Bruder Karl Awater SJ
* 10. Dezember 1890     31. Juli 1968

Br. Karl Awater brachte die ganze rheinische Lebhaftigkeit, Fröhlichkeit und stimmliche Lautstärke mit auf die Welt, denn seine Wiege stand in Krefeld. Bei seiner auffallend kleinen Statur bestimmte ihn der Vater, Schneider zu werden, und er machte zur richtigen Zeit eine gute Gesellenprüfung. Das brachte ihm die Freude ein, trotz seiner vorschriftswidrigen Kleinheit in Münster i. Westf. seinen Militärdienst zu leisten, denn man brauchte vor dem ersten Weltkrieg für die bunten Uniformen der dortigen Regimenter gute Schneider. Dem geweckten Rheinländer hat diese Zeit offenbar gut gefallen, denn er machte später bei einer Durchreise durch Münster einen eigenen Besuch in seiner alten Kaserne.

Daß aber in dem lustigen jungen Mann ein solider Kern steckte, hat er mit 30 Jahren bewiesen, als er im Noviziat in 'sHeerenberg erschien, dort ein braver Novize wurde, so daß er etwa zehn Jahre später einen sehr erbauenden Eindruck machte. Davon erzählt uns ein ernst veranlagter Mitbruder, der uns schreibt: "5 Jahre war ich mit Br. Awater zu-sammen und kenne ihn als einen vorbildlichen Bruder. Seine rück-haltlose Hingabe an Gott und seinen Beruf hat auf mich einen so tiefen Eindruck gemacht, daß er nach fast 40 Jahren mir noch klar vor der Seele steht. (Gleich als lebendiger Wille Gottes)".

Die erste Hälfte seines Ordenslebens wurde Br. Awater von einem Haus zum anderen geschickt, überall hin, wo viel Schneiderarbeit zu tun war: Valkenburg, Mittelsteine, Köln, St. Georgen in Frankfurt. Im Brüderkreis war er lebendig, aber nicht aufdringlich, wenn auch seine durchdringende Stimme nicht überhört werden konnte. Die Nazizeit legte ihm einen Druck aufs Gemüt; er sollte einmal unterschreiben, daß er aus rein arischer Abstammung herkomme. Das wollte er nicht tun. Um nicht aufzufallen, ging er dann nur sehr selten aus und vermied so alle weiteren Unannehmlichkeiten. In Köln war es, wo er zur Ablösung die ersten Erfahrungen an der Pforte machte. Die Kinder hatten bald einen Spitznamen für ihn bereit: Is de Benjamin nit do? Oder sie nannten ihn neben dem großen wirklichen Pförtner: De Patt und et Patterchen.

Dann packte ihn das Zeitgeschehen. Ein Jahr mußte er in Thüringen als Soldat Schneiderdienste tun, dann kam ein Jahr Kriegsgefangen-schaft in Frankreich. Endlich konnte er aufatmen, als er 1947 im Kolleg in Büren (Westfalen) Schneider und zugleich Pförtner für die dort eingezogenen Theologen wurde. Damit kommen wir zur zwei-ten Hälfte seines Ordenslebens: Br. Awater als Pförtner. Von vorn-herein stellen wir die Tatsache an die Spitze: Er wurde in einem Brüder-Exerzitienkurs als Vorbild der Leutseligkeit gegen die ein fachen Leute hingestellt - wem passiert das sonst zu seinen Lebzeiten?

Als Br. Awater das Pförtneramt in die Hand nahm, zeigte sich so-fort, daß er dafür wie geschaffen war. Zwei Eigenschaften zeich-neten ihn aus: liebenswürdige Hilfsbereitschaft - und ebenso fast immer aufrichtige Fröhlichkeit; es mußte schon etwas ungewöhnlich Verdrießliches kommen, wenn er die einmal verlor. Am höchsten stieg seine lebhafte Stimmung in den Tagen des Groß-Verkehrs, wenn die Eltern im Auto ihre Jungen brachten oder abholten. Dann übertönte seine kräftige Stimme allen Lärm, wie sie eine Familie nach der anderen begrüßte, manchmal auch die kleineren Kinder, die mitkamen, mit ihrem Namen. Für dieses Bewillkommen bewahrte er bis in die letzten Wochen seines Amtes seine volle Frische. Es war geradezu ein Pläsier, ihm bei dieser Empfangsfreudigkeit zuzuschauen. Noch eine dritte Eigenart prägte sich in seinem Pförtneramt aus: Die ruhige Überlegenheit, mit der er das Telefon handhabte. Wenn ihn der Gongklang seines Fernsprechers rief, der durchs ganze Haus schallte, und er weit weg war, kam er zwar sofort, aber ich habe ihn niemals im Laufschritt gesehen. Er blieb immer "der Herr im Hause", wie ein Rektor zu sagen pflegte. Dann nahm er den Hörer und sagte betont langsam: Alo-i-sius-kolleg; der Tonfall war würdevoll.

Am köstlichsten zeigte sich diese seine Eigenart in seinem Ver-hältnis zum Oberschulrat Goldmann von Münster. So oft dieser nach Büren ins Kolleg kam, sprach er natürlich zuerst bei P. Direktor vor. Dann ging er aber sogleich zu Br. Awater, und die zwei - er eine Hünengestalt, der andere ein Zwerg - hatten eine lange freundschaftliche Unterredung. Der Westfale schätzte offenbar die herzliche Lebendigkeit des Krefelders. Als er in den letzten Wo-chen anfing, allmählich aus dem richtigen Denkgeleise herauszu-gleiten, bildeten sich um ihn einige schöne Legenden, die ihn charakterisieren. So habe er einmal statt zum Hörer zur Tisch-lampe gegriffen und mit Ernst sein "Aloisiuskolleg" gesagt. Ein anderer wollte wissen, er habe einmal ein Gebetbuch ans Ohr gehalten.

Damit sind wir am Ende seiner Pförtnerlaufbahn angekommen. 5 Jahre in Büren und 16 in Bad Godesberg, frohe, fruchtbare Jahre! Das Ende meldete sich an durch ein schnelles Absinken seiner Gedächt-niskraft, dem bald auch eine auffallend rasche Abnahme der allge-meinen Lebensgefühle folgte. Gerne war er einverstanden, nach Münster in die Krankenabteilung zur Pflege zu gehen. Still und zu-frieden lebte er noch die eine oder andere Woche und entschlief dann ganz sanft.

R.i.p.

Prov.Germ.Inf. - Aus der Provinz Nr. 8 - Oktober 1968, S. 171f