz, denn er verstand es gut, sich das zum Leben Nötige zu verschaffen. Danach tauchte er mit der unschuldigsten Miene der Welt wieder auf, als ob nichts gewesen wäre. Das zeigte ein Stück seiner "anderen Seite", den "Willem", wie ihn seine Mitbrüder zu nennen pflegten. Eine Seite, die Br. Arndt mit Bedacht zu verbergen verstand und die er höchst selten blitzartig offenbarte.

Diesen Blick ins "Innerste" gewährte er, wenn es um ihn höchst kritisch zu werden drohte. Einige Male erlebte ich es, als er mich in aller Herrgottsfrühe anrief und bat, zu ihm zu kommen. Da erlebte ich den Mitbruder und Ordenschristen Wilhelm Arndt, den Gefährten Jesu, der mit tiefem Ernst und offener Bereitschaft sein Inneres offenbarte, eine sorgfältig gehütete männlich-herbe Frömmigkeit. Er hatte die "Geistlichen Übungen" des hl. gnatius existentiell "verstanden"; mit ihrer Hilfe gelang es ihm, sein ganz persönliches Schicksal zu meistern. Ist es nicht eine eigenartige Fügung, dass sein Todestag auf den Gedenktag des seligen Peter Faber fiel, von dem Ignatius sagte, er habe die Exerzitien am tiefsten verinnerlicht? Das war es wohl, was Br. Arndt befähigte, in einer gelösten Freiheit und Unabhängigkeit zu leben, die natürlich, wer wollte es leugnen, auch ihre "Probleme" mit ihm aufgab und es seinen Oberen nicht gerade leicht machte, ihn zu verstehen und ihm gerecht werden.

Auf dem Totenbildchen heißt es: Die "Trierrische Insel" ist für Wilhelm Arndt geistige und religiöse Heimat, der er die Treue gehalten hat und auf die er stolz war. Am 5. Februar 1907 wurde er in Elkenroth im "rauhen" Westerwald geboren. Die kinderreiche Bergmannsfamilie lebte in nicht gerade üppigen Lebensverhältnissen. Dieses karge Leben förderte jedoch einen soliden Glauben, den Vater Peter und Mutter Christine Arndt dem Jüngsten ihrer acht Kinder mitgaben. Wilhelm war ein geweckter junge, dessen Lern- und Wissbegier seinem Volksschullehrer und auch seinem Pfarrer auffiel. Sein Schulentlassungszeugnis vom 23. März 1921 weist nur die Noten "sehr gut" und "gut" auf. Sein Lehrer verstand es, ihm Geschmack und Freude an Dichtung und Literatur zu vermitteln, wofür er bis in sein hohes Alter dankbar blieb. Halfen diese ihm doch, über manche Klippen des Lebens hinweg und befähigten ihn darüber hinaus, anderen Freude zu bereiten.

Unvergesslich bleiben jene Stunden, in denen er auf "arndtsche" Weise Gedichte und Prosa vortrug, die er in seiner Jugend erlernt und mit seinem hervorragenden Gedächtnis bis in sein hohes Alter vorzutragen wusste. Eine ganz persönliche Weise "seines Apostolates", das er bei den Zusammenkünften der Kameraden des Afrikakorps und der Freunde aus der Gruppe der Schwerhörigen auszuüben und zu bezeugen verstand. Gut erinnere ich mich an Rekreationen im Haus Sentmaring, in denen P. Wilhelm Klein und er abwechselnd schier um die Wette lateinische Hymnen, angefangen beim "Dies irae" bis hin zu längsten Balladen, aufsagten. Der Heimatpfarrer führte Wilhelm in die Anfangsgründe des Latein ein, in der stillen Hoffnung, er könnte zum Priester berufen sein. Leider fehlten die Mittel, diesen Weg weiterzuverfolgen, für ihn eine nur schwer zu ertragende Fügung. Wer gut hinhörte, vermochte die leise Trauer darüber in mancher noch im Alter scheinbar "locker" hingeworfenen Bemerkung verspüren.

Nach der Entlassung aus der Volksschule musste Wilhelm im väterlichen Hof mitarbeiten und erlernte als Steinhauer Basaltblöcke zu bearbeiten; er tat es gemeinsam mit den Brüdern Otto und Karl Brühl, die wie er - später dem Orden beitraten. Wilhelm mochte sich mit dem bis dahin Erreichten nicht zufrieden geben, bei seiner geistigen Aufgeschlossenheit kein Wunder. Im Jahre 1925, mit 18 Jahren, nahm er an Exerzitien bei Franziskanern teil und suchte Klarheit zu gewinnen. Diese müssen in ihm etwas in Bewegung gebracht haben, denn zwei Jahre später, 1927, sehen wir ihn wiederum in Niederkassel in Exerzitien, die P. Fritz Meyer SJ hielt, die dann offenbar zum Durchbruch verhalfen, denn am 19. Oktober 1928 trat er in 's-Heerenberg ins Noviziat der Niederdeutschen Provinz ein. Sein Magister war P. Heinrich Schmitz, der ein solides geistliches Fundament legte. Als Wilhelm diesem sein Tauf- und Firmzeugnis vorlegte (P. Murmann SJ hatte ihn am 6.2.1907 getauft und Weihbischof Mönch aus Trier ihn am 04.05.1920 gefirmt) meinte dieser spontan: "Von einem Jesuiten getauft und von einem Mönch gefirmt, das konnte ja nicht gut gehen!"

Im Bonifatiushaus in 's-Heerenberg kam er zu Br. Anton Hillebrand und Br. August Spieker in den Garten. 1931 wurde er nach Münster ins Haus Sentmaring versetzt, um Br. Spieker im Garten zu helfen und in der Ökonomie mitzuarbeiten, wie auch an der Pforte und in der Sakristei mitzuhelfen. 1936 wurde er nach Valkenburg versetzt, um Br. Martin Kirch im Refektor zu unterstützen; und noch im gleichen Jahr erfolgte mit der Valkenburger Kommunität die Übersiedlung nach Frankfurt, St. Georgen. Danach, 1938, ging es wiederum nach Valkenburg in den Garten. Im Juni 1941 wurde er zum Wehrdienst einberufen, nachdem er sich freiwillig dazu gemeldet hatte, aus welchen Überlegungen das geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Er wurde als Panzerfahrer ausgebildet. Mehrere Male meldete er sich zum Sanitätsdienst, wurde aber nicht angenommen. Nach der Ausbildung wurde er schließlich dem Afrikakorps zugeteilt und landete im März 1943 in Tunis. Bereits im April geriet er in englische Kriegsgefangenschaft und befand sich bald danach in einem Kriegsgefangenenlager im Nildelta. Dort gab es offenbar nichts zu tun, denn in seinen stichwortartigen persönlichen Notizen heißt es: "Fliegenfangen 4 Jahre - 100 Fliegen = eine Zigarette".

Im Januar 1947 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen und trat die Heimfahrt nach Cuxhaven per Schiff an. Die Seefahrt scheint ihm nicht gut bekommen zu sein, denn er notiert: "immer seekrank, 10 Tage". Am 5. Januar 1947 meldete er sich im Provinzialat in Köln zurück. Die weiteren Stationen waren: 1947 Büren, 1948 Eringerfeld und noch im gleichen Jahr St. Georgen/Frankfurt, 1969 Bad Godesberg und ab Januar 1973 Münster/Haus Sentmaring. Er wurde jeweils im Garten eingesetzt. Kennzeichnend für sein waches Interesse an Menschen und Dingen belegen in seinen kargen Aufzeichnungen die Aufzählung der Orte, die er während seines Militärdienstes kennen lernte: Landsberg/Lech, berühmte Jesuitenkirche, Rom, Neapel, Vesuvbesteigung, Pompeji, Salerno, Paestum, Messina, Palermo, Monte Pellegrino, Capella Palatina, Monreale, Marsala, Tunis. Es waren dies eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen, die seinen geistigen Horizont mächtig erweiterten.

Alles in allem war es angesichts der vielen Versetzungen, in die Br. Arndt sich fraglos fügte, ein bewegtes Leben, auch wenn ihm diese je neu bewusst machten, welche Möglichkeiten er von seinen Fähigkeiten gehabt hätte. Hin und wieder brach das aus ihm heraus, wenn er betont vom "Laienbruder" sprach. Mehr noch scheinen ihm die Veränderungen zu schaffen gemacht zu haben, die das Konzil ausgelöst hatte, vor allem jene, welche die Liturgie betrafen. Manche bittere Äußerung zu der Art und Weise, wie im Haus Sentmaring die Liturgie von den Novizen oder jungen Patres gestaltet wurde, lassen darauf schließen. Er sagte nicht viel, sondern schwieg, aber man sah ihm an, wie schwer er daran zeitweise trug. Körperliche, altersbedingte Beschwerden stellten sich ein, die vor allem Augen und Gehör betrafen. Er hatte sich der einen und anderen Operation zu unterziehen. Mehr noch: er hatte liebgewordene Tätigkeiten aufzugeben, Neues zu bewältigen, von guten Freunden sich zu verabschieden, und manchen vorgesetzten Mitbruder galt es zu ertragen. Auch Vorgesetzte zögerten nicht, ihm "manches zu sagen", z. B. er solle sich als "Laienbruder nicht mit Literatur befassen". Alles Dinge, die in jenen Bereich gehören, den Ignatius im Exerzitienbuch mit "Dritter Grad der Demut" zu umschreiben sucht, d.h. die ständige Auseinandersetzung mit den eigenen und fremden Grenzen, den Fügungen von Gottes Vorsehung.

Dies und vieles mehr galt es zu verarbeiten. Mit Gottes Hilfe ist ihm das offenbar gelungen, denn wenn ich donnerstags ins Haus kam und ihn regelmäßig traf, begrüßten wir uns ganz herzlich und sprachen einige Worte miteinander. Ohne große Worte und Gesten verbreitete Br. Arndt um sich eine Atmosphäre des Friedens und der Heiterkeit. Man muss ihn bei der Mitfeier der Eucharistie oder auch bei den Mahlzeiten beobachtet haben, wie er z.B. ein Glas Wein verkostete, um zu sehen, wie bewusst-schlicht er sein Leben zu leben gelernt hatte. Offenbar war ihm Anteil an der Gnade des hl. Ignatius geschenkt, Gott in allen Dingen zu finden. Da war nichts Gesuchtes oder Gekünsteltes, sondern echt Gewachsenes, im guten Sinne Ursprüngliches. Von ihm gilt, was auf jeden von uns zutrifft und was die 32. Generalkongregation sehr treffend im Dekret 2 ins Wort gebracht hat: "Was heißt Jesuit sein? Erfahren, dass man als Sünder trotzdem zum Gefährten Jesu berufen ist. Wie Ignatius, der die selige Jungfrau bat, sie möge ihn ihrem Sohn zugesellen. Und der sah, wie der Vater den Kreuz tragenden Jesus bat, diesen Pilger in seine Gesellschaft zu nehmen." Br. Arndt hat nach langen Wegen und wohl auch manchem Umweg, den "Schatz im Acker" seines Lebens entdeckt und am Vormittag des 2. August 2000 geborgen.

Br. Arndt fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von Haus Sentmaring in Münster.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Jesuiten-Nachrufe 1/2000, S.2ff