Bruder Friedrich Barbian SJ
* 3. Mai 1905 in Essen
29. April 1994 in Münster

Dem Leben von Br. Barbian in einem Nachruf gerecht zu werden, ist nicht einfach, war er doch mehr ein Mann der Tat als vieler Worte. Das zeigt sich auch in dem Lebenslauf, den er im Jahre 1980 geschrieben hatte, nachdem alle Mitbrüder in Sankt Georgen aufgefordert worden waren, einen solchen zu schreiben. Br. Barbian hat lediglich seine Lebensdaten angegeben. Da der Schreiber dieser Zeilen aber mehr als drei Jahrzehnte mit ihm in einem Hause zubrachte, können die Lücken wohl etwas ausgefüllt werden.

Als zweiter von sieben Kindern wurde Friedrich am 3. Mai 1905 in Essen geboren. Die Volksschule besuchte er aber bereits in Duisburg, und er hat sich immer als ein Duisburger gesehen. Der Vater war von Beruf Schlosser, und so erlernte auch Friedrich von 1919 bis 1922 in der Duisburger Kupferhütte das Schlosserhandwerk und besuchte die Gewerbeschule 'Maschinenbau'. Auf der Kupferhütte blieb er, bis er diese Stelle im Jahre 1931 wegen Arbeitsmangel verlor. Von April 1932 bis zum Jahresende 1935 war er bei der Reichsbanknebenstelle in Moers als Geldzähler tätig. Im noch vorliegenden Zeugnis steht, daß sein Ausscheiden auf eigenen Wunsch erfolgte, "da sich ihm eine Gelegenheit bietet, eine Anstellung, die seiner Berufsvorbildung entspricht, zu erhalten."

Diese "Anstellung" fand Br. Barbian am 25. Januar 1936 als Postulant im Bonifatiushaus 's-Heerenberg. Über die Motivation zu seinem Eintritt findet sich in seinem schriftlichen Nachlaß kein Hinweis. Aus seinen Erzählungen ist aber bekannt, daß er mehrfach seine Schulferien bei der Familie Spieker in Mettingen zugebracht hat. Es war die Zeit des 1. Weltkrieges, und die Familie Barbian in Duisburg hat es wohl schwer gehabt, sieben Kinder durchzubringen. Da die Familie Spieker gern ein Kind aus dem Ruhrgebiet zu einem "Urlaub auf dem Bauernhof" eingeladen hat, fällt es nicht mehr schwer, sich auszumalen, wo unser Friedrich zum ersten Mal etwas von den Jesuiten gehört hat, waren doch zwei Söhne vom Spieker-Hof, Josef und August, gestandene Jesuiten. So konnte Friedrich in seinem Lebenslauf schreiben: "Im Januar 1936 folgte ich der Einladung zu den Jesuiten in's Bonifatiushaus 's-Heerenberg." Wer immer diese "Einladung" ausgesprochen hat, Friedrich hatte seine Entscheidung getroffen, der er bis zu seinem Lebensende treu geblieben ist. Ich selber habe ihn in 's-Heerenberg als "Postulantenvater" betreut und mir wurde bald klar, daß wir es mit einem Mann zu tun hatten, der wußte, was er wollte und dabei nicht viele Worte machte.

Kaum hatte Friedrich sein Postulat beendet, als er sich im August 1936 am Umzug von 's-Heerenbergo nach Hoch-Elten beteiligen mußte; dort konnte er seine Kräfte bei der Neueinrichtung einsetzen. Kurz nach dem Noviziat erfolgte seine Versetzung nach Valkenburg, wo er mit Br. Nengelken bis zur Vertreibung durch die Nazis am 7. Juli 1942 in der Schlosserei arbeitete. Die Gastfreundschaft der Schwestern im Marien-Krankenhaus in Aachen-Burtscheid brauchte er jedoch nur bis zum 5. November 1942 in Anspruch zu nehmen, da an diesem Tag seine Einberufung zur Wehrmacht erfolgte. Die Jesuiten wurden schon seit mehr als einem Jahr aus der Wehrmacht entlassen, sobald die Gestapo den Aufenthaltsort eines Ordensmitgliedes erfuhr. Br. Barbian zog aber nach der Vertreibung aus unseren Häusern den Aufenthalt bei der Wehrmacht ganz bewußt vor, da man ahnen konnte, daß die Gestapo mit den Jesuiten nichts Gutes im Sinn hatte.

Über die Erlebnisse von Br. Barbian von der Einberufung bis zu seiner Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft in Frankreich liegt ein höchst interessanter Bericht von ihm vor. Diese 16 Seiten hätten es verdient, irgendwo veröffentlicht zu werden. Kam Br. Barbian auf seine Kriegserlebnisse zu sprechen, dann wurde der sonst so zurückhaltende Fritz sehr lebhaft. Bereits unmittelbar nach seiner Entlassung, als er sich beim Provinzial in Köln zurückmeldete, wurde ich Zeuge seiner Berichte. In gebotener Kürze versuche ich hier die interessantesten Punkte wiederzugeben.

Bereits nach 6wöchiger Rekrutenzeit wurde er von Dortmund aus der Div. 326 als Kradmelder zugeteilt, und er marschierte in das noch nicht besetzte Südfrankreich ein. Am äußersten Punkt in Perpignan machten wir auch später mit einer Brüder-Gruppe, die sich auf der Wallfahrt nach Santiago de Compostella befand, halt, badeten im Meer und führten uns den dortigen Wein zu Gemüte; dabei schwelgte Br. Barbian in seinen Erinnerungen.
Sein Regiment wurde als Küstenwache am Mittelmeer eingesetzt und bis zur Invasion 1944 in Narbonne stationiert. Zu Weihnachten organisierte er einen Soldatenchor, der in der Kathedrale deutsche Weihnachtslieder sang. Zur Abwehr der Invasion wurde sein Regiment dann in der Normandie eingesetzt, wo er als Kradmelder des Regimentes alle Härten des Krieges zu spüren bekam. Mehrfach wurde sein Krad zertrümmert; eine Granate hat ihm einmal die Hose bis auf die Haut zerrissen, ohne ihn jedoch selber zu verletzen.
Eine nächtliche Fahrt mit einem Hauptmann hat ihn innerlich zutiefst bewegt, und er hat öfter davon gesprochen. Mit einem schweren Krad, das aber nicht ganz in Ordnung war, fuhr er in Feindesnähe eine Anhöhe hinauf. Die Maschine fuhr nur mit einem Zylinder und bockte stetig. Der Hauptmann rief immer wieder: "Fahren sie! Ich erschieße sie!" Auf der Anhöhe stieg der Hauptmann ab und sagte zu Barbian: "Daß Sie es wissen, der Feind steht mit dem Panzer 100 Meter von hier auf der Straße." Barbian wurde äußerst erregt, als er bemerkte, daß der Hauptmann sich in Deckung begab, und er ihn am Feind vorbei über die Straße fahren ließ. Kurz darauf erfolgte ein höllisches Granatfeuer. Es gelang dem Hauptmann, an einem Gefechtsstand seine Meldung abzugeben, und beide mußten auf gleichem Wege zurück.
Der Hauptmann schlich sich wieder am Feind vorbei, und Barbian mußte sein Krad vorsichtig schieben, bis sie wieder aufsitzen konnten. Da die Straße jetzt abschüssig war, erreichten sie eine hohe Geschwindigkeit. An einer leichten Kurve dachte Barbian: "Jetzt bekommst du dein Fett!". Er bremste scharf, und der Hauptmann flog im Bogen über ihn hinweg und landete auf allen Vieren. Barbian schreibt: "Ich schiebe mein Krad vor, gehe zu ihm und frage: 'Ist Herrn Hauptmann etwas passiert?' Ich bekomme keine Antwort. Dann fasse ich ihn unter den Schulterblättern und hebe ihn auf. Der Hauptmann dreht sich kurz um und sagt zu mir: 'Ich werde Sie melden!' 'Melden, Herr Hauptmann!' ist meine Antwort." Die Meldung erfolgte auch, aber sie hatte keine Folgen, nachdem Barbian den Hergang geschildert hatte. Br. Barbians Division hatte enorme Verluste erlitten, bis sich der Rest durch die Eifel und bei Weißenthurm über den Rhein zurückziehen konnte; es waren noch 15 Mann.

Am 9. März 1945 geriet Br. Barbian in amerikanische Gefangenschaft. Die Soldaten plünderten seine Taschen, beließen ihm aber den Rosenkranz. Viele Grausamkeiten mußte Br. Barbian noch erleben, bis er in ein Gefangenenlager in Frankreich kam. Auf dem Transport dorthin wurden die Türen von zwei Güterwagen fest verschlossen und die Fenster zugenagelt. Bei der Ankunft befanden sich 118 Tote in den beiden Wagen. Viele waren erstickt, andere hatten sich aus Verzweiflung die Adern aufgeschnitten. In seinem Wagen konnten die Gefangenen Astlöcher und Schlitze mit einem Messer soweit vergrößern, daß sie etwas Luft bekamen.

Aber auch erfreuliche Dinge erlebte unser Fritz im Lager der Amis, wo er total abgemagert eintraf; 50 Kilo hatte er verloren. Unterbringung und Verpflegung waren erträglich. Hinter dem Schuppen, in dem die deutschen Gefangenen arbeiteten, war ein großes Schrottlager von abgeschossenen Flugzeugen. Da kam Fritz auf die geniale Idee, aus dem Material Rasierapparate und aus dem Plexiglas Zigarettenspitzen zu basteln. Mit einer solchen Spitze hat er den Kuchen-Unteroffizier für sich gewonnen, und ein lebhafter Tauschhandel begann. Damit brachte Br. Barbian sich und seine Kameraden wieder zu Kräften, bis sich zu Beginn des Jahres 1946 die Tore zur Freiheit öffneten. Er schreibt: "Es ging jubelnden Herzens zum Tor hinaus; Heimat wir grüßen dich!"

Am 20. Februar kam er schließlich in Münster an.
Nach einem ersten Besuch bei P. Provinzial Flosdorf in Köln nahm Br. Barbian in Büren seine Arbeit als Schlosser wieder auf. Aber schon im Jahre 1948 zog er nach Frankfurt um, wo er nun 38 Jahre hindurch seine ganze Kraft für den Wiederaufbau und die Weiterentwicklung unserer Hochschule einsetzte. Es gehörte nun zum Bild Sankt Georgens: voran Br. Nengelken, einen Schritt dahinter Br. Barbian. Das war aber auch symptomatisch: Br. Nengelken packte mutig alle Probleme an, Br. Barbian klärte zunächst die technischen Möglichkeiten, bis er ans Werk ging. So hat Br. Barbian eigenständig Pläne für die Heizung entworfen und berechnet, die dann auch von den zuständigen Stellen akzeptiert wurden. Es war einmalig, was die beiden Werkstätten, Schlosserei und Schreinerei, geleistet haben. Wer diese Harmonie miterlebt hat, kann sich nur mit Wehmut daran erinnern.

Br. Barbian ging aber nicht in der Arbeit auf; er hatte auch Sinn für die Schönheiten der Schöpfung. In der Werkstatt hat er einmal eine Maus soweit dressiert, daß sie bei einem Schlag auf den Amboß ihr Versteck verließ und eine Belohnung entgegennahm. Unvergeßlich sind für mich und andere Teilnehmer die vielen Urlaube, die wir mit einer Gruppe von Brüdern am Mälar-See bei Stockholm verbracht haben. Früher fanden sich dort drei Brüder mit einem Pater als "Hauskaplan" ein; heute sind es drei Patres und ein Bruder. Viele Stunden brachte Fritz auf einem Felsen am Mälar-See zu, eine Angel in der Hand. Die gefangenen Fische wurden am Abend pünktlich in geputztem Zustand in der Küche abgeliefert, ebenso die Pilze und Waldbeeren, die der Wald so reichlich bot. Mit Dankbarkeit denken die Teilnehmer an die Abende am See zurück, die ein so schönes Miteinander ermöglicht haben.

Im Jahre 1986 ließen die Kräfte von Br. Barbian nach, und er wurde nach Köln in das Canisiushaus versetzt, wo er noch kleine Dienste leisten konnte. Als auch das nicht mehr ging, kam er im März 1991 in unser Altenheim nach Münster. Hier stellten sich bald die Folgen von Durchblutungsstörungen ein, die die Amputation eines Beines erforderlich machten. Nun war er an den Rollstuhl gebunden, und auch seine geistigen Kräfte ließen sehr nach. Die Gelassenheit, die ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat, verließ ihn bis zuletzt nicht. Typisch für ihn war, daß er ständig an die Arbeit dachte und glaubte, dieses und jenes noch machen zu müssen. Seine Behinderung hat er nicht gesehen, und er klagte auch nie. Zu Beginn des Jahres 1994 glaubte man öfter, daß seine letzte Stunde gekommen sei, aber sein starkes Herz richtete ihn immer wieder auf, bis er am 29. April 1994 friedlich heimging.

Es bleibt noch etwas zum Ordensmann Barbian zu sagen. Wie schon erwähnt, war er ein Mann der Tat. Mitbrüder, die ihn gekannt haben, werden bestätigen, daß er unermüdlich geschafft hat. Ich bin davon überzeugt, daß hinter seinem Arbeitseinsatz der unbedingte Wille zur Pflichterfüllung stand, zu den Idealen, mit denen er einmal angetreten war. Das zeigte sich auch in einer eisernen Treue, mit der er seine geistlichen Übungen verrichtete. Im Umgang mit den Mitbrüdern war er korrekt und nüchtern; ein treuer Verwalter, dem der Herr sicher das Wort zugesprochen: "Gehe ein in die Freude deines Herrn!"

R.i.p.

Br. Fritz Wellner SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1994 - Juli, S. 130-133